Der Sündenbock EU und die Kastrierten

„Die EU ist zum Sündenbock geworden für die Verlierer der Globalisierung. Und das sind mittlerweile grosse Teile der europäischen Gesellschaft. Dabei haben die Mitgliedsstaaten Mist gebaut. Angefangen mit Merkel, die federführend im Kaputtsparen der EU-Staaten war und dann noch die Ängste der britischen EU-Gegner befeuert hat mit einer unkontrollierten Zuwanderung im grossen Massstab. Vom Fehlkonstrukt des Euro gar nicht zu reden.“ „Garfield! Langsam, langsam. Dass die EU zum Sündenbock geworden ist, da geb ich dir zumindest recht. Die EG/EU hat ihren Mitgliedern eine fantastisch lange Friedensperiode garantiert. Wir sind grossartig zusammengewachsen. Ein Krieg etwa zwischen Deutschland und Frankreich wäre heute ja sowas von abwegig. Wir lernen, wir profitieren voneinander, wir tauschen uns aus. Wir sichern im Grunde gemeinsam unsere Freiheit! Das Problem ist, dass diejenigen, die Rechtspopulisten und damit EU-Gegner wählen, häufig zu wenig wissen.“ „Ich fürchte, es ist schlimmer, Olivia. Viele der Rechtspopulistenwähler sind EU-Gegner aus Gründen, die wenig mit der EU zu tun haben.“ „Was meinst du damit?“ „Bei den Rechtspopulisten sind da zum Beispiel die Männer, die Angst haben um ihre balls …“ „Du meinst, häm, um ihre Eier …“ „ … Sie fühlen sich kastriert durch Frauen, Ausländer und wirtschaftlich Erfolgreiche.“ „Und was ist deiner Ansicht nach mit den Globalisierungsverlierern, die rechtspopulistisch wählen?“ „An deren Misere ist doch die EU nicht schuld. Sondern die Politik der einzelnen Mitgliedsstaaten.“suendenbock2

 

Leseprobe, “Frust…”, Roman, Kapitel XVII, “Kuraufenthalt” — Roses Bücher

XVII Kuraufenthalt „Glauben Sie, Ihre Beschwerden rühren von einer früheren, nicht entdeckten Krankheit her, oder glauben Sie, dass sie berufsbedingt sind?“, fragt mich der Kurarzt über seine goldumrandete Brille hinweg. Er ist ein zierlicher Sechziger, der sich als Kurarzt ein hübsches Zubrot verdient, genauso gut hätte er Finanzdirektor oder Abteilungschef eines Unternehmens sein können. Herr […]

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Wann war ich wirklich einsam?

Letztes Jahr, als ich längere Zeit zuhause krank war, legte ich mich neben meine Orchidee und erhoffte von ihr heilenden Zuspruch.orchidee-im-topf

 

Brexit Congestion

„Hast du gehört, Garfield, dass die Briten jetzt fünf bis sechs Jahre Zeit wollen für den Brexit?“ „Ich glaube, der Brexit wird zu schwierig. Die Briten kommen aus der EU gar nicht mehr raus. Wenn du bedenkst, wieviele Verträge sie neu aushandeln müssen, nicht nur mit den Mitgliedern auch mit den vielen Nichtmitgliedern. Die EU hat mit ihrer riesigen Verwaltung und unterstützt durch die Verwaltungen der Mitglieder dafür Jahrzehnte gebraucht.“ „Hm, und dann noch die unzähligen EU-Normen, die in Jahrzehnten Recht der Mitgliedsstaaten geworden sind. Was ist mit denen? Soll der britische Gesetzgeber die alle überprüfen, um sie gegebenenfalls abzuändern oder zu kassieren?“ „Einem einzelnen Land fehlen einfach die Heerscharen von Fachbeamten, die es braucht. Nimm nur mal die bilateralen Verträge mit der Schweiz. Wenn du das alles neu verhandeln musst. Dann bist du am … Ich zähl mal die Materien auf. Sag Stop, wenn ich dich langweile:

Landverkehr (schrittweise Öffnung der Märkte für Straßen- und Schienenverkehr),

Luftverkehr (schrittweise Gewährung von Zugangsrechten zu den gegenseitigen Luftverkehrsmärkten für Fluggesellschaften),

Personenfreizügigkeit (schrittweise Öffnung der Arbeitsmärkte),

Landwirtschaft (Vereinfachung des Handels mit Agrarprodukten durch Zollabbau und gegenseitiger Anerkennung der Gleichwertigkeit der Vorschriften),

Technische Handelshemmnisse (Vereinfachung der Produktezulassung),

Öffentliches Beschaffungswesen (Ausweitung der Ausschreibungspflicht für Beschaffungen oder Bauten des Staates und öffentlicher Unternehmen),

Forschung (Beteiligungsmöglichkeit für Schweizer Forschende an EU-Forschungsprogrammen),

Zusammenarbeit bei Polizei und Justiz, Asyl und Migration (Schengen/Dublin),

Zinsbesteuerung,

Betrugsbekämpfung,

Verarbeitete Landwirtschaftsprodukte,

Umwelt,

Statistik,

MEDIA,

Ruhegehälter,

Bildung/Berufsbildung/Jugend, …

Olivia! Olivia?“

„Zzzzzzzzzzzzzz ……, schrch ………………….“

microlax

 

Links ist das neue Rechts

zapata
Zapata

„Es ist verwirrend, Olivia.“ “Was, Garfield?“ „Du kannst die extrem Linken und die Rechtspopulisten kaum mehr auseinanderhalten.“ „Hm.“ „Die Rechtspopulisten sind alle Globalisierungsgegner. Das waren aber zuerst die Linken. Globalisierungskritik war ursprünglich Kapitalismuskritik, war der Kampf gegen den Neoliberalismus.“ „Und das findest du verwirrend.“ „Tja, Trump teilt die Ansichten der linken Rebellenbewegung der Zapatistas. Die Zapatistas kämpften bereits 1994 gegen das Nordamerikanische Freihandelsabkommens (NAFTA). Trump tut dasselbe heute.“ „Naja, das ist gerade mal ein Punkt der Übereinstimmung.“ „Die Rechtspopulisten sprechen dieselbe Wählerschaft an wie die Linken, die Verlierer der Globalisierung, die Arbeiter und die untere Mittelschicht.“ „Und dann senken sie die Unternehmenssteuern.“ „Das hängen sie aber nicht an die große Glocke. Sie brauchen die Stimmen der Vielen.“ „Die Rechtspopulisten wollen den Zuzug von Ausländern drastisch beschränken. Die Linken am liebsten auch.“ „Hm, und was willst du damit sagen.“ „Die Grenzen weichen auf. Auch bei den Gemäßigten. Früher waren die Grünen links, heute sind sie die neuen Freunde der Autoindustrie und flirten mit der Kanzlerin. Die SPD und die CDU sind in der Koalition quasi verschmolzen … Ich bin einfach verwirrt.“

 

 

What you see is what you get?

