Kapitel 1
Der Spätsommer neigte sich seinem Ende zu. Die letzten Septembertage waren noch so sonnig und warm, dass man glaubte, es ginge ewig so weiter, der Herbst mit seinen düsteren, nassen Tagen bliebe einem erspart. Pfarrer Adolf Herrmann und seine Frau Gertrud machten ihren üblichen Montagabendspaziergang. In gemächlichem Tempo erreichten sie den Dorfrand von Illmandingen und ließen die asphaltierte Hauptstraße hinter sich.
Die von Gras bewachsenen Pfade führten über die Hochfläche der Schwäbischen Alb, deren Hügelkuppen sich in der untergehenden Sonne allmählich rosa verfärbten. Die Ebene verschwamm in duftigem Blau und es wehte kein Lüftchen.
Pfarrer Herrmanns Blick schweifte in die Weite. Normalerweise befriedigte ihn die Schönheit der spätsommerlichen Landschaft zutiefst, versetzte ihn in eine fast meditative, ausgeglichene Stimmung. In letzter Zeit konnte er die Idylle aber nicht mehr genießen. Ihn plagte ohne Unterlass eine innere Unruhe. Manchmal war er so aufgebracht, dass sein Gesicht rot anlief und er auf einmal laut, fast schnaubend, ein- und ausatmete.
Die jüngsten Ereignisse, die das Land erschüttert hatten, ließen ihm keine Ruhe. Die Machtergreifung Hitlers, gerade einmal sieben Monate her, hatte seine gewohnte Welt rasant und grundlegend verändert.
Gertrud kannte schon diesen verkrampften Ausdruck um seine Mundwinkel. Sie blickte auf sein zitterndes Kinn und entfernte sich im Gehen einen halben Schritt von seiner Seite.
Seit Wochen haderte er mit sich. Wie hatte er sich von den Verheißungen Hitlers blenden lassen können? Warum war er nur den Hitler-treuen Deutschen Christen beigetreten und hatte ihre Lügen übersehen? Aber er war ja nicht der Einzige. Selbst der württembergische Kirchenpräsident, der evangelische Landesbischof Theophil Wurm, hatte zunächst Hitlers Kanzlerschaft begrüßt. Sie alle hatten anfangs gehofft, dass Hitler das Land einigen und zu Wohlstand führen würde. Sobald er jedoch als Reichskanzler fest im Sattel saß, unterwanderten seine Gefolgsleute skrupellos sämtliche gesellschaftliche Institutionen, bis hin zu den Kirchen.
„Wie konnte ich nur so blind sein?“, schimpfte er sich selbst.
Gertrud sah sich nervös um.
Seine Stimme schwoll an. „Hat der Kerl doch in seiner Regierungserklärung behauptet, dass er im Christentum die unerschütterlichen Fundamente des sittlichen und moralischen Lebens unseres Volkes sieht …“ Ihm wurde heiß, er wischte sich mit dem Handrücken Schweiß von der Stirn.
Seine Frau musterte ihn von der Seite. Sie sah besorgt aus, ihre Miene verriet aber auch Unverständnis. Pfarrer Herrmann wusste nur zu gut, Gertrud verabscheute spontane Gefühlswallungen, konnte es nicht leiden, wenn jemand unbeherrscht reagierte, seine Empfindungen zu offen zeigte. Also musste er sich beruhigen, bevor ihm ein Blutschwall zu Kopf stieg und ihm im Eifer seiner Rede womöglich noch Spucketröpfchen aus dem Mund sprühten. Und so beschwichtigte er sich, sagte sich innerlich eindringlich vor, dass er ja eine Hundertachtziggradwende vollzogen hatte. Er hatte sich neu positioniert, war nun ins Lager der Empörten übergewechselt, der Hitlergegner.
Kürzlich hatte er an der von Landesbischof Wurm einberufenen Pfarrerversammlung teilgenommen, die eindeutig die brutalen Machtbestrebungen der Deutschen Christen verurteilt hatte. Über tausend württembergische Pfarrer hatten in der Versammlung laut dagegen protestiert, dass diese Bande mit einer Verfassungsänderung sämtliche evangelische Landeskirchen unter ihre Kontrolle bringen wollte. Ihr Ziel war es, die Landeskirchen gleichzuschalten und einer einheitlichen von der NSDAP kontrollierten Reichskirche zu unterwerfen. Ganz davon zu schweigen, dass sie auch planten, alle demokratischen Mitbestimmungsrechte innerhalb der Kirche abzuschaffen.
Pfarrer Herrmann riss sich zusammen, nicht zu hyperventilieren. Ihm fehlte auf einmal die Luft.
„Du regst dich schon wieder viel zu sehr auf, du bist puterrot im Gesicht!“, rief seine Frau endlich aus und wurde ihrerseits blass.
Pfarrer Herrmann konnte nicht mehr weitergehen, er musste sich hinsetzen. Es gab keine Bank am Wegesrand, also setzte er sich einfach ins Gras. Gertrud raffte vorsichtig ihren langen Baumwollrock und setzte sich umständlich neben ihn; der Stoff sollte nicht mit dem schmutzigen Gras in Berührung kommen. Seine Erregung war ihr sichtlich nicht geheuer, sie machte ein Gesicht, als hätte sie Zahnweh. „Dieser Hitler und seine Kumpane, das ist es doch nicht wert …“, versuchte sie es halbherzig. Dabei runzelte sie die Stirn, wie immer, wenn sie etwas sagte, das nicht ihrer Überzeugung entsprach. Denn es war es durchaus wert, sich darüber aufzuregen, wie brutal dieser österreichische Gefreite das Land unter seine Kontrolle bringen wollte.
Pfarrer Herrmann quälte sich weiter, rupfte so heftig einen Büschel Gras aus dem Boden, dass die Wurzeln mitkamen. Hitler hatte von Anfang an gelogen, und es half Pfarrer Herrmann nicht wirklich, dass seine Frau und auch er vor sich selbst wiederholt betonten, dass die meisten seiner Kollegen und selbst Bischof Wurm auf Hitlers Täuschungen hereingefallen waren.
Noch am selben Abend würde er schriftlich seinen Austritt aus den Deutschen Christen erklären. Er hatte bereits viel zu lange gewartet. Spätestens, als die Kerle auch noch die Bibel umgestalten, sie an ihre nationalsozialistische Ideologie anpassen wollten, hätte er einen Schlussstrich ziehen sollen. Alle „jüdischen Elemente“ wollten sie aus der Bibel entfernen, das Alte Testament ersatzlos streichen … „Barbaren“, grummelte er so leise vor sich hin, dass es Gertrud nicht hören sollte. Warum hatte er gewartet? Vielleicht weil er gehofft hatte, dass alles nicht so schlimm werden würde, die Deutschen Christen zurückruderten. Aber das geschah nicht.
Seine Entscheidung brachte ihm eine kleine Erleichterung, kühlte ein wenig sein Gemüt.
