Garfield muss sich jeden Morgen beim Frühstück echauffieren. „Die Eu skandalisiert sich, dass die Türkei Zehntausende der Aleppo-Flüchtlinge vor ihren Grenzen quasi erfrieren lässt. Und jetzt kommt raus, dass die EU von den drei Milliarden, mit denen sie die Türkei in der Flüchtlingskrise unterstützen wollte, noch keinen Cent gezahlt hat.“ Es ist so früh am Morgen, ich bin noch nicht so richtig aufgewacht, und dann gleich diese dramatischen Themen … Ich brumme nur „Hrmpf.“ „In der Türkei sind schon 2,5 Millionen syrische Flüchtlinge, darunter 1,2 Millionen Minderjährige, das stellt so’n vom Brüssler EU-Verbindungsbüro für den Bundestag angefertigter Bericht fest. Allein zwischen Oktober 2015 und Mitte Januar 2016 ist in der Türkei die Zahl neu registrierter Flüchtlinge um 300.000 gestiegen! Das gibt die EU-Kommission selber an. Ja auf was warten die noch??? Olivia!“ „Ja …“ „Olivia, das hatten wir doch schon mal.“ „Hm?“ „So fing die Flüchtlingswelle an, nach Europa überzuschwappen: Es gab plötzlich keine Uno-Hilfsgelder mehr für die Flüchtlingscamps an den syrischen Grenzen. Die internationale Gemeinschaft hat einfach nicht mehr gezahlt! Was haben die sich nur dabei gedacht???!“


Garfield zieht erst wieder bei mir aus, wenn er in einem neuen Film spielt. Und er lässt sich nur engagieren, wenn sie für ihn ein hübsches Katzenweibchen ins Drehbuch schreiben. Einstweilen geht er mir mit seinem Politikgeschwätz weiter auf die Nerven. Garfield sorgt sich immer mehr um Europa. „Weisst du, wer Europa zum Scheitern bringen wird?“ „Hm, vielleicht treten die Briten demnächst aus.“ „Nein …“ „Dann versuchen die Griechen nochmal, aus dem Euro rauszukommen.“ „Versuchen’s vielleicht nochmal, aber knicken unter dem Druck wieder ein …, daher nein.“ „Hm, du machst mich neugierig. Wer soll sonst …?“ Garfield lässt mich nicht ausreden, ruft laut: „Die Deutschen!“ „W-was? Unsinn. Die Deutschen profitieren doch am meisten wirtschaftlich von Europa.“ „Sie werden so viele Flüchtlinge aufnehmen, dass enorme Kosten entstehen. Da sie im Euro sind, können sie nicht einfach Geld drucken, um die Kosten zu bewältigen. Sie kommen in dieselbe Situation wie Griechenland. Sie müssen in einer prekären Situation sparen. Sie kommen unter dasselbe Spardiktat, das den europäischen Süden kaputt gespart hat. Wenn der gesellschaftliche Unmut bei den Deutschen dann gefährlich steigt, müssen sie aus dem Euro raus. Und sie können raus. Ein mächtiges Euro-Mitglied schert sich weniger um den Druck, den die andern auf es ausüben, damit es im Club bleibt. Das kann der Anfang vom Ende sein.“ „Hm, Garfield, du hast abwegige Ansichten …“
Garfield echauffiert sich schon wieder beim Frühstück. „Angenommen, Assad, Erdogan und Putin sind von einem Moment auf den andern nicht mehr an der Regierung, und halbwegs vernünftige Leute treten an ihre Stelle, dann lösen sich Tausende von Problemen wie von selbst.“ „Und wie soll sowas gehen?“ „Mit ner Revolution von oben. Was bei Hitler beispielsweise leider schief ging.“ „Garfield, du bist einfach lebensfremd …“ „Was heisst lebensfremd?! Eine Revolution von unten geht doch jedesmal in die Hose. Da rollen viel zu viele Köpfe. Und es bilden sich alle möglichen radikalen Gruppen, die ein Chaos herbeiführen, sobald ein Machtvakuum entsteht. Und irgendwann gibt es dann sowieso wieder eine Restauration. Das hast du schon in der Französischen Revolution gesehen.“ „Tyrannenmord ist erlaubt, aber nicht so einfach zu bewerkstelligen …“ „Quatsch Olivia, das ist doch altmodisch. Okay, im Fall Hitler wäre es der einzige Weg gewesen. Nein, viel einfacher. Assad wird irgendwo ein goldenes Asyl geboten. Erdogan bekommt eine adrette kurdische Geliebte, und Putin wird Generalsekretär der UNO.“ „Aber den Posten will doch schon die Merkel …“ „Dann eben Generalsekretär der WHO.“ „Aber …“ Blabla blablabla …

Mein politisch anstrengender Bewohner Garfield glaubt, dass ein grosser Anteil der IS-Leute Abenteurer sind und ein anderer grosser Teil Gedemütigte, Leute, auf deren Selbstbewusstsein rumgetrampelt worden ist. „Die Gedemütigten, die Diskriminierten, Gemobbten …, das sind die Gefährlichen. Die handeln aus Hass und Prinzip und auch ohne Bezahlung, ohne Gewinn.“ Ich verschlucke mich beinah an meinem Frühstückskaffe. Garfield fährt ungerührt fort: „Alle wollen sie eins, angreifen und zerstören.“ „Hrmpf.“ „Wo kein Krieg herrscht, machen die Gemobbten jeder Art einfach die Leute in ihrer Umgebung fertig, plagen Schwächere, das ist einfach …. Am besten klappt das immer noch in den eigenen vier Wänden. Der Krieg verlagert sich ins Wohnzimmer …“

Garfield hat versprochen, er zieht bei mir aus. Wenn sein Filmproduzent ihm eine neue Rolle gibt. Er möchte ein Supermann Kostüm und die Welt retten (uff). Einstweilen übt er sich auf meine Kosten in politischem Smalltalk. „Die Idee mit der Übergangsregierung in Syrien hatt ich auch.“ Ich rolle mit den Augen: „Und wie willst du Assad zum Gehen bewegen?“ frag ich Garfield. „Was ist seine Alternative? Ein Ende wie Saddam Hussein oder ein Ende wie Gaddafi. Da ist es doch gemütlicher für ihn, er darf sogar bei der nächsten Wahl kandidieren.“ „Und wenn die Syrer, die noch dort sind, ihn wieder wählen?“ „Es müssen unbedingt auch die Syrer im Ausland wählen dürfen.“ „Und wenn er trotzdem wieder dran kommt?“ „Dann ist es immer noch besser als das, was wir jetzt haben. Sogar Saddam und erst recht Gaddafi waren besser als das, was wir jetzt haben. In der Politik gibts häufig keine gute Lösung, und du musst das kleinere Übel akzeptieren.“ „Schlechte Welt“, murmle ich. „Wieso schlecht?“ ruft Garfield aus. „Die Syrer haben dann selbst entschieden, und für ihre gewählte Regierung können sie dann auch gegen den IS kämpfen, egal wo sie gerade sind. Und irgendwann alles wieder aufbauen.“ Ich fürchte, Garfield ist ein bisschen zu realistisch.