 

„Laut dpa und sda hat Putin Trump einen partnerschaftlichen Dialog angeboten. Die Grundlage dafür sei die Nicht-Einmischung in die jeweiligen internen Angelegenheiten. Was hältst du davon, Olivia?“ „Hm, ich frage mich, was Putin mit internen Angelegenheiten meint.“ „Du stellst dir langsam dieselben Fragen wie ich. Umfassen interne Angelegenheiten die gesamte ehemalige Sowjetunion? Und dann noch den ehemaligen sowjetischen Einflussbereich? Dann gehört bizarrerweise auch noch Deutschland dazu …“ „Das muss Trump herausfinden. Da ist er nicht zu beneiden. Putin wird ihn im Unklaren lassen. Bis er Tatsachen schaffen kann.“ „Trump wird schlecht mit der Hoffnung leben können, die internen Angelegenheiten seien etwa nur auf Russland begrenzt. Als Geschäftsmann gilt für ihn hope is not a basis for longterm investment.“ „Ja, glaubst du dann, Garfield, sie kommen zum Konkreten?“ „Vielleicht machen sie einen Deal. Putins Bereich ist die ehemalige Sowjetunion. Staaten, die zur Nato oder EU gehören, sind sakrosankt.“ „Ich halte es für unwahrscheinlich, dass es in der Außenpolitik zu schnellen Deals kommt. Im Geschäftsleben machst du den schnellen Deal, in der Politik lassen sich die Spieler oft jahrelang hängen, es sind ja auch viel mehr Spieler beteiligt, und die Interessenlage ist unübersichtlicher. Das ist neu für Trump.“ „Neu wird für Trump auch die Redeweise sein. Im Geschäftsleben redest du nicht lange drum herum; what you see is what you get. In der Politik sagst du etwa, du willst keine Einmischung in interne Angelegenheiten, meinst aber, du willst ungestört sein bei der Aufteilung der Welt.“trump-und-putin

Ein Recht auf Unterhaltung in der Politik

„Was kannst du aus dem amerikanischen Wahlkampf lernen, Olivia?“ „Sag’s mir, Garfield.“ „Noch nie haben sich so viele Leute für die amerikanische Politik interessiert, in und ausserhalb Amerikas. Weil es Unterhaltung war. Show! Wenn du die Bürger noch erreichen willst, musst du deine Inhalte so darbieten, dass sie das Publikum unterhalten.“ „Du meinst Grab-their-pussy-Talk?“ „Ich meine nur, unser politisches System redet nur noch mit sich selbst. Nicht mehr zum eigentlichen Souverän, der wählenden Bevölkerung. Guck dir die grauen Gesichter in unserer Politik an. Mit der Afd sind die Gesichter gar noch grau und böse geworden. Guck in das Gesicht der Petry. Da fehlt, euphemistisch gesagt,  jeder Humor. Ich finde der Bürger und Wähler hat ein Recht, dass er die politischen Inhalte so dargeboten bekommt, dass sie ihn interessieren. Etwas ist für dich interessant, wenn du Hintergründe verstehst, wenn deine Gefühle berührt werden, wenn du etwas erkennst, wenn du lachen oder weinen musst, wenn du dich identifizierst. Dir wird etwas nahe gebracht, du bist gemeint. Das ist ein Recht auf Unterhaltung.“ garfieldtrump

Die Spaltung

„Garfield, du sagtest, Trump sei ein Geschäftsmann und deshalb würde es nicht so schlimm kommen, wie viele befürchten.“ „Ich kann nicht wissen, wie es kommt. Wenn du etwas nicht weißt, dann kannst du einfach mal durchspielen, was wäre der schlechteste Fall und was der beste, und dann gibt es noch die Fälle dazwischen.“ „Gestern habe ich im italienischen Fernsehen gehört, dass der Trumpsieg in der russischen Duma mit Champagner gefeiert worden sei. Der schlechteste Fall wäre für mich, Trump und Putin teilen sich die Welt auf. Ade Menschen- und Freiheitsrechte.“ „Bevor das passiert, wird er erschossen … Ich denke an einen schlechten Fall, der etwas wahrscheinlicher ist. Trump gibt Geld für Infrastrukturprojekte aus, das der amerikanische Staat nicht hat. Er muss die europäischen Verbündeten und die Verbündeten der NATO abzocken. Es wird ihm ähnlich wie Hitler ergehen. Der brachte mit riesigen Infrastrukturprojekten die Leute wieder in Arbeit, der Staat war aber in der Folge pleite, das Regime begann in die Nachbarländer einzufallen und die auszurauben, von den einverleibten jüdischen Vermögen ganz zu schweigen. Amerika gewährt Schutz nur noch gegen Bezahlung.“ „Hm, düster. Da muss ich an die Schutzgelderpressungen der Mafia denken.“ „Düster, ja. Aber wir spielen hier einfach mal alles durch.“ „Und was wäre für dich der beste Fall?“ „Trump überlässt die Politik erfahrenen Beratern und kümmert sich wie Berlusconi seinerzeit darum, sich im Amt zu bereichern.“ „Und das soll der beste Fall sein?“ „Ja, was siehst du als besten Fall?“napoleon-teilt-die-welt