Pfarrer Herrmann und seine Frau schwiegen nun, er verbissen, sie, er wusste nicht, wie: besorgt, verdrossen, und sahen auf die karge Landschaft. Hinter den dunkelnden Wiesen zeichneten sich die Hügelkuppen nun in einem tieferen Rot ab und ganz allmählich wechselten die Farben in ein trübes Violett, das bald in ein Braun und Schwarzgrau übergehen würde.
Auf einmal streichelte Gertrud seine Hand, rhythmisch und eindringlich, als beruhige sie ein wildes Tier, und Pfarrer Herrmann seufzte tief. Nur ganz selten geriet er in den Genuss einer sanften Berührung seiner Frau. Gertrud vermied normalerweise den Körperkontakt. Und diese schmerzliche Überlegung führte ihn zum nächsten bedrückenden Thema.
Auch ihr einziges Kind Rose beschäftigte ihn sehr. Rose lebte zum ersten Mal alleine in der Stadt. Sie hatten sie in Tübingen bei Pensionseltern untergebracht, damit sie dort aufs Gymnasium gehen konnte. Auf der Schwäbischen Alb gab es keine Schule, in der eine so begabte Schülerin wie Rose angemessen gefördert werden konnte. Nun saß sie ganz alleine in Tübingen, im zarten Alter von zwölf Jahren.
„Du denkst nicht mehr an Hitler, sondern an die Rose, stimmt’s?“ Gertrud kannte ihn mittlerweile so gut, dass sie bestimmte Gedanken aus seinem Gesicht lesen konnte. Neulich hatte sie bemerkt: „Wenn du an die Rose denkst, verziehst du einen Mundwinkel, so dass es wie ein trauriges Lächeln aussieht.“
Pfarrer Herrmann nickte nur und schluckte.
Rose hatte bislang aus Tübingen nur einen einzigen Brief geschrieben, und der war kurz und nichtssagend gewesen. Wahrscheinlich hatte sie so viel zu tun, dass das normal war, hatte Gertrud ihn zu beruhigen versucht. Aber in seinem Kopf drehten sich die Gedanken weiter: Sie ist zum ersten Mal alleine. Sie ist in der Stadt. Sie besucht eine neue Schule. Alles ist ungewohnt, und da ist niemand, der ihr hilft …
Gertrud drückte seine Hand. „Du weißt doch, Rose ist gut untergebracht. Die Sihlers sind anständige Leute, ein Polizistenehepaar. Sicherer kann sie nicht sein.“
„Aber das sind für Rose völlig fremde Leute“, protestierte er bereits wieder eine Spur zu heftig.
Gertrud schüttelte den Kopf. „Es ist merkwürdig, dass du dich wegen der Rose so ängstigst. Du hast von Rose nie groß Notiz genommen. Warst immer in deinem Studierzimmer vergraben.“ Sie machte eine Pause. „Selten hast du dich länger mit ihr beschäftigt, dir Zeit für sie genommen.“
Pfarrer Herrmann verzog das Gesicht. Das stimmte. Er hatte sich nie groß mit seiner Tochter unterhalten. Aber er hatte immer für sie gesorgt. Als es im Dorf kein Gemüse zu kaufen gab, war er jeden Tag, auch im Winter bei kältesten Temperaturen, zwanzig Kilometer über Land geradelt, um im Umkreis Gemüse für seine kleine Rose zu besorgen. Er hatte sich davon einen günstigen Einfluss auf ihre Gesundheit und ihr Wachstum erhofft. Ja, gesprochen hatten sie wenig miteinander. Sie war ja auch nur ein Kind. In seinem Elternhaus hatte der Vater nie mit den Kindern geredet. Der Vater hatte seine Arbeit zu erledigen, er war der Ernährer, und nur die Mutter und die Magd hatten sich um ihn und seine vier Brüder gekümmert. So war es eben gewesen. Generationen verhielten sich auf dieselbe Art und Weise und man stellte es nicht in Frage. Irgendwie hatte sich diese Arbeitsteilung bewährt. Aber jetzt plagten ihn Zweifel und Gewissensbisse. Hatte er seine Tochter zu wenig beachtet? Er sah im Geist die Rose mit ihren Spielkameraden die Dorfstraße entlang rennen, laut jauchzend, und seine Augen brannten, weil sich Tränen in ihnen sammelten. Erst jetzt, da sie fort war, er sie zum ersten Mal in ihrem gesamten gemeinsamen Leben nicht jeden Tag sah, nur seine Frau und die Magd mit ihm im Pfarrhaus am Esstisch aßen, erst da wurde ihm klar, wie sehr er seine Tochter liebte. Nie hätte er einen solchen Trennungsschmerz für möglich gehalten. Er wandte sich seiner Frau zu, die einfach nur in die Landschaft blickte, ein Ochsengespann in der Ferne zu beobachten schien, das Holz transportierte.
Seiner Frau Gertrud merkte er nichts an. Sie war wie immer. Sie hatte bislang nicht die kleinste Sorge um Rose geäußert. Irgendwie schien ihm das nicht normal. Wirklich wundern tat es ihn aber nicht.
Kapitel 2
Um die fremde Umgebung bei den Sihlers vor dem Schlafen auszublenden, stellte sich Rose ihre alten Spielkameraden vor, dachte an die wilde Heike mit ihren braunen Zöpfen. Die verprügelte gerne die gleichaltrigen Jungs. Und manchmal bewarf sie die Kerle sogar mit Kuhmist. Rose schmunzelte, dann flossen ihr wieder Tränen aus den Augen, wenn sie die Wiesen, die Bäume, die Hügel, den weiten Horizont der Schwäbischen Alb im Geist vor sich vorüberziehen ließ. Noch trostloser fühlte sie sich, wenn sie zum Fenster ihrer Kammer hochblickte. Der rotkarierte Vorhang dunkelte kaum ab. Die Straßenlaterne warf ein milchiges Licht durch den Stoff auf ihr Bett. Draußen führte eine Hauptverkehrsstraße vorbei und so wanderten unzählige Scheinwerfer über die Decke.
An den Lärm der Fahrzeuge hatte sie sich schon fast gewöhnt. Die Straße war aber nicht so laut, dass sie die Geräusche aus der Küche nicht mehr hörte, mit der ihre Kammer eine dünne Wand teilte. Wenn sie ihr Ohr an die Wand legte, verstand sie deutlich jedes Wort, das dort gesprochen wurde. Heute Abend hatte Herr Sihler wieder seine Kumpane eingeladen. Frau Sihler musste dann Bier und Wurstbrote servieren. Bei den Unterhaltungen war Frau Sihler nicht dabei; Rose hatte sie jedenfalls noch nie etwas sagen hören.
Je später der Abend wurde, desto ausgelassener redeten die Männer aufeinander ein. Rose konnte nicht einschlafen, also horchte sie an der Wand.
Die Männer lachten roh.
