Kleine Morde unter Nachbarn und anderes Erfreuliche

Gestern einen köstlichen Montalbano im Fernsehen gesehen. Commisario Montalbano hat einen Traum. Er kommt morgens ins Kommissariat und alle empfangen ihn mit Trauermine. Als er seine Mitarbeiter fragt, was los ist, teilen sie ihm mit, dass er tags zuvor an einem Schlaganfall verstorben sei. Als er es für einen der üblichen Scherze hält, zeigen sie ihm den aufgebahrten Sarg. Montalbano muss mit Schrecken erkennen, dass tatsächlich er im Sarg liegt. Alle kondolieren ihm jetzt und der Gipfel ist erreicht, als er sich in die Trauerprozession hinter seinem eigenen Sarg einreiht. Als der Sarg von den Schultern der Träger fällt, erwacht er aus dem Albtraum. Selten habe ich so gelacht. Anschließend stieß ich zufällig auf eine ebenfalls empfehlenswerte Serie. Kleine Morde unter Nachbarn (DK 2009–2010, Lærkevej).

 

Nach den drei Präsidentschaftsdebatten

„Was denkst du nach den drei Debatten, Garfield?“ „Es ist schwer zu sagen, wer von beiden in welchen Punkten lügt, wenn du keine vollständigen Informationen hast. Nur eins ist sicher. Hillary und Donald sind nach den Debatten schmutzig.“ „Ich hoffe, du siehst überhaupt noch einen Unterschied zwischen den beiden?!“ „Sehe ich. Doch. Trump strebt Reichtum und Macht an. Hillary Macht und Reichtum.“ „Du bist hoffnungslos, Garfield.“ „Weshalb. Das ist ein Unterschied. Trump hofft in erster Linie seine Finanzen zu sanieren. Und die Macht kommt da zupass. Clinton ist in erster Linie die Macht wichtiger. Frauen in hohen Staatsämtern ist meistens die Macht das Wichtigste. Sieh dir die Merkel an. Der ist Geld sichtlich egal. Männer versuchen mit hohen Staatsämtern oft auch reich oder noch reicher zu werden. Denk etwa an Berlusconi und die Bushs. Die haben an der Staatsspitze Milliarden verdient. Bei nichtdemokratischen Regimen bereichern sich sowieso alle, quasi automatisch, denk an Putin, südamerikanische, afrikanische oder arabische Potentaten …“ „Und weshalb sollten Frauen die Macht bevorzugen?“ „Weil sie sich weniger erlauben dürfen. Sie sind immer noch die Ausnahme an der Macht. Ebensowenig durfte sich Obama bereichern. Diskriminierte tun sich schwerer.“ „Und wen würdest du jetzt wählen?“ „Am liebsten gar keinen.“ „Und wenn du wählen müsstest?“ „Trump sagte, er würde den Staat wie sein Unternehmen führen. Trump war schon einmal pleite. Wenn ein Staat pleitegeht, erholt er sich nicht so rasch, da verliert unter Umständen eine ganze Generation. Ich würde gegen den Strich womöglich den Stillstand wählen, fürchte ich.“garfield-gegen-den-strich

 

Leseprobe aus dem Roman DIE PFLEGERIN (work in slow progress)

Aus dem Roman Die Pflegerin (Arbeitstitel, work in slow progress)

 

S. 17 – 21

 

Mitten in der Nacht weckt mich ein Geräusch. Es knarrt. Dieses Knarren kommt mir bekannt vor. Mir fällt ein, dass die Treppe auf die Weise geknarrt hat, als ich meinen schweren Koffer hochschleppte. Ich knipse sofort die Nachtischlampe an. Wer soll schon um die Zeit, meine Uhr zeigt drei an, auf der Treppe sein? Man hört auch keine Schritte. Es hat nur geknarrt. Mein Herz pocht so laut, dass ich es in der Stille hören kann. Minutenlang lausche ich mit offenem Mund in die Stille hinein. Nichts regt sich. Ich rede mir ein, dass es in alten Häusern eben knarrt. Das Holz dehnt sich aus, zieht sich wieder zusammen, je nach Temperatur. Alte Häuser sind lebendig. Trotz der beruhigenden Erklärung kann ich nicht mehr einschlafen. Ich lege meinen Kopf unter das Kissen und presse es fest auf mein Ohr. Ich nicke erst ein, als die milchige Morgendämmerung durch die Vorhänge sickert.