Trump und der junge Napoléon

„Und was sagst du jetzt, Garfield?“ „Hm, ich war echt überrascht. Ich sah Clinton vorn.“ „Hast du Trumps Rede gehört?“ „Zuerst hat er Hillary gelobt. Das war genau richtig. Dann hat er die in den eigenen Reihen, die ihn „nicht unterstützt haben“ (netter Euphemismus) um Mithilfe gebeten. Perfekt. Es hat mich an den jungen Napoléon erinnert. Am Anfang seines Aufstiegs gelang es Napoléon Feinde zu Freunde zu machen, indem er ihnen verzieh und ihnen Posten übertrug. Am Anfang seiner Regentschaft war er beim Volk sehr beliebt: nicht nur, weil er als Feldherr so erfolgreich war. Unter dem Konsul und dann Kaiser Napoléon blühte das Land wirtschaftlich endlich wieder auf. In den Jahren nach dem Frieden von Tilsit befand sich Napoléon auf dem Höhepunkt seiner Macht. Gleichzeitig wurde er immer despotischer und expansiver. Der Russlandfeldzug wurde zum Desaster. Erst im Ersten Weltkrieg gab es noch höhere Opferzahlen. Seine Verbündeten gingen zur Gegenseite über.“ „Du meinst, Trump könnte derart abgleiten?“ „Eher nicht. Trump ist ein Geschäftsmann.“

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Zu ehrgeizig?

„Garfield, was hast du?“ „Ich bin besorgt, dass Trump doch noch die Wahlen gewinnt.“ „Du siehst düster drein …“ „Trump fährt Amerika womöglich gegen die Wand. Seinen ersten Erfolg hat nicht er selbst gemacht, sondern zwei Frauen, eine, Barbara Res, hat den Bau des Trump Towers geleitet und die andere hat die Wohnungen gewinnbringend verkauft. Er muss sich den Erfolg selbst zugerechnet und geschlossen haben, alles gelänge ihm. Denn er traf im Anschluss quasi nur noch wilde Entscheidungen. Er kaufte eine Fluglinie, die marode war, er kaufte ein Kasino, das marode war usw. usw., nichts rechnete sich, die Banken drehten ihm den Kredithahn zu. Das einzige, das Trump noch hatte, war sein Name. Jahrelang war er in allen Klatschmedien mit seinem glamourösen Lebensstil, sein Name war zur Marke für Glamour geworden. Die Banken entschieden aus Eigennutz, ihn nicht ganz bankrott gehen zu lassen und Trump verkaufte fortan nur noch seinen Namen. Überall in der Welt schossen Trump Towers in die Höhe, die ihm nicht gehörten, für deren Namensgebung er aber kassierte. Seine Eigen-Show hatte ihn gerettet und fortan machte er nur noch Show. Du erinnerst dich sicher an seine Reality-TV-Show „The apprentice“. Was er kann, ist blind Geld ausgeben und eine Show veranstalten.“ „Reagan hatte auch nicht mehr drauf.“ „Aber Reagan hat nichts ohne seinen Stab entschieden. Er wusste, dass er nichts weiss. Bei Trump könnte das anders werden …“ „Und alles, weil der FBI-Chef Clintons Email-Affäre wieder aufrollt. Ausgerechnet kurz vor der Wahl.“ „Clinton ist immer schon ausgebremst worden. Sie ist begabt, fähig, hocherfahren nach so vielen Jahren im Staatsdienst, und sie ist ehrgeizig. Solche Frauen sind verhasst. Ein Mann darf ehrgeizig sein. Eine Frau aber scheinbar immer noch nicht …“

Rezension 31. Oktober — Roses Bücher

“Ein komplexes Drama, das nachwirkt Die Autorin Rose Kleinknecht-Herrmann hat in ihrem 2016 erschienenen Buch “Frust, Revolte und Normalität – Die Leiden des Lehrers Wolfgang Fink” mit präziser und pointierter Sprache ein leises und überaus komplexes Drama inszeniert. Eines das nachwirkt, weil die verschiedenen Akte uns in so vielem bekannt sind. Ganz egal, wo wir […]

über Rezension 31. Oktober — Roses Bücher

Ein komplexes Drama, das nachwirkt

Ich freue mich sehr über eine weitere Rezension des Romans meiner Mama!

„Ein komplexes Drama, das nachwirkt.“

„Die Autorin Rose Kleinknecht-Herrmann hat in ihrem 2016 erschienenen Buch „Frust, Revolte und Normalität – Die Leiden des Lehrers Wolfgang Fink“ mit präziser und pointierter Sprache ein leises und überaus komplexes Drama inszeniert. Eines das nachwirkt, weil die verschiedenen Akte uns in so vielem bekannt sind. Ganz egal, wo wir diesen Szenen beigewohnt haben – im Lehrerzimmer, in den Klassenräumen als Schüler oder als Eltern zuhause, im Warten auf die Kinder begriffen.“

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Kleine Morde unter Nachbarn und anderes Erfreuliche

Gestern einen köstlichen Montalbano im Fernsehen gesehen. Commisario Montalbano hat einen Traum. Er kommt morgens ins Kommissariat und alle empfangen ihn mit Trauermine. Als er seine Mitarbeiter fragt, was los ist, teilen sie ihm mit, dass er tags zuvor an einem Schlaganfall verstorben sei. Als er es für einen der üblichen Scherze hält, zeigen sie ihm den aufgebahrten Sarg. Montalbano muss mit Schrecken erkennen, dass tatsächlich er im Sarg liegt. Alle kondolieren ihm jetzt und der Gipfel ist erreicht, als er sich in die Trauerprozession hinter seinem eigenen Sarg einreiht. Als der Sarg von den Schultern der Träger fällt, erwacht er aus dem Albtraum. Selten habe ich so gelacht. Anschließend stieß ich zufällig auf eine ebenfalls empfehlenswerte Serie. Kleine Morde unter Nachbarn (DK 2009–2010, Lærkevej).

