Die Toten von nebenan – Roman – im Buchhandel

Der Roman spielt in einem möglichen Jenseits. Dieses ist kein düsterer Ort, sondern eine Parallelgesellschaft mit sozialen Strukturen und Intrigen. Das Setting ist skurril gemütlich.

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Leseprobe – Im Schatten des Widerstands

 

 Kapitel 1

         Der Spätsommer neigte sich seinem Ende zu. Die letzten Septembertage waren noch so sonnig und warm, dass man glaubte, es ginge ewig so weiter, der Herbst mit seinen düsteren, nassen Tagen bliebe einem erspart. Pfarrer Adolf Herrmann und seine Frau Gertrud machten ihren üblichen Montagabendspaziergang. In gemächlichem Tempo erreichten sie den Dorfrand von Illmandingen und ließen die asphaltierte Hauptstraße hinter sich.

        Die von Gras bewachsenen Pfade führten über die Hochfläche der Schwäbischen Alb, deren Hügelkuppen sich in der untergehenden Sonne allmählich rosa verfärbten. Die Ebene verschwamm in duftigem Blau und es wehte kein Lüftchen.

       Pfarrer Herrmanns Blick schweifte in die Weite. Normalerweise befriedigte ihn die Schönheit der spätsommerlichen Landschaft zutiefst, versetzte ihn in eine fast meditative, ausgeglichene Stimmung. In letzter Zeit konnte er die Idylle aber nicht mehr genießen. Ihn plagte ohne Unterlass eine innere Unruhe. Manchmal war er so aufgebracht, dass sein Gesicht rot anlief und er auf einmal laut, fast schnaubend, ein- und ausatmete.

         Die jüngsten Ereignisse, die das Land erschüttert hatten, ließen ihm keine Ruhe. Die Machtergreifung Hitlers, gerade einmal sieben Monate her, hatte seine gewohnte Welt rasant und grundlegend verändert.

         Gertrud kannte schon diesen verkrampften Ausdruck um seine Mundwinkel. Sie blickte auf sein zitterndes Kinn und entfernte sich im Gehen einen halben Schritt von seiner Seite.

         Seit Wochen haderte er mit sich. Wie hatte er sich von den Verheißungen Hitlers blenden lassen können? Warum war er nur den Hitler-treuen Deutschen Christen beigetreten und hatte ihre Lügen übersehen? Aber er war ja nicht der Einzige. Selbst der württembergische Kirchenpräsident, der evangelische Landesbischof Theophil Wurm, hatte zunächst Hitlers Kanzlerschaft begrüßt. Sie alle hatten anfangs gehofft, dass Hitler das Land einigen und zu Wohlstand führen würde. Sobald er jedoch als Reichskanzler fest im Sattel saß, unterwanderten seine Gefolgsleute skrupellos sämtliche gesellschaftliche Institutionen, bis hin zu den Kirchen.

       „Wie konnte ich nur so blind sein?“, schimpfte er sich selbst.

       Gertrud sah sich nervös um.

       Seine Stimme schwoll an. „Hat der Kerl doch in seiner Regierungserklärung behauptet, dass er im Christentum die unerschütterlichen Fundamente des sittlichen und moralischen Lebens unseres Volkes   sieht …“ Ihm wurde heiß, er wischte sich mit dem Handrücken Schweiß von der Stirn.

         Seine Frau musterte ihn von der Seite. Sie sah besorgt aus, ihre Miene verriet aber auch Unverständnis. Pfarrer Herrmann wusste nur zu gut, Gertrud verabscheute spontane Gefühlswallungen, konnte es nicht leiden, wenn jemand unbeherrscht reagierte, seine Empfindungen zu offen zeigte. Also musste er sich beruhigen, bevor ihm ein Blutschwall zu Kopf stieg und ihm im Eifer seiner Rede womöglich noch Spucketröpfchen aus dem Mund sprühten. Und so beschwichtigte er sich, sagte sich innerlich eindringlich vor, dass er ja eine Hundertachtziggradwende vollzogen hatte. Er hatte sich neu positioniert, war nun ins Lager der Empörten übergewechselt, der Hitlergegner.

         Kürzlich hatte er an der von Landesbischof Wurm einberufenen Pfarrerversammlung teilgenommen, die eindeutig die brutalen Machtbestrebungen der Deutschen Christen verurteilt hatte. Über tausend württembergische Pfarrer hatten in der Versammlung laut dagegen protestiert, dass diese Bande mit einer Verfassungsänderung sämtliche evangelische Landeskirchen unter ihre Kontrolle bringen wollte. Ihr Ziel war es, die Landeskirchen gleichzuschalten und einer einheitlichen von der NSDAP kontrollierten Reichskirche zu unterwerfen. Ganz davon zu schweigen, dass sie auch planten, alle demokratischen Mitbestimmungsrechte innerhalb der Kirche abzuschaffen.

         Pfarrer Herrmann riss sich zusammen, nicht zu hyperventilieren. Ihm fehlte auf einmal die Luft.

         „Du regst dich schon wieder viel zu sehr auf, du bist puterrot im Gesicht!“, rief seine Frau endlich aus und wurde ihrerseits blass.

         Pfarrer Herrmann konnte nicht mehr weitergehen, er musste sich hinsetzen. Es gab keine Bank am Wegesrand, also setzte er sich einfach ins Gras. Gertrud raffte vorsichtig ihren langen Baumwollrock und setzte sich umständlich neben ihn; der Stoff sollte nicht mit dem schmutzigen Gras in Berührung kommen. Seine Erregung war ihr sichtlich nicht geheuer, sie machte ein Gesicht, als hätte sie Zahnweh. „Dieser Hitler und seine Kumpane, das ist es doch nicht wert …“, versuchte sie es halbherzig. Dabei runzelte sie die Stirn, wie immer, wenn sie etwas sagte, das nicht ihrer Überzeugung entsprach. Denn es war es durchaus wert, sich darüber aufzuregen, wie brutal dieser österreichische Gefreite das Land unter seine Kontrolle bringen wollte.

         Pfarrer Herrmann quälte sich weiter, rupfte so heftig einen Büschel Gras aus dem Boden, dass die Wurzeln mitkamen. Hitler hatte von Anfang an gelogen, und es half Pfarrer Herrmann nicht wirklich, dass seine Frau und auch er vor sich selbst wiederholt betonten, dass die meisten seiner Kollegen und selbst Bischof Wurm auf Hitlers Täuschungen hereingefallen waren.

         Noch am selben Abend würde er schriftlich seinen Austritt aus den Deutschen Christen erklären. Er hatte bereits viel zu lange gewartet. Spätestens, als die Kerle auch noch die Bibel umgestalten, sie an ihre nationalsozialistische Ideologie anpassen wollten, hätte er einen Schlussstrich ziehen sollen. Alle „jüdischen Elemente“ wollten sie aus der Bibel entfernen, das Alte Testament ersatzlos streichen … „Barbaren“, grummelte er so leise vor sich hin, dass es Gertrud nicht hören sollte. Warum hatte er gewartet? Vielleicht weil er gehofft hatte, dass alles nicht so schlimm werden würde, die Deutschen Christen zurückruderten. Aber das geschah nicht.

         Seine Entscheidung brachte ihm eine kleine Erleichterung, kühlte ein wenig sein Gemüt.

         Pfarrer Herrmann und seine Frau schwiegen nun, er verbissen, sie, er wusste nicht, wie: besorgt, verdrossen, und sahen auf die karge Landschaft. Hinter den dunkelnden Wiesen zeichneten sich die Hügelkuppen nun in einem tieferen Rot ab und ganz allmählich wechselten die Farben in ein trübes Violett, das bald in ein Braun und Schwarzgrau übergehen würde.

         Auf einmal streichelte Gertrud seine Hand, rhythmisch und eindringlich, als beruhige sie ein wildes Tier, und Pfarrer Herrmann seufzte tief. Nur ganz selten geriet er in den Genuss einer sanften Berührung seiner Frau. Gertrud vermied normalerweise den Körperkontakt. Und diese schmerzliche Überlegung führte ihn zum nächsten bedrückenden Thema.

       Auch ihr einziges Kind Rose beschäftigte ihn sehr. Rose lebte zum ersten Mal alleine in der Stadt. Sie hatten sie in Tübingen bei Pensionseltern untergebracht, damit sie dort aufs Gymnasium gehen konnte. Auf der Schwäbischen Alb gab es keine Schule, in der eine so begabte Schülerin wie Rose angemessen gefördert werden konnte. Nun saß sie ganz alleine in Tübingen, im zarten Alter von zwölf Jahren.

         „Du denkst nicht mehr an Hitler, sondern an die Rose, stimmt’s?“ Gertrud kannte ihn mittlerweile so gut, dass sie bestimmte Gedanken aus seinem Gesicht lesen konnte. Neulich hatte sie bemerkt: „Wenn du an die Rose denkst, verziehst du einen Mundwinkel, so dass es wie ein trauriges Lächeln aussieht.“

         Pfarrer Herrmann nickte nur und schluckte.

         Rose hatte bislang aus Tübingen nur einen einzigen Brief geschrieben, und der war kurz und nichtssagend gewesen.      Wahrscheinlich hatte sie so viel zu tun, dass das normal war, hatte Gertrud ihn zu beruhigen versucht. Aber in seinem Kopf drehten sich die Gedanken weiter: Sie ist zum ersten Mal alleine. Sie ist in der Stadt. Sie besucht eine neue Schule. Alles ist ungewohnt, und da ist niemand, der ihr hilft …

       Gertrud drückte seine Hand. „Du weißt doch, Rose ist gut untergebracht. Die Sihlers sind anständige Leute, ein Polizistenehepaar. Sicherer kann sie nicht sein.“

         „Aber das sind für Rose völlig fremde Leute“, protestierte er bereits wieder eine Spur zu heftig.

         Gertrud schüttelte den Kopf. „Es ist merkwürdig, dass du dich wegen der Rose so ängstigst. Du hast von Rose nie groß Notiz genommen. Warst immer in deinem Studierzimmer vergraben.“ Sie machte eine Pause. „Selten hast du dich länger mit ihr beschäftigt, dir Zeit für sie genommen.“

         Pfarrer Herrmann verzog das Gesicht. Das stimmte. Er hatte sich nie groß mit seiner Tochter unterhalten. Aber er hatte immer für sie gesorgt. Als es im Dorf kein Gemüse zu kaufen gab, war er jeden Tag, auch im Winter bei kältesten Temperaturen, zwanzig Kilometer über Land geradelt, um im Umkreis Gemüse für seine kleine Rose zu besorgen. Er hatte sich davon einen günstigen Einfluss auf ihre Gesundheit und ihr Wachstum erhofft. Ja, gesprochen hatten sie wenig miteinander. Sie war ja auch nur ein Kind. In seinem Elternhaus hatte der Vater nie mit den Kindern geredet. Der Vater hatte seine Arbeit zu erledigen, er war der Ernährer, und nur die Mutter und die Magd hatten sich um ihn und seine vier Brüder gekümmert. So war es eben gewesen. Generationen verhielten sich auf dieselbe Art und Weise und man stellte es nicht in Frage. Irgendwie hatte sich diese Arbeitsteilung bewährt. Aber jetzt plagten ihn Zweifel und Gewissensbisse. Hatte er seine Tochter zu wenig beachtet? Er sah im Geist die Rose mit ihren Spielkameraden die Dorfstraße entlang rennen, laut jauchzend, und seine Augen brannten, weil sich Tränen in ihnen sammelten. Erst jetzt, da sie fort war, er sie zum ersten Mal in ihrem gesamten gemeinsamen Leben nicht jeden Tag sah, nur seine Frau und die Magd mit ihm im Pfarrhaus am Esstisch aßen, erst da wurde ihm klar, wie sehr er seine Tochter liebte. Nie hätte er einen solchen Trennungsschmerz für möglich gehalten. Er wandte sich seiner Frau zu, die einfach nur in die Landschaft blickte, ein Ochsengespann in der Ferne zu beobachten schien, das Holz transportierte.

         Seiner Frau Gertrud merkte er nichts an. Sie war wie immer. Sie hatte bislang nicht die kleinste Sorge um Rose geäußert. Irgendwie schien ihm das nicht normal. Wirklich wundern tat es ihn aber nicht.

Kapitel 2

         Um die fremde Umgebung bei den Sihlers vor dem Schlafen auszublenden, stellte sich Rose ihre alten Spielkameraden vor, dachte an die wilde Heike mit ihren braunen Zöpfen. Die verprügelte gerne die gleichaltrigen Jungs. Und manchmal bewarf sie die Kerle sogar mit Kuhmist. Rose schmunzelte, dann flossen ihr wieder Tränen aus den Augen, wenn sie die Wiesen, die Bäume, die Hügel, den weiten Horizont der Schwäbischen Alb im Geist vor sich vorüberziehen ließ. Noch trostloser fühlte sie sich, wenn sie zum Fenster ihrer Kammer hochblickte. Der rotkarierte Vorhang dunkelte kaum ab. Die Straßenlaterne warf ein milchiges Licht durch den Stoff auf ihr Bett. Draußen führte eine Hauptverkehrsstraße vorbei und so wanderten unzählige Scheinwerfer über die Decke.

         An den Lärm der Fahrzeuge hatte sie sich schon fast gewöhnt. Die Straße war aber nicht so laut, dass sie die Geräusche aus der Küche nicht mehr hörte, mit der ihre Kammer eine dünne Wand teilte. Wenn sie ihr Ohr an die Wand legte, verstand sie deutlich jedes Wort, das dort gesprochen wurde. Heute Abend hatte Herr Sihler wieder seine Kumpane eingeladen. Frau Sihler musste dann Bier und Wurstbrote servieren. Bei den Unterhaltungen war Frau Sihler nicht dabei; Rose hatte sie jedenfalls noch nie etwas sagen hören.

         Je später der Abend wurde, desto ausgelassener redeten die Männer aufeinander ein. Rose konnte nicht einschlafen, also horchte sie an der Wand.

         Die Männer lachten roh.

         „Wie der Singer geglotzt hat, als die Riesenscheibe zerbrach.“

         „In tausend Stücke zerborsten. Splitter nach allen Seiten gespritzt.“

         „Die Schürstangen haben ganze Arbeit geleistet. Das gute alte Gusseisen.“

         „Und seine Olle erst!“

         „Als wir dann durch die eingetretene Tür reinmarschiert sind. Die konnten es nicht fassen.“

         „Ha, Eddi hat alles abgeräumt. Die Uhren, die Armbänder.“

         „Und ich hab noch die Ringe eingesackt.“

         „Die Halsbänder, das Silber …“

         „Das gibt es im Leben nur einmal, dass du sowas machen darfst, ungestraft Schaufenster einschmeißen und dann auch noch den Schmuck klauen.“

         „Jetzt jammerst du nicht mehr über den Mitgliederbeitrag, was Roland? Den hast du hundertmal drinnen. Wolltest ja aus der SA schon wieder austreten, nur wegen dem lumpigen Zaster.“

         Ab und zu forderte Herr Sihler, Ruedi Sihler, die anderen auf, nicht so laut zu sein. Dann kamen die Stimmen gedämpfter durch die Wand. Aber jetzt lachten sie wieder. Worüber?

         „Wie du nur auf die Idee gekommen bist, dem Singer dann noch eine Ohrfeige zu verpassen.“

         „Mann, habt ihr sein Gesicht gesehen! Der war völlig weg. Damit hätte der nie gerechnet, der feine Herr. Hat uns nur verdattert angestiert, hat sich nicht mal gewehrt.“

         „Du warst ja noch schlimmer, Eddi …“

         Jetzt johlten sie.

         „Als du der Ollen angedroht hast, ihren Gemahl zu töten.“

         Sie johlten und grölten.

         Was kam jetzt?

         „Das Gesicht von der Singer. Besser als im Kino. Stand nur starr da mit riesigen Augen. Hat keinen Mucks von sich gegeben.“

         „So ist’s recht. Die Singer weiß, wie eine Frau sich zu benehmen hat. Eine Frau soll gehorchen und kuschen.“

         „Und wenn sie’s nicht tut, dann sollte man ihr eine gehörige Abreibung verpassen.“

         Jetzt grölten sie ein Heil auf den Führer. Dreimal Heil. Und stießen klirrend Bierhumpen aneinander.

         Rose drehte sich von der Wand weg und streckte sich aus. Sie versuchte, nicht mehr auf die Geräusche aus dem Nebenraum zu achten. Die Matratze war weich, die Kissen und die Decke sogar aus Daunen. An ihrem Bett hatten sie nicht gespart. Auch sonst waren die Sihlers sehr freundlich zu ihr. Ihre Freundlichkeit war von Anfang an tröstlich gewesen.

         Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie ganz alleine. Sie hatte eine höllische Angst vor den Sihlers gehabt, wie sie hier eingezogen war. Wildfremde Leute, als Ungeheuer hatte sie sich die Sihlers ausgemalt. Und dann hatte Frau Sihler sie regelrecht verwöhnt. Machte ihr zum Frühstück jeden Morgen heißen Kakao, in den Rose frisches Weißbrot tunken durfte.

         Frau Sihler nahm sie ernst, vertraute ihr sogar Geheimnisse an. Und auch Herr Sihler behandelte Rose mit Respekt. Fast wie eine kleine Dame. Auch er hatte ihr schon manches anvertraut. Zum Beispiel, dass seine Frau unter hormonellen Störungen litt und sich gewisse Dinge einbildete, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun hätten, was auch immer das heißen sollte.

         Weil Herr Sihler Rose wie ein Fräulein behandelte, nahm sie es nicht so ernst, wie seine Kumpane redeten. Sie hatte die Männer bislang auch noch nie zu Gesicht bekommen. Es kam ihr so vor, als hörte sie lediglich Stimmen im Radio.

         Zu ihr waren die Sihlers immer freundlich, zueinander waren sie aber weniger nett. Sie waren sogar derart zerstritten, dass sie nur noch mittels geschriebener Zettel miteinander sprachen. Und sie, Rose, musste die Zettelbotschaften überbringen.

         Rose seufzte und beobachtete die in den Scheinwerfern tanzenden Staubkörner. Es war eine Erleichterung, dass vor allem Frau Sihler solchen Gefallen an ihr fand.

