Der Rentenkäse

„Ich verstehe es nicht, Olivia.“ „Was denn Garfield?“ „Jahrzehntelanges Gejammere über unsichere Renten. Und da hat man ein System, das aus dem vorletzten Jahrhundert stammt. Was eingezahlt wird, geben sie sofort wieder aus, statt das Geld erst mal am Kapitalmarkt arbeiten zu lassen und zu vermehren.“ „Tja, da ist was dran. Das System hat sich seit Bismarck nicht viel verändert … Das ursprüngliche System der gesetzlichen Rentenversicherung baute auf eine Ansparung der Rentenbeiträge, die paritätisch von Arbeitgebern und Arbeitnehmern auf Rentenkonten zu entrichten waren. Von kurzen Perioden abgesehen kam jedoch nie eine ausreichende Kapitaldeckung zustande. Daher funktionierte das Rentensystem in einer Art Umlageverfahren.  Das heißt, was reinkommt, wird sofort wieder ausgegeben. In der Rentenreform 1957 unter Konrad Adenauer wurde das System der Kapitaldeckung endgültig aufgegeben und offiziell zu einem Umlageverfahren gemacht. Also das von der Hand in den Mund Leben ging weiter. Das System ist damals wie heute chronisch unterfinanziert. Was du als zukünftiger Rentenempfänger einzahlst, ist sofort wieder weg, futsch.“ „In Anbetracht der riesigen Möglichkeiten des Kapitalmarktes müsste man das System wenigstens teilweise zu einem Pensionfondssystem reformieren.“ „Tja, da musst du Geld ansparen, unser System gibt aber alles Geld sofort wieder aus.“ „Man könnte an eine Zwischenfinanzierung denken. Der Staat nimmt Kredit auf für, sagen wir, ein Jahr Zwischenfinanzierung der Renten und sorgt dafür, dass das Geld, das ins Rentensystem kommt, für ein Jahr drin bleibt und angelegt wird. Das System zahlt den Kredit nach dem Jahr wieder an den Staat zurück, die Rentner sind bezahlt worden, und ein Überschuss von einigen Prozent sind (hoffe ich schwer) beim Anlegen entstanden, der später zusätzlich den Rentnern zugutekommt. Auf die Weise brauchst du nicht immer mehr Leute, die einzahlen, dann ist das ewige Geschwätz, dass jetzt zu wenige im Arbeitsprozess einzahlen für zu viele Rentner, Käse. Und auch die Rente mit 70 wäre unnötiger Quatsch.“ „Und du meinst, das funktioniert?“ „Wieso nicht? Man kann es ja in kleinen Schritten angehen. Norwegen hat ein teils Pensionfonds-finanziertes System. Die Rentner dort stehen prima da. Sie können mit 62 in Pension, und selbst wer nie gearbeitet hat, ist weitgehend gefeit vor Altersarmut, dank einer Garantiepension von jährlich circa 20.000 Euro. Es gibt in Norwegen die obligatorische betriebliche Altersvorsorge, und der Staat kann für seine Rentenzahlungen auf den weltgrößten staatlichen Pensionsfonds zurückgreifen, mit einem Vermögen von rund 700 Milliarden Euro. “ „Der dortige Pensionfonds wird aber aus Öleinnahmen gespeist, darfst du nicht vergessen, Garfield.“ „Das war nur der Anfang. Das Geld vermehrt sich schon lange auch am Kapitalmarkt. Woher du die Anfangsbeträge nimmst, ist wurscht. Der deutsche Staat müsste sozusagen auf Kredit spekulieren, wenn er zu blöde ist, andersweitig Geld für seine Bürger zu verdienen.“ “Hm, da hast du ja auch ein völlig neues Staatskonzept.“ „Auch das. Der moderne Staat sollte ein Service-Staat sein, denke ich. Er erbringt primär Leistungen für die Bürger (miteingeschlossen die Leistung einer funktionstüchtigen Demokratie beruhend auf unveräußerlichen Grundwerten) und sollte nicht irgendwelchen Hanseln an der Spitze dazu dienen ideologisch herumzuexperimentieren oder sich selbst darzustellen.“