 

Nach den drei Präsidentschaftsdebatten

„Was denkst du nach den drei Debatten, Garfield?“ „Es ist schwer zu sagen, wer von beiden in welchen Punkten lügt, wenn du keine vollständigen Informationen hast. Nur eins ist sicher. Hillary und Donald sind nach den Debatten schmutzig.“ „Ich hoffe, du siehst überhaupt noch einen Unterschied zwischen den beiden?!“ „Sehe ich. Doch. Trump strebt Reichtum und Macht an. Hillary Macht und Reichtum.“ „Du bist hoffnungslos, Garfield.“ „Weshalb. Das ist ein Unterschied. Trump hofft in erster Linie seine Finanzen zu sanieren. Und die Macht kommt da zupass. Clinton ist in erster Linie die Macht wichtiger. Frauen in hohen Staatsämtern ist meistens die Macht das Wichtigste. Sieh dir die Merkel an. Der ist Geld sichtlich egal. Männer versuchen mit hohen Staatsämtern oft auch reich oder noch reicher zu werden. Denk etwa an Berlusconi und die Bushs. Die haben an der Staatsspitze Milliarden verdient. Bei nichtdemokratischen Regimen bereichern sich sowieso alle, quasi automatisch, denk an Putin, südamerikanische, afrikanische oder arabische Potentaten …“ „Und weshalb sollten Frauen die Macht bevorzugen?“ „Weil sie sich weniger erlauben dürfen. Sie sind immer noch die Ausnahme an der Macht. Ebensowenig durfte sich Obama bereichern. Diskriminierte tun sich schwerer.“ „Und wen würdest du jetzt wählen?“ „Am liebsten gar keinen.“ „Und wenn du wählen müsstest?“ „Trump sagte, er würde den Staat wie sein Unternehmen führen. Trump war schon einmal pleite. Wenn ein Staat pleitegeht, erholt er sich nicht so rasch, da verliert unter Umständen eine ganze Generation. Ich würde gegen den Strich womöglich den Stillstand wählen, fürchte ich.“garfield-gegen-den-strich

 

Leseprobe aus dem Roman DIE PFLEGERIN (work in slow progress)

Aus dem Roman Die Pflegerin (Arbeitstitel, work in slow progress)

 

S. 17 – 21

 

Mitten in der Nacht weckt mich ein Geräusch. Es knarrt. Dieses Knarren kommt mir bekannt vor. Mir fällt ein, dass die Treppe auf die Weise geknarrt hat, als ich meinen schweren Koffer hochschleppte. Ich knipse sofort die Nachtischlampe an. Wer soll schon um die Zeit, meine Uhr zeigt drei an, auf der Treppe sein? Man hört auch keine Schritte. Es hat nur geknarrt. Mein Herz pocht so laut, dass ich es in der Stille hören kann. Minutenlang lausche ich mit offenem Mund in die Stille hinein. Nichts regt sich. Ich rede mir ein, dass es in alten Häusern eben knarrt. Das Holz dehnt sich aus, zieht sich wieder zusammen, je nach Temperatur. Alte Häuser sind lebendig. Trotz der beruhigenden Erklärung kann ich nicht mehr einschlafen. Ich lege meinen Kopf unter das Kissen und presse es fest auf mein Ohr. Ich nicke erst ein, als die milchige Morgendämmerung durch die Vorhänge sickert.

 

Der Wecker schrillt mich aus dem Tiefschlaf. Das Erwachen nach dem ersten Tag ist oft wie das Erwachen in einen Albtraum. Ich weiss zuerst nicht, wo ich bin. Dann fällt mir blitzartig ein, dass ich bei ganz fremden Leuten bin. Dann fühle ich mich einen Moment fürchterlich elend. Dann springe ich auf und rufe mich zur Ordnung, sage mir, dass dies ein guter Tag ist, da ich den ersten Tag schon überstanden habe. Schon fühle ich mich besser und funktionstüchtig.

 

*

 

Pünktlich um acht betrete ich Herrn Brundos Schlafzimmer. Er sitzt auf der Bettkante und starrt mir entgegen. Nicht wie ein menschliches Wesen. Eher wie ein Hund, der drauf und dran ist zu beissen. Sich zu bekreuzigen würde wohl nichts nützen. Sei unauffällig, tu so, als bist du Luft, rede ich mir zu. Ich nähere mich langsam und biete ihm meinen Arm an, damit er aufstehen kann. Er grunzt. Die ersten Schritte stützt er sich so schwer auf mich, dass ich fast sein Gewicht nicht mehr halten kann. Er möchte auf das Sofa vor dem Fernseher. Nella hat dort schon gedeckt. „Weg!“ Er schiebt das Gedeck zur Seite und nimmt die Fernbedienung in die Hand. Ich eile in die Küche, aus der es nach Kaffee duftet.

 

„Morgen machen Sie das Frühstück alleine!“, ruft mir Nella entgegen und legt Zwieback auf einen Teller, Marmelade, Butter und Honig auf einen andern. „Nur nicht den Kaffee. Den brüh ich auf. Herr Brunt will es so. Ich mach den besten Kaffee.“

 

„Isst er denn kein Brot morgens?“

 

„Zwieback kaufen wir in Grosspackungen, der hält sich ewig.“

 

„Und Joghurt?“

 

„Manchmal bekommt er ein Ei. Wir haben ihm schon so viel angeboten. Aber er will immer dasselbe … Obwohl er es nicht mag.“ Nella blickt in die Luft. „Vielleicht denkt er, er hat nichts Besseres verdient.“

 

„Sie meinen …, er bestraft sich selbst?“

 

„Schon möglich. Herr Brundo hat nicht gerade vielen Personen eine Freude auf Erden bereitet …“

 

Ein gurgelnder Schrei aus dem Salon schneidet Nella das Wort ab. Sie stürzt mit dem Frühstückstablett aus der Küche als wäre jemand hinter ihr her. Ich gehe ihr zögerlich nach.

 

„Wird aber auch Zeit“, schnauzt Herr Brundo Nella an. Sobald er den ersten Schluck getrunken und die Hälfte verschüttet hat, starrt er wieder auf die Mattscheibe.

 

„Du dummes Weib! Hast keine Ahnung! Hure!“ Er speit Kaffeetropfen und Zwiebackbrösel in die Luft. Sein Hals und seine Backen blähen sich, laufen rot an. Obwohl ich bis ins Mark erschrecke, kommt mir zuallererst eine bestimmte Krötenart in den Sinn.

