Leseprobe – Frust, Revolte und Normalität – Kapitel VI – Hilflosigkeit

Hilflosigkeit

Kapitel VI

Eine weitere Leseprobe aus dem Roman meiner Mutter

Da denke man sich einen feinfühligen Menschen, einen, dem man die Sensibilität schon von weitem ansieht. Sie nehmen ihn auseinander, sie hacken auf ihm herum, sie packen ihn an seinen empfindlichsten Stellen. Die vielen Augenpaare, die tagtäglich auf ihn gerichtet sind, entkleiden ihn erbarmungslos, bis er in seiner Blöße vor ihnen steht. Es ist bereits Routine, wird zum Automatismus. Dieses Lächerlichmachen, dieses Spiel, ihn langsam auf die Palme zu bringen, diese Bemühungen, keiner seiner Verführungskünste zu unterliegen und stattdessen in den Bänken hängen zu bleiben, lasch und uninteressiert, abzuschalten und ihn da vorne machen zu lassen, bis er aufgibt, bis er sie nicht mehr anzusehen wagt und sie Luft für ihn sind, wie er Luft für sie ist. Bei ihnen läuft sich jeder tot, auch die Lehrer mit dem forschen Ton, die so tun, als ob sie nur Fußballspiel und Tennis im Kopf hätten, die, die meinen, gleich zu Anfang die Störenfriede in den Klassen mit ein paar billigen Tricks lahmlegen zu können. Dabei kennt diese Tricks jeder, allesamt stammen sie aus der Mottenkiste von Opas Schule. Solche kann man leicht zur Strecke bringen. Da genügen die gröberen Mittel. Etwa Schwammschlachten oder das Aufstellen von Weckern an verborgenem Ort, die alle fünf Minuten Störung bringen. Auch Schnüre sind hilfreich, die man zwischen die Stuhlbeine spannt. Besonders wenn der Typ kurzsichtig ist, stolpert er todsicher und brüllt nachher wie ein Stier. Das freut einen, aber nicht zu sehr. Es ist mühsam, die Schnüre zu spannen, man muss sich dafür tief bücken, im Übrigen sind derlei Streiche zu kindisch, sie machen keinen richtigen Spaß. Also muss man sich etwas anderes einfallen lassen. Bei den Nervösen, den Sensibelchen unter den Lehrern, bei denen genügt es schon, wenn einer sich dauernd räuspert oder einer sich eine Strähne tief in die Stirn fallen lässt, so dass er aussieht wie Hitler.

Man kann auch das Klassenschild vertauschen, so dass der Übergenaue und Unfehlbare glauben muss, sich im Klassenzimmer getäuscht zu haben, in eine andere Klasse hineinrennt und lauter fremde Gesichter vor sich sieht wie in einem surrealistischen Film. Schweißtriefend kommt er endlich im Rektorat an und fragt, was denn heute los sei in der Schule. Die Sekretärin hebt irritiert ihre Brauen und weist den Kollegen darauf hin, dass nichts Besonderes gemeldet sei, er sollte ruhig nochmals nachschauen. Da haben sie inzwischen das Klassenschild zurückgetauscht und der Übergenaue kommt nach zwanzig Minuten Verspätung wegen seiner Irrwege bei der richtigen Klasse an, die ihn erstaunt angrinst. Was ist nur heute los mit ihm. Ist er verrückt oder sind es die Schüler?

Man weiß, dass es da kein Nachspiel gibt und eine solche Erziehungsarbeit an übergenauen Lehrern ihre Früchte trägt. Der wird in Zukunft sicher auf ihre speziellen Wünsche eingehen, damit so etwas nicht mehr passiert. Viel besser klappte es ein anderes Mal. Sie haben an die Tafel geschrieben, dass die Stunde ausfällt. Inzwischen tollten sie sorglos auf dem Schulhof herum und beobachteten, wie der betreffende Lehrer nach Hause ging. Er hatte sie nicht gesehen. Am nächsten Tag stellte ihn der Direktor wegen Dienstversäumnis zur Rede. Sie hatten sich brav ins Klassenzimmer gesetzt und prompt die Schrift abgewischt. Einer hatte im Sekretariat nachgefragt, wo denn der Lehrer bleibe, sie warteten schon zwanzig Minuten vergeblich auf ihn. Am nächsten Tag behaupteten sie natürlich, niemand habe etwas wegen eines Stundenausfalls an die Tafel geschrieben. So stand dieser Lehrer als übler Lügner vor seinem Direktor, der ihn verdächtigte, die letzte Stunde am Vormittag, zumal an einem sehr heißen Tag, blau gemacht zu haben.