         Frau Sihler hatte ihr erzählt, dass sie keine Kinder bekommen konnte. Vielleicht hing es damit zusammen. Gestern hatte sie Rose sogar ein großes Geheimnis anvertraut. „Ich kann die Nazibande nicht leiden“, hatte sie ihr freiheraus am Frühstückstisch mitgeteilt, als Herr Sihler schon zur Arbeit gegangen war. „Die Nazis sind primitiv und brutal.“ Frau Sihlers Gesicht hatte sich so verzerrt, dass sie auf einmal böse aussah. „Seit Ruedi bei den Schlägertrupps mitmacht, ist er bei mir vollends unten durch.“ Sie hatte sich geräuspert. Eine längere Sprechpause gemacht. Was wollte sie nur mitteilen, hatte sich Rose gefragt. Genierte sie sich wegen irgendetwas? „Er geht ja schon seit Jahren fremd“, hatte Frau Sihler endlich herausgebracht. Was war Fremdgehen? Rose hatte das Wort noch nie gehört. Es schien aber schwerwiegend zu sein. Schlimmer, als Nazi zu sein, hatte Rose das Gefühl. „Deshalb bekommt er von mir jeden Morgen seine Portion Soda in den Kaffee.“ Rose wusste auch nicht, was Soda war, ahnte bloß, dass Frau Sihler ihren Mann mit Soda im Kaffee bestrafte, Soda eine üble Wirkung haben musste.

         „Wenn vor deinen Augen Unrecht geschieht“, hatte Frau Sihler sich dann eindringlich an Rose gewandt, „dann hat man das Recht, ja die Pflicht, etwas dagegen zu unternehmen.“ Es hatte feierlich geklungen, als legte sie einen Schwur ab. Auf einmal hatte sie befriedigt gelacht: „Ha, heute Morgen hat er wieder seine Portion gekriegt … Ich hab ihm auch schon die Meinung gesagt, was ich von Hitler halte. Das gefällt ihm gar nicht. Ruedi kann schrecklich aufbrausen. Ich hoffe nur, dass ihm eines Tages nicht die Hand ausrutscht … Irgendwann kriegt er auch noch sein Fett weg …“, hatte sie schließlich voller Eifer angekündigt und von dem frisch aufgebrühten Kaffee getrunken.

         Rose drehte sich im Bett zur anderen Seite, weg von der Wand, und überlegte, ob es klug von Frau Sihler war, sich gegen ihren Mann zu stellen. Dann dachte sie allgemeiner, ob es klug war, sich gegen die Nazis zu stellen, wenn sie gewalttätig waren. Ihr fiel das Bibelzitat an: Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben. Und sie lobte sich selbst, dass sie bis jetzt wie geschmiert vorangekommen war. Die Grundschule auf der Alb hatte sie mit Auszeichnung abgeschlossen. Das Lernen war ihr leichtgefallen, es hatte ihr immer schon Spaß gemacht, und so hatte sie regelmäßig mehr gelernt, als ihr von den Lehrern aufgetragen worden war. Bei ihr zuhause fehlte es nicht an Büchern. Sie hatte Stunden in der Bibliothek ihres Vaters verbracht, dort in einem Sessel gelesen, während er an seinem Schreibtisch Zigarre rauchend hinter einer Zeitung gesteckt oder ebenfalls Bücher studiert hatte. Wohl deshalb kam sie nun schon recht gut mit in der neuen Schule.

         Die ersten drei Wochen waren dennoch schwierig gewesen. Der Unterricht in der Stadt war wesentlich anspruchsvoller. Seit gestern hatte sie aber den Eindruck, dass sie bald wieder den Spitzenplatz in der Klasse besetzen würde.

         Was ihr mehr Sorgen bereitete, waren die vielen neuen Gesichter. Zwanzig Mädchen, die sie vorher noch nie gesehen hatte. Ihre Mutter hatte ihr gesagt, dass sie sich bald an all das Neue gewöhnen würde. Nun waren aber schon fast vier Wochen vergangen und ihre Mitschülerinnen waren ihr nach wie vor völlig fremd. Sie sahen auch anders aus. Sie waren modischer gekleidet als sie, waren mädchenhafter. Einige hatten bereits den Anflug eines Busens.

         Rose biss sich auf die Unterlippe. Anfangs hatten die anderen Mädchen sie gar nicht ernst genommen, sie übersehen. Sicher, weil sie so klein war, noch so kindlich. Dann hatten sie gemerkt, dass sie im Unterricht alle Fragen beantworten konnte, nie um eine Antwort verlegen war. Von da an fand sie zwar Beachtung, aber keine Sympathie. Nur im Sport, wo sie die schnellste Kurzstreckenläuferin war, zeigten sie ihr auf ihre Weise ein kleines Stück Zuneigung, indem sie sie anerkennend die Herrmänne nannten.

         Rose sah auf ihre abgewetzte Armbanduhr und seufzte leise. Morgen wäre wieder ein anstrengender Schultag, sie musste unbedingt einschlafen. Jetzt war es schon bald Mitternacht. Ihr kamen erneut Tränen. Sie fühlte sich jetzt mutterseelenallein.

         Bevor das Heimweh ihr Kissen durchnässte, stellte sie sich den heißen Kakao vor, den ihr Frau Sihler morgen zum Frühstück zubereiten würde. Sie schmeckte die sämige Schokolade am Gaumen, roch den Schokomilchduft in der Nase und schlief dann endlich mit einem sanften Wärmegefühl im Magen ein.

Kapitel 3

         Pfarrer Herrmann tippte auf seiner Adler das Austrittsgesuch an die Deutschen Christen. Er schlug heftig in die Tasten und schimpfte dabei laut vor sich hin. Mit einem Ratsch riss er den Brief aus der Maschine, unterschrieb ihn so vehement, dass sich die Feder seines Füllers spreizte und ein Tintenklecks übers Papier spritzte. Auf einmal hielt er inne. Im Haus war kein Laut zu hören. Er horchte in die Stille hinein, ob sich nicht doch etwas regte. Nein, da war kein Geräusch, nicht das geringste.

         Diese Stille war nicht normal. Durch sie schien das Pfarrhaus noch größer. Wenn ein so großes Haus, mit seinen zwölf Zimmern, so still war, dann hatte das etwas Bedrohliches.

         Pfarrer Herrmann zerknüllte den befleckten Brief, spannte ein neues Blatt ein und hämmerte ein zweites Mal in die Tasten. Das Geklapper der Maschine empfand er geradezu als wohltuend. Als er dann aber den Brief ein zweites Mal unterzeichnete und mit einem lauten Knall den Amtsstempel unter seinen Namen gehauen hatte, bedrängte ihn erneut diese Stille. Diesmal noch schmerzlicher, und er hörte nun im Geist die junge Rose durch die Räume rennen.

         Nicht nur hatte er wenig mit Rose geredet, er hatte sich über sie auch kaum Gedanken gemacht. Außer über ihre Gesundheit. Die war ihm immer wichtig gewesen. Nein, ganz stimmte das so nicht. Er war zu streng mit sich selbst. Er hatte auch früher schon Roses offenes Wesen bewundert. Sie hatte zu fast allen im Ort Kontakt gepflegt, hatte die Bauern, deren Kinder, die Grundschullehrer und wer weiß, wen noch, angesprochen. Sie hatte die Kinder im Ort um sich geschart. Ohne Scheu … Und in der Grundschule war sie jedes Jahr die Beste gewesen.

       Die Erinnerung schnürte seine Kehle zu. Rose war den höchsten Erwartungen nachgekommen, ganz von alleine. Er hatte nie Schwierigkeiten mit seiner Tochter gehabt. Eines Tages hatte der Schuldirektor sogar die gesamte Klasse in der Aula antreten lassen, um Rose vor allen zu loben und auszuzeichnen. Sie sei mit ihren zehn Jahren so weit im Denken wie eine Siebzehnjährige, hatte er ihm anvertraut …

         Pfarrer Herrmann hatte den Verdacht, dass er seine Tochter mehr liebte, als seine Frau dies tat. Gertrud hatte eine schwere Geburt gehabt. Die kleine Rose hatte, wer weiß, aus welchem Grund, das Licht der Welt nicht erblicken wollen, und es hatte eine Zangengeburt gegeben. Gertrud war bei der Geburt beinahe gestorben. Danach hatte sie keine liebevolle Beziehung zu Rose entwickelt. Seine Frau war wochenlang in ihrem Zimmer gelegen, bei zugezogenen Vorhängen, nur zum Essen erschienen, und Lina, die Magd, hatte sich um den Säugling gekümmert. Sie hatten der kleinen Rose sogar eine Amme besorgen müssen. Gertrud hatte sich nicht in der Lage gefühlt, den Säugling zu stillen.

         Er hatte damals geargwöhnt, seine Frau hätte Rose am liebsten komplett von sich ferngehalten. Immer wenn man ihr den Säugling ins Zimmer brachte, hatte sie über das kleine Bündel hinweggestarrt. Nie in das rosige Gesichtchen. Und sobald das Kind schrie, hatte sie sich die Hand vor die Stirn gehalten und über schwere Kopfschmerzen geklagt. Sie hatte dann verlangt, dass man die Vorhänge zuzog, die Stube komplett abdunkelte, und hatte die Augen geschlossen. Lina hatte die Rose wieder hinausgetragen, in ihr eigenes Zimmer, und dabei jeweils wie entschuldigend vor sich hin gemurmelt: „Die schwere Geburt. Die schwere Geburt.“

         Auch später, als Rose schon munter daherredete, hatte Pfarrer Herrmann zwischen den beiden kein wirklich herzliches Verhältnis bemerkt. Seine Frau hatte sich eher distanziert verhalten, auch wenn sie alles für Rose tat, sie nie vernachlässigt hatte, sie wusch, kämmte, eincremte, kleidete, fütterte, sie in einem Laufstall im Garten herumkrabbeln ließ oder mit dem alten Kinderwagen durchs Dorf fuhr.

       Seiner Frau konnte man nichts vorwerfen, sie war immer dagewesen für das Kind. Sie erfüllte ihre Pflichten mustergültig. Aber dennoch fehlte etwas. Das Wort „Herzenswärme“ blitzte durch Pfarrer Herrmanns Kopf. Aber hatte die nicht auch bei ihm gefehlt? Weil er der Rose zu wenig Beachtung geschenkt hatte …? Andererseits erinnerte er sich jetzt an so viele Einzelheiten aus Roses Kindheit, standen ihm alle diese Details so klar vor Augen, dass diese Episoden aus Roses Leben ihm doch wichtig gewesen sein mussten, ihm mithin seine Tochter immer wichtig gewesen war.

         Pfarrer Herrmann strich sich über die kahle Stirn. Rose war manchmal widerspenstig, machte nicht, was man ihr sagte. Vielleicht begehrte sie so gegen die fehlende Liebe auf? Einmal hatte er Gertrud dabei ertappt, wie sie Rose anschrie, sie käme auf den feurigen Hafen, wenn sie nicht die Kniestrümpfe anzog, die sie zum ersten Schultag tragen sollte. Und ein andermal hatte sie Rose viel zu heftig ausgeschimpft, als sie das Kind dabei ertappt hatte, wie es sich von den Dorfkindern mit Holzperlen schmücken ließ. Die kleine Rose war dabei halb nackt auf einem Schemel gestanden und hatte um Hals und Arme und sogar um die Fußgelenke Holzperlenketten und Bänder getragen, die sich die Kinder heimlich von ihren Müttern geborgt haben mussten. Sie hatte inmitten der Bauernkinder wie eine afrikanische Prinzessin gethront und ihre Bewunderung genossen.

         Gertrud hatte der Szene ein brüskes Ende bereitet und die Kinder mit einem Besen vertrieben … Nein, er wollte nicht mehr daran denken, wie regelrecht brutal seine Frau damals gegen die Kinder vorgegangen war. Es tat ihm zu weh. Und es war auch so untypisch für Gertrud gewesen. Sie war doch sonst immer so kontrolliert.

         Er krampfte den Brustkorb so heftig zusammen, dass er Schluckauf bekam. Der durchbrach ruckartig die unheimliche Stille im Haus, bis er Schritte vor der Tür hörte. An der Leichtigkeit der Bewegung erkannte er seine Frau. Sie klopfte einmal, dann trat sie ein.

         „Es gibt Grießklöße in der Brühe. Kommst du in die Küche?“

         Pfarrer Herrmann folgte Gertrud durch den kühlen Flur in die hinteren Räume.

         Die Suppenschüssel stand dampfend auf dem langen Holztisch. Zwei Gedecke standen sich dort gegenüber. Die Magd Lina, die sonst immer mit ihnen aß, hatte Ausgang.

         Eigentlich brannte es ihm auf der Zunge, er wollte jetzt aber nicht schon wieder von seiner Tochter anfangen. Er spürte, es war nicht das richtige Thema für seine Frau. Stumm löffelte er seine Suppe. Weil es aber unhöflich war, während des Essens nicht zu reden, sagte er schließlich: „Meinen Austritt aus den Deutschen Christen werfe ich heute Abend noch in den Briefkasten.“

       Gertrud aß nun auch ein paar Löffel. Dann blickte sie ihn vorsichtig an: „Und was ist mit deiner SA-Mitgliedschaft?“

         Pfarrer Herrmann verschluckte sich, hustete, fing sich aber gleich wieder. Zum Glück hatte er keine Kloßstückchen über den Teller gespien. „Gut, dass du mich daran erinnerst.“ Er trank einen großen Schluck Wasser, bevor er weitersprach. „Ich war ja nur auf einer Veranstaltung.“ Er blickte durch eins der Küchenfenster in die schwarze Nacht, als käme von dorther Rat. „Das hat mir schon gereicht.“ Diesmal regte er sich nicht auf, er sank in sich zusammen und fühlte sich, als fehle ihm jegliche Kraft.

         Die SA war zu einem reinen Schlägertrupp verkommen, in den Händen der NSDAP. Er stutzte. War sie das nicht von Anfang an gewesen? … Vor Jahren hatte er sich als Student rekrutieren lassen … Warum war er überhaupt in diesen Gewaltverein eingetreten? Während er behutsam einen weiteren Löffel Suppe schluckte, blickte er Gertrud an. Aus ihrem Gesicht las er eine Mischung aus Unverständnis und Mitleid ab. Ja, warum hatte er sich rekrutieren lassen?

         1920 war die SA harmlos als „Turn- und Sportabteilung“ gegründet worden. Die meisten waren sehr jung in die SA eingetreten, sie hatten oft noch keinen Beruf, waren Arbeiter oder arbeitslos, Gesellen, oft Schüler oder, wie er damals, Studenten gewesen. Viele ehemalige Frontsoldaten aus dem Ersten Weltkrieg gingen zur SA, weil sich für sie keine Zukunftsperspektiven auftaten. Eine Menge seiner Kommilitonen vom theologischen Seminar Tübingen waren ebenfalls eingetreten. Man hatte sich in der SA gegen die linken Parteien formiert, sie hatten Angst vor einer kommunistischen Revolution gehabt. Auch er stand ihnen kritisch gegenüber. Die Linken waren damals mit ihren Kirchenaustrittsempfehlungen als Gegner der Kirchen aufgetreten. Doch als er das erste Mal aktiv als Saalordner bei einer von Hitlers Parteiveranstaltungen eingesetzt worden war – er, was für ein Hornochse, hatte sich auch noch freiwillig gemeldet –, da hatte er schlagartig begriffen, dass er sich beim falschen Verein engagiert hatte.

         Vor dem Saal war es zu einer wüsten Rauferei gekommen. Linke von der KPD wollten die Veranstaltung stören. Er selbst hatte einen gewaltigen Faustschlag mitten ins Gesicht bekommen, war zu Boden gegangen. Anschließend waren mindestens zwanzig Linke mit Knüppeln in den Saal gestürmt, waren einfach über ihn drüber getrampelt. Mit knapper Not hatte er sich an der Tür aufrichten und geduckt in den Gang entwischen können. Von dort hatte er das Geschehen noch eine Weile beobachtet. Viele der SA-ler hatten regelrecht mit Lust auf die Eindringlinge eingeprügelt, noch auf welche eingetreten, die schon am Boden lagen, dabei grölend gelacht, als sei es der größte Spaß. Es ging weit über ein bloßes sich Verteidigen hinaus. Sie brüllten und schrien im Exzess mörderische Parolen: Rotfront verrecke! Hängt das linke Pack! Es war die Verherrlichung von Gewalt um der Gewalt willen … Danach hatte er sich nie mehr freiwillig für irgendeinen Dienst gemeldet und war auch jeglicher Veranstaltung ferngeblieben. Seine Mitgliedschaft hatte er einfach ruhen lassen. Sie war ja mit keinerlei Verpflichtungen verbunden gewesen, außer dem Mitgliederbeitrag. „Du hast Recht, Gertrud. Aus der SA hätte ich schon längst austreten sollen.“

         Gertrud schenkte ihrem Mann Wasser nach. Pfarrer Herrmann aß mechanisch einen zweiten Teller und hing weiter seinen Gedanken nach.

         Von Anfang an war die SA auch antisemitisch gewesen. Da weite Kreise der evangelischen und katholischen Christen eine antisemitische Gesinnung hegten, war das kaum ins Gewicht gefallen. Es war sozusagen an der Tagesordnung gewesen. Er für seinen Teil hatte darüber hinweggesehen, blieb diese Gesinnung doch weitgehend folgenlos in der alltäglichen Wirklichkeit. Anders hätte er aber die SA spätestens seit April 1933 beurteilen müssen, als er mitbekam, wie die SA zum Boykott jüdischer Geschäfte aufrief und jüdische Bürger misshandelte. Im Geist ging er die Zeitungsartikel durch, die im Frühjahr über die Ausschreitungen der SA gegen Juden berichtet und diese gutgeheißen hatten. Spätestens da hätte er seine Mitgliedschaft kündigen sollen.

         Nun verschluckte er sich doch noch so heftig an einem Grießklos, dass er gurgelnd hustete. Sogar Tränen liefen ihm aus den Augen. Seine Frau sprang unwillig auf und klopfte mit der flachen Hand auf seinen Rücken.

         „Beruhige dich, Adolf. Ganz ruhig“, redete sie leise, jedes Wort betonend, auf ihn ein.

         In seinem Kopf rumorte es weiter: Die SA hatte sehr rasch nur noch den Zweck gehabt, Hitlers Gegner zu verfolgen, auf die barbarischste Art und Weise unschädlich zu machen. Solange der Gegner die KPD war, hatte das bei vielen evangelischen und katholischen Christen und auch bei ihm Zustimmung gefunden. Jetzt weitete sich aber der Kreis der Gegner immer mehr aus, Sozialdemokraten, Gewerkschafter, Liberale, Konservative, Juden … Und Pfarrer Herrmann fragte sich schon, wann sie die Kirchen angreifen und die Pfarrer und Priester verprügeln würden.

         Gertrud trug den Tisch ab und stellte die leergegessenen Teller in die Spüle. Die Suppe stellte sie warm für Lina, die gegen neun zurückkäme. Man konnte die Uhr nach ihr stellen. Sie ging nur einmal in der Woche aus, montags nach dem Mittagessen, nahm den Reutlinger Bus und war Punkt neun Uhr abends wieder im Pfarrhaus.