 

Ich begreife erst im zweiten Moment, dass er auf die Nachrichtensprecherin schimpft. Nella sieht mich verstohlen an.

 

„Dreckstück. Fick dich … Solche wie dich sollte man …“

 

Zurück in der Küche sagt Nella nur: „Sie können schon das Gemüse putzen. Gegen Zehn helfen Sie ihm dann mit Waschen und Ankleiden. Vorher tobt er sich an der Mattscheibe aus.“

 

Ich bin wie vor den Kopf gestossen. Am Tag zuvor war er zwar griesgrämig, hat mir dabei aber einen halbwegs annehmbaren Eindruck gemacht.

 

Nella holt aus der Speisekammer Karotten und Pastinaken und legt sie unsanft auf die Ablage neben der Spüle. „Herr Brundo ist nur morgens so. Es wäre blöd, wenn Sie deshalb gleich wieder gehen. Den Rest des Tages ist er pflegeleicht. Und in der Nacht müssen Sie kein einziges Mal aufstehen. Ich komme nachher auch mit, wenn Sie ihn das erste Mal waschen.“

 

Es ist mir klar, dass Nella nicht schon wieder jemand Neuen einlernen will. Sie denkt vor allem an sich. Dennoch bin ich erleichtert, dass sie mich unterstützt. „Was soll ich bis dahin tun?“, frage ich sie.

 

„Sie können sein Bett aufschütteln und sein Bad putzen. Haben Sie überhaupt schon Kaffee getrunken?“

 

„N-nein.“

 

„Dann machen Sie sich erstmal Ihr Frühstück. Hier, hab ich Ihnen mitgebracht. Zwei Butterhörnchen.“

 

*

 

Herr Brundo lässt sich von mir und Nella ins Bad geleiten. Er ist ruhig. Er sagt nichts. Ich versuche, meine Nervosität auszublenden, indem ich mir das Glücksgefühl vergegenwärtige, das die schwammige Masse der mit Kaffee vollgesogenen Hörnchen in meinem Mund auslöste. Herr Brundo hält sich mit beiden Händen am Waschbecken fest und hebt jeweils ein Bein, so dass ich ihm die Hose ausziehen kann. Die Schlafanzugjacke legt er selbst ab. An der Wand sind Haltestangen angebracht, so dass er sich mit einer Hand halten kann, während ich seinen anderen Arm stütze, damit er sich auf den Plastikhocker in der Dusche setzt.

 

„Das Wasser etwas wärmer als lauwarm“, warnt Nella.

 

Ich gebe ihm Seifenlotion auf die Hand. Er möchte sich selbst abseifen. In Plastikschuhen und einem Plastiküberhang dusche ich ihn von allen Seiten. Zuletzt helfe ich ihm auf und er hält sich mit beiden Händen an der Stange. Ich dusche noch einmal seinen Rücken und sein Gesäss. Dann trockne ich ihn in der Haltung rasch ab. Lange kann er nicht stehen. Nella hält den Bademantel auf, während ich ihm aus dem Nassen helfe.

 

Im Schlafzimmer setzt er sich nackt auf sein Bett und ich creme ihn ein. Sein Rücken hat ein paar gerötete Stellen mit schuppiger Haut. Ansonsten nichts Auffälliges. Er ist ganz ruhig und lässt alles mit sich machen. Zähneputzen, Kämmen, Rasieren. Beim Ankleiden ist er behilflich so gut es geht. Er schimpft nur, weil er den Eindruck hat, die Socken, die ich ihm überstreife, seien zu eng. Aber nicht unflätig. Als ich ihn frisch gewaschen und gekleidet wieder aufs Sofa vor dem Fernseher setze, sagt er: „Jeden Tag dieser Aufwand. Wozu? Es lohnt sich doch gar nicht. Warum erschiesst mich keiner.“

 

 

Der Friedensnobelpreis und der IS

Ein gruseliges Gespräch

„Der Friedensnobelpreis an den kolumbianischen Präsidenten Santos hat mich gefreut! Santos ist auf dem Weg, den ältesten und blutigsten bewaffneten Konflikt Amerikas zu beenden.“ „Nur ärgerlich, Garfield, dass eine haarknappe Mehrheit der Kolumbianer gegen den Friedensvertrag mit den Fuerzas Armadas Revolucionarias (Farc) gestimmt hat.“ „Manche Leute kapieren eben nicht, dass sie in vielen Fällen schlechter mit Rachsucht und Vergeltung fahren als damit, gegen den Strich etwas für den Frieden herzugeben.“ „Wie wär’s, Garfield, wenn die Länder, in denen der IS aktiv ist, mit dem IS Friedensabkommen schliessen würden? Den IS Leuten müsste dann Straffreiheit zugesichert werden und eine reibungslose Reintegration in die Gesellschaften, die sie bekämpfen.“ „Da sträuben sich mir die Haare, Olivia.“ „Mir auch. Der IS hat haarsträubende Verbrechen begangen. Auch schwer zu sagen, ob seine Leute zum jetzigen Zeitpunkt reintegrierbar wären.“ „Die Frage wäre auch, ob der IS so etwas überhaupt will. In Kolumbien haben die Konfliktparteien mustergültige Friedensverhandlungen geführt und gezeigt, dass es möglich ist, die Waffen ruhen zu lassen.“ „Die Farc hatte auch noch nachvollziehbare Ziele, eine Verbesserung des Lebens der unteren Schichten, der Kleinbauern etc. Beim IS finde ich es schwierig, sinnvolle Ziele anzugeben. Dieses verschwommene Kalifat. Einen Gottesstaat, der sich schwerlich mit dem gelehrten Islam verbinden lässt, höchstens mit den Kharijiten, einer frühislamischen, besonders blutrünstigen Sekte. Was haben die Menschen unter einer IS-Herrschaft zu gewinnen? Mehr Wohlstand? Nein. Mehr Mitbestimmungsrechte? Nein. Mehr Bildung? Nein. Mehr Gleichheit? Nein. Mehr Freiheit? Nein. Mehr Gewalt? Ja. Aber wer will mehr Gewalt? Wie verhandelst du mit Leuten, die verschwommene Ziele haben? Von denen du eigentlich nicht genau sagen kannst, wer sie überhaupt sind? Vielleicht kämpfen sie schlicht um des Kämpfens willen?“ „Also …: Gegründet 2003 vom kleinkriminellen Jordanier Abu Musab al-Zarkawi , unter dem Namen al-Tawhid wa al-Jihad («Monotheismus und Jihad»), kämpfen sie als Sunniten und Jihadisten gegen die Irak-Invasion der USA im Jahr 2003. Ihr Kampf richtet sich zum einen gegen die Koalitionsstreitkräfte, zum anderen gegen die Schiiten im Irak. Dabei schließen sich ihnen auch etliche Ex-Offiziere Saddam Husseins an, die sich während des Krieges stark radikalisiert haben. Von 2004 bis 2006 kämpfen sie unter dem Label al-Kaida im Irak (AQI) des Kaida-Chefs Usama bin Ladin. Ab 2011 weiten sich ihre Kämpfe und ihr Einfluss unter dem Namen Isis auf Syrien, später auf Libyen und andere nordafrikanische Staaten aus. Rekrutieren lassen sich Schiiten-Gegner, Leute, die keinen Platz mehr haben in den zerstörten Staatsstrukturen des Iraks und Syriens, die Verlierer der Staatsimplosionen, und auch sozial abgehängte und kulturell entfremdete Jugendliche aus dem Westen. Ich habe das Gefühl, du liegst nicht ganz falsch. Für mich sieht es ähnlich aus; die haben Mitglieder, die einfach aus Frust und Hass kämpfen wollen. Und mancher Abenteurer wird auch dabei sein.“ „Keine tollen Partner für Friedensverhandlungen. Dennoch … Vielleicht werden sie wie die Farc auch mal müde. Und dann kann man mit ihnen verhandeln. Eine gerechtere Gesellschaftsordnung haben sie nie angestrebt. Da genügt ihnen womöglich Straffreiheit und ein Neuanfang, vielleicht unter jeweils neuer Identität …?“ „Das hat jedenfalls den sogenannten Pentiti (ein Pentito ist ein Mafiamitglied, das plaudert) genügt, um aus der Mafia auszusteigen.“