 

Der Wecker schrillt mich aus dem Tiefschlaf. Das Erwachen nach dem ersten Tag ist oft wie das Erwachen in einen Albtraum. Ich weiss zuerst nicht, wo ich bin. Dann fällt mir blitzartig ein, dass ich bei ganz fremden Leuten bin. Dann fühle ich mich einen Moment fürchterlich elend. Dann springe ich auf und rufe mich zur Ordnung, sage mir, dass dies ein guter Tag ist, da ich den ersten Tag schon überstanden habe. Schon fühle ich mich besser und funktionstüchtig.

 

*

 

Pünktlich um acht betrete ich Herrn Brundos Schlafzimmer. Er sitzt auf der Bettkante und starrt mir entgegen. Nicht wie ein menschliches Wesen. Eher wie ein Hund, der drauf und dran ist zu beissen. Sich zu bekreuzigen würde wohl nichts nützen. Sei unauffällig, tu so, als bist du Luft, rede ich mir zu. Ich nähere mich langsam und biete ihm meinen Arm an, damit er aufstehen kann. Er grunzt. Die ersten Schritte stützt er sich so schwer auf mich, dass ich fast sein Gewicht nicht mehr halten kann. Er möchte auf das Sofa vor dem Fernseher. Nella hat dort schon gedeckt. „Weg!“ Er schiebt das Gedeck zur Seite und nimmt die Fernbedienung in die Hand. Ich eile in die Küche, aus der es nach Kaffee duftet.

 

„Morgen machen Sie das Frühstück alleine!“, ruft mir Nella entgegen und legt Zwieback auf einen Teller, Marmelade, Butter und Honig auf einen andern. „Nur nicht den Kaffee. Den brüh ich auf. Herr Brunt will es so. Ich mach den besten Kaffee.“

 

„Isst er denn kein Brot morgens?“

 

„Zwieback kaufen wir in Grosspackungen, der hält sich ewig.“

 

„Und Joghurt?“

 

„Manchmal bekommt er ein Ei. Wir haben ihm schon so viel angeboten. Aber er will immer dasselbe … Obwohl er es nicht mag.“ Nella blickt in die Luft. „Vielleicht denkt er, er hat nichts Besseres verdient.“

 

„Sie meinen …, er bestraft sich selbst?“

 

„Schon möglich. Herr Brundo hat nicht gerade vielen Personen eine Freude auf Erden bereitet …“

 

Ein gurgelnder Schrei aus dem Salon schneidet Nella das Wort ab. Sie stürzt mit dem Frühstückstablett aus der Küche als wäre jemand hinter ihr her. Ich gehe ihr zögerlich nach.

 

„Wird aber auch Zeit“, schnauzt Herr Brundo Nella an. Sobald er den ersten Schluck getrunken und die Hälfte verschüttet hat, starrt er wieder auf die Mattscheibe.

 

„Du dummes Weib! Hast keine Ahnung! Hure!“ Er speit Kaffeetropfen und Zwiebackbrösel in die Luft. Sein Hals und seine Backen blähen sich, laufen rot an. Obwohl ich bis ins Mark erschrecke, kommt mir zuallererst eine bestimmte Krötenart in den Sinn.

 

Ich begreife erst im zweiten Moment, dass er auf die Nachrichtensprecherin schimpft. Nella sieht mich verstohlen an.