         Den Antisemitismus hatte er, wenn er ehrlich war, nie verstanden. Alle deutschen Theologen konnten Hebräisch. Christus war Jude. Auch wenn Juden ihn an die römischen Behörden verraten hatten, war er deshalb immer noch Jude. Es war irrwitzig … Pfarrer Herrmann beobachtete, wie seine Frau in der Küche hin und her ging, sich hier und da zu schaffen machte, fürs Frühstück deckte. Seine Gedanken schweiften ab. … Gertrud war ein bildschönes Mädchen gewesen, als er um ihre Hand angehalten hatte. Das Mädchenhafte hatte sich bald verloren. Sie war immer noch sehr schlank, aber nun eher hager, ihr Gesicht war schmal geworden und unter der blassen Haut ahnte man schon ein Netz von Falten … Schnell kehrten seine Gedanken wieder zu dem zurück, was ihn quälte. Das Christentum und die Kirchen, die es vertraten, verehrten Jesus Christus, einen Juden. Es ließ sich nicht leugnen und Pfarrer Herrmann kannte die Antwort längst: Es war nur eine Frage der Zeit, bis Hitler auch das Christentum und die Kirchen verfolgte und abschaffte.

Kapitel 4

         Der Morgen war frisch, fast schon kalt. Pfarrer Herrmann beobachtete seine Frau durchs Fenster seines Studierzimmers. Sie schlüpfte in den Hühnerstall und kam bald darauf mit einem Korb Eier wieder heraus, stellte ihn auf den Gartentisch und nahm die Eier vorsichtig aus dem Korb, drehte sie in ihren großen Händen. Ab und zu blies sie ein paar Federn weg.

         Pfarrer Herrmann verzog den Mund. Gertruds Hände waren, als er sie kennenlernte, nicht so groß gewesen, sondern schmal, mit schlanken, langen Fingern. Durch die Arbeit im Garten waren ihre Hände so geworden. Sie hatten wenig Geld, der Pfarrlohn auf dem Land war mager, und so bestellte Gertrud, zusammen mit Lina, den Garten selbst, baute Obst an, alle möglichen Beeren, hielt Hühner, zog Küken auf. Sie brachte es sogar fertig, den Hennen den Kopf umzudrehen. Er schaute einen Moment lang weg, dann wieder hin zu Gertrud.

         Seine Frau war in Ulm aufgewachsen. War von den Eltern zusammen mit ihren Schwestern verwöhnt worden. Manchmal schwelgte sie in Erinnerungen und ihr Gesicht hellte sich spontan auf, verjüngte sich um zehn Jahre, wenn sie von den geselligen Treffen erzählte, die ihre Eltern für sie und ihre Schwestern veranstaltet hatten, Tanzabende, Abende, an denen gesungen und musiziert worden war. Ebenso strahlte sie, wenn sie sich an die Kleider und vor allem die Hüte erinnerte, die sie als junge Mädchen aussuchen durften, um sich in der Stadt zu zeigen. Die Eltern hatten sie auf ein Fest vorbereitet, das Fest des Lebens, darauf, den Männern zu gefallen, die es künftig für sie ausrichten würden. Zunächst hatte es den Eindruck gemacht, als gelänge alles. Gertrud und ihre Schwestern lernten einnehmende junge Männer aus wohlhabenden Familien kennen. Gertrud war bald verlobt, mit Hans Arnold, einem draufgängerischen Fliegeroffizier. Doch Arnold stürzte ab, noch bevor der Erste Weltkrieg begann. Auf einem Übungsflug. Die Verlobten der Schwestern fielen später im Krieg. Er, Adolf Herrmann, war Gertruds zweite Wahl gewesen. Die Mädchen hatten heiraten müssen. Sie waren nicht vermögend und mussten daher versorgt werden.

        Das erste Kennenlernen mit Gertrud hatte ihn bezaubert. Gertruds Mama hatte für ihre Töchter Bewerber in spe zu einem Kaffeekränzchen eingeladen. Als frisch gebackener Pfarrer mit einem regelmäßigen Verdienst und einem von der Kirche zur Verfügung gestellten Haus war er da hineingerutscht. Vielleicht hatte man ihn nur aus Verzweiflung eingeladen, nachdem die weit besser gestellten Verlobten von Gertrud und deren Schwestern verstorben und nur noch wenige heiratsfähige Männer verfügbar waren … Gertrud war unwiderstehlich gewesen. Und als sie ihm ihr Ja-Wort gab, hatte er es zuerst nicht glauben können. Ein so elegantes, filigranes Mädchen hatte ihn erwählt? Einen Landpfarrer, der nicht mal gut aussah, kaum größer war als sie, eher stämmig und ein zu markantes Gesicht hatte, ein zu wuchtiges Kinn, wenn auch ein durchgeistigtes Gesicht … Eigentlich war sie viel zu schön für ihn gewesen …

         In der ersten Woche ihres Zusammenlebens auf der Alb, für Flitterwochen hatten die Mittel gefehlt, hatte Gertrud dann so etwas wie einen Nervenzusammenbruch erlitten. Sie hatte ihm vorgeworfen, er benähme sich wie ein Tier. Und seine schmutzigen Schuhe, die er zum Putzen in die Küche gestellt hatte, hatte sie zum Fenster hinausgeworfen. Noch viel mehr hatte ihn erschrocken, dass sie nach dieser ersten Woche ausgezogen war, zurück zu ihren Eltern. Ach, was hatte er sich für Vorwürfe gemacht und gebangt! Würde sie je wieder zurückkommen?

       Es war seine Schuld gewesen. Er hatte sich nicht beherrschen können. Als sie nackt, oder besser nur halbnackt, mit bloßem Oberkörper, vor ihm dagestanden hatte, hatte er nicht anders gekonnt.  Noch nie hatte er einen so schön geformten weiblichen Körper gesehen, und der sollte jetzt ihm gehören, oder besser, dem durfte er sich jetzt nähern …? Alle Sicherungen waren bei ihm durchgebrannt. Es war viel zu schnell gegangen. Er hatte blind agiert, völlig unkontrolliert. Sich von seinem Instinkt antreiben lassen. Da war diese gigantische Lust, diese himmelhohe Erregung gewesen … Wenn sie nicht zu ihm zurückgekehrt wäre, hätte er das verstehen können. Er hatte sich wirklich wie ein Tier verhalten. Da gab es nichts zu beschönigen.

       Nach einem Monat ohne Nachricht von Gertrud hatte er schließlich resigniert. Sich darauf eingerichtet, ohne Frau weiterzuleben. Eine andere als Gertrud wollte er nicht, niemals. Und dann hatte Gertrud plötzlich wieder vor der Tür gestanden, in Begleitung ihrer Mutter.

         Er war unsäglich erleichtert gewesen und er hatte zu allem, was die Mutter ihm im Ton strengen Vorwurfs eingeschärft hatte, Ja gesagt. Ja, ja, ja! Er war so überglücklich gewesen, dass Gertrud wieder da war. Am nächsten Tag hatte er sich auf die Suche nach einer Magd gemacht und war in Windeseile fündig geworden.

         Gertruds Mutter war so lange geblieben, bis die Magd eingearbeitet war. Dann hatte es einen tränenreichen Abschied gegeben. Für Gertrud hat er wohl auch das Ende ihrer Kindheit bedeutet, ihrer behüteten Jugend, eines besseren Lebens.

         Von da an war seine Frau bei ihm geblieben. Zumindest für längere Zeit. Er hatte es aber nicht mehr gewagt, sich ihr körperlich zu nähern. Und sie hatte ihn auch in keiner Weise dazu eingeladen. Da war nicht der kleinste Hinweis von ihrer Seite gekommen, dass sie damit einverstanden gewesen wäre. Und dann war ihre Menstruation ausgeblieben und das hatte mit hoher Wahrscheinlichkeit bedeutet, dass sie schwanger war. Da kam eine Annäherung ohnehin nicht mehr in Frage, wie ihm Gertruds Mutter per Telegramm verdeutlicht hatte.

         Draußen streute Gertrud Körner für die Hühner in die herbstlich ausgedünnte Wiese und machte komische Geräusche, damit die Hennen aus dem Stall tippelten.

         Als die spitzesten Klippen des Zusammenlebens überwunden waren, hatte Gertrud ihn wenigstens schätzen gelernt, sein Wissen, seine Bildung, seinen politischen Instinkt. Politisch waren sie einer Meinung. Und sie stand treu an seiner Seite. Zumindest machte es den Eindruck.

         Lina kam jetzt dazu, um den Stall auszumisten, während Gertrud die Hühner raus auf die Wiese scheuchte, wo noch mehr grüne Grashälmchen standen.

         Wenn er sich mit Gertrud beschäftigte, stieg jedes Mal Bedrückung in ihm hoch. Vielleicht hatte er ein schlechtes Gewissen, weil er der falsche Mann für Gertrud war. Er hatte sie gewollt, sie ihn aber nicht. Und sie würde ihn nie so wollen, wie er sie immer wollen würde. Als er sich zum Trost vorsagte, dass Rose bald auf Urlaub käme, bescherte ihm das für einen Moment ein Hochgefühl, dann grämte er sich wieder, dass Gertrud sich über ihre Tochter nicht so freuen konnte wie er.

Kapitel 5

         Rose saß ganz alleine im Zug nach Reutlingen. Endlich waren Herbstferien. Sie hatte vor Aufregung die halbe Nacht nicht geschlafen. Noch nie war sie von zuhause fort gewesen und jetzt freute sie sich unbändig darauf, ihr Dorf wiederzusehen, die Schwäbische Alb, ihre Kameraden, und besonders ihren Papa.

         Frau Sihler hatte sie zum Bahnhof gebracht und am Gleis gewartet, bis der Zug abfuhr. Sie hatte sogar mit ihrem hellblauen Taschentuch gewunken. „Jetzt geht unsere Sonne“, hatte sie halb klagend ausgerufen, während sie Rose half, den Koffer in den Zug zu stemmen. Eine Träne war über Frau Sihlers rosa geschminkte Wange gelaufen. Rose hatte nur gestrahlt, hatte ihrerseits aus dem Fenster des anfahrenden Zugs gewunken, so lange, bis Frau Sihler in einem schwarzen Punkt verschwand.

         Jetzt saß sie zwischen fünf Reisenden auf der harten Holzbank ihres Abteils und beobachtete die Hühner, die eine Bäuerin mit einem groben dunkelblauen Baumwollrock unter ihrem Sitz verstaut hatte. Die Hühner scharrten und gaben leise Piepsgeräusche von sich. Wenn die Federn sich an dem über den Korb gespannten Drahtgitter rieben, raschelte es, als fächelte sich jemand mit einer Zeitung Luft zu.

         Frau Sihler hatte sie rasch vergessen. Sie schmunzelte vor sich hin und plante, was sie als Erstes zuhause unternehmen würde.

         Im Abteil saß ein Braunhemd, so nannten sie die Männer in SA-Uniform. Der Mann hatte sogar angeboten, sie in Reutlingen zur Bushaltestelle zu bringen, als der Schaffner sie gefragt hatte, ob sie ganz alleine unterwegs sei und wisse, wo sie umsteigen müsse. Man sah die Braunhemden in letzter Zeit immer häufiger. Rose hatte schon große Gruppen von ihnen gesehen, am Tübinger Bahnhof und in der Innenstadt. Frau Sihler hatte einmal bemerkt, sie verbreiteten sich wie eine ansteckende Krankheit. Der junge Mann, der in ihrem Abteil saß, dick, mit gesunden rotglänzenden Backen, war jedenfalls zuvorkommend, hatte wenig von einer Krankheit. Und er brachte sie auf direktestem Weg zur Haltestelle, trug ihren Koffer und wartete, bis der Bus kam und sie einstieg. Er hatte sogar noch den Busfahrer gefragt, ob der bis nach Illmandingen fuhr. Aber all das war Rose jetzt egal. Sie dachte nur noch an daheim. Ihr Zuhause war ein Sehnsuchtsort geworden und gleich würde sich ihre Sehnsucht erfüllen, es war wie an Weihnachten, wenn sie ihrem Weihnachtsgeschenk entgegenfieberte, so bescheiden es auch sein mochte.

         Ihre Überraschung war groß, als ihr Papa sie an der Bushaltestelle empfing. Wie lange hatte er dort schon auf sie gewartet? Sie war zunächst erschrocken und fragte, ob etwas passiert sei. Er schüttelte den Kopf, lachte verlegen und nahm ihren Koffer. Rose hätte ihn am liebsten spontan umarmt, da war aber der Koffer zwischen ihnen und eigentlich umarmten sie sich nie …

         Im Haus stürmte ihr Lina entgegen. Sie hatte in der Küche den Tisch wie am Sonntag gedeckt, obwohl es ein Freitag war, das weiße Leinentischtuch mit den an den Ecken eingestickten gelben Röschen aufgelegt und das Geschirr mit dem Goldrand. Lina machte sich gleich am Herd zu schaffen und wärmte die Rinderbrühe mit Gemüseeinlage und Nudeln auf. Nur ihre Mutter fehlte.

         „Deine Mama musste sich hinlegen. Sie hat Kopfweh“, hatte ihr Papa sie entschuldigt.

         Rose erzählte von der Schule, den Lehrern, ihren Mitschülerinnen, den seltsamen Sihlers und dann davon, was Herr Sihler und seine Kumpane dem Juwelier Singer angetan hatten. Lina machte große Augen und ihr Vater grummelte wütend vor sich hin.

         „Was haben die Singers denn nur getan?“, wehklagte Lina. „Sie haben doch nur Schmuck verkauft.“

         „Sie sind Juden“, murmelte Roses Vater leise. Und dann noch leiser, so leise, dass Rose es kaum verstand: „Vielleicht wollen sie nur an ihr Geld.“

         Lina hatte es dennoch gehört. „Sie meinen, Herr Pfarrer, dass sie die Juden so runtermachen, weil sie an ihr Geld wollen?“

         Ihr Vater spähte vorsichtig zu ihr. Rose fürchtete schon, er würde verstummen, aber er erklärte: „Bei den Hexenverfolgungen im Mittelalter ging es auch in der Hauptsache ums Geld. Sie jagten vermögende Witwen, erklärten sie zu Hexen und zogen alle ihre Güter ein.“

         Lina sperrte den Mund weit auf. „Das sind ja dann richtige Verbrecher! Wir werden von Verbrechern regiert. Herr Pfarrer, kann man das glauben?“ Sie schnaufte, als fehlte ihr die Luft.

         Rose wurde mulmig zumute. Und noch seltsamer wurde ihr, als ihr Vater nach dem herrlichen Essen vorschlug, dass sie beide im Studierzimmer einen Kaffee nahmen. Noch nie hatte sie ihr Vater in sein Studierzimmer zum Kaffee eingeladen, nur sie.

       Lina brachte gleich nach dem Essen eine Kanne Zichorienkaffee ins Studierzimmer, dazu servierte sie ihren Apfelkuchen, den Rose so sehr liebte. Ihr Vater schenkte den Kaffee in die Tassen des blauen dünnen Porzellanservice ihrer Mutter und begann, in kleinen Schlucken zu trinken.

         Rose wunderte sich nicht schlecht, als er ihr schließlich zu erklären versuchte, was im Land los war. Seine politischen Ansichten preisgab, als wäre sie eine Erwachsene. Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass ihr Vater schon einmal länger mit ihr allein gesprochen hätte, und schon gar nicht über Politik. Rose fühlte sich geehrt. Sie hörte erstaunt zu und verstand ungefähr, worauf er hinauswollte. Der Hitlerstaat war ein Verbrecherstaat, wie ihr Vater sagte, ein ganz gemeiner Verbrecherstaat, man konnte schon nicht mehr frei seine Meinung äußern, und irgendwann würde es auch sie treffen. Wen meinte er mit sie? Sie, Rose, ihren Papa, ihre Mama, Lina? Warum? Sie waren doch keine Juden. Und sie hatten auch kein Geld. Ihr Vater sprach und sprach. Langsam wurde es ihr zu viel und sie hörte nicht mehr zu. Sie wollte lieber ins Dorf, zu ihren Spielkameraden. Als sie gar nicht mehr still sitzen konnte, erlaubte er es ihr endlich, und sie eilte sofort los.

         Rose freute sich unbändig, mit Heiner, Frieder, der Margarete, Edith, Heike und dem Mariele durch die Felder um die Wette zu rennen. Sie sog den Duft von Kuhmist und getrocknetem Gras ein, als wäre es das erste Mal. Jetzt kam er ihr fast himmlisch vor, nachdem sie in der Stadt nur Abgase und Straßenstaub eingeatmet hatte.

         Sie balgten sich bis weit nach Sonnenuntergang im Heu. Strohhalme im Haar, ihr grobes blaues Wollkleid voller Spelzen, traf sie todmüde und glücklich wieder bei sich zuhause ein.

        In der offenen Tür wartete bereits ihre Mutter. Den Blick starr, schimpfte sie über Roses zerzaustes Haar und das vergraste Kleid. So laut, dass es ihr in den Ohren gellte. Sie nahm eine Bürste, entfernte mit hart klopfenden Bewegungen Gräser und Spelzen, striegelte wild ihr schulterlanges Haar und flocht es dann zu so engen Zöpfen, dass es Roses Kopfhaut viel zu straff nach hinten zog und richtig weh tat. Rose hatte, seit sie acht war, keine Zöpfe mehr getragen, es war eine Kinderfrisur. Sie fühlte sich jetzt nicht mehr als Kind, nicht mehr, seit sie in Tübingen mit all den Dämchen zur Schule ging.

       Musste ein so schöner Tag, an dem sogar ihr Papa ihr so viel Aufmerksamkeit geschenkt hatte, ihr Papa, den sie verehrte, musste ein solcher Tag so enden?

usw. …

Aus dem Romanmanuskript „Im Schatten des Widerstands“, circa 300 Seiten.

 

 

DAS TOTE VIERTEL – Leseprobe

Roman

Kapitel 1

An einem makellosen Tag im August fuhr Nadja Löffler mit dem Fahrrad bei Grün über die Stuttgarter Straße. Sie sah nicht nach links, vertraute auf die Ampel und bemerkte im Augenwinkel fast sofort einen dunklen Schatten. Erst undeutlich, dann aber massiv. Sie bremste scharf ab. Es knallte. Ja, es war ein Knall, es krachte nicht. War jetzt alles aus? Nach dem Knall hörte sie ein Pfeifen, wie von einem scharfen Wind, und ein Lastwagen rauschte an ihr vorbei.

So ein unverschämtes Glück! Es hatte sie nicht erwischt. Eine unendliche Schrecksekunde lang war ihr so, als wäre der Laster durch sie hindurchgefahren. Sie stand mitten auf der Fahrbahn und sah ihm mit weit aufgerissenen Augen nach, wie er die Straße Richtung Stuttgart hinaufbrauste.