 

 

Putzfrauenzyklus

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Queenie 2

Vor ein paar Tagen kam mir die Idee – mir kommen ständig irgendwelche Ideen – einen Bilderzyklus, etwa auf meiner Facebook-Seite, einzustellen: Putzfrauen. Nirgendwo habe ich realistische/authentische Bilder von Putzfrauen im Netz gefunden. Das ist eigentlich bemerkenswert. Einzig bei Duane Hansen bin ich fündig geworden, seine hyperrealistische Putzfrau ist eine Kunstfigur … Das ist immerhin bemerkenswert.

Trumpary

Tromperie

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„Wen wirst du wählen, Garfield: Trump oder Hillary?“ „Ha, das möchtest du gerne wissen …“ „Wenn du es nicht sagen willst, dann nehme ich an, du wählst Trump, den zukünftigen Diktator.“ „Ich glaube nicht, dass Trump zu der Sorte gehört. Er ist zu pragmatisch.“ „Pragmatisch!?“ „Diktatoren sind meistens unflexibel, sie tun stur das, was sie schon in ihrer Jugend tun wollten. Und sie bleiben dabei. Guck dir Hitlers „Mein Kampf“ an, da ist schon alles drin, was er später der Welt eingebrockt hat. Er hat sich stur dran gehalten. Für sie ist etwas entweder schwarz oder weiß. Diktatoren sind Ideologen. Ideologen sind keine Pragmatiker.“ „Und Trump?“ „Trump wechselt sofort die Meinung, wenn es opportun für ihn ist. Weißt du noch, wie er sagte: „Meine Gegner? Der kleine Marco Rubio und der Lügner Ted Cruz. Ich werde sie brutal schlagen.“ Jetzt hat er Ted Cruz zu seinem wichtigsten Unterstützer gemacht. Für Trump kann etwas in einem Moment schwarz, im andern weiß sein.“ „Ein politischer Lackmustest …? Da kann ich nicht mal schmunzeln. Wenn ich denke, was der Kerl so von sich gibt an unüberlegten Äußerungen. Da wird mir angst und bange. Nachdem das „Time“-Magazin die Merkel zur „Person des Jahres“ gewählt hat, sagte er: „Sie haben die Person gewählt, die Deutschland und Europa ruiniert.“ „Das denken viele, sagen’s aber nicht.“ „Oder US-Präsident Barack Obama habe die Miliz Islamischer Staat (IS) gegründet. Also ich bitte dich!“ „Irgendwann hat er in diesen Satz noch die Bushs mit einbezogen, deren Politik Obama im Nahen Osten lediglich fortgeführt haben soll, die hat er dann aber schnell wieder ausgelassen, die gehören ja zu seinem eigenen Camp. In der Tat ist es doch so, dass in den Irak-Kriegen alle staatlichen Strukturen wie Militär, Polizei etc., zerstört und nicht wieder durch neue ersetzt worden sind. Es entstand in dem Land ein Vakuum, in dem sich dann erst die Extremisten ausbreiten konnten. Trump hat nicht ganz unrecht. Er formuliert es nur unter der Gürtellinie. Ein Grund für seinen Erfolg ist, er sagt, was viele denken, aber nicht auszusprechen wagen. Aber aus Opportunitätsgründen würde er es auch wieder jederzeit zurücknehmen. Deshalb halte ich ihn nicht für extrem gefährlich.“ „Aha. Und für gefährlich …?“ „Risiko beinhaltet er schon.“ „Du überraschst mich. Und das wäre deiner Ansicht nach?“ „Trump erinnert mich stark an Berlusconi. Berlusconi war zwei Milliarden im Minus als er Ministerpräsident in Italien wurde, in andern Worten, pleite. Nach seiner Staatsämterzeit war er neun Milliarden im Plus, munkelt man.“ „Du meinst, Trump will sich im Amt sanieren …“ „Clinton hat eine Anspielung darauf gemacht. Eine sehr indirekte. Trump sei wohl nicht so reich wie er vorgäbe, weil er seine Einkommenssteuererklärung nicht veröffentlichen wolle. Leute wie Berlusconi betrachten den Staat wie eins ihrer Unternehmen, wie ihr Eigentum. Putin fällt mir da auch ein. Russland gehört Putin. Ein Busenfreund Berlusconis, mit dem sich auch Trump nach eigener Aussage gut verstehen würde.“ „Hm, interessant. Wie ist dann deine abschließende Bewertung, Garfield?“ „Trump trifft häufig den Nagel auf den Kopf. Er kann aber auch daneben liegen, einen Schnellschuss mit Folgen fabrizieren, ohne auf seine Berater zu hören, fürchte ich. Reagan hätte wahrscheinlich viel Unsinn anrichten können, hatte aber die Intelligenz, sich immer vor Entscheidungen eingehend beraten zu lassen. Trump ist in mehrerer Hinsicht ein Risiko. Clinton weniger. Sie hat nicht nur die nötige Intelligenz, auch das Wissen und die Regierungserfahrung. Sie ist kühl und überlegt.“ „Und wie glaubst du, geht die Wahl aus?“ „Es gibt viele Verlierer des amerikanischen Traums. Die setzen ihre Hoffnung eher in einen emotionalen Kraftmeier. Der kann das Steuer herumreißen, meinen sie. Es ist leider wie Trump über Amerika sagt: „Wir sind ein großartiges Land, aber wir sind so tief gesunken.“