„Wie der Singer geglotzt hat, als die Riesenscheibe zerbrach.“
„In tausend Stücke zerborsten. Splitter nach allen Seiten gespritzt.“
„Die Schürstangen haben ganze Arbeit geleistet. Das gute alte Gusseisen.“
„Und seine Olle erst!“
„Als wir dann durch die eingetretene Tür reinmarschiert sind. Die konnten es nicht fassen.“
„Ha, Eddi hat alles abgeräumt. Die Uhren, die Armbänder.“
„Und ich hab noch die Ringe eingesackt.“
„Die Halsbänder, das Silber …“
„Das gibt es im Leben nur einmal, dass du sowas machen darfst, ungestraft Schaufenster einschmeißen und dann auch noch den Schmuck klauen.“
„Jetzt jammerst du nicht mehr über den Mitgliederbeitrag, was Roland? Den hast du hundertmal drinnen. Wolltest ja aus der SA schon wieder austreten, nur wegen dem lumpigen Zaster.“
Ab und zu forderte Herr Sihler, Ruedi Sihler, die anderen auf, nicht so laut zu sein. Dann kamen die Stimmen gedämpfter durch die Wand. Aber jetzt lachten sie wieder. Worüber?
„Wie du nur auf die Idee gekommen bist, dem Singer dann noch eine Ohrfeige zu verpassen.“
„Mann, habt ihr sein Gesicht gesehen! Der war völlig weg. Damit hätte der nie gerechnet, der feine Herr. Hat uns nur verdattert angestiert, hat sich nicht mal gewehrt.“
„Du warst ja noch schlimmer, Eddi …“
Jetzt johlten sie.
„Als du der Ollen angedroht hast, ihren Gemahl zu töten.“
Sie johlten und grölten.
Was kam jetzt?
„Das Gesicht von der Singer. Besser als im Kino. Stand nur starr da mit riesigen Augen. Hat keinen Mucks von sich gegeben.“
„So ist’s recht. Die Singer weiß, wie eine Frau sich zu benehmen hat. Eine Frau soll gehorchen und kuschen.“
„Und wenn sie’s nicht tut, dann sollte man ihr eine gehörige Abreibung verpassen.“
Jetzt grölten sie ein Heil auf den Führer. Dreimal Heil. Und stießen klirrend Bierhumpen aneinander.
Rose drehte sich von der Wand weg und streckte sich aus. Sie versuchte, nicht mehr auf die Geräusche aus dem Nebenraum zu achten. Die Matratze war weich, die Kissen und die Decke sogar aus Daunen. An ihrem Bett hatten sie nicht gespart. Auch sonst waren die Sihlers sehr freundlich zu ihr. Ihre Freundlichkeit war von Anfang an tröstlich gewesen.
Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie ganz alleine. Sie hatte eine höllische Angst vor den Sihlers gehabt, wie sie hier eingezogen war. Wildfremde Leute, als Ungeheuer hatte sie sich die Sihlers ausgemalt. Und dann hatte Frau Sihler sie regelrecht verwöhnt. Machte ihr zum Frühstück jeden Morgen heißen Kakao, in den Rose frisches Weißbrot tunken durfte.
Frau Sihler nahm sie ernst, vertraute ihr sogar Geheimnisse an. Und auch Herr Sihler behandelte Rose mit Respekt. Fast wie eine kleine Dame. Auch er hatte ihr schon manches anvertraut. Zum Beispiel, dass seine Frau unter hormonellen Störungen litt und sich gewisse Dinge einbildete, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun hätten, was auch immer das heißen sollte.
Weil Herr Sihler Rose wie ein Fräulein behandelte, nahm sie es nicht so ernst, wie seine Kumpane redeten. Sie hatte die Männer bislang auch noch nie zu Gesicht bekommen. Es kam ihr so vor, als hörte sie lediglich Stimmen im Radio.
Zu ihr waren die Sihlers immer freundlich, zueinander waren sie aber weniger nett. Sie waren sogar derart zerstritten, dass sie nur noch mittels geschriebener Zettel miteinander sprachen. Und sie, Rose, musste die Zettelbotschaften überbringen.
Rose seufzte und beobachtete die in den Scheinwerfern tanzenden Staubkörner. Es war eine Erleichterung, dass vor allem Frau Sihler solchen Gefallen an ihr fand.
Frau Sihler hatte ihr erzählt, dass sie keine Kinder bekommen konnte. Vielleicht hing es damit zusammen. Gestern hatte sie Rose sogar ein großes Geheimnis anvertraut. „Ich kann die Nazibande nicht leiden“, hatte sie ihr freiheraus am Frühstückstisch mitgeteilt, als Herr Sihler schon zur Arbeit gegangen war. „Die Nazis sind primitiv und brutal.“ Frau Sihlers Gesicht hatte sich so verzerrt, dass sie auf einmal böse aussah. „Seit Ruedi bei den Schlägertrupps mitmacht, ist er bei mir vollends unten durch.“ Sie hatte sich geräuspert. Eine längere Sprechpause gemacht. Was wollte sie nur mitteilen, hatte sich Rose gefragt. Genierte sie sich wegen irgendetwas? „Er geht ja schon seit Jahren fremd“, hatte Frau Sihler endlich herausgebracht. Was war Fremdgehen? Rose hatte das Wort noch nie gehört. Es schien aber schwerwiegend zu sein. Schlimmer, als Nazi zu sein, hatte Rose das Gefühl. „Deshalb bekommt er von mir jeden Morgen seine Portion Soda in den Kaffee.“ Rose wusste auch nicht, was Soda war, ahnte bloß, dass Frau Sihler ihren Mann mit Soda im Kaffee bestrafte, Soda eine üble Wirkung haben musste.
„Wenn vor deinen Augen Unrecht geschieht“, hatte Frau Sihler sich dann eindringlich an Rose gewandt, „dann hat man das Recht, ja die Pflicht, etwas dagegen zu unternehmen.“ Es hatte feierlich geklungen, als legte sie einen Schwur ab. Auf einmal hatte sie befriedigt gelacht: „Ha, heute Morgen hat er wieder seine Portion gekriegt … Ich hab ihm auch schon die Meinung gesagt, was ich von Hitler halte. Das gefällt ihm gar nicht. Ruedi kann schrecklich aufbrausen. Ich hoffe nur, dass ihm eines Tages nicht die Hand ausrutscht … Irgendwann kriegt er auch noch sein Fett weg …“, hatte sie schließlich voller Eifer angekündigt und von dem frisch aufgebrühten Kaffee getrunken.
Rose drehte sich im Bett zur anderen Seite, weg von der Wand, und überlegte, ob es klug von Frau Sihler war, sich gegen ihren Mann zu stellen. Dann dachte sie allgemeiner, ob es klug war, sich gegen die Nazis zu stellen, wenn sie gewalttätig waren. Ihr fiel das Bibelzitat an: Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben. Und sie lobte sich selbst, dass sie bis jetzt wie geschmiert vorangekommen war. Die Grundschule auf der Alb hatte sie mit Auszeichnung abgeschlossen. Das Lernen war ihr leichtgefallen, es hatte ihr immer schon Spaß gemacht, und so hatte sie regelmäßig mehr gelernt, als ihr von den Lehrern aufgetragen worden war. Bei ihr zuhause fehlte es nicht an Büchern. Sie hatte Stunden in der Bibliothek ihres Vaters verbracht, dort in einem Sessel gelesen, während er an seinem Schreibtisch Zigarre rauchend hinter einer Zeitung gesteckt oder ebenfalls Bücher studiert hatte. Wohl deshalb kam sie nun schon recht gut mit in der neuen Schule.