Erst als ein Schwall von weiteren Fahrzeugen bedrohlich näherkam, sprang Frau Löffler auf den Sattel und trat hektisch in die Pedale. Sie schimpfte dabei laut auf sich selbst. Wie hatte sie nur so unvorsichtig sein können, sich auf die grüne Ampel zu verlassen! So leichtsinnig und faul. Sie hielt sich aber nicht allzu lange damit auf, sich über sich selbst zu ärgern, und radelte schon wieder in ihrem normalen, gemächlichen Tempo weiter. Seltsam, dass sie keinen Schrecken in den Knochen spürte, auch nicht zitterte. Ohne Schrecken davongekommen, sagte sie sich kurzerhand und bog von der Hauptverkehrsstraße in ihr Wohnviertel ein.

Dort drosselte sie ihr Tempo, musterte, wie so oft, die leerstehenden Einfamilienhäuser und Villen in der Königsberger Straße.

Viele Häuser waren unbewohnt, und es kamen immer neue dazu. Die Eigentümer starben weg und die Erben taten so, als wohnten sie dort, um die hohen Erbschaftssteuern nicht zahlen zu müssen. In Wahrheit blieben die Häuser leer. Oder die Erben hatten sich untereinander zerstritten und konnten die Häuser weder beziehen noch verkaufen.

Frau Löffler mochte die verwaisten Häuser, ihre Ausstrahlung. Sie schienen noch mit ihren ehemaligen Bewohnern verbunden zu sein. Die Häuser waren Inseln, auf denen das Leben stillstand. In ihnen schlummerten Möglichkeiten; alles konnte sich in ihnen künftig ereignen. Sie möblierte die Häuser in Gedanken mit Geschichten.

Links lag der unbewohnte Bungalow der Engers. Der Garten wurde nach wie vor gepflegt, obwohl die beiden schon vor zehn Jahren in einem exklusiven Altersheim gestorben waren. Eine gigantische Weißtanne überschattete den Rasen. Eiben drückten gegen die Fenster des Hauses, als wollten sie gewaltsam ins Innere dringen. Herr Enger war Vorstandsvorsitzender der örtlichen Kreissparkasse gewesen, Frau Enger Hausfrau. Ihre zwei Kinder wohnten noch in der Königsberger Straße, in den Häusern, die ihre Eltern ihnen nebenan gebaut hatten.

Am Ende der Straße standen zwei weitere Häuser leer. Bei dem einen hatte man nicht einmal Erben ermitteln können. Zuletzt hatte ein altes Paar darin gewohnt, dann nur noch die betagte Witwe. Schon vor ihrem Tod waren die Läden meist geschlossen gewesen, hatte das Haus unbewohnt ausgesehen. Womöglich hatte sie es alleine nicht mehr geschafft, die schweren Rollläden hochzuziehen.

Frau Löffler bog mit Schwung in die Elbinger Straße ein und hätte um Haaresbreite Nabucco, den fetten schwarzen Kater ihrer Nachbarin, gestreift. Das Tier war nicht einmal erschrocken, es trottete in aller Ruhe weiter. Sie korrigierte sich, es war nicht Nabucco, der war doch vor zwei Wochen unter ein Auto gekommen. Die Nachbarin hatte sich wohl schon Ersatz besorgt. Ähnelt das neue Haustier stark dem verstorbenen, kommt man leichter über den Verlust hinweg, behaupten manche. Es ist, als hätte der Tod nicht stattgefunden.

Als sie in die Einfahrt ihres Elternhauses einbog, musste sie schon wieder abrupt bremsen. Diesmal lief ihr eine alte Frau in die Quere. Auch die hatte sie erst im letzten Moment bemerkt. Frau Löffler entschuldigte sich bestürzt. Die Frau huschte geistesabwesend weiter, als hätte sie nichts bemerkt. Moment mal, sah sie nicht aus wie die alte Frau Meilner? Frau Meilner hatte im Block gegenüber gewohnt und war nun schon seit dreißig Jahren tot. Ihre Wohnung stand seitdem leer, und wie der Klempner erzählte, der dort neulich einen Siphon auswechseln musste, befand sich nach wie vor ihr gesamtes Mobiliar aus den Sechzigerjahren darin. Nichts war verändert worden, kein Gegenstand verrückt. Die Fensterscheiben überzog ein Grauschleier, die Vorhänge waren vergilbt, inzwischen lag alles unter einer zentimeterdicken Staubschicht. Frau Meilners Schwiegertochter plagte sich nicht mit Mietern herum, sondern wartete nur, bis die Immobilienpreise noch weiter stiegen.

Frau Löffler schaute der alten Frau verstört nach. Sie trug ein beiges Sommerkostüm mit knielangem, hinten geschlitztem Rock, das in die Sechzigerjahre gepasst hätte, und sah Frau Meilner wirklich zum Verwechseln ähnlich.

Frau Löffler stellte ihr Fahrrad in der Garage ab und schloss die Haustür auf. Auch in ihrem Elternhaus stand die untere Wohnung leer. Der Mieter, ein indischer Elektronikingenieur, war vor kurzem ausgezogen, weil er angeblich eine günstigere Wohnung gefunden hatte. Frau Löffler hatte den Verdacht, das war nicht der eigentliche Grund.

Was dann geschah, hätte bei ihr leicht einen Herzinfarkt verursachen können. Tat es aber nicht. Irgendwie hat sie es überlebt.

Die Wohnungstür im Erdgeschoss öffnete sich und ihre Großmutter trat ins Treppenhaus. Frau Löffler stand nur da, mit offenem Mund, starr vor Unglauben. Halluzinierte sie?

Die Frau auf der Straße hätte eine Person sein können, die der verstorbenen Frau Meilner verblüffend glich. Hier stand aber leibhaftig ihre Großmutter, Gertrud Herrmann, vor ihr, die mittlerweile fünfunddreißig Jahre tot war. Sie sah aus wie in ihren mittleren Siebzigern. Da war Frau Löffler ein Teenager gewesen … In ihr drehte sich alles. Terror, Wahnsinn, Unglauben und Sehnsucht verwirrten sich in ihrem Kopf. Sie hat ihre Großmutter innig geliebt, also wäre es eigentlich normal gewesen, sich in ihre Arme zu stürzen. Aber der Schock, eine Verstorbene vor sich zu haben, war zu groß.

„Du … du bist … doch tot?“, stammelte sie bloß.

Ihre Großmutter strahlte. Gleichzeitig kullerte eine Träne ihre Wange herab.

Frau Löffler konnte ihr nicht nur ansehen, wie sehr sie sich freute, ihre Enkelin wiederzusehen, sie spürte es auch ganz deutlich. Meine Güte, was für ein Irrsinn!

Die Großmutter ging gar nicht auf ihre Frage ein, sondern sprach sie an, als wäre es die normalste Sache der Welt, als hätten sie sich gestern erst gesehen. „Sei mir nicht böse, Nadja …“, sagte sie, „… aber ich möchte nicht rauf zur Rose.“

Rose, so hieß Frau Löfflers Mutter, die Tochter ihrer Großmutter.

„Ich war schon lange nicht mehr oben. Oben ist Roses Reich, hier unten ist meines.“ Das Lächeln verschwand aus ihrem Gesicht. „Die Rose war früher immer so aggressiv. Das hält mich ab.“

Himmel, was sollte das? Wie musste sie sich verhalten? Als Frau Löffler spontan nur weg hier dachte, sagte die Großmutter schnell und eindringlich: „Komm rein, mein Schatz, ich erkläre dir alles.“

Obwohl Frau Löffler eben noch fliehen wollte, betrat sie mit weichen Knien die großmütterliche Wohnung. Sie kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Alles war hier wie früher. Das gesamte Mobiliar ihrer Großmutter war wieder da, obwohl die Wohnung nach ihrem Tod komplett geräumt worden war. Es roch genau wie damals nach Kaffee und Kölnisch Wasser. Auf dem Esszimmertisch standen die Kaffeekanne unter der gehäkelten Wärmehaube, zwei Gedecke und ein selbstgebackener Marmorkuchen mit Schokoladenguss. Als hätte ihre Großmutter auf sie gewartet.

Frau Löffler wollte ihrer Großmutter nicht glauben, als die behauptete, dass sie, Nadja Löffler, tot wäre. Auch nicht, als die Großmutter aufrichtig weinte, weil der Tod ihre Enkelin mit ihren sechzig Jahren viel zu früh ereilt hätte. Frau Löffler fühlte sich sehr lebendig. Sie konnte sehen, hören, riechen, denken, sprechen, sich bewegen … Sie fühlte sich rundum normal und sogar besonders wohl, irgendwie leicht. Vielleicht war sie in einem Albtraum gefangen und wachte einfach nicht auf? Oder sie war plötzlich verrückt geworden und sah Dinge, die es nicht gab. Die es nicht geben durfte.

Frau Löffler sprang vom Kaffeetisch auf und eilte in den ersten Stock, hoch zu ihrer Mutter.

Oben war alles wie immer. Die Pflegerin bereitete in der Küche das Mittagessen vor. Die Mutter lag auf ihrem Fernsehsessel im Wohnzimmer und blätterte in einer Zeitung, die sie in ihrer geistigen Verwirrung schon lange nicht mehr lesen konnte.

Frau Löffler sprach sie an, aber die Mutter reagierte nicht. Sie streichelte ihre Hand. Die fühlte sich an wie immer: Weich, lauwarm, ein Geflecht von herausstehenden Venen auf dem Handrücken. Auch auf ihre Berührung reagierte die Mutter nicht. Frau Löffler versuchte, ihr die Zeitung aus der Hand zu nehmen. Es gelang ihr seltsamerweise nicht. Sie betastete das dünne Papier, die Zeitung reagierte aber nicht auf ihren Griff. Sie küsste ihre Mama auf die Wange, spürte ihre zarte Haut und feinste Härchen, küsste sie erneut. Die Mama rührte sich nicht. Sie sprach sie noch einmal an, benutzte die liebevollsten Koseworte, sagte schließlich laut und vorwurfsvoll Schnuckel. Ihre Mama schien es nicht zu hören.

Plötzlich bemerkte sie hinter sich die Pflegerin. Sie kam mit einem Glas Saft, stellte es auf das Seitentischchen neben Mamas Fernsehsessel. Frau Löffler rief: „Hallo Grazyna!“

Grazyna antwortete nicht, verzog keine Miene.

Sie lief einfach durch sie hindurch …

Kapitel 2

Frau Enger saß mit ihrem Gatten im Wohnzimmer und fing wieder mit dem leidigen Thema an: „Ich finde es nicht richtig, dass unsere Kinder ihr Leben weiterleben, ohne auch nur einmal an uns zu denken. Jette hat mich noch nie auf dem Friedhof besucht und Peter will sogar nächstes Jahr unser Grab auflösen. Nach kaum sieben Jahren.“

Herr Enger ruckte auf seinem Sessel hin und her, als säße er in glühenden Kohlen.

„Wir existieren für sie nicht mehr. Es ist sogar noch schlimmer. Es ist so, als hätten wir für sie nie existiert. Als hätte es uns gar nie gegeben. Nicht ein Wort über uns. Kein an uns verschwendeter Gedanke. Überhaupt nichts.“

„Peter und Jette haben Probleme. Probleme mit unseren Enkeln, Probleme mit ihren Partnern, Probleme, genug Geld zu verdienen. Sie müssen jeden Tag so viele Probleme lösen, da ist es kein Wunder, wenn sie ihre toten Eltern vergessen. Was hilft es denn, wenn sie an uns denken. Da werden sie nur traurig, und das wirft sie zurück.“

Frau Enger verzog ihr Gesicht. „Ich glaube nicht, dass sie traurig werden würden. Das Ärgerliche ist doch, sie waren nie traurig. Sie haben keine Minute um uns getrauert.“

„Aber auf der Beerdigung, da haben sie geweint.“

„Auf der Beerdigung, auf der Beerdigung … Die paar Krokodilstränen in der Öffentlichkeit. Am nächsten Tag hatten sie uns schon vergessen.“ Frau Enger sah ihren Gatten übertrieben weinerlich an. „Ist das denn normal, Reiner? Benehmen sich Kinder so? Gab es denn gar kein Band zwischen uns?“

Herr Enger zuckte nur mit den Schultern und dehnte die Mundwinkel.

„Wir haben alles für sie getan, Hiltrud. Wir haben ihnen sogar zwei Häuser gebaut!“

„Ich weiß, worauf du hinauswillst. Und ich bin strikt dagegen!“

Herr Enger seufzte laut. „Du musst die Kinder in Ruhe lassen. Du darfst sie nicht plagen. Ich bin sicher, wenn sie aus dem Gröbsten raus sind, werden sie sich an uns erinnern. Dann werden sie sogar die Trauer nachholen. Sie können es sich jetzt schlicht nicht leisten. Sie müssen nach vorne schauen. Es ist ihr Überlebensinstinkt, ihr Überlebensrecht.“

„Ach, papperlapapp. Nach dem Tod wird einem so manches klar. Da gewinnst du Einblicke, wie du sie zu Lebzeiten nie hattest. Unsere Kinder haben uns nie gemocht, obwohl wir alles für sie getan haben. So sieht die bittere Wahrheit aus. Dafür sollen sie bezahlen!“

Kapitel 3

Frau Löffler war am Boden zerstört. Niemand sah sie, niemand nahm sie wahr. Sie rief Grazyna laut ins Ohr. Grazyna hörte sie nicht. Sie kitzelte ihre Mama an den Zehen, dort war sie immer besonders empfindlich und schrie normalerweise wütend, sobald man sie berührte. Sie bewegte nicht einmal ihren Fuß und blieb stumm.

„Komisch, ich spür einen kühlen Luftzug“, sagte Grazyna nur und Frau Löfflers Mama zog sich die Sommerdecke bis hoch unters Kinn, anscheinend war ihr auch auf einmal kalt.

„Ihre Tochter ist noch nicht zurück. Wir warten mit dem Essen“, sagte Grazyna.

Bei dem Satz zogen sich Frau Löfflers Eingeweide zusammen. Sie setzte sich an den Wohnzimmertisch, legte die Stirn neben ihrem Gedeck auf die Tischplatte, die sich fest und holzig anfühlte, und heulte hemmungslos, mindestens eine Viertelstunde lang. War sie wirklich tot? Hatte sie der Lastwagen erwischt? Warum fühlte sie sich so gut? So normal? Nein, besser als normal? Was war nur mit ihr los?

Sie blickte zu ihrer Mutter hinüber, die ungerührt fernsah. Da saß ihre geliebte Mama nur wenige Meter von ihr entfernt und Frau Löffler konnte sie nicht erreichen. Sie konnte ihr nicht verständlich machen, dass es sie noch gab, dass sie unversehrt war. Noch nie in ihrem Leben hatte sie sich so hilflos gefühlt. Was sollte sie bloß tun?

Als sie die Verzweiflung völlig zu überwältigen drohte, nahm sie vor dem Fenster eine Bewegung wahr. Jetzt wurde es noch grotesker: Ihre Großmutter schwebte draußen vorbei und winkte. Sie bedeutete ihrer Enkelin, wieder zu ihr nach unten zu kommen. Irrsinnigerweise erinnerte Frau Löffler das an Renaissance- und Barockfresken, auf denen gerne mal nackte Personen durch die Gegend fliegen. Sie wischte ihre Tränen mit dem Handrücken ab. Wenigstens ihre Großmutter sah und hörte sie. Und sie liebte sie, was machte es da schon, dass sie tot war … Vielleicht konnte sie ihr in dieser verstörenden neuen Welt beistehen, konnte sie durch ihre Schrecken und Untiefen lotsen. Kaum dachte Frau Löffler an den vertrauten Kaffeetisch aus rötlichem Kirschholz in der Wohnung ihrer Großmutter, diesen Tisch, um den herum so viel Geselligkeit stattgefunden hatte, saß sie auch schon dort.

Es brauchte eine Zeitlang, bis sie es fassen konnte. Glücklicherweise saß ihre Großmutter ebenfalls dort und erklärte ihr, dass man sich hier fortbewegen konnte, indem man einfach intensiv an einen Ort dachte. Und nicht nur das, man konnte auch durch Wände hindurchgehen oder -fliegen. Die Wände existierten nur für die Lebenden, in deren dreidimensionalem Raum, zu dem sich noch eine weitere Dimension, die Zeit, gesellte. Die Toten hingegen, erklärte ihre Großmutter, existierten in einem höherdimensionalen Paralleluniversum. Dieses Paralleluniversum besetzte denselben Platz wie die Welt der Lebenden, es ging durch sie hindurch, jedoch ohne sie zu berühren. Die Lebenden spürten normalerweise nichts von der Welt der Toten. Es gab aber Wege für die Toten, auf die Lebenden einzuwirken. Die Toten konnten sich sogar sichtbar machen und den Lebenden erscheinen. Das sah dann aus wie ein Hologramm, ein dreidimensionales Bild, das in die Luft projiziert wird. Es sieht echt aus, hat aber keine Festigkeit; man kann hindurchgreifen, hindurchgehen.

Frau Löfflers Großmutter lachte: „Du kannst dir nicht vorstellen, welchen Schabernack manche Verstorbene mit ihren ehemaligen Angehörigen treiben, wenn sie ihnen in der Nacht als Geister erscheinen!“

Frau Löffler staunte, sie war entsetzt und sie war neugierig, sie war fassungslos, durcheinander und verängstigt, alles auf einmal.

Ihre Großmutter sah sie an und lächelte milde. „Sei ganz ruhig. Anfangs ist alles verwirrend und neu. Du gewöhnst dich aber rasch daran. Du hast hier ein blendendes Auffassungsvermögen. In der Welt der Toten fallen gewisse Beschränkungen weg, die uns in der Welt der Lebenden von allem möglichen Wissen und vielen Formen der Erfahrung abgeschnitten haben. Die Welt der Lebenden ist eine Welt von Gehandicapten.“

Frau Löffler murmelte flau: „Aha.“

„Ich erfuhr zum Beispiel von deinem Unfall im selben Moment, in dem er geschah, weil ich zu dir eine sehr enge Verbindung fühle. So konnte ich dir einigermaßen gefasst gegenübertreten. Und da ist noch viel mehr. Du kannst dich zum Beispiel frei durch die Welt der Lebenden bewegen, dort wie hier durch Dächer und Wände schweben, beobachten, was dort vor sich geht … Oder du kannst dein Alter frei wählen, zum Beispiel wie zwanzig aussehen … Und nicht nur das …“

Kapitel 4

Frau Enger hatte das Mittagessen aufgetragen. Eigentlich musste man im Jenseits nichts mehr essen, man konnte dort nicht verhungern und auch nicht verdursten. Schlaf brauchte man übrigens auch keinen. Manchen machte es aber Spaß, genauso weiterzuleben wie zuvor. Sie wollten riechen und schmecken, die Dinge genießen, die sie im Leben genossen hatten.