 

„Dreckstück. Fick dich … Solche wie dich sollte man …“

 

Zurück in der Küche sagt Nella nur: „Sie können schon das Gemüse putzen. Gegen Zehn helfen Sie ihm dann mit Waschen und Ankleiden. Vorher tobt er sich an der Mattscheibe aus.“

 

Ich bin wie vor den Kopf gestossen. Am Tag zuvor war er zwar griesgrämig, hat mir dabei aber einen halbwegs annehmbaren Eindruck gemacht.

 

Nella holt aus der Speisekammer Karotten und Pastinaken und legt sie unsanft auf die Ablage neben der Spüle. „Herr Brundo ist nur morgens so. Es wäre blöd, wenn Sie deshalb gleich wieder gehen. Den Rest des Tages ist er pflegeleicht. Und in der Nacht müssen Sie kein einziges Mal aufstehen. Ich komme nachher auch mit, wenn Sie ihn das erste Mal waschen.“

 

Es ist mir klar, dass Nella nicht schon wieder jemand Neuen einlernen will. Sie denkt vor allem an sich. Dennoch bin ich erleichtert, dass sie mich unterstützt. „Was soll ich bis dahin tun?“, frage ich sie.

 

„Sie können sein Bett aufschütteln und sein Bad putzen. Haben Sie überhaupt schon Kaffee getrunken?“

 

„N-nein.“

 

„Dann machen Sie sich erstmal Ihr Frühstück. Hier, hab ich Ihnen mitgebracht. Zwei Butterhörnchen.“

 

*

 

Herr Brundo lässt sich von mir und Nella ins Bad geleiten. Er ist ruhig. Er sagt nichts. Ich versuche, meine Nervosität auszublenden, indem ich mir das Glücksgefühl vergegenwärtige, das die schwammige Masse der mit Kaffee vollgesogenen Hörnchen in meinem Mund auslöste. Herr Brundo hält sich mit beiden Händen am Waschbecken fest und hebt jeweils ein Bein, so dass ich ihm die Hose ausziehen kann. Die Schlafanzugjacke legt er selbst ab. An der Wand sind Haltestangen angebracht, so dass er sich mit einer Hand halten kann, während ich seinen anderen Arm stütze, damit er sich auf den Plastikhocker in der Dusche setzt.

 

„Das Wasser etwas wärmer als lauwarm“, warnt Nella.

 

Ich gebe ihm Seifenlotion auf die Hand. Er möchte sich selbst abseifen. In Plastikschuhen und einem Plastiküberhang dusche ich ihn von allen Seiten. Zuletzt helfe ich ihm auf und er hält sich mit beiden Händen an der Stange. Ich dusche noch einmal seinen Rücken und sein Gesäss. Dann trockne ich ihn in der Haltung rasch ab. Lange kann er nicht stehen. Nella hält den Bademantel auf, während ich ihm aus dem Nassen helfe.

 

Im Schlafzimmer setzt er sich nackt auf sein Bett und ich creme ihn ein. Sein Rücken hat ein paar gerötete Stellen mit schuppiger Haut. Ansonsten nichts Auffälliges. Er ist ganz ruhig und lässt alles mit sich machen. Zähneputzen, Kämmen, Rasieren. Beim Ankleiden ist er behilflich so gut es geht. Er schimpft nur, weil er den Eindruck hat, die Socken, die ich ihm überstreife, seien zu eng. Aber nicht unflätig. Als ich ihn frisch gewaschen und gekleidet wieder aufs Sofa vor dem Fernseher setze, sagt er: „Jeden Tag dieser Aufwand. Wozu? Es lohnt sich doch gar nicht. Warum erschiesst mich keiner.“

 

 