Die ersten drei Wochen waren dennoch schwierig gewesen. Der Unterricht in der Stadt war wesentlich anspruchsvoller. Seit gestern hatte sie aber den Eindruck, dass sie bald wieder den Spitzenplatz in der Klasse besetzen würde.
Was ihr mehr Sorgen bereitete, waren die vielen neuen Gesichter. Zwanzig Mädchen, die sie vorher noch nie gesehen hatte. Ihre Mutter hatte ihr gesagt, dass sie sich bald an all das Neue gewöhnen würde. Nun waren aber schon fast vier Wochen vergangen und ihre Mitschülerinnen waren ihr nach wie vor völlig fremd. Sie sahen auch anders aus. Sie waren modischer gekleidet als sie, waren mädchenhafter. Einige hatten bereits den Anflug eines Busens.
Rose biss sich auf die Unterlippe. Anfangs hatten die anderen Mädchen sie gar nicht ernst genommen, sie übersehen. Sicher, weil sie so klein war, noch so kindlich. Dann hatten sie gemerkt, dass sie im Unterricht alle Fragen beantworten konnte, nie um eine Antwort verlegen war. Von da an fand sie zwar Beachtung, aber keine Sympathie. Nur im Sport, wo sie die schnellste Kurzstreckenläuferin war, zeigten sie ihr auf ihre Weise ein kleines Stück Zuneigung, indem sie sie anerkennend die Herrmänne nannten.
Rose sah auf ihre abgewetzte Armbanduhr und seufzte leise. Morgen wäre wieder ein anstrengender Schultag, sie musste unbedingt einschlafen. Jetzt war es schon bald Mitternacht. Ihr kamen erneut Tränen. Sie fühlte sich jetzt mutterseelenallein.
Bevor das Heimweh ihr Kissen durchnässte, stellte sie sich den heißen Kakao vor, den ihr Frau Sihler morgen zum Frühstück zubereiten würde. Sie schmeckte die sämige Schokolade am Gaumen, roch den Schokomilchduft in der Nase und schlief dann endlich mit einem sanften Wärmegefühl im Magen ein.
Kapitel 3
Pfarrer Herrmann tippte auf seiner Adler das Austrittsgesuch an die Deutschen Christen. Er schlug heftig in die Tasten und schimpfte dabei laut vor sich hin. Mit einem Ratsch riss er den Brief aus der Maschine, unterschrieb ihn so vehement, dass sich die Feder seines Füllers spreizte und ein Tintenklecks übers Papier spritzte. Auf einmal hielt er inne. Im Haus war kein Laut zu hören. Er horchte in die Stille hinein, ob sich nicht doch etwas regte. Nein, da war kein Geräusch, nicht das geringste.
Diese Stille war nicht normal. Durch sie schien das Pfarrhaus noch größer. Wenn ein so großes Haus, mit seinen zwölf Zimmern, so still war, dann hatte das etwas Bedrohliches.
Pfarrer Herrmann zerknüllte den befleckten Brief, spannte ein neues Blatt ein und hämmerte ein zweites Mal in die Tasten. Das Geklapper der Maschine empfand er geradezu als wohltuend. Als er dann aber den Brief ein zweites Mal unterzeichnete und mit einem lauten Knall den Amtsstempel unter seinen Namen gehauen hatte, bedrängte ihn erneut diese Stille. Diesmal noch schmerzlicher, und er hörte nun im Geist die junge Rose durch die Räume rennen.
Nicht nur hatte er wenig mit Rose geredet, er hatte sich über sie auch kaum Gedanken gemacht. Außer über ihre Gesundheit. Die war ihm immer wichtig gewesen. Nein, ganz stimmte das so nicht. Er war zu streng mit sich selbst. Er hatte auch früher schon Roses offenes Wesen bewundert. Sie hatte zu fast allen im Ort Kontakt gepflegt, hatte die Bauern, deren Kinder, die Grundschullehrer und wer weiß, wen noch, angesprochen. Sie hatte die Kinder im Ort um sich geschart. Ohne Scheu … Und in der Grundschule war sie jedes Jahr die Beste gewesen.
Die Erinnerung schnürte seine Kehle zu. Rose war den höchsten Erwartungen nachgekommen, ganz von alleine. Er hatte nie Schwierigkeiten mit seiner Tochter gehabt. Eines Tages hatte der Schuldirektor sogar die gesamte Klasse in der Aula antreten lassen, um Rose vor allen zu loben und auszuzeichnen. Sie sei mit ihren zehn Jahren so weit im Denken wie eine Siebzehnjährige, hatte er ihm anvertraut …
Pfarrer Herrmann hatte den Verdacht, dass er seine Tochter mehr liebte, als seine Frau dies tat. Gertrud hatte eine schwere Geburt gehabt. Die kleine Rose hatte, wer weiß, aus welchem Grund, das Licht der Welt nicht erblicken wollen, und es hatte eine Zangengeburt gegeben. Gertrud war bei der Geburt beinahe gestorben. Danach hatte sie keine liebevolle Beziehung zu Rose entwickelt. Seine Frau war wochenlang in ihrem Zimmer gelegen, bei zugezogenen Vorhängen, nur zum Essen erschienen, und Lina, die Magd, hatte sich um den Säugling gekümmert. Sie hatten der kleinen Rose sogar eine Amme besorgen müssen. Gertrud hatte sich nicht in der Lage gefühlt, den Säugling zu stillen.
Er hatte damals geargwöhnt, seine Frau hätte Rose am liebsten komplett von sich ferngehalten. Immer wenn man ihr den Säugling ins Zimmer brachte, hatte sie über das kleine Bündel hinweggestarrt. Nie in das rosige Gesichtchen. Und sobald das Kind schrie, hatte sie sich die Hand vor die Stirn gehalten und über schwere Kopfschmerzen geklagt. Sie hatte dann verlangt, dass man die Vorhänge zuzog, die Stube komplett abdunkelte, und hatte die Augen geschlossen. Lina hatte die Rose wieder hinausgetragen, in ihr eigenes Zimmer, und dabei jeweils wie entschuldigend vor sich hin gemurmelt: „Die schwere Geburt. Die schwere Geburt.“
Auch später, als Rose schon munter daherredete, hatte Pfarrer Herrmann zwischen den beiden kein wirklich herzliches Verhältnis bemerkt. Seine Frau hatte sich eher distanziert verhalten, auch wenn sie alles für Rose tat, sie nie vernachlässigt hatte, sie wusch, kämmte, eincremte, kleidete, fütterte, sie in einem Laufstall im Garten herumkrabbeln ließ oder mit dem alten Kinderwagen durchs Dorf fuhr.