Herr Enger schöpfte sich Tomatensoße auf die dampfenden Spaghetti und sagte zu seiner Frau: „Es ist nicht normal, dass Eltern ihren Kindern das Leben schwer machen.“

„Wer sagt das?“, antwortete Frau Enger kühl.

„Manche Dinge sind einfach so. Sie haben sich in der Evolution bewährt.“

„Das ist mir egal.“ Frau Enger streute ihrem Gatten einen Löffel Parmesan über die Pasta.

„Wenn du so weitermachst, ziehen unsere Kinder noch aus ihren Häusern aus.“

„Na und?“, sagte Frau Enger nur.

Herr Enger schwieg eine Weile und kaute.

„Ein Umzug wird unsere Kinder schwer belasten. Sie haben schon genug um die Ohren. Vielleicht brechen sie zusammen oder ihre Ehen gehen auseinander … und sie verlieren ihre Stellungen …“

„Uns ging es doch nicht besser. Wir hatten auch dauernd Probleme.“

„Aber keine, die unsere toten Eltern mutwillig herbeiführten.“

Frau Enger musterte die ufoartige Designerlampe über dem Esstisch. „Woher willst du das wissen? Wo sind übrigens unsere toten Eltern? Die haben sich seit unserem Tod noch nie bei uns sehen lassen … Kein gutes Zeichen …“

Herr Enger atmete schwer. Er musste es loswerden: „Egal, wo sie jetzt sind, unsere Eltern hätten uns nie etwas zuleide getan! Und auch du würdest deinen Kindern nie schaden, wenn nicht dieser … dieser …“ Herr Enger wurde tiefrot von der Stirn bis zum unteren Halsansatz. Er konnte nicht mehr weitersprechen, hustete, spie Nudelstückchen samt Tomatensoße aus, würgte, bekam kaum mehr Luft.

Frau Enger blickte ihren Gatten ungerührt an, bis er sich wieder fing. „Ach, was du nur gegen Herrn Tober hast!“

Herr Enger bekam immer noch schwer Luft, keuchte: „Nur dieser Tober hat dich auf die Idee gebracht.“ Mehr brachte er nicht heraus. Ein Hustenanfall, der nicht mehr aufhören wollte, nahm ihm die Stimme.

Kapitel 5

Ihre Großmutter redete auf sie ein. Was sie ihr erklärte, klang bizarr. Frau Löffler konnte folgen, konnte sich mühelos konzentrieren, hatte aber so viele Fragen, dass sie die gar nicht alle zu stellen wagte. Um sich zu beruhigen, blickte sie sich im Wohnzimmer um, betrachtete das schwere Eichen-Buffet mit seinen Schnitzereien, das aus den Zwanzigerjahren stammte, und die grüne Samtpolstergarnitur mit dem hellbraun lackierten Nierentisch. Diese Möbel, die sie Jahrzehnte nicht mehr gesehen hatte, versetzten sie in eine weiche, melancholische Stimmung, die sie besänftigte.

„Wir erfahren viel nach unserem Tod …“, erklärte die Großmutter, „… alles aber wissen wir nicht.“ Sie sah flüchtig zu den Gummibäumen im Blumenfenster. „Viele der Gestorbenen leben weiter in ihren alten Häusern. Aber nicht alle.“

Frau Löffler sah ihre Großmutter aufmerksam an.

„Dein Opa lebt nicht bei mir. Und ich weiß nicht, wo er nach seinem Tod hin ist.“

Frau Löfflers Großvater war vor ihrer Geburt verstorben, sie hatte ihn nie kennengelernt. „Du hast mal gesagt, dass dir nach seinem Tod die Zeit mit ihm vorgekommen ist, als hätte sie gar nicht existiert. Als hättet ihr gar nie zusammengelebt.“

Die Großmutter wirkte nachdenklich und ging nicht auf die Bemerkung ihrer Enkelin ein. „Nicht alle, die hier gelebt haben, sind hiergeblieben. Wo die hin sind, wo dein Opa jetzt ist, da habe ich keine Ahnung.“

Ach, wenn nur nicht so viel unklar wäre. Frau Löffler fühlte sich einerseits überfordert, andererseits wollte sie unbedingt mehr erfahren.

In der Stimme der Großmutter schwang Verunsicherung mit, Frau Löffler spürte ein kleines Vibrieren, als die Großmutter sagte: „Du weißt ja, ich bin im Pflegeheim auf der Karlshöhe gestorben. Zum Glück war ich dort nur zwei Wochen nach meinem Schlaganfall. Als ich mich nach meinem Tod in dieser Welt hier wiederfand, spürte ich ein großes Verlangen, in meine Wohnung zurückzukehren. Ich glaube, vielen geht das so. Der erste Gedanke ist, ich will nach Hause. Also landete ich wieder in der Elbinger Straße. Deine Mutter hat, während ich noch im Pflegeheim lag, meine Wohnung ausgeräumt und die Möbel verkauft. Was nicht wegging, endete im Sperrmüll, bis auf meine Briefe und Fotos. Die Wohnung war also eigentlich leer, aber für mich war sie das nicht. Ich konnte wieder in meine Wohnung einziehen und alles war beim Alten, alle Möbel, mein ganzes Hab und Gut waren, für mich, noch da! Du siehst es ja selbst, sogar mein guter alter Kaffeetisch. Das war natürlich eine riesige Erleichterung. Das Sterben ist ja eine Riesenzumutung, es überfordert die meisten. Und dann kommt das Leben nach dem Tod. Das ist der zweite Schock. Natürlich bedeutet es Erlösung, Freude, aber es ist auch verstörend. Man ist erst mal auf sich gestellt und ist dann halt froh, wenn man in dieser neuen Welt doch noch die alte Welt wiederfindet, in der man vor dem Tod gelebt hat.“

Frau Löfflers Großmutter machte eine Pause und schenkte sich Kaffee nach. „Besonders hilfreich ist es, dass man von Anfang an andere Verstorbene trifft, die man vormals gut gekannt hat. Sie helfen einem, sie klären einen auf. Mit der Zeit lebt man sich ziemlich gut ein.“ Sie blickte durch ihr Blumenfenster auf die vorbeiziehenden Wolken. „Irgendwann fragt man sich aber, kann es das sein? Ist das der Sinn der Existenz, bis in alle Ewigkeit in unseren kleinen Wohnungen jeden Nachmittag am Kaffeetisch zu sitzen und selbstgemachte Erdbeermarmelade mit Hefekranz zu verputzen?“

Frau Löffler schluckte. Verzweiflung flog sie an. Es gab hier anscheinend auch negative Gefühle. Genau wie in der Welt der Lebenden.

Die Großmutter bemerkte prompt die Verunsicherung ihrer Enkelin. Sie strich ihr sanft über die Hand und blickte sie liebevoll an. „Wie gesagt, wir wissen nicht alles. Es scheint hier unterschiedliche Entwicklungsstufen zu geben, und dein Opa ist sicher schon weiter. Diejenigen, die in ihren alten Wohnungen und Häusern bleiben, hängen womöglich noch zu sehr am Materiellen. Irgendwann werden auch wir weiterziehen. Irgendwer wird uns hoffentlich mitnehmen.“ Sie seufzte. „Hier braucht man keinesfalls zu verzweifeln … Es ist schön hier.“ Sie zögerte, dann sah sie ihre Enkelin mit ernstem Blick an und sagte: „Aber irgendetwas stimmt hier dennoch nicht.“

„Etwas stimmt hier nicht?“, echote Frau Löffler und spürte eine Beklemmung in der Brust.

„Anfangs stellt man sich keine Fragen. Man lernt nur, sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden. Man passt sich an. Man richtet sich ein. Ist das geschafft, kommen einem die ersten Dinge merkwürdig vor.“

Die Großmutter flüsterte. Warum? Wer konnte sie noch hören? Vor wem hatte sie Angst?

„Was heißt das?“, fragte Frau Löffler.

Die Großmutter sprach noch leiser, Frau Löffler musste sich über den Tisch beugen.

„Das heißt, es ist hier nicht so, wie es im Jenseits sein sollte.“

Frau Löffler nickte nur und blickte ihre Großmutter verdattert an, begierig, mehr zu erfahren.

Die Lippen ihrer Großmutter bewegten sich übertrieben. „Wenn du hierher gelangst, weißt du plötzlich sehr viel, verstehst sehr viel, bist hundertmal intelligenter als zu deinen Lebzeiten.“ Sie seufzte, als täte ihr etwas leid. „Aber die Toten sind nicht einen Deut vernünftiger.“

Was sollte das genau heißen, fragte sich Frau Löffler.

Das Flüstern der Großmutter wurde zu einem Zischen. „Die Toten sind genauso schlecht wie die Lebenden. Sie haben dieselben üblen Eigenschaften. Hass, Neid, Eifersucht, Gier und so weiter.“

Frau Löffler war verblüfft. War sie wirklich im Jenseits, dann hatte sie es sich so jedenfalls nicht vorgestellt.

„Zu einer höheren Intelligenz passt eine höhere Moral, sollte man meinen. Hier gibt es aber überall niederen Tratsch und Zank. Und seit Neuestem auch Böseres.“ Böseres betonte die Großmutter in einer Weise, dass Frau Löffler ein Prickeln auf den Unterarmen und ein Kitzeln an der vorderen Kopfhaut spürte.

„Es könnte hier so schön sein. Selbst wenn die Toten nicht perfekt sind. Richtig idyllisch … Wenn da nicht dieser Herr Tober wäre.“ Das Gesicht der Großmutter verzerrte sich beim Namen Tober zu einer Grimasse. Frau Löffler bekam augenblicklich Angst. So aufgebracht hatte sie ihre Großmutter nie gesehen.

„Wer ist das?“, fragte sie verwirrt.

„Er wohnt auf dem zugewachsenen Grundstück, hinter dem die Felder beginnen. Dort drinnen ist ein Holzhaus, das man von außen nicht sieht.“

Frau Löffler wusste, was sie meinte. Dort war ein verwilderter Fleck Land, der niemandem gehörte und nicht bewohnt war. Durch die Büsche konnte man eine Art Gartenhaus oder Geräteschuppen aus dunklem, morschem Holz erkennen. Merkwürdig, sie schaute sich doch sonst immer gerne im Vorbeifahren die verlassenen Häuser und Gärten an, aber dieses Grundstück hatte sie nie sonderlich beachtet. Die wenigen Male, die sie im Vorbeiradeln hingesehen hatte, war ihr das Grundstück unheimlich vorgekommen, wie es so vor sich hin verwilderte.

„Dieser Herr Tober ist schuld daran, dass die Stimmung in unserem Viertel ins Negative kippt. Ich bin felsenfest davon überzeugt, wenn er nicht die toten Bewohner unseres Viertels aufstacheln würde, könnten wir hier trotz unserer noch bestehenden Macken in Frieden leben.“

„In dem verfallenen Holzschuppen wohnt jemand? Der war doch immer leer?“ Frau Löffler konnte sich das schlecht vorstellen.

Die Großmutter flüsterte nun nicht mehr, sie ereiferte sich. „Das Haus sieht nur von außen ein bisschen verwittert aus. Innen ist es vollständig renoviert.“

Alles hier war verwirrend. Vielleicht, ging es Frau Löffler durch den Kopf, befand sie sich doch nur in einem Traum?

Und wenn schon, sie fragte ihre Großmutter weiter aus, sie wollte über diese bizarre Welt unbedingt mehr erfahren: „Und was tut dieser Herr Tober genau?“

Die Großmutter rieb sich die Hände: „Er macht den Toten weis, wir hätten hier, in unserem Viertel, das Paradies, wenn wir erst einmal die Lebenden daraus vollständig vertrieben hätten.“

„Stören euch die Lebenden denn?“, wollte Frau Löffler wissen.

Die Großmutter senkte den Blick, als wäre ihr etwas peinlich. „Hier unten, in meiner ehemaligen Wohnung, bin ich momentan ungestört, sie steht ja leer. Wenn aber wieder eine lebende Person hier einzieht, bemerke ich diese Person von Zeit zu Zeit. Ich kann sie nicht permanent ausblenden.“ Sie sah ihre Enkelin an, als wollte sie sich entschuldigen. „Das stört. Es ist ein fremdes Element. Du bist nicht mehr vollständig zu Hause.“

„Ich verstehe“, sagte Frau Löffler, um ihre Großmutter zu beruhigen, und verstand dabei fast nichts. Wo war sie nur hingeraten?

Kapitel 6

„Liebstes Fräulein Kanter. Bald haben Sie es geschafft. Dann sind Sie endlich wieder Herrin in Ihrer eigenen Wohnung.“

Frau Kanter lächelte entzückt. Sie fühlte sich geschmeichelt.

Vor vielen Jahren war sie in der Toilette der Grundschule, an der sie als Sekretärin des Direktors gearbeitet hatte, einem tödlichen Herzinfarkt erlegen. Es hatte gedauert, bis sie begriff, dass es danach weiterging.

Entfernte Verwandte hatten für die ledig gebliebene Frau Kanter ein Urnenbegräbnis arrangiert. Frau Kanter hatte völlig verstört ihrer eigenen Beerdigung über der winzigen Trauergemeinde schwebend beigewohnt, dann hatte sie es nach Hause gezogen. Wo sollte sie sonst hin?

Als sie vor ihrer Wohnung in einem Sechziger-Jahre-Block in der Elbinger Straße gestanden hatte, hatte sie ihre ehemalige Nachbarin Frau Meilner, die vor ihr verstorben war, begrüßt und zu sich eingeladen.

Auch wenn Frau Meilner ihr vieles erklärt hatte, war Frau Kanter noch lange nach ihrem Tod verstört und unzufrieden gewesen. Sie hatte wie zuvor wenige Bekannte, lebte als alleinstehende Frau isoliert, und zu ihrer Unbill zogen irgendwann die Kaliphas, eine syrische Familie mit zwei Kindern, in ihre lauschige Dreizimmerwohnung ein.

Frau Kanter hatte es sich zwar gemütlich gemacht in ihrer früheren Wohnung; alles war erfreulicherweise genauso wie vor ihrem abrupten Tod. Die Kaliphas tauchten aber immer wieder bei ihr auf, durchquerten ihr Schlafzimmer, wenn sie sich gerade hinlegte, kamen ins Bad, wenn sie duschte. Und sie gingen einfach durch sie hindurch.

Es waren zwar immer nur Momente; die Kaliphas blitzten kurz auf und waren wieder fort. Diese Momente störten sie aber gewaltig. Frau Kanter fühlte sich so noch einsamer, fremd in ihren eigenen vier Wänden. Wie gut hatte es da Frau Meilner, deren Wohnung nach ihrem Tod nicht mehr vermietet worden war und seit vielen Jahren leer stand.

Bei ihrem täglichen Spaziergang durch die Felder, den sie schon zu Lebzeiten immer unternommen hatte, hatte Frau Kanter an einem Frühlingstag Herrn Tober kennengelernt. Etwas an ihm war ungemein gewinnend. Vielleicht hatte sie sofort Vertrauen gefasst, weil er ihrem Chef verblüffend ähnelte, dem Schuldirektor Dr. Bodenmüller, den sie ihr halbes Leben lang verehrt hatte. Herr Tober hatte nicht nur dessen große, schlanke Statur und die herben, asketischen Gesichtszüge. Tobers grauer, unauffällig gemusterter Anzug entsprach dazu exakt dem englischen Stil, den Dr. Bodenmüller für seine Garderobe gewählt hatte. Und so hatte sie die Einladung zum Tee in sein Holzhaus angenommen, ohne sich etwas Schlechtes dabei zu denken. Im Übrigen, was hätte passieren sollen, sie war ja schon tot.

Herr Tober machte Frau Kanter Komplimente. Er war dabei nie aufdringlich. Sie fühlte sich endlich wieder schön und jung, sie fühlte sich verstanden, in ihrem ganzen Sein gerechtfertigt. Herr Tober vermittelte ihr, dass sie etwas ganz Besonderes war. Er begriff genau, was ihr fehlte, worunter sie litt, und er wollte ihr helfen. Er weihte sie sogar in seinen geheimen Plan ein, aus dem Viertel ein Paradies zu machen.

Seither spielte sie nach Herrn Tobers Anleitungen den Kaliphas täglich, insbesondere nachts, Streiche. Ziel war es, die Kaliphas zum Ausziehen zu bewegen. Wenn Frau Kanter dann wieder ihr Terrain zurückerobert hätte und die anderen toten Einwohner des Viertels ebenfalls ihre Behausungen von den Lebenden befreit hätten, wenn das ganze Viertel schließlich wieder in den Händen der rechtmäßigen Besitzer wäre, dann begänne für alle das Paradies, hatte ihr Herr Tober versichert.

„Sie sehen heute wieder entzückend aus, liebes Fräulein“, flötete Tober und schenkte ihr einen Tee mit Rum ein.

Frau Kanter hatte ihre Jungmädchengestalt angenommen und blickte schwärmerisch drein.

„Bald, sehr bald, veranstalten wir etwas Besonderes in Ihrer Wohnung. Ihre lieben Nachbarn werden dabei sein und auch ich werde helfen. Wir wollen doch mal sehen, ob wir die Syrer nicht ein für alle Mal zum Auszug bewegen können.“

„Ach, Sie sind so wunderbar. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Ich stehe tief in Ihrer Schuld.“

Herr Tober lächelte nicht einmal, sah Fräulein Kanter nur ernst an.

Kapitel 7

Wie viele andere Verstorbene beschloss Frau Löffler, in ihrem letzten Zuhause zu bleiben. Vorerst zumindest, sagte sie sich, bis sie besser begriff, was hier eigentlich los war und was es sonst noch für Möglichkeiten für sie gab.

Sie wohnte im Dachstock über der Wohnung ihrer Mutter. Als die Mutter pflegebedürftig geworden war, war Frau Löffler zurück in ihr Elternhaus gezogen. Sie war ledig, hatte keine Kinder und konnte sich daher ganz der Mama widmen. Arbeiten konnte sie, als freie Autorin und Übersetzerin, überall. Die Möbel aus ihrer früheren Wohnung, die sie in den drei kleinen Dachzimmern nicht unterbringen konnte, lagerten in einem Container. Irgendwann, wenn das alles vorbei wäre, würde sie irgendwo anders ein neues Leben beginnen, hatte sie vorgehabt.

Inzwischen suchte Grazyna sie überall, telefonierte herum. Ohne Erfolg. Am nächsten Morgen kam die Polizei ins Haus und berichtete von Nadja Löfflers Unfall.