Es gibt noch andere Methoden, solche, die keine kollektive Handlungsweise erfordern. Ein paar Leute betätigen sie immer wieder. Sie weisen dem Lehrer Korrigierfehler nach, nachdem sie die betreffende Stelle unmittelbar nach der Rückgabe der Arbeit ausgebessert hatten. So wird dieser gezwungen, die Note zu ändern, denn man kann nicht nachweisen, dass da nachträglich manipuliert wurde. Oder man schreibt absichtlich ganze Abschnitte vom Nebensitzer ab, um zu prüfen, wie genau der betreffende Lehrer korrigiert, ob er das Manöver bemerkt und anstreicht. Das ist eine Prüfung vonseiten der Schüler, die ihnen anzeigen soll, ob sie sich in Zukunft beim Abschreiben größere Mühe geben müssen, indem sie Varianten einbauen, oder ob man einfach textgleich abschreiben kann. Im Allgemeinen ist man für Durchrationalisierung und für ökonomischen Umgang mit seinen Kräften. Wörtliches Abschreiben ist immer vorzuziehen.

Man kann auch festlegen, grundsätzlich falsche Antworten zu geben oder solche, die unter die Gürtellinie gehen, wenn der Typ empfindlich auf Unverschämtheiten reagiert. Normalerweise kriegt man auch den arrogantesten Zyniker klein, denjenigen, der geglaubt hat, er könne ihnen mit seiner intellektuellen Überlegenheit Angst einjagen. Auch solche werden mit der Zeit zu farblosen, langweiligen Lehrern, die nur noch Minimalanforderungen an sie stellen und mit der Zeit mausgrau werden in ihrem ganzen Gehabe.

Diejenigen, die unter den Lehrern obsiegen, müssen Eigenschaften aufweisen, die es in der Kombination eigentlich nicht geben kann. Sie müssen einen scharfen Intellekt, primitiven Spürsinn, athletischen Körperbau mit affenartiger Gewandtheit und List im Umgang mit der Jugend verbinden. Die den Schülern vorgesetzten Lehrertypen sollen Idealfiguren sein, sollen in Konkurrenz treten mit anderen Idealfiguren aus der Öffentlichkeit, den Fernsehmoderatoren, den Showstars, den prominenten Politikern und Wirtschaftsmanagern, und zugleich ein kleinliches, vom täglichen Nahkampf gezeichnetes Gewerbe betreiben, wie es die Schule darstellt. Einerseits wüten die Schüler gegen den Lehrer, weil er nicht ihrem Idealtyp aus der Öffentlichkeit entspricht, andererseits hauen sie ihn so zusammen, dass er niemals zu diesem Idealtyp werden kann. Sie machen aus ihm einen jener Versagertypen, der jeden Nachmittag mühsam sein Selbstbewusstsein wiedergewinnen muss.

„An uns kühlt die Jugend ihren Mut, wir sind die Sündenböcke für entgangene Ideale, wir sind die Negativhelden aus den Comicstrips.“ Auf diese Formel bringen es Kollegen, die längst resigniert haben. „Und die Behörde mischt noch kräftig mit. Sie hat uns ebenso demontiert wie die gesamte Öffentlichkeit. Man hat uns aller Handhabung beraubt, um unseren eigentlichen Beruf, nämlich den des Erziehers, ausüben zu können. Man hat uns vor die unmögliche Aufgabe gestellt, einen Wagen zu lenken, dessen Deichsel abgeschraubt wurde. So ziehen wir fortwährend den Wagen nach einer anderen Richtung und die, die drinnen sitzen, die Schüler, lachen bis jetzt noch fröhlich über diese Fahrt kreuz und quer feldein. Sie tun dies so lange, bis der Wagen in sausender Fahrt umkippt und alle zerschmettert am Boden liegen. Es fehlt uns jede Legitimation. Man hat sie uns genommen, und keiner gibt sie uns wieder. Hier aber, in den Klassenzimmern, entscheidet sich alles. Hier muss der Lehrer das ausbaden, was seit l945 bei uns versäumt wurde. Man hat demontiert, aber man hat nichts Neues an die alte Stelle gesetzt. Neue Lehrpläne, neue Lehrbücher, neue Lehrstühle für Erziehungswissenschaftler? Damit baut man keine neue Erziehung auf, damit schafft man keinen neuen Lehrertypus, damit schafft man höchstens neue Instrumente, die man in die Hände derer gibt, die nichts damit anzufangen wissen, denn man hat die Schule in ihrem täglichen Ablauf kurzerhand sich selbst überlassen. Es herrscht das Faustrecht. Jeder muss sehen, wie er zurechtkommt. Niemanden interessiert, was sich hinter den einzelnen Klassenzimmertüren abspielt.“

Der Direktor hofft, dass nichts nach außen dringt, was ihn zu einem Schreiben an die Behörde veranlassen müsste. Ruhe bewahren war noch immer das beste Rezept. Auch er fühlt sich allein gelassen, auch seine Seele ist einsam, auch er bekommt nirgendwo her ein Trostpflaster, und die tägliche Tasse Kaffee, die ihm seine Sekretärin reicht, kann man ja wohl nicht als ausreichend betrachten angesichts der Probleme.

Der Roman ist erhältich bei Amazon.

 

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