Seiner Frau konnte man nichts vorwerfen, sie war immer dagewesen für das Kind. Sie erfüllte ihre Pflichten mustergültig. Aber dennoch fehlte etwas. Das Wort „Herzenswärme“ blitzte durch Pfarrer Herrmanns Kopf. Aber hatte die nicht auch bei ihm gefehlt? Weil er der Rose zu wenig Beachtung geschenkt hatte …? Andererseits erinnerte er sich jetzt an so viele Einzelheiten aus Roses Kindheit, standen ihm alle diese Details so klar vor Augen, dass diese Episoden aus Roses Leben ihm doch wichtig gewesen sein mussten, ihm mithin seine Tochter immer wichtig gewesen war.
Pfarrer Herrmann strich sich über die kahle Stirn. Rose war manchmal widerspenstig, machte nicht, was man ihr sagte. Vielleicht begehrte sie so gegen die fehlende Liebe auf? Einmal hatte er Gertrud dabei ertappt, wie sie Rose anschrie, sie käme auf den feurigen Hafen, wenn sie nicht die Kniestrümpfe anzog, die sie zum ersten Schultag tragen sollte. Und ein andermal hatte sie Rose viel zu heftig ausgeschimpft, als sie das Kind dabei ertappt hatte, wie es sich von den Dorfkindern mit Holzperlen schmücken ließ. Die kleine Rose war dabei halb nackt auf einem Schemel gestanden und hatte um Hals und Arme und sogar um die Fußgelenke Holzperlenketten und Bänder getragen, die sich die Kinder heimlich von ihren Müttern geborgt haben mussten. Sie hatte inmitten der Bauernkinder wie eine afrikanische Prinzessin gethront und ihre Bewunderung genossen.
Gertrud hatte der Szene ein brüskes Ende bereitet und die Kinder mit einem Besen vertrieben … Nein, er wollte nicht mehr daran denken, wie regelrecht brutal seine Frau damals gegen die Kinder vorgegangen war. Es tat ihm zu weh. Und es war auch so untypisch für Gertrud gewesen. Sie war doch sonst immer so kontrolliert.
Er krampfte den Brustkorb so heftig zusammen, dass er Schluckauf bekam. Der durchbrach ruckartig die unheimliche Stille im Haus, bis er Schritte vor der Tür hörte. An der Leichtigkeit der Bewegung erkannte er seine Frau. Sie klopfte einmal, dann trat sie ein.
„Es gibt Grießklöße in der Brühe. Kommst du in die Küche?“
Pfarrer Herrmann folgte Gertrud durch den kühlen Flur in die hinteren Räume.
Die Suppenschüssel stand dampfend auf dem langen Holztisch. Zwei Gedecke standen sich dort gegenüber. Die Magd Lina, die sonst immer mit ihnen aß, hatte Ausgang.
Eigentlich brannte es ihm auf der Zunge, er wollte jetzt aber nicht schon wieder von seiner Tochter anfangen. Er spürte, es war nicht das richtige Thema für seine Frau. Stumm löffelte er seine Suppe. Weil es aber unhöflich war, während des Essens nicht zu reden, sagte er schließlich: „Meinen Austritt aus den Deutschen Christen werfe ich heute Abend noch in den Briefkasten.“
Gertrud aß nun auch ein paar Löffel. Dann blickte sie ihn vorsichtig an: „Und was ist mit deiner SA-Mitgliedschaft?“
Pfarrer Herrmann verschluckte sich, hustete, fing sich aber gleich wieder. Zum Glück hatte er keine Kloßstückchen über den Teller gespien. „Gut, dass du mich daran erinnerst.“ Er trank einen großen Schluck Wasser, bevor er weitersprach. „Ich war ja nur auf einer Veranstaltung.“ Er blickte durch eins der Küchenfenster in die schwarze Nacht, als käme von dorther Rat. „Das hat mir schon gereicht.“ Diesmal regte er sich nicht auf, er sank in sich zusammen und fühlte sich, als fehle ihm jegliche Kraft.
Die SA war zu einem reinen Schlägertrupp verkommen, in den Händen der NSDAP. Er stutzte. War sie das nicht von Anfang an gewesen? … Vor Jahren hatte er sich als Student rekrutieren lassen … Warum war er überhaupt in diesen Gewaltverein eingetreten? Während er behutsam einen weiteren Löffel Suppe schluckte, blickte er Gertrud an. Aus ihrem Gesicht las er eine Mischung aus Unverständnis und Mitleid ab. Ja, warum hatte er sich rekrutieren lassen?
1920 war die SA harmlos als „Turn- und Sportabteilung“ gegründet worden. Die meisten waren sehr jung in die SA eingetreten, sie hatten oft noch keinen Beruf, waren Arbeiter oder arbeitslos, Gesellen, oft Schüler oder, wie er damals, Studenten gewesen. Viele ehemalige Frontsoldaten aus dem Ersten Weltkrieg gingen zur SA, weil sich für sie keine Zukunftsperspektiven auftaten. Eine Menge seiner Kommilitonen vom theologischen Seminar Tübingen waren ebenfalls eingetreten. Man hatte sich in der SA gegen die linken Parteien formiert, sie hatten Angst vor einer kommunistischen Revolution gehabt. Auch er stand ihnen kritisch gegenüber. Die Linken waren damals mit ihren Kirchenaustrittsempfehlungen als Gegner der Kirchen aufgetreten. Doch als er das erste Mal aktiv als Saalordner bei einer von Hitlers Parteiveranstaltungen eingesetzt worden war – er, was für ein Hornochse, hatte sich auch noch freiwillig gemeldet –, da hatte er schlagartig begriffen, dass er sich beim falschen Verein engagiert hatte.
Vor dem Saal war es zu einer wüsten Rauferei gekommen. Linke von der KPD wollten die Veranstaltung stören. Er selbst hatte einen gewaltigen Faustschlag mitten ins Gesicht bekommen, war zu Boden gegangen. Anschließend waren mindestens zwanzig Linke mit Knüppeln in den Saal gestürmt, waren einfach über ihn drüber getrampelt. Mit knapper Not hatte er sich an der Tür aufrichten und geduckt in den Gang entwischen können. Von dort hatte er das Geschehen noch eine Weile beobachtet. Viele der SA-ler hatten regelrecht mit Lust auf die Eindringlinge eingeprügelt, noch auf welche eingetreten, die schon am Boden lagen, dabei grölend gelacht, als sei es der größte Spaß. Es ging weit über ein bloßes sich Verteidigen hinaus. Sie brüllten und schrien im Exzess mörderische Parolen: Rotfront verrecke! Hängt das linke Pack! Es war die Verherrlichung von Gewalt um der Gewalt willen … Danach hatte er sich nie mehr freiwillig für irgendeinen Dienst gemeldet und war auch jeglicher Veranstaltung ferngeblieben. Seine Mitgliedschaft hatte er einfach ruhen lassen. Sie war ja mit keinerlei Verpflichtungen verbunden gewesen, außer dem Mitgliederbeitrag. „Du hast Recht, Gertrud. Aus der SA hätte ich schon längst austreten sollen.“
Gertrud schenkte ihrem Mann Wasser nach. Pfarrer Herrmann aß mechanisch einen zweiten Teller und hing weiter seinen Gedanken nach.
Von Anfang an war die SA auch antisemitisch gewesen. Da weite Kreise der evangelischen und katholischen Christen eine antisemitische Gesinnung hegten, war das kaum ins Gewicht gefallen. Es war sozusagen an der Tagesordnung gewesen. Er für seinen Teil hatte darüber hinweggesehen, blieb diese Gesinnung doch weitgehend folgenlos in der alltäglichen Wirklichkeit. Anders hätte er aber die SA spätestens seit April 1933 beurteilen müssen, als er mitbekam, wie die SA zum Boykott jüdischer Geschäfte aufrief und jüdische Bürger misshandelte. Im Geist ging er die Zeitungsartikel durch, die im Frühjahr über die Ausschreitungen der SA gegen Juden berichtet und diese gutgeheißen hatten. Spätestens da hätte er seine Mitgliedschaft kündigen sollen.
Nun verschluckte er sich doch noch so heftig an einem Grießklos, dass er gurgelnd hustete. Sogar Tränen liefen ihm aus den Augen. Seine Frau sprang unwillig auf und klopfte mit der flachen Hand auf seinen Rücken.
„Beruhige dich, Adolf. Ganz ruhig“, redete sie leise, jedes Wort betonend, auf ihn ein.
In seinem Kopf rumorte es weiter: Die SA hatte sehr rasch nur noch den Zweck gehabt, Hitlers Gegner zu verfolgen, auf die barbarischste Art und Weise unschädlich zu machen. Solange der Gegner die KPD war, hatte das bei vielen evangelischen und katholischen Christen und auch bei ihm Zustimmung gefunden. Jetzt weitete sich aber der Kreis der Gegner immer mehr aus, Sozialdemokraten, Gewerkschafter, Liberale, Konservative, Juden … Und Pfarrer Herrmann fragte sich schon, wann sie die Kirchen angreifen und die Pfarrer und Priester verprügeln würden.
Gertrud trug den Tisch ab und stellte die leergegessenen Teller in die Spüle. Die Suppe stellte sie warm für Lina, die gegen neun zurückkäme. Man konnte die Uhr nach ihr stellen. Sie ging nur einmal in der Woche aus, montags nach dem Mittagessen, nahm den Reutlinger Bus und war Punkt neun Uhr abends wieder im Pfarrhaus.
Den Antisemitismus hatte er, wenn er ehrlich war, nie verstanden. Alle deutschen Theologen konnten Hebräisch. Christus war Jude. Auch wenn Juden ihn an die römischen Behörden verraten hatten, war er deshalb immer noch Jude. Es war irrwitzig … Pfarrer Herrmann beobachtete, wie seine Frau in der Küche hin und her ging, sich hier und da zu schaffen machte, fürs Frühstück deckte. Seine Gedanken schweiften ab. … Gertrud war ein bildschönes Mädchen gewesen, als er um ihre Hand angehalten hatte. Das Mädchenhafte hatte sich bald verloren. Sie war immer noch sehr schlank, aber nun eher hager, ihr Gesicht war schmal geworden und unter der blassen Haut ahnte man schon ein Netz von Falten … Schnell kehrten seine Gedanken wieder zu dem zurück, was ihn quälte. Das Christentum und die Kirchen, die es vertraten, verehrten Jesus Christus, einen Juden. Es ließ sich nicht leugnen und Pfarrer Herrmann kannte die Antwort längst: Es war nur eine Frage der Zeit, bis Hitler auch das Christentum und die Kirchen verfolgte und abschaffte.
Kapitel 4
Der Morgen war frisch, fast schon kalt. Pfarrer Herrmann beobachtete seine Frau durchs Fenster seines Studierzimmers. Sie schlüpfte in den Hühnerstall und kam bald darauf mit einem Korb Eier wieder heraus, stellte ihn auf den Gartentisch und nahm die Eier vorsichtig aus dem Korb, drehte sie in ihren großen Händen. Ab und zu blies sie ein paar Federn weg.
Pfarrer Herrmann verzog den Mund. Gertruds Hände waren, als er sie kennenlernte, nicht so groß gewesen, sondern schmal, mit schlanken, langen Fingern. Durch die Arbeit im Garten waren ihre Hände so geworden. Sie hatten wenig Geld, der Pfarrlohn auf dem Land war mager, und so bestellte Gertrud, zusammen mit Lina, den Garten selbst, baute Obst an, alle möglichen Beeren, hielt Hühner, zog Küken auf. Sie brachte es sogar fertig, den Hennen den Kopf umzudrehen. Er schaute einen Moment lang weg, dann wieder hin zu Gertrud.
Seine Frau war in Ulm aufgewachsen. War von den Eltern zusammen mit ihren Schwestern verwöhnt worden. Manchmal schwelgte sie in Erinnerungen und ihr Gesicht hellte sich spontan auf, verjüngte sich um zehn Jahre, wenn sie von den geselligen Treffen erzählte, die ihre Eltern für sie und ihre Schwestern veranstaltet hatten, Tanzabende, Abende, an denen gesungen und musiziert worden war. Ebenso strahlte sie, wenn sie sich an die Kleider und vor allem die Hüte erinnerte, die sie als junge Mädchen aussuchen durften, um sich in der Stadt zu zeigen. Die Eltern hatten sie auf ein Fest vorbereitet, das Fest des Lebens, darauf, den Männern zu gefallen, die es künftig für sie ausrichten würden. Zunächst hatte es den Eindruck gemacht, als gelänge alles. Gertrud und ihre Schwestern lernten einnehmende junge Männer aus wohlhabenden Familien kennen. Gertrud war bald verlobt, mit Hans Arnold, einem draufgängerischen Fliegeroffizier. Doch Arnold stürzte ab, noch bevor der Erste Weltkrieg begann. Auf einem Übungsflug. Die Verlobten der Schwestern fielen später im Krieg. Er, Adolf Herrmann, war Gertruds zweite Wahl gewesen. Die Mädchen hatten heiraten müssen. Sie waren nicht vermögend und mussten daher versorgt werden.
Das erste Kennenlernen mit Gertrud hatte ihn bezaubert. Gertruds Mama hatte für ihre Töchter Bewerber in spe zu einem Kaffeekränzchen eingeladen. Als frisch gebackener Pfarrer mit einem regelmäßigen Verdienst und einem von der Kirche zur Verfügung gestellten Haus war er da hineingerutscht. Vielleicht hatte man ihn nur aus Verzweiflung eingeladen, nachdem die weit besser gestellten Verlobten von Gertrud und deren Schwestern verstorben und nur noch wenige heiratsfähige Männer verfügbar waren … Gertrud war unwiderstehlich gewesen. Und als sie ihm ihr Ja-Wort gab, hatte er es zuerst nicht glauben können. Ein so elegantes, filigranes Mädchen hatte ihn erwählt? Einen Landpfarrer, der nicht mal gut aussah, kaum größer war als sie, eher stämmig und ein zu markantes Gesicht hatte, ein zu wuchtiges Kinn, wenn auch ein durchgeistigtes Gesicht … Eigentlich war sie viel zu schön für ihn gewesen …
In der ersten Woche ihres Zusammenlebens auf der Alb, für Flitterwochen hatten die Mittel gefehlt, hatte Gertrud dann so etwas wie einen Nervenzusammenbruch erlitten. Sie hatte ihm vorgeworfen, er benähme sich wie ein Tier. Und seine schmutzigen Schuhe, die er zum Putzen in die Küche gestellt hatte, hatte sie zum Fenster hinausgeworfen. Noch viel mehr hatte ihn erschrocken, dass sie nach dieser ersten Woche ausgezogen war, zurück zu ihren Eltern. Ach, was hatte er sich für Vorwürfe gemacht und gebangt! Würde sie je wieder zurückkommen?
Es war seine Schuld gewesen. Er hatte sich nicht beherrschen können. Als sie nackt, oder besser nur halbnackt, mit bloßem Oberkörper, vor ihm dagestanden hatte, hatte er nicht anders gekonnt. Noch nie hatte er einen so schön geformten weiblichen Körper gesehen, und der sollte jetzt ihm gehören, oder besser, dem durfte er sich jetzt nähern …? Alle Sicherungen waren bei ihm durchgebrannt. Es war viel zu schnell gegangen. Er hatte blind agiert, völlig unkontrolliert. Sich von seinem Instinkt antreiben lassen. Da war diese gigantische Lust, diese himmelhohe Erregung gewesen … Wenn sie nicht zu ihm zurückgekehrt wäre, hätte er das verstehen können. Er hatte sich wirklich wie ein Tier verhalten. Da gab es nichts zu beschönigen.
Nach einem Monat ohne Nachricht von Gertrud hatte er schließlich resigniert. Sich darauf eingerichtet, ohne Frau weiterzuleben. Eine andere als Gertrud wollte er nicht, niemals. Und dann hatte Gertrud plötzlich wieder vor der Tür gestanden, in Begleitung ihrer Mutter.
Er war unsäglich erleichtert gewesen und er hatte zu allem, was die Mutter ihm im Ton strengen Vorwurfs eingeschärft hatte, Ja gesagt. Ja, ja, ja! Er war so überglücklich gewesen, dass Gertrud wieder da war. Am nächsten Tag hatte er sich auf die Suche nach einer Magd gemacht und war in Windeseile fündig geworden.
Gertruds Mutter war so lange geblieben, bis die Magd eingearbeitet war. Dann hatte es einen tränenreichen Abschied gegeben. Für Gertrud hat er wohl auch das Ende ihrer Kindheit bedeutet, ihrer behüteten Jugend, eines besseren Lebens.
Von da an war seine Frau bei ihm geblieben. Zumindest für längere Zeit. Er hatte es aber nicht mehr gewagt, sich ihr körperlich zu nähern. Und sie hatte ihn auch in keiner Weise dazu eingeladen. Da war nicht der kleinste Hinweis von ihrer Seite gekommen, dass sie damit einverstanden gewesen wäre. Und dann war ihre Menstruation ausgeblieben und das hatte mit hoher Wahrscheinlichkeit bedeutet, dass sie schwanger war. Da kam eine Annäherung ohnehin nicht mehr in Frage, wie ihm Gertruds Mutter per Telegramm verdeutlicht hatte.
Draußen streute Gertrud Körner für die Hühner in die herbstlich ausgedünnte Wiese und machte komische Geräusche, damit die Hennen aus dem Stall tippelten.
Als die spitzesten Klippen des Zusammenlebens überwunden waren, hatte Gertrud ihn wenigstens schätzen gelernt, sein Wissen, seine Bildung, seinen politischen Instinkt. Politisch waren sie einer Meinung. Und sie stand treu an seiner Seite. Zumindest machte es den Eindruck.
Lina kam jetzt dazu, um den Stall auszumisten, während Gertrud die Hühner raus auf die Wiese scheuchte, wo noch mehr grüne Grashälmchen standen.
Wenn er sich mit Gertrud beschäftigte, stieg jedes Mal Bedrückung in ihm hoch. Vielleicht hatte er ein schlechtes Gewissen, weil er der falsche Mann für Gertrud war. Er hatte sie gewollt, sie ihn aber nicht. Und sie würde ihn nie so wollen, wie er sie immer wollen würde. Als er sich zum Trost vorsagte, dass Rose bald auf Urlaub käme, bescherte ihm das für einen Moment ein Hochgefühl, dann grämte er sich wieder, dass Gertrud sich über ihre Tochter nicht so freuen konnte wie er.
Kapitel 5
Rose saß ganz alleine im Zug nach Reutlingen. Endlich waren Herbstferien. Sie hatte vor Aufregung die halbe Nacht nicht geschlafen. Noch nie war sie von zuhause fort gewesen und jetzt freute sie sich unbändig darauf, ihr Dorf wiederzusehen, die Schwäbische Alb, ihre Kameraden, und besonders ihren Papa.
Frau Sihler hatte sie zum Bahnhof gebracht und am Gleis gewartet, bis der Zug abfuhr. Sie hatte sogar mit ihrem hellblauen Taschentuch gewunken. „Jetzt geht unsere Sonne“, hatte sie halb klagend ausgerufen, während sie Rose half, den Koffer in den Zug zu stemmen. Eine Träne war über Frau Sihlers rosa geschminkte Wange gelaufen. Rose hatte nur gestrahlt, hatte ihrerseits aus dem Fenster des anfahrenden Zugs gewunken, so lange, bis Frau Sihler in einem schwarzen Punkt verschwand.
Jetzt saß sie zwischen fünf Reisenden auf der harten Holzbank ihres Abteils und beobachtete die Hühner, die eine Bäuerin mit einem groben dunkelblauen Baumwollrock unter ihrem Sitz verstaut hatte. Die Hühner scharrten und gaben leise Piepsgeräusche von sich. Wenn die Federn sich an dem über den Korb gespannten Drahtgitter rieben, raschelte es, als fächelte sich jemand mit einer Zeitung Luft zu.
Frau Sihler hatte sie rasch vergessen. Sie schmunzelte vor sich hin und plante, was sie als Erstes zuhause unternehmen würde.