Frau Löffler fühlte sich jämmerlich; sie konnte ihrer Mutter nicht klarmachen, dass es ihr gutging. Sie schwebte durch die Zimmerdecke hinunter zu ihr und setzte sich neben sie, um wenigstens in ihrer Nähe zu sein. Nach einer Weile war es ihr, als könnte sie Geräusche im Kopf ihrer Mutter hören. Tatsächlich, zuerst ganz leise, es klang wie ein Flüstern, dann immer lauter, und langsam verstand sie Worte und sogar einzelne Sätze. Hier ein Gedanke, dort ein Gedanke, unverknüpft, ein Fetzen aus der Erinnerung, eine Beobachtung, die sich auf etwas im Zimmer bezog, alles ging durcheinander. Irgendwann begriff Frau Löffler, dass sie die Gedanken ihrer Mama lesen konnte, in Echtzeit. Konnte das sein? Es war überwältigend und verwirrend … Sie versuchte dasselbe mit Grazyna, blieb dicht neben ihr, während die ihren Verrichtungen nachging. Grazyna dachte an ihre Familie, an ihren nächsten Urlaub, aber auch an Nadja Löfflers schrecklichen Unfall, und es tat ihr sehr leid. Der Unfall verängstigte sie. Wie würde es jetzt mit Nadjas Mutter Rose Löffler weitergehen? Wer übernahm die Verantwortung? An wen sollte sich Grazyna wenden? Frau Löffler konnte Grazynas Gedankengängen gut folgen, sie waren kohärent. Und ihr wurde klar, dass ihre Mama im Kopf verwirrter war, als sie zu ihren Lebzeiten angenommen hatte. Die Mama hatte häufig bejahend gelächelt, wenn Frau Löffler sie etwas gefragt hatte. Sie hatte das als Einverständnis interpretiert. Dabei hatte die Mama sicher schon lange nichts mehr verstanden und das Lächeln war wohl so eine Art Überlebensreflex gewesen; einer freundlichen Person tut man weniger an. Was sie eigentlich hätte erschüttern sollen, der ungeheure Grad von Chaos im Kopf ihrer Mama, war für sie eine Erleichterung. Die Mama würde ihr Verschwinden womöglich gar nicht mehr begreifen und auch nicht darunter leiden. Sie wusste sicher nicht einmal mehr, was ein Unfall war. Sie lebte in einem weder glücklichen noch unglücklichen Nirwana. Mit fortschreitendem geistigem Verfall würde ihre geliebte Mama nur noch Körpergefühle empfinden, ein wenig Hunger, ein wenig Durst, Abneigung gegen Gurken, Hitze, Kälte, Schmerz. Ein gnädiges Schicksal gab es. Das wurde ihr klar. So litt man weniger, vegetierte dahin, glich einer Pflanze. Nur weniges, wie Licht, Wärme, ein Luftzug, eine Berührung, drang noch ins Unterbewusstsein und löste eine Reaktion aus, etwas Instinktives. Wenn sie später hinüberkam, zu ihrer Tochter, würde es für sie wie ein Erwachen aus einem jahrelangen Schlaf sein, behauptete Frau Löfflers Großmutter. Sie würde länger brauchen als die anderen, bis sie sich in der neuen Welt orientieren konnte. Das gehe allen Dementen so.

Kapitel 8

Herr Dr. Krepp hatte die Annäherungsversuche von Herrn Tober satt. Herr Tober war zwar einer der Wenigen, der ihn nach seinem Tod noch mit Dr. Krepp ansprach, was ihm überaus gefiel, hatte er seinen Titel doch hart erarbeiten müssen. Es war ihm aber auch klar, dass Tober ihm schmeichelte, um ihn für sich zu gewinnen. Tober wollte ihn bestechen, wollte dass er, Markus Krepp, bei seinem ruchlosen Plan mitmachte, das Viertel von den Lebenden zu säubern. Dass das Viertel, wenn nur noch Tote dort wohnten, zum Paradies werden würde, konnte sich Dr. Krepp nicht vorstellen. Überhaupt bezweifelte er, dass es hier ein Paradies geben könnte. Die Toten, die er von früher kannte, waren so launisch und unaufgeklärt wie zu ihren Lebzeiten; mit solchen Leuten war kein Himmelreich zu machen. Möglich, dass es sich an einem geheimen Ort befand, den er noch nicht kannte.

Dr. Krepp schnitt wütend die Hecke seines Einfamilienhauses. Er tat aus alter Gewohnheit, was er kurz vor seinem Tod, mit 92, noch mit letzter Kraft bewältigt hatte. Beim Schneiden der Hecke war er von der Leiter gefallen und in seine elektrische Schere gestürzt. Ein schauriges Blutbad. Ihm selbst hatte es allerdings nichts ausgemacht. Die Schere hatte ihm die Halsschlagader durchtrennt. Er war schneller tot gewesen, als seine Schmerzrezeptoren und sein Gehirn es mitbekommen konnten.

Herr Dr. Krepp war wütend. Er musste daran denken, wie die Kirche ihre Gläubigen zu Lebzeiten aufs Paradies vertröstete. Er hatte schon damals an kein Paradies geglaubt. Was sollte dort vonstattengehen? Ewiges Beten und Singen? War das erstrebenswert? Damit war es für ihn nicht getan. Er war mit einem ausufernden Wissensdurst geboren worden, er wollte die innersten Geheimnisse der Materie ergründen. Und jetzt, wo er im Jenseits angelangt war, regte sich wieder das Geschwätz vom Paradies, überdies in Gestalt dieses abgeschmackten Herrn Tober mit seinem Maßanzug, der wie der Kundenberater einer Kreissparkasse daherkam.

Während das Paradies, das die Kirche ihm verheißen hatte, bemerkenswert verschwommen blieb, war das Paradies von Herrn Tober vollkommen konkret in seiner Spießigkeit. Jeder Tote sollte wieder unumschränkter Herr seiner früheren vier Wände sein, das war alles. Es war so erbärmlich wenig, dass sich natürlich von vorneherein verbot, damit so etwas Optimales wie ein Paradies zu verbinden.

Herr Tober wollte ihm also etwas abscheulich Billiges andrehen, das ihn überhaupt nicht interessierte, und dafür sollte er in Zusammenarbeit mit seinen toten Nachbarn zuerst einmal die Lebenden aus den Häusern und Wohnungen der Elbinger Straße vertreiben und später dann diejenigen der Königsberger Straße, ferner die der Thorner Straße, Posener Straße und der Eugen-Nägele-Straße. In diesem Carré, vertraute ihm Tober an, gäbe es eine kritische Masse leerstehender Häuser, die von ihren verstorbenen Besitzern und Mietern bereits störungsfrei bewohnt würden, eine ideale Konstellation, die es ungemein erleichterte, die noch im Viertel Lebenden zu vertreiben.

Mit dem Gerede von der „kritischen Masse“ wollte er den Naturwissenschaftler in ihm ködern. Wer war überhaupt dieser Herr Tober? Was hatte er davon, wenn die Toten das Gebiet beherrschten? Herr Krepp war es gewohnt, analytisch vorzugehen, und das hieß, im Bereich menschlicher Beziehungen danach zu fragen, welche Interessen die Beteiligten haben. Das Interesse des Herrn Tober an einer lokalen Herrschaft der Toten war ihm schleierhaft. Etwas Gutes, so viel konnte man ungefähr ableiten, war damit jedenfalls nicht verbunden.

Kapitel 9

Die Sauers hatten sich immer als etwas Besseres gefühlt. Sie hatten auf ihre Nachbarn herabgesehen. Herr Sauer war Finanzvorstand derselben Kreissparkasse gewesen, die Herr Enger als Vorstandsvorsitzender präsidiert hatte. Auch auf die Engers sahen sie herab, insbesondere auf Frau Enger, die nicht einmal das Abitur geschafft hatte. Frau Sauer hatte ihre zwei Söhne nach humanistischen Grundsätzen erzogen, um sie bestmöglich auf ihre Karriere vorzubereiten, und literarische Nachmittage im Haus veranstaltet, was ihr mit ihrem Germanistikstudium nicht nur leichtfiel, sondern ihr auch ein wichtiges Anliegen war, weil man sich ihrer Ansicht nach durch literarische Bildung vom Rest der Menschheit abhob. Als die Sauers im Alter hilflos wurden, waren sie ins Heim gekommen: Ihre Söhne wohnten in Hamburg und München, weit weg.

Das Haus der Sauers war halb verfallen gewesen, als die Söhne es nach dem Tod ihrer Eltern an die Klingers verkauften, eine aufstrebende junge Familie mit zwei Söhnen. Die rissen das Haus großenteils ab und errichteten auf den Grundmauern ein völlig neues Gebäude.

Obwohl für die Sauers ihr Haus noch genauso aussah wie vor ihrem Tod, störte es sie, was die junge Familie damit veranstaltet hatte. Insbesondere Herr Sauer hegte einen tiefen Groll gegen die Klingers. Er war immer der Ansicht gewesen, sein Haus sei grundsolide gebaut. Auch nach seinem Tod wollte er nicht einsehen, dass er sein Haus in den letzten Jahrzehnten hatte verwahrlosen lassen. Er hatte jegliche Reparatur oder Erneuerung aufgeschoben, bis er starb. Hätte es sich um ein altes Haus mit gediegener Bausubstanz gehandelt, wäre etwas zu retten gewesen. Das Viertel bestand aber ausschließlich aus Häusern, die in den Sechzigerjahren gebaut worden waren, aus rasch und kostengünstig errichteten Nachkriegshäusern. Die konnte man nur noch abreißen, wenn man dreißig Jahre lang nicht renoviert hatte.

Herr Tober, dessen Holzhaus schräg gegenüber vom Haus der Sauers lag, stieß bei Herrn Sauer auf offene Ohren. Unbedingt und mit allen Mitteln wollte Herr Sauer die Eindringlinge, die sein Haus verunstaltet hatten, verjagen. Frau Sauer konnte die Wut ihres Mannes nicht vollständig nachvollziehen. Als Herr Tober ihr aber Nachmittage lang aus Thomas Bernhard vorlas und dabei Bernhard zum Verwechseln ähnlichsah, wollte auch sie ihren Teil dazu beitragen, die Klingers zu plagen, bis sie endlich auszogen.

Kapitel 10

Die ledig gebliebenen Schwestern Henne, die mit ihrer Mutter ein Reihenhaus bewohnt und ein Handarbeitsgeschäft betrieben hatten, litten genauso stark wie Herr Sauer unter den Lebenden. In ihrem Haus hatten sich nach ihrem Tod Griechen breitgemacht, wie sie es ausdrückten. Ein griechisches Rentnerehepaar, ehemals Gastarbeiter, war nach dem Tod der Henne-Schwestern in das Henne-Haus eingezogen. Die Griechen stellten alles dar, was die Hennes verachteten. Sie waren Ausländer und in ihren Augen dick, dumm, faul und auch noch ziemlich dunkelhäutig.

Die Hennes waren im Dritten Reich stramme BdM-Mädchen gewesen und die Mutter Henne hatte zu den glühenden Verehrerinnen Hitlers gehört. Die Schwestern hatten in ihren jüngeren Jahren jeden Tag Sport getrieben, sich dem Turnen und Schwimmen gewidmet, strikt Naturkost gegessen, ihre Tage mit eiserner Disziplin eingeteilt, sie waren um Punkt sechs aufgestanden und abends um Punkt zehn im Bett gewesen – und in den Ferien heimlich an einen FKK-Strand gegangen.

Die Sauers hatten sich zu Lebzeiten über die Hennes lustig gemacht. Die Mutter hatten sie als Despotin bezeichnet. Die jüngere Schwester hatte ihrer Ansicht nach Stroh im Kopf, die ältere war kaum klüger; daran hatte sich für die Sauers nach dem Tod nichts geändert. Was ihnen im Jenseits Rätsel aufgab, war die Mutter Henne. Sie wohnte nicht mehr mit ihren Töchtern zusammen. Und diese hatten noch kein Wort darüber verlauten lassen, warum das so war. Möglich, dass sie es selbst nicht wussten. Es gab noch etwas, das sich nach dem Tod geändert hatte. Zu Lebzeiten hätten Sauers und Hennes nie ein gemeinsames Projekt erwogen. Jetzt waren sie durch Herrn Tober und das gemeinsame Ziel, die Lebenden aus dem Viertel zu vertreiben, verbunden.

Da die Hennes auch nach ihrem Tod immer noch auf Männersuche waren, hatten sie die Einladung von Herrn Tober gierig angenommen, zumal Herr Tober groß, muskulös und blond war und die Hennes im Befehlston ansprach. Das imponierte beiden. „Ach, Herr Tober, Sie sind so gebieterisch“, begeisterte sich die eine. „Herr Tober, befehlen Sie, wir folgen Ihnen“, versprach die andere. Wie konnten sie auch nicht Herrn Tobers Anweisungen Folge leisten, wo er doch genau aussprach, was ihnen am Herzen lag. Das Viertel musste von den zugezogenen Fremdlingen gesäubert werden, sie waren minderwertig und drohten, die Volksdeutschen zu verdrängen, egal, ob diese nun lebten oder tot waren.

Kapitel 11

In den ersten Tagen nach ihrem Unfall musste sich Frau Löffler damit abfinden, ihre Mutter alleine gelassen zu haben. Gewissensbisse trieben sie um. Sie sagte sich, sie hätte den Unfall leicht vermeiden können. Jetzt war sie tot und ihre Mutter hatte niemanden mehr, kein direktes Familienmitglied, das sich um alles kümmerte, die Pflege organisierte, sie seelisch betreute, Anschaffungen tätigte, Reparaturen im Haus durchführte, die Rechnungen zahlte, mit den Krankenkassen verhandelte … Die Pflegerinnen waren zum Glück ziemlich selbständig, aber nicht selbständig genug. Unter normalen Umständen wäre Frau Löffler nahe am Nervenzusammenbruch gewesen. Jetzt, nach ihrem Tod, sah sie die Lage merkwürdigerweise von Tag zu Tag entspannter. Sie wusste, irgendwie würden sie sich durchwursteln, sowohl Grazyna als auch die zweite Pflegerin, Gisela, und ihre Mama würde bald erlöst. Nichts war mehr so schlimm, von ihrer jenseitigen Warte aus gesehen, nichts war ausweglos. Das Sterben war zwar manchmal mühsam, zog sich bei einigen hin, hinüber schafften es aber alle. Auch ihre Großmutter tröstete sie. Sie behauptete, niemand sei wirklich alleine beim Sterben. Selbst diejenigen starben nicht alleine, die einsam in ihren Wohnungen verendeten, ohne dass es jemand bemerkte, deren verweste Körper erst nach Tagen oder Wochen entdeckt wurden, weil ein Fäulnisgeruch nach außen drang. Die Verstorbenen, zu denen eine enge Bindung bestand, begleiteten sie hinüber. Dass ihre Mutter vielleicht ganz alleine sterben würde, ohne sie an ihrer Seite, die ihre Hand hielt, die sie umarmte und küsste, wäre für Frau Löffler das Schlimmste gewesen.

Allzu häufig kam sie in den ersten Tagen zum Glück nicht ins Grübeln. Sie hatte damit zu tun, die Toten im Viertel zu begrüßen, die sie zu ihren Lebzeiten gekannt hatte. Man traf sich früher oder später automatisch – auf der Straße, auf dem Feldweg, im Salonwald, in den Geschäften. Auch die Geschäfte waren dieselben geblieben und man konnte in ihnen genauso wie vor dem Tod einkaufen. Drinnen arbeiteten ausschließlich Tote, sie räumten die Regale ein und saßen an der Kasse. Bezahlen musste man allerdings nicht mit Geld, sondern nur mit einem Lächeln. Alle diese Begegnungen waren reichlich anstrengend.

Es war ein Glück, dass Frau Löffler die toten Nachbarn rasch erkannte. Viele sahen jünger aus, als sie sie von ihren letzten Begegnungen in der Welt der Lebenden in Erinnerung hatte. Aber sie wusste trotzdem sofort, wer sie waren. Man war hier scharfsichtig, erkannte in einem jüngeren Gesicht seine spätere Entwicklung. Frau Löffler wählte ebenfalls ein jüngeres Alter, verjüngte sich um dreißig Jahre. In ihren frühen Dreißigern hatte sie noch jung ausgesehen, sich jung gefühlt, gleichzeitig hatte sie das Nervenaufreibendste, den Berufseinstieg, hinter sich, erhielt endlich regelmäßig Übersetzungsaufträge von Verlagen, zumeist handelte es sich um Liebesromane, die sie aus dem Italienischen und Polnischen übertrug. Sie war zu der Zeit einigermaßen etabliert und hatte viele schlechte Erfahrungen und Enttäuschungen bereits hinter sich, nicht mehr vor sich; das Betteln um Aufträge, Zurückweisungen in der Liebe … Mit über dreißig kränkte sie nicht mehr alles tödlich. Sie fand sich damit ab, dass die Männer, die sie begeisterten, sich nicht für sie interessierten. Sie haderte nicht mehr damit, alleine geblieben zu sein. Lieber war sie alleine, als mit einem Mann zu leben, den sie nicht liebte.

Ihre Verjüngung machte keinerlei Schwierigkeiten. Es hatte ausgereicht, dass sie sich eindringlich ihr früheres, dreißigjähriges Selbst vorstellte.

Bei den Begegnungen mit verstorbenen Bekannten kamen intensive Gefühle hoch. Man hatte sich verloren geglaubt, aber nichts und niemand war verloren. Dass die Toten noch lebten, freute einen sogar bei Personen, die einem zu Lebzeiten nie sonderlich viel bedeutet hatten.

Die Hennes hatte sie nie gemocht, jetzt beurteilte Frau Löffler sie milder, wie so einige andere Verstorbene auch. Jedenfalls, bis sie von den Absichten der Schwestern erfuhr.

Usw.

Was für ein verfluchter Ort

DAS HAUS – Kriminalroman

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Erst kürzlich habe ich Euch Olivias Thriller Der Regisseur vorgestellt. Jetzt hat die gebürtige Stuttgarterin ihr nächstes Buch mit viel kriminalistischen Spürsinn und ganz im Sinne der häufig unterschätzten und schrulligen Amateur-Detektivin Miss Marple geschrieben.Es geht um ein Haus, das ein Gebäude voller winziger Mietwohnungen ist.