 

 

 

 

 

 

Paterson, ein Film für Poeten

Gestern den Film Paterson (Regisseur Jim Jarmusch) gesehen.

Paterson ist Busfahrer in der gleichnamigen Stadt Paterson, einem grandiosen Kaff, in dem die Leben der Einwohner maximal ereignislos sind. Eins der sparsamen Highlights des Kaffs ist der freundliche Umgang nahezu sämtlicher Einwohner miteinander. Ausgerechnet Paterson gewinnt dem trögen Dasein Poesie ab. Er ist umfassend gebildet und ein begabter Dichter. Bevor er mit der Arbeit beginnt, schreibt er kurze Gedichte in sein kleines Notizbuch, und auch jede Arbeitspause nutzt er hierfür. Zunehmend wird alles Poesie, selbst Sätze der Barbesucher der muffigen Bar, in der Paterson allabendlich um dieselbe Zeit sein Bier trinkt, erscheinen poetisch.

Ich sehe schon Hunderte von Filmgängern irgendwo in der Stadt oder im Grünen auf Bänken, Mäuerchen, Mülltonnen sitzen und Gedichte in ihre Notizbücher kritzeln.

 

Leseprobe – Frust, Revolte und Normalität – Kapitel VI – Hilflosigkeit

Hilflosigkeit

Kapitel VI

Eine weitere Leseprobe aus dem Roman meiner Mutter

Da denke man sich einen feinfühligen Menschen, einen, dem man die Sensibilität schon von weitem ansieht. Sie nehmen ihn auseinander, sie hacken auf ihm herum, sie packen ihn an seinen empfindlichsten Stellen. Die vielen Augenpaare, die tagtäglich auf ihn gerichtet sind, entkleiden ihn erbarmungslos, bis er in seiner Blöße vor ihnen steht. Es ist bereits Routine, wird zum Automatismus. Dieses Lächerlichmachen, dieses Spiel, ihn langsam auf die Palme zu bringen, diese Bemühungen, keiner seiner Verführungskünste zu unterliegen und stattdessen in den Bänken hängen zu bleiben, lasch und uninteressiert, abzuschalten und ihn da vorne machen zu lassen, bis er aufgibt, bis er sie nicht mehr anzusehen wagt und sie Luft für ihn sind, wie er Luft für sie ist. Bei ihnen läuft sich jeder tot, auch die Lehrer mit dem forschen Ton, die so tun, als ob sie nur Fußballspiel und Tennis im Kopf hätten, die, die meinen, gleich zu Anfang die Störenfriede in den Klassen mit ein paar billigen Tricks lahmlegen zu können. Dabei kennt diese Tricks jeder, allesamt stammen sie aus der Mottenkiste von Opas Schule. Solche kann man leicht zur Strecke bringen. Da genügen die gröberen Mittel. Etwa Schwammschlachten oder das Aufstellen von Weckern an verborgenem Ort, die alle fünf Minuten Störung bringen. Auch Schnüre sind hilfreich, die man zwischen die Stuhlbeine spannt. Besonders wenn der Typ kurzsichtig ist, stolpert er todsicher und brüllt nachher wie ein Stier. Das freut einen, aber nicht zu sehr. Es ist mühsam, die Schnüre zu spannen, man muss sich dafür tief bücken, im Übrigen sind derlei Streiche zu kindisch, sie machen keinen richtigen Spaß. Also muss man sich etwas anderes einfallen lassen. Bei den Nervösen, den Sensibelchen unter den Lehrern, bei denen genügt es schon, wenn einer sich dauernd räuspert oder einer sich eine Strähne tief in die Stirn fallen lässt, so dass er aussieht wie Hitler.

Man kann auch das Klassenschild vertauschen, so dass der Übergenaue und Unfehlbare glauben muss, sich im Klassenzimmer getäuscht zu haben, in eine andere Klasse hineinrennt und lauter fremde Gesichter vor sich sieht wie in einem surrealistischen Film. Schweißtriefend kommt er endlich im Rektorat an und fragt, was denn heute los sei in der Schule. Die Sekretärin hebt irritiert ihre Brauen und weist den Kollegen darauf hin, dass nichts Besonderes gemeldet sei, er sollte ruhig nochmals nachschauen. Da haben sie inzwischen das Klassenschild zurückgetauscht und der Übergenaue kommt nach zwanzig Minuten Verspätung wegen seiner Irrwege bei der richtigen Klasse an, die ihn erstaunt angrinst. Was ist nur heute los mit ihm. Ist er verrückt oder sind es die Schüler?