Im Abteil saß ein Braunhemd, so nannten sie die Männer in SA-Uniform. Der Mann hatte sogar angeboten, sie in Reutlingen zur Bushaltestelle zu bringen, als der Schaffner sie gefragt hatte, ob sie ganz alleine unterwegs sei und wisse, wo sie umsteigen müsse. Man sah die Braunhemden in letzter Zeit immer häufiger. Rose hatte schon große Gruppen von ihnen gesehen, am Tübinger Bahnhof und in der Innenstadt. Frau Sihler hatte einmal bemerkt, sie verbreiteten sich wie eine ansteckende Krankheit. Der junge Mann, der in ihrem Abteil saß, dick, mit gesunden rotglänzenden Backen, war jedenfalls zuvorkommend, hatte wenig von einer Krankheit. Und er brachte sie auf direktestem Weg zur Haltestelle, trug ihren Koffer und wartete, bis der Bus kam und sie einstieg. Er hatte sogar noch den Busfahrer gefragt, ob der bis nach Illmandingen fuhr. Aber all das war Rose jetzt egal. Sie dachte nur noch an daheim. Ihr Zuhause war ein Sehnsuchtsort geworden und gleich würde sich ihre Sehnsucht erfüllen, es war wie an Weihnachten, wenn sie ihrem Weihnachtsgeschenk entgegenfieberte, so bescheiden es auch sein mochte.
Ihre Überraschung war groß, als ihr Papa sie an der Bushaltestelle empfing. Wie lange hatte er dort schon auf sie gewartet? Sie war zunächst erschrocken und fragte, ob etwas passiert sei. Er schüttelte den Kopf, lachte verlegen und nahm ihren Koffer. Rose hätte ihn am liebsten spontan umarmt, da war aber der Koffer zwischen ihnen und eigentlich umarmten sie sich nie …
Im Haus stürmte ihr Lina entgegen. Sie hatte in der Küche den Tisch wie am Sonntag gedeckt, obwohl es ein Freitag war, das weiße Leinentischtuch mit den an den Ecken eingestickten gelben Röschen aufgelegt und das Geschirr mit dem Goldrand. Lina machte sich gleich am Herd zu schaffen und wärmte die Rinderbrühe mit Gemüseeinlage und Nudeln auf. Nur ihre Mutter fehlte.
„Deine Mama musste sich hinlegen. Sie hat Kopfweh“, hatte ihr Papa sie entschuldigt.
Rose erzählte von der Schule, den Lehrern, ihren Mitschülerinnen, den seltsamen Sihlers und dann davon, was Herr Sihler und seine Kumpane dem Juwelier Singer angetan hatten. Lina machte große Augen und ihr Vater grummelte wütend vor sich hin.
„Was haben die Singers denn nur getan?“, wehklagte Lina. „Sie haben doch nur Schmuck verkauft.“
„Sie sind Juden“, murmelte Roses Vater leise. Und dann noch leiser, so leise, dass Rose es kaum verstand: „Vielleicht wollen sie nur an ihr Geld.“
Lina hatte es dennoch gehört. „Sie meinen, Herr Pfarrer, dass sie die Juden so runtermachen, weil sie an ihr Geld wollen?“
Ihr Vater spähte vorsichtig zu ihr. Rose fürchtete schon, er würde verstummen, aber er erklärte: „Bei den Hexenverfolgungen im Mittelalter ging es auch in der Hauptsache ums Geld. Sie jagten vermögende Witwen, erklärten sie zu Hexen und zogen alle ihre Güter ein.“
Lina sperrte den Mund weit auf. „Das sind ja dann richtige Verbrecher! Wir werden von Verbrechern regiert. Herr Pfarrer, kann man das glauben?“ Sie schnaufte, als fehlte ihr die Luft.
Rose wurde mulmig zumute. Und noch seltsamer wurde ihr, als ihr Vater nach dem herrlichen Essen vorschlug, dass sie beide im Studierzimmer einen Kaffee nahmen. Noch nie hatte sie ihr Vater in sein Studierzimmer zum Kaffee eingeladen, nur sie.
Lina brachte gleich nach dem Essen eine Kanne Zichorienkaffee ins Studierzimmer, dazu servierte sie ihren Apfelkuchen, den Rose so sehr liebte. Ihr Vater schenkte den Kaffee in die Tassen des blauen dünnen Porzellanservice ihrer Mutter und begann, in kleinen Schlucken zu trinken.
Rose wunderte sich nicht schlecht, als er ihr schließlich zu erklären versuchte, was im Land los war. Seine politischen Ansichten preisgab, als wäre sie eine Erwachsene. Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass ihr Vater schon einmal länger mit ihr allein gesprochen hätte, und schon gar nicht über Politik. Rose fühlte sich geehrt. Sie hörte erstaunt zu und verstand ungefähr, worauf er hinauswollte. Der Hitlerstaat war ein Verbrecherstaat, wie ihr Vater sagte, ein ganz gemeiner Verbrecherstaat, man konnte schon nicht mehr frei seine Meinung äußern, und irgendwann würde es auch sie treffen. Wen meinte er mit sie? Sie, Rose, ihren Papa, ihre Mama, Lina? Warum? Sie waren doch keine Juden. Und sie hatten auch kein Geld. Ihr Vater sprach und sprach. Langsam wurde es ihr zu viel und sie hörte nicht mehr zu. Sie wollte lieber ins Dorf, zu ihren Spielkameraden. Als sie gar nicht mehr still sitzen konnte, erlaubte er es ihr endlich, und sie eilte sofort los.
Rose freute sich unbändig, mit Heiner, Frieder, der Margarete, Edith, Heike und dem Mariele durch die Felder um die Wette zu rennen. Sie sog den Duft von Kuhmist und getrocknetem Gras ein, als wäre es das erste Mal. Jetzt kam er ihr fast himmlisch vor, nachdem sie in der Stadt nur Abgase und Straßenstaub eingeatmet hatte.
Sie balgten sich bis weit nach Sonnenuntergang im Heu. Strohhalme im Haar, ihr grobes blaues Wollkleid voller Spelzen, traf sie todmüde und glücklich wieder bei sich zuhause ein.
In der offenen Tür wartete bereits ihre Mutter. Den Blick starr, schimpfte sie über Roses zerzaustes Haar und das vergraste Kleid. So laut, dass es ihr in den Ohren gellte. Sie nahm eine Bürste, entfernte mit hart klopfenden Bewegungen Gräser und Spelzen, striegelte wild ihr schulterlanges Haar und flocht es dann zu so engen Zöpfen, dass es Roses Kopfhaut viel zu straff nach hinten zog und richtig weh tat. Rose hatte, seit sie acht war, keine Zöpfe mehr getragen, es war eine Kinderfrisur. Sie fühlte sich jetzt nicht mehr als Kind, nicht mehr, seit sie in Tübingen mit all den Dämchen zur Schule ging.
Musste ein so schöner Tag, an dem sogar ihr Papa ihr so viel Aufmerksamkeit geschenkt hatte, ihr Papa, den sie verehrte, musste ein solcher Tag so enden?
usw. …
Aus dem Romanmanuskript „Im Schatten des Widerstands“, circa 300 Seiten.