Mit dem Tod des Medizinstudenten Enis Al Agha nimmt das Unheil seinen Lauf. Einer um den anderen Mieter wird tot aufgefunden oder verschwindet spurlos. Die pensionierte Schneiderin Frau Rauhaar ist sich sicher, dass es nur einen einzigen Mörder gibt und dass dieser im Haus wohnt. Die Parapsychologin Nadja Knoll ist anderer Meinung: Das Haus sei womöglich ein Unglückshaus, ein verfluchter Ort, das Haus selbst sei sozusagen schuld an den grausigen Geschehnissen. Niemand erkennt ein klares Muster hinter den grausamen Fällen. Die Polizei ist ratlos. Bis sie rein zufällig auf eine bedeutende Spur stößt. Aber es ist vielleicht schon viel zu spät …

Olivia Monti

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[Blogtour] Der Regisseur – Olivia Kleinknecht + XXL Gewinnspiel

über [Blogtour] Der Regisseur – Olivia Kleinknecht + XXL Gewinnspiel

Spannung pur für kühle Winterabende

Interview. Die Hintergründe.

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KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA

Ciao Roma! Nicht nur Italienfans werden ihn lieben. Den neuen Thriller von Olivia Kleinknecht.

Olivia, warum haben Sie „Der Regisseur“ geschrieben?

Der Regisseur ist ein moderner Don Giovanni. Das Buch ist so strukturiert wie Da Pontes Libretto zu Mozarts Don Giovanni. Der Protagonist denkt, er kann und darf alles tun, wird immer übermütiger, überschreitet sogar die Grenze ins Verbrechen und dann geht auf einmal etwas und dann immer mehr schief. Die Situation gerät außer Kontrolle. Don Giovannis Untaten kommen heraus. Seine Opfer entdecken, dass er nicht nur ein Frauenverführer, ist, dem jede Lüge, jeder Betrug recht ist, sondern auch ein gemeiner Mörder. Don Giovanni wird bestraft, er brennt am Ende in den Feuern der Hölle. „Der Regisseur“ nimmt ein etwas moderneres, aber auch kein gutes Ende.

Was hat sie an Mozarts Don Giovanni fasziniert?

Was mich an Don Giovanni immens erstaunt hat: die Verführten, seine Opfer, weinen ihm noch nach…

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Rezension zu „Der Pflegefall“

Inkultura, Michael Kreisel:

Buchkritik — Olivia Monti — Der Pflegefall

Umschlagfoto, Buchkritik, Olivia Monti, Der Pflegefall, InKulturA Anna Zerbst, Mitte fünfzig, einsam und in prekären finanziellen Verhältnissen lebend, nimmt eine Stelle als Pflegekraft an. Ihr neuer Arbeitgeber ist ein ehemals einflussreicher und vermögender Mann mit einem äußerst problematischen Charakter. Sie bezieht ein Zimmer in der Villa Brunt und wird vom dortigen Hausmeisterehepaar in die tägliche Routine eingewiesen.

Schnell wird ihr klar, dass dieser Job Herausforderungen beinhaltet, die sie oft an ihre persönlichen Grenzen gelangen lassen. Herr Brunt ist jähzornig, unbeherrscht und gefällt sich darin, seine Mitmenschen, es sind nur wenige, permanent zu beleidigen und sogar körperlich anzugreifen. Mitten in dieser für Anna ohnehin schwierige Situation, erfährt sie Näheres über die Vergangenheit Brunts.

Nella und Markus, das Hausmeisterehepaar berichten vom Missbrauch ihrer behinderten Tochter durch Brunt, der ebenfalls seinen Sohn Tobias körperlich und psychisch gequält haben soll. Eine vormalige rumänische Pflegekraft ist spurlos verschwunden und auch der Tod von Tobias Mutter geschah unter mysteriösen Umständen. Als es Anna gelingt, einen verhältnismäßig guten Kontakt zu Brunt herzustellen, erzählt dieser eine andere Version der Ereignisse.

Hin und her gerissen zwischen Pflicht und Empörung, stellt sich angesichts der Tatsache, dass Brunt durch Nella, Markus und Tobias langsam vergiftet wird, die Frage nach ihren möglichen Optionen. Soll sie mit ihrem Wissen zur Polizei gehen, schweigen oder gar die Stelle aufgeben? Als sie eine Entscheidung trifft, entwickelt sich die Angelegenheit auf dramatische Weise.

„Pflegefall“ ist ein beklemmender Psychothriller, der die Villa Brunt zu einem klaustrophobisch inszenierten Ort negativer Emotionen gestaltet. Wut, Hass, Gier und Rachegefühle vergiften das Leben der Figuren, die, getrieben von Verzweiflung und Sadismus, ein Leben führen, dass dunkel zu nennen, noch untertrieben wäre. Allein die vage Hoffnung auf die finanzielle Hinterlassenschaft Brunts hält diesen Kosmos des Negativen zusammen.

Olivia Monti ist es gelungen auf knapp 200 Seiten ein Pandämonium menschlicher Abgründe zu beschreiben, dass Erschauern lässt. Eine bereits unter normalen Umständen immer problematische Beziehung zwischen Pflegenden und zu Betreuenden eskaliert hier zu einer Situation, die unerträglich ist und die geradewegs auf eine Katastrophe zusteuern muss.

Man ist froh, diesen Roman nach der Lektüre beiseite legen zu können; nicht weil er schlecht geschrieben ist, sondern, im Gegenteil, mit einer Intensität daherkommt, die nur schwer zu ertragen ist. Ein „Pflegefall“ mit absoluter Leseempfehlung.

 


 

Meine Bewertung:Bewertung

Veröffentlicht am 12. Mai 2018

Leseprobe aus dem fast fertigen Kriminalroman „Die Pflegerin“ (Arbeitstitel), 190 Seiten

Aus dem Roman „Die Pflegerin“ (Arbeitstitel), 190 Seiten

S. 40 ff

 

„Wie wollen Sie beerdigt werden?“, fragt mich Herr Brunt.

Ich schlucke. Ich hatte schon an meine Beerdigung gedacht. Das tun womöglich viele Alleinlebende. Wenn niemand für einen da ist, muss man alles selbst regeln. Möglich, dass man nicht einmal jemanden hat, den man zur eigenen Beerdigung einladen könnte. „Ich weiß noch nicht einmal, ob ich eine Grabstätte kaufen muss.“

Herr Brunt lächelt knapp. „Ich habe für mich eine Erdbestattung festgelegt. Ich besitze noch das Grab meiner Eltern. Da ist Platz.“

Ich schweige. Herr Brunt ebenfalls. Dann sieht er mich an: „Ich habe meinen Wunsch in einem notariellen Testament festgelegt. Mein Sohn würde die billigste Variante wählen, mich verbrennen lassen. Wenn er dürfte, würde er mich am nächstbesten Ort ausstreuen. Wahrscheinlich in eine Mülltonne. Ich glaube, dass die Seele den Körper nicht gleich verlässt, und mein Sohn würde mich sicher noch am Tag meines Todes einäschern wollen. So etwas will ich verhindern.“

Herrn Brunts Worte bedrücken mich nicht nur, sie machen mir langsam Angst. Von Natur aus würde ich jetzt keine Frage stellen, ich muss aber unbedingt mehr wissen. „W-wieso würde Ihr Sohn so etwas …?“

Herr Brunt antwortet, als hätte er auf ein Stichwort gewartet: „Mein Sohn wollte mich umbringen.“

Ich muss tief Luft holen.

„Er glaubt, ich sei schuld am Tod meiner Frau. Dabei war es ein Reiseunfall. Ich kann ja verstehen, dass er wütend auf mich ist. Meine Frau und ich, wir hatten eine … schlechte Ehe geführt. Aber das ist ja nichts Außergewöhnliches. Am Anfang ist man verliebt. Und dann lebt man sich auseinander. Der eine entwickelt sich weiter. Der andere bleibt stehen und wird böse.“

Ich starre Herrn Brunt nur an.

„Sie wollen wissen, wie er es versucht hat?“

Meine Lippen bewegen sich, ich kriege aber kein Wort heraus.

„Ich mache jeden Abend einen Spaziergang ums Haus. Da hat er mir aufgelauert und versucht, mich zu überfahren. Er hat mich erwischt, ich flog in die Luft und knallte auf dem Bürgersteig auf. Ich blieb bewusstlos liegen. Er fuhr davon. War wohl davon ausgegangen, ich sei tot. Ein Nachbar fand mich und brachte mich ins Krankenhaus. Ich habe nie gesagt, wer es war.“

In meinem Hirn rattert es. Jetzt macht alles Sinn. „Ja dann ist Ihr Sohn … gefährlich … Dann kann er sie immer noch umbringen. Dann …!“

Brunt unterbricht mich: „Denken Sie, ich weiß nicht, was mein Sohn und die Schmitts mauscheln?“

Ich werde purpurrot.

„Sie vergiften mich.“

„Und das w-wissen Sie?!“ Aus allen meinen Poren bricht Schweiß.

„Sie wissen es doch auch.“

Mein Blut sackt ab, dann kehrt sich der Prozess um, mir wird heiß und mein Gesicht brennt lichterloh. Ich krächze: „W-wie …Wo-woher …?“

Herr Brunt lächelt : „Sie haben die drei belauscht.“

Mein Gesicht muss dunkelrot sein. „Ich w-wollte erst mehr herausfinden. Ich wollte sicher gehen, dass …“

Herr Brunt legt seine welke Hand auf meine. Sie ist so leicht wie ein Blatt.

Ich sehe ihn kläglich an: „Und was machen wir jetzt?“

*

Leseprobe: „Die Pflegerin“, novel in ashamingly slow progress

Aus dem Kriminalroman „Die Pflegerin“. S. 50f.

Ein glutenfreier Margarita-Kuchen steht auf dem Tisch. Ich schenke Herrn Brunt den giftfreien Kaffee ein, den ich selbst nachmittags zubereite. Jetzt sieht er mich zum erstenmal an. Er verdreht dabei seinen über den Teller hängenden Kopf so, als hinge er an einer waagrechten Stange. Der Kopf pendelt gleich wieder zurück, über den Teller. Es sieht erbärmlich aus. Ich vergesse für Sekunden, wer er ist. Die Schwere, die auf ihm lastet überträgt sich auf mich. Für Sekunden wünsche ich, dass er sich wieder normal halten kann, die Körperschwäche verschwindet. Dann isst er mit einer Hand den Kuchen, die andere hängt an seinem Arm herab wie ein Fremdkörper. Es ist still. Die Gabel schabt über den Teller. Als er fertig ist, stützt er sich mit beiden Händen an der Tischkante ab und kommt gerade zum sitzen. Ich fühle mich wie damals in der Schule, als ich nichts wusste und befürchtete, der Lehrer würde gerade mich fragen. Panik und vorgefühlte Scham bringen mich in Hitzewallung.

„Na, haben Sie mehr über mich herausgefunden?“

„W-wieso?

„Die Zeitungen unter Ihrer Matratze! Sie haben meine gesammelten Zeitungsartikel entwendet.“

„A-aber, Sie kommen doch gar nicht mehr die Treppe hoch“, entfährt es mir.

„Denken Sie, ich trinke all das Giftzeugs am Morgen? Einen Teil kippe ich in die Gummibaumtöpfe. Denen scheint es nicht zu schaden.“

Ich starre Brunt an.

„Wenn ich sterben will, dann nehm ich eine große Ladung von dem weißen Pulver in der Küche. Ich bestimme, wann es zu Ende ist.“

Mir fehlen die Worte.

„Nicht dass Sie mich falsch verstehen. Ich will sterben. Und zwar möglichst bald. Aber manchmal, da erscheint einem in all dem Elend noch etwas interessant und man möchte es noch eine Weile hinauszögern.“

Als ich immer noch schweige, sagt er: „Wie fänden Sie es, wenn jemand in Ihren Privatsachen rumschnüffelt?“

Ich bin eine Spur wütender als beschämt. Ich kenne das Muster. Menschen, die anderen Böses tun wollen, jagen ihren Opfern häufig noch Gewissensbisse ein, um ihre Verteidigung zu lähmen. „Ich finde es, ehrlich gesagt, harmlos, im Vergleich zu dem, was Sie sich geleistet haben.“ Ich greife unbewusst zum Kuchenmesser, um mich zu schützen, aber Herr Brunt braust nicht auf.

„Ich bin nicht stolz auf das, was ich getan habe.“

Mein Mund öffnet sich ganz von alleine.

„Ich kann es nicht wieder rückgängig machen.“

„Wieso haben Sie das alles getan? Die alten, hilflosen Frauen betrogen, den Leuten ihre Häuser weggenommen. Sie haben nicht Ihresgleichen etwas angetan, sondern nur Leuten, die schwächer waren als Sie. Weil sie in einer finanziellen Notlage waren, weil sie alt und schwach waren oder“, ich bin über mich selbst verwundert, dass ich schreie, „minderjährig!“

Brunts Augen schweifen fahrig über den Tisch.

„Wie konnten Sie denken, so etwas sei erlaubt?“

Brunt setzt sich auf seinem Stuhl zurecht und wirkt auf einmal so wenig debil, dass ich wieder das Kuchenmesser umfasse.

„Ich habe nicht viel gedacht, fürchte ich. Ich habe all das getan, weil ich es tun konnte.“

In mir kocht das Blut hoch. Ich stehe auf und mache mich daran, abzuräumen und ihn einfach sitzen zu lassen. Dann sage ich aber doch: „Und was ist Ihnen jetzt geblieben?“

„Nichts“, kichert er heiser. „Ihnen wird auch einmal nichts bleiben. Am Ende sind wir alle gleich.“

*

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„Stirb in Florenz“ im Indie-Lesefestival unter Kriminalliteratur

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E-Book

Neid Blick ins Buch

Circa 160 Seiten.

INHALT

„Ruspoli hatte wenige Freunde und viele Freundinnen. Wir Männer trauten ihm nicht so recht. Er war zu schön. Und was ihn noch verdächtiger machte, war sein Einfallsreichtum im Lösen der schwierigsten Rechtsfälle. Ruspoli kam mühelos auf Lösungen, an die noch keiner von uns gedacht hatte, beschritt neue Wege, die eleganter waren als die ausgetretenen Pfade. Er gab sich nicht zufrieden, einen Fall irgendwie zu lösen, sondern er fabrizierte mit großem Geschick auch noch die Lösung, die ihm die gerechteste zu sein schien. Ruspoli zeichnete sich durch ein in unserem Beruf völlig unangebrachtes Moralgefühl aus, das ganz im Gegensatz zu seinem privaten Lebenswandel stand; er machte sich an alle hübschen Frauen in seinem Umkreis heran, sogar an die jungen Gattinnen einiger Professoren. Er betrog eine mit der andern, und doch trug ihm keine ernstlich etwas nach, wenn er sie verließ. Die Opfer schienen sich auch noch geehrt zu fühlen, von Ruspo beglückt und hintergangen worden zu sein. Etwas stimmte nicht mit Ruspoli. Er kam ungeschoren davon, wo man einem andern ein Bein gestellt, eine Grube gegraben hätte.“

Als Ruspoli die Tochter eines berühmten Professors heiratet, scheint sein Aufstieg unaufhaltsam.

Doch dann nimmt sein Leben eine überraschende Wende.Abgang

memento mori

Die Geschichte des jungen Ruspoli erzählt ein alter Mann, ein pensionierter Anwalt. Der alte Mann und Ruspoli hatten gemeinsam die Universitätsbank gedrückt. Der alte Mann erzählt eine ganz gewöhnliche Neidgeschichte. Alle kennen wir das nagende Gefühl von Neid. Alle haben wir schon jemanden oder viele beneidet. Es gibt den positiven Neid, der uns etwa zu besseren Leistungen anspornt und den negativen Neid, bei dem jemand zerstören will, was der andere besitzt oder sogar, was der andere im Kern ist. Wie fing die Tragödie eigentlich an, fragt sich der alte Mann. Wann begannen die Kräfte zu wirken, die am Ende zur Vernichtung von Ruspoli führten …

Die Haupthandlung spielt im Florenz der dreissiger bis fünfziger Jahre.

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Der Roman erschien erstmals im Pano Verlag, Zürich unter dem Titel NEID und unter Pseudonym. Es wurden gerade mal 3 Exemplare verkauft! Das ist sicher ein Rekord …

Bevor ich anfing zu schreiben, habe ich länger recherchiert. Hilfreich war sicher auch, dass ich, ebenso wie Ruspoli, viele Jahre in Florenz gelebt habe.

 

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Alte Kinderbücher

baer-lesendManchmal fallen einem alte Kinderbücher ein. Da entstehen die ersten großen Eindrücke. Aus den sechziger Jahren. Eine Bärenfamilie hat lange auf ihr erstes Auto gespart und kauft endlich den obligaten VW Käfer. Gleich auf der ersten Fahrt fahren sie im Übermut etwas zu schnell und bauen einen Totalunfall. Auf dem letzten Bild sieht man sie mit zerrissener Kleidung, verbundenen Köpfen, Armen und Beinen davonhumpeln. Die Bären taten mir unsäglich leid. Und ich fragte mich ängstlich: Ist das das Leben?

Autorenkummer

durchgestrichene-nullEben entdecke ich, dass mein hr2 Kulturgespräch über mein Sachbuch „Das Gedächtnis von Gegenständen oder die Macht der Dinge“ auf Youtube gelöscht worden ist. Womöglich schon seit langem … Sie sagen dort: „Dieses Video enthält Inhalte von WMG. Dieser Partner hat das Video aus urheberrechtlichen Gründen gesperrt.“ WMG könnte Warner Music Group sein. Kann mir nicht vorstellen, dass der hessische Rundfunk hier Rechte verletzt haben könnte. Das Gespräch hat seinerzeit auch der mdr gesendet und unter dem Link, der früher zum Gespräch führte, sehe ich gerade, kommt man jetzt nur noch auf die allgemeine Seite, findet es also ebenfalls nicht mehr.

Da ist man ohnehin schon eine Null. Und die Null wird noch gelöscht. Der Witz, derlei Pannen sind keine Ausnahme. Wahrscheinlich geht in den meisten Leben ungemein viel schief. Und das ist normal.

Kuh unter Palmen oder Lob des Handicaps

Mein Urlaub begann ungut. Am Flughafen angekommen, vergaß ich meine Handtasche auf einer Bank, auf der ich auf den Bus wartete. Im Hotel bekam ich als Alleinreisende wieder das Katzenzimmer. Mein Handy fiel aufgrund eines Netzwerkfehlers aus. Beim untauglichen Versuch, den Fehler zu beheben, löschte ich aus Versehen alle meine Kontakte, Nachrichten und Fotos. In meinem zweiten Zimmer funktionierte das Festnetz nicht und ich war nicht imstande, die Rezeption dazu zu bewegen, das Telefon zu reparieren. Meine eingepackte Kleidung erwies sich als nicht warm genug. Ich hatte versäumt, die Temperaturen vor der Reise im Internet nachzusehen und und und. Die Selbstanalyse ergab: ich bin ein aufgeregtes Huhn, das nicht mehrere Dinge zugleich tun darf, schön langsam eins nach dem andern erledigen muss. Ich bin eine Kuh unter Palmen. Etwas später kam mir ein tröstlicher Gedanken. Jeder tritt das Leben mit bestimmten Handicaps an. Je grösser sie sind, desto grösser die Herausforderungen. Einen Urlaub durchzuführen kann für jemanden mit großen Handicaps so schwierig sein wie für eine Person mit kleinen Handicaps, ein Land zu regieren. Unsere äußerlichen Lebensumstände mögen sich gewaltig voneinander unterscheiden, innerlich/subjektiv bewältigen wir dasselbe, gleichen sich unsere Leben ziemlich genau.kuh-unter-palmen

Der Irrtum des „Wenn alles bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern“.

Gestern noch einmal den „Leopard“ auf Arte gesehen.

In Lampedusas Roman fasziniert die tolle Sehnsucht nach Prunk und Verfeinerung einer entschwundenen Zivilisation. Aber nicht nur. Lampedusa zeigt die Gefahren einer gesellschaftlichen Umwälzung; wie der Niedergang des sizilianischen Hochadels im 19. Jahrhundert einem Bürgertum Platz machte, das sich seinerseits wieder als brüchig erwies durch das Heraufkommen einer organisierten Massengesellschaft à la Mussolini, Hitler und Stalin.

Der Fürst von Salina verheiratet seinen Neffen Tancredi mit Angelica, der Tochter des neureichen Provinz-Bürgers Don Calógero. Sein Prinzip ist: „Wenn alles bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern.“ Leider funktioniert das Prinzip nicht. Die adlige Welt löst sich auf.

Der Roman hat ungemeine Aktualität. Die Vielen, die heute rechstpopulistisch wählen, meinen ebenfalls, dass sich alles ändern muss, damit sie ihren Status Quo halten können. Ein gefährlicher Prinzipienirrtum.

 

Beeindruckt haben mich, als ich das Buch vor vielen Jahren las, die Formen von Überfluss in dieser verschwundenen Gesellschaft, die Feinheiten im Umgang miteinander und der zuweilen doch rustikale Witz. Ich werde mich immer an die Seiten erinnern, auf der Lampedusa die Unmengen verschiedener, grandioser Dolci beschreibt!

 

„Ein Haus, in dem man alle Räume kennt, ist nicht wert, bewohnt zu werden.“ Giuseppe Tomasi di Lampedusa

Verlorene Stimmung

Manchmal denke ich zurück an meine Kindheit, und eine bestimmte Stimmung an einem bestimmten Ort schwebt mir vor. Intuitiv meine ich, dass die Stimmung nicht nur mit dem Ort, sondern fast mehr noch mit der Zeit zusammenhängt. Es ist die Stimmung an einem Ort zu einer bestimmten Zeit. Ich bin dann überrascht, wie intensiv mir diese Stimmung in der Erinnerung erscheint. In meinem heutigen Leben empfinde ich diese intensive Stimmung an denselben Orten kaum mehr. Vielleicht, weil viel zu viel zu schnell vorüberzieht, und sich nichts mehr verdichten kann. Ich schwimme in einem Meer, aus dem man das Salz entfernt hat. Oder so ähnlich.

Wann war ich wirklich einsam?

Letztes Jahr, als ich längere Zeit zuhause krank war, legte ich mich neben meine Orchidee und erhoffte von ihr heilenden Zuspruch.orchidee-im-topf

 

Rezension 31. Oktober — Roses Bücher

“Ein komplexes Drama, das nachwirkt Die Autorin Rose Kleinknecht-Herrmann hat in ihrem 2016 erschienenen Buch “Frust, Revolte und Normalität – Die Leiden des Lehrers Wolfgang Fink” mit präziser und pointierter Sprache ein leises und überaus komplexes Drama inszeniert. Eines das nachwirkt, weil die verschiedenen Akte uns in so vielem bekannt sind. Ganz egal, wo wir […]

über Rezension 31. Oktober — Roses Bücher

Kleine Morde unter Nachbarn und anderes Erfreuliche

Gestern einen köstlichen Montalbano im Fernsehen gesehen. Commisario Montalbano hat einen Traum. Er kommt morgens ins Kommissariat und alle empfangen ihn mit Trauermine. Als er seine Mitarbeiter fragt, was los ist, teilen sie ihm mit, dass er tags zuvor an einem Schlaganfall verstorben sei. Als er es für einen der üblichen Scherze hält, zeigen sie ihm den aufgebahrten Sarg. Montalbano muss mit Schrecken erkennen, dass tatsächlich er im Sarg liegt. Alle kondolieren ihm jetzt und der Gipfel ist erreicht, als er sich in die Trauerprozession hinter seinem eigenen Sarg einreiht. Als der Sarg von den Schultern der Träger fällt, erwacht er aus dem Albtraum. Selten habe ich so gelacht. Anschließend stieß ich zufällig auf eine ebenfalls empfehlenswerte Serie. Kleine Morde unter Nachbarn (DK 2009–2010, Lærkevej).

 

Leseprobe aus dem Roman DIE PFLEGERIN (work in slow progress)

Aus dem Roman Die Pflegerin (Arbeitstitel, work in slow progress)

 

S. 17 – 21

 

Mitten in der Nacht weckt mich ein Geräusch. Es knarrt. Dieses Knarren kommt mir bekannt vor. Mir fällt ein, dass die Treppe auf die Weise geknarrt hat, als ich meinen schweren Koffer hochschleppte. Ich knipse sofort die Nachtischlampe an. Wer soll schon um die Zeit, meine Uhr zeigt drei an, auf der Treppe sein? Man hört auch keine Schritte. Es hat nur geknarrt. Mein Herz pocht so laut, dass ich es in der Stille hören kann. Minutenlang lausche ich mit offenem Mund in die Stille hinein. Nichts regt sich. Ich rede mir ein, dass es in alten Häusern eben knarrt. Das Holz dehnt sich aus, zieht sich wieder zusammen, je nach Temperatur. Alte Häuser sind lebendig. Trotz der beruhigenden Erklärung kann ich nicht mehr einschlafen. Ich lege meinen Kopf unter das Kissen und presse es fest auf mein Ohr. Ich nicke erst ein, als die milchige Morgendämmerung durch die Vorhänge sickert.

 

Der Wecker schrillt mich aus dem Tiefschlaf. Das Erwachen nach dem ersten Tag ist oft wie das Erwachen in einen Albtraum. Ich weiss zuerst nicht, wo ich bin. Dann fällt mir blitzartig ein, dass ich bei ganz fremden Leuten bin. Dann fühle ich mich einen Moment fürchterlich elend. Dann springe ich auf und rufe mich zur Ordnung, sage mir, dass dies ein guter Tag ist, da ich den ersten Tag schon überstanden habe. Schon fühle ich mich besser und funktionstüchtig.

 

*

 

Pünktlich um acht betrete ich Herrn Brundos Schlafzimmer. Er sitzt auf der Bettkante und starrt mir entgegen. Nicht wie ein menschliches Wesen. Eher wie ein Hund, der drauf und dran ist zu beissen. Sich zu bekreuzigen würde wohl nichts nützen. Sei unauffällig, tu so, als bist du Luft, rede ich mir zu. Ich nähere mich langsam und biete ihm meinen Arm an, damit er aufstehen kann. Er grunzt. Die ersten Schritte stützt er sich so schwer auf mich, dass ich fast sein Gewicht nicht mehr halten kann. Er möchte auf das Sofa vor dem Fernseher. Nella hat dort schon gedeckt. „Weg!“ Er schiebt das Gedeck zur Seite und nimmt die Fernbedienung in die Hand. Ich eile in die Küche, aus der es nach Kaffee duftet.

 

„Morgen machen Sie das Frühstück alleine!“, ruft mir Nella entgegen und legt Zwieback auf einen Teller, Marmelade, Butter und Honig auf einen andern. „Nur nicht den Kaffee. Den brüh ich auf. Herr Brunt will es so. Ich mach den besten Kaffee.“

 

„Isst er denn kein Brot morgens?“

 

„Zwieback kaufen wir in Grosspackungen, der hält sich ewig.“

 

„Und Joghurt?“

 

„Manchmal bekommt er ein Ei. Wir haben ihm schon so viel angeboten. Aber er will immer dasselbe … Obwohl er es nicht mag.“ Nella blickt in die Luft. „Vielleicht denkt er, er hat nichts Besseres verdient.“

 

„Sie meinen …, er bestraft sich selbst?“

 

„Schon möglich. Herr Brundo hat nicht gerade vielen Personen eine Freude auf Erden bereitet …“

 

Ein gurgelnder Schrei aus dem Salon schneidet Nella das Wort ab. Sie stürzt mit dem Frühstückstablett aus der Küche als wäre jemand hinter ihr her. Ich gehe ihr zögerlich nach.

 

„Wird aber auch Zeit“, schnauzt Herr Brundo Nella an. Sobald er den ersten Schluck getrunken und die Hälfte verschüttet hat, starrt er wieder auf die Mattscheibe.

 

„Du dummes Weib! Hast keine Ahnung! Hure!“ Er speit Kaffeetropfen und Zwiebackbrösel in die Luft. Sein Hals und seine Backen blähen sich, laufen rot an. Obwohl ich bis ins Mark erschrecke, kommt mir zuallererst eine bestimmte Krötenart in den Sinn.

 

Ich begreife erst im zweiten Moment, dass er auf die Nachrichtensprecherin schimpft. Nella sieht mich verstohlen an.

 

„Dreckstück. Fick dich … Solche wie dich sollte man …“

 

Zurück in der Küche sagt Nella nur: „Sie können schon das Gemüse putzen. Gegen Zehn helfen Sie ihm dann mit Waschen und Ankleiden. Vorher tobt er sich an der Mattscheibe aus.“

 

Ich bin wie vor den Kopf gestossen. Am Tag zuvor war er zwar griesgrämig, hat mir dabei aber einen halbwegs annehmbaren Eindruck gemacht.

 

Nella holt aus der Speisekammer Karotten und Pastinaken und legt sie unsanft auf die Ablage neben der Spüle. „Herr Brundo ist nur morgens so. Es wäre blöd, wenn Sie deshalb gleich wieder gehen. Den Rest des Tages ist er pflegeleicht. Und in der Nacht müssen Sie kein einziges Mal aufstehen. Ich komme nachher auch mit, wenn Sie ihn das erste Mal waschen.“

 

Es ist mir klar, dass Nella nicht schon wieder jemand Neuen einlernen will. Sie denkt vor allem an sich. Dennoch bin ich erleichtert, dass sie mich unterstützt. „Was soll ich bis dahin tun?“, frage ich sie.

 

„Sie können sein Bett aufschütteln und sein Bad putzen. Haben Sie überhaupt schon Kaffee getrunken?“

 

„N-nein.“

 

„Dann machen Sie sich erstmal Ihr Frühstück. Hier, hab ich Ihnen mitgebracht. Zwei Butterhörnchen.“

 

*

 

Herr Brundo lässt sich von mir und Nella ins Bad geleiten. Er ist ruhig. Er sagt nichts. Ich versuche, meine Nervosität auszublenden, indem ich mir das Glücksgefühl vergegenwärtige, das die schwammige Masse der mit Kaffee vollgesogenen Hörnchen in meinem Mund auslöste. Herr Brundo hält sich mit beiden Händen am Waschbecken fest und hebt jeweils ein Bein, so dass ich ihm die Hose ausziehen kann. Die Schlafanzugjacke legt er selbst ab. An der Wand sind Haltestangen angebracht, so dass er sich mit einer Hand halten kann, während ich seinen anderen Arm stütze, damit er sich auf den Plastikhocker in der Dusche setzt.

 

„Das Wasser etwas wärmer als lauwarm“, warnt Nella.

 

Ich gebe ihm Seifenlotion auf die Hand. Er möchte sich selbst abseifen. In Plastikschuhen und einem Plastiküberhang dusche ich ihn von allen Seiten. Zuletzt helfe ich ihm auf und er hält sich mit beiden Händen an der Stange. Ich dusche noch einmal seinen Rücken und sein Gesäss. Dann trockne ich ihn in der Haltung rasch ab. Lange kann er nicht stehen. Nella hält den Bademantel auf, während ich ihm aus dem Nassen helfe.

 

Im Schlafzimmer setzt er sich nackt auf sein Bett und ich creme ihn ein. Sein Rücken hat ein paar gerötete Stellen mit schuppiger Haut. Ansonsten nichts Auffälliges. Er ist ganz ruhig und lässt alles mit sich machen. Zähneputzen, Kämmen, Rasieren. Beim Ankleiden ist er behilflich so gut es geht. Er schimpft nur, weil er den Eindruck hat, die Socken, die ich ihm überstreife, seien zu eng. Aber nicht unflätig. Als ich ihn frisch gewaschen und gekleidet wieder aufs Sofa vor dem Fernseher setze, sagt er: „Jeden Tag dieser Aufwand. Wozu? Es lohnt sich doch gar nicht. Warum erschiesst mich keiner.“

 

 

Interview – Frust, Revolte und Normalität

Frust, Revolte und Normalität – Die Leiden des Lehrers Wolfgang Fink

 

Über den Roman ihrer Mutter Dr. Rose Kleinknecht-Hermann (geboren 1922) ein Gespräch mit der Herausgeberin Dr. Olivia Kleinknecht  

Frau Kleinknecht, Sie schreiben selbst Romane und wissenschaftliche Bücher. Jetzt sind Sie Herausgeberin eines Schulromans, den Ihre Mutter auf der Grundlage von Aufzeichnungen aus den 60er und 70er Jahren geschrieben hat. Wie ist es dazu gekommen?  

Sie sagt, der Impetus waren die erlebten Konflikte, die fehlenden Mitspracherechte im System auf allen Ebenen, die fehlende Selbstbestimmung. Dieser Wolfgang Fink erkennt die Missstände, ist aber machtlos. Die Behörde macht, was sie will und kehrt die Missstände einfach unter den Teppich. Ebenso wenig hat der einzelne Schüler die Möglichkeit auf Verbesserung zu dringen. Die Elternabende sind eine Farce. Und so werden alle im System verheizt.

Der Protagonist heißt Fink. Wer ist dieser blasse Vogel, an dem die Schüler auf der Treppe vorbeigehen, als wäre er Luft? Ein Alter Ego Ihrer Mutter oder eine Charaktermaske, wie man zu seiner Zeit, in den 70er Jahren, gern sagte?  

Fink erlebt die Schule und die Behörden sicherlich so wie meine Mutter diese erlebt hat. Und er ist ein Typus, den es so gab und wohl noch gibt.

Leser werden fragen: heute ist doch alles anders, nach den vielen Reformen, ist das denn noch aktuell, was Fink erlebt?  

Die Probleme in den Klassen sind eher virulenter geworden. Denken Sie nur an den Mangel an Aufmerksamkeit! Und an Gewalt! Der Extremfall war der Amoklauf an der Albertville-Realschule im schwäbischen Winnenden. Da erschoss der 17-jährige Tim K. am 11. März 2009 neun Schüler und drei Lehrerinnen sowie auf der anschließenden Flucht drei Passanten und jagte sich anschließend eine Kugel in den Kopf. Von Drogen sprechen wir jetzt nicht.

Für mich ist ein Befund von Fink auch heute brandaktuell. Er prophezeit: „Utopien wird dann keiner mehr aufstellen, niemand wird mehr Zukunftsvisionen verkünden und Proteste gegen das Bestehende anmelden. Dann wird die Schule Altersheim und Kindergarten zugleich.“ Was für eine hellsichtige Prognose der Autorin! Wie kam sie dazu? Mögen Sie ein wenig über Ihre Mutter erzählen?  

Meine Mutter hat das Dritte Reich als Trauma erlebt. Ihr Vater, evangelischer Pfarrer und Gegner, stand unter ständiger Beobachtung. Wenn er auf der Kanzel predigte, saßen Spitzel in der Kirche. Briefe der Familie wurden geöffnet, Telefonate abgehört. Es gab immer wieder Schikanen wie Strafversetzungen, eine Promotion in Tübingen und so die angestrebte Hochschulkarriere wurden ihm verwehrt, es gab Todesdrohungen. Was das Ganze schlimmer machte, meine Mutter und ihre Eltern „fühlten sich ziemlich alleine“ (das Regime war ja beliebt bei der Bevölkerung). Sie wurde aus biographischen Gründen Historikerin und bis heute ist das Thema der Verfolgung, insbesondere der Judenverfolgung, in der die Bösartigkeit des Regimes gipfelte und die für sie einen völligen Bruch in der deutschen Geschichte darstellt, ihr Thema.

Fink ist zu einer Zeit Lehrer, als Entnazifizierte und Kriegsheimkehrer seine Kollegen sind. Gleichzeitig gibt es ganz junge Kollegen, die für Abrüstung demonstrieren und lila Latzhosen tragen. Es fehlt ihm die „mittlere“ Generation: „Kriegserinnerungen von Kollegen sind tabu, Begriffe wie „Führerbefehl“, „Autorität“, „Gehorsam“, „Pflicht“, mit denen sie groß geworden sind, wollen sie schon gar nicht aus dem Munde dieser Vätergeneration hören, die sich schuldig gemacht haben. Das gehörte zum Ballast der Vergangenheit. Diese würde lediglich lehrplanbezogen aufgearbeitet für die heutige Jugend, die Jugend allerdings will genauso wenig Authentisches wissen über das Dritte Reich wie die jungen Kollegen.“  

Das Desinteresse, selbst an einem so brennenden Thema wie dem Holocaust, ist ein wichtiges Thema im Roman. Und auch das Desinteresse an den schrecklichen Erfahrungen der Kriegsteilnehmer. Man will es nicht wissen. Und man lässt die Traumatisierten alleine.

Fink beneidet seinen Studienfreund, der Unternehmer geworden ist. Er bereut sein eigenes Geschichtsstudium und klagt über das finanzielle Mittelmaß, in das es ihn gezwungen hat: „Ich dagegen hatte eine idealistische Wahl getroffen: Sprachen und Geschichte, ganz der Tradition meiner Familie entsprechend, die sich seit einem Jahrhundert im Wesentlichen aus Pfarrern und Lehrern zusammensetzte, die ihre Verwirklichung in geistesgeschichtlichen Zusammenhängen suchte“. Das ist ja auch Familiengeschichte, wie ich jetzt weiß. Wie ist es Ihnen damit gegangen?  

Ich bewundere meine Familienangehörigen, die ein echtes Bildungsinteresse hatten, und genauso bewundere ich ihre Integrität. Die Bibliothek meines Großvaters wurde nach seinem Tod in einem Lastwagen davongefahren, wir hatten nicht mehr so viel Platz, nicht nur theologische Werke waren darunter, auch Hunderte Bände Kunstgeschichte, Philosophie, Geschichte, Medizin, Belletristik etc. Und ich