Der Friedensnobelpreis und der IS

Ein gruseliges Gespräch

„Der Friedensnobelpreis an den kolumbianischen Präsidenten Santos hat mich gefreut! Santos ist auf dem Weg, den ältesten und blutigsten bewaffneten Konflikt Amerikas zu beenden.“ „Nur ärgerlich, Garfield, dass eine haarknappe Mehrheit der Kolumbianer gegen den Friedensvertrag mit den Fuerzas Armadas Revolucionarias (Farc) gestimmt hat.“ „Manche Leute kapieren eben nicht, dass sie in vielen Fällen schlechter mit Rachsucht und Vergeltung fahren als damit, gegen den Strich etwas für den Frieden herzugeben.“ „Wie wär’s, Garfield, wenn die Länder, in denen der IS aktiv ist, mit dem IS Friedensabkommen schliessen würden? Den IS Leuten müsste dann Straffreiheit zugesichert werden und eine reibungslose Reintegration in die Gesellschaften, die sie bekämpfen.“ „Da sträuben sich mir die Haare, Olivia.“ „Mir auch. Der IS hat haarsträubende Verbrechen begangen. Auch schwer zu sagen, ob seine Leute zum jetzigen Zeitpunkt reintegrierbar wären.“ „Die Frage wäre auch, ob der IS so etwas überhaupt will. In Kolumbien haben die Konfliktparteien mustergültige Friedensverhandlungen geführt und gezeigt, dass es möglich ist, die Waffen ruhen zu lassen.“ „Die Farc hatte auch noch nachvollziehbare Ziele, eine Verbesserung des Lebens der unteren Schichten, der Kleinbauern etc. Beim IS finde ich es schwierig, sinnvolle Ziele anzugeben. Dieses verschwommene Kalifat. Einen Gottesstaat, der sich schwerlich mit dem gelehrten Islam verbinden lässt, höchstens mit den Kharijiten, einer frühislamischen, besonders blutrünstigen Sekte. Was haben die Menschen unter einer IS-Herrschaft zu gewinnen? Mehr Wohlstand? Nein. Mehr Mitbestimmungsrechte? Nein. Mehr Bildung? Nein. Mehr Gleichheit? Nein. Mehr Freiheit? Nein. Mehr Gewalt? Ja. Aber wer will mehr Gewalt? Wie verhandelst du mit Leuten, die verschwommene Ziele haben? Von denen du eigentlich nicht genau sagen kannst, wer sie überhaupt sind? Vielleicht kämpfen sie schlicht um des Kämpfens willen?“ „Also …: Gegründet 2003 vom kleinkriminellen Jordanier Abu Musab al-Zarkawi , unter dem Namen al-Tawhid wa al-Jihad («Monotheismus und Jihad»), kämpfen sie als Sunniten und Jihadisten gegen die Irak-Invasion der USA im Jahr 2003. Ihr Kampf richtet sich zum einen gegen die Koalitionsstreitkräfte, zum anderen gegen die Schiiten im Irak. Dabei schließen sich ihnen auch etliche Ex-Offiziere Saddam Husseins an, die sich während des Krieges stark radikalisiert haben. Von 2004 bis 2006 kämpfen sie unter dem Label al-Kaida im Irak (AQI) des Kaida-Chefs Usama bin Ladin. Ab 2011 weiten sich ihre Kämpfe und ihr Einfluss unter dem Namen Isis auf Syrien, später auf Libyen und andere nordafrikanische Staaten aus. Rekrutieren lassen sich Schiiten-Gegner, Leute, die keinen Platz mehr haben in den zerstörten Staatsstrukturen des Iraks und Syriens, die Verlierer der Staatsimplosionen, und auch sozial abgehängte und kulturell entfremdete Jugendliche aus dem Westen. Ich habe das Gefühl, du liegst nicht ganz falsch. Für mich sieht es ähnlich aus; die haben Mitglieder, die einfach aus Frust und Hass kämpfen wollen. Und mancher Abenteurer wird auch dabei sein.“ „Keine tollen Partner für Friedensverhandlungen. Dennoch … Vielleicht werden sie wie die Farc auch mal müde. Und dann kann man mit ihnen verhandeln. Eine gerechtere Gesellschaftsordnung haben sie nie angestrebt. Da genügt ihnen womöglich Straffreiheit und ein Neuanfang, vielleicht unter jeweils neuer Identität …?“ „Das hat jedenfalls den sogenannten Pentiti (ein Pentito ist ein Mafiamitglied, das plaudert) genügt, um aus der Mafia auszusteigen.“