Man weiß, dass es da kein Nachspiel gibt und eine solche Erziehungsarbeit an übergenauen Lehrern ihre Früchte trägt. Der wird in Zukunft sicher auf ihre speziellen Wünsche eingehen, damit so etwas nicht mehr passiert. Viel besser klappte es ein anderes Mal. Sie haben an die Tafel geschrieben, dass die Stunde ausfällt. Inzwischen tollten sie sorglos auf dem Schulhof herum und beobachteten, wie der betreffende Lehrer nach Hause ging. Er hatte sie nicht gesehen. Am nächsten Tag stellte ihn der Direktor wegen Dienstversäumnis zur Rede. Sie hatten sich brav ins Klassenzimmer gesetzt und prompt die Schrift abgewischt. Einer hatte im Sekretariat nachgefragt, wo denn der Lehrer bleibe, sie warteten schon zwanzig Minuten vergeblich auf ihn. Am nächsten Tag behaupteten sie natürlich, niemand habe etwas wegen eines Stundenausfalls an die Tafel geschrieben. So stand dieser Lehrer als übler Lügner vor seinem Direktor, der ihn verdächtigte, die letzte Stunde am Vormittag, zumal an einem sehr heißen Tag, blau gemacht zu haben.

Es gibt noch andere Methoden, solche, die keine kollektive Handlungsweise erfordern. Ein paar Leute betätigen sie immer wieder. Sie weisen dem Lehrer Korrigierfehler nach, nachdem sie die betreffende Stelle unmittelbar nach der Rückgabe der Arbeit ausgebessert hatten. So wird dieser gezwungen, die Note zu ändern, denn man kann nicht nachweisen, dass da nachträglich manipuliert wurde. Oder man schreibt absichtlich ganze Abschnitte vom Nebensitzer ab, um zu prüfen, wie genau der betreffende Lehrer korrigiert, ob er das Manöver bemerkt und anstreicht. Das ist eine Prüfung vonseiten der Schüler, die ihnen anzeigen soll, ob sie sich in Zukunft beim Abschreiben größere Mühe geben müssen, indem sie Varianten einbauen, oder ob man einfach textgleich abschreiben kann. Im Allgemeinen ist man für Durchrationalisierung und für ökonomischen Umgang mit seinen Kräften. Wörtliches Abschreiben ist immer vorzuziehen.

Man kann auch festlegen, grundsätzlich falsche Antworten zu geben oder solche, die unter die Gürtellinie gehen, wenn der Typ empfindlich auf Unverschämtheiten reagiert. Normalerweise kriegt man auch den arrogantesten Zyniker klein, denjenigen, der geglaubt hat, er könne ihnen mit seiner intellektuellen Überlegenheit Angst einjagen. Auch solche werden mit der Zeit zu farblosen, langweiligen Lehrern, die nur noch Minimalanforderungen an sie stellen und mit der Zeit mausgrau werden in ihrem ganzen Gehabe.

Diejenigen, die unter den Lehrern obsiegen, müssen Eigenschaften aufweisen, die es in der Kombination eigentlich nicht geben kann. Sie müssen einen scharfen Intellekt, primitiven Spürsinn, athletischen Körperbau mit affenartiger Gewandtheit und List im Umgang mit der Jugend verbinden. Die den Schülern vorgesetzten Lehrertypen sollen Idealfiguren sein, sollen in Konkurrenz treten mit anderen Idealfiguren aus der Öffentlichkeit, den Fernsehmoderatoren, den Showstars, den prominenten Politikern und Wirtschaftsmanagern, und zugleich ein kleinliches, vom täglichen Nahkampf gezeichnetes Gewerbe betreiben, wie es die Schule darstellt. Einerseits wüten die Schüler gegen den Lehrer, weil er nicht ihrem Idealtyp aus der Öffentlichkeit entspricht, andererseits hauen sie ihn so zusammen, dass er niemals zu diesem Idealtyp werden kann. Sie machen aus ihm einen jener Versagertypen, der jeden Nachmittag mühsam sein Selbstbewusstsein wiedergewinnen muss.

„An uns kühlt die Jugend ihren Mut, wir sind die Sündenböcke für entgangene Ideale, wir sind die Negativhelden aus den Comicstrips.“ Auf diese Formel bringen es Kollegen, die längst resigniert haben. „Und die Behörde mischt noch kräftig mit. Sie hat uns ebenso demontiert wie die gesamte Öffentlichkeit. Man hat uns aller Handhabung beraubt, um unseren eigentlichen Beruf, nämlich den des Erziehers, ausüben zu können. Man hat uns vor die unmögliche Aufgabe gestellt, einen Wagen zu lenken, dessen Deichsel abgeschraubt wurde. So ziehen wir fortwährend den Wagen nach einer anderen Richtung und die, die drinnen sitzen, die Schüler, lachen bis jetzt noch fröhlich über diese Fahrt kreuz und quer feldein. Sie tun dies so lange, bis der Wagen in sausender Fahrt umkippt und alle zerschmettert am Boden liegen. Es fehlt uns jede Legitimation. Man hat sie uns genommen, und keiner gibt sie uns wieder. Hier aber, in den Klassenzimmern, entscheidet sich alles. Hier muss der Lehrer das ausbaden, was seit l945 bei uns versäumt wurde. Man hat demontiert, aber man hat nichts Neues an die alte Stelle gesetzt. Neue Lehrpläne, neue Lehrbücher, neue Lehrstühle für Erziehungswissenschaftler? Damit baut man keine neue Erziehung auf, damit schafft man keinen neuen Lehrertypus, damit schafft man höchstens neue Instrumente, die man in die Hände derer gibt, die nichts damit anzufangen wissen, denn man hat die Schule in ihrem täglichen Ablauf kurzerhand sich selbst überlassen. Es herrscht das Faustrecht. Jeder muss sehen, wie er zurechtkommt. Niemanden interessiert, was sich hinter den einzelnen Klassenzimmertüren abspielt.“

Der Direktor hofft, dass nichts nach außen dringt, was ihn zu einem Schreiben an die Behörde veranlassen müsste. Ruhe bewahren war noch immer das beste Rezept. Auch er fühlt sich allein gelassen, auch seine Seele ist einsam, auch er bekommt nirgendwo her ein Trostpflaster, und die tägliche Tasse Kaffee, die ihm seine Sekretärin reicht, kann man ja wohl nicht als ausreichend betrachten angesichts der Probleme.

Der Roman ist erhältich bei Amazon.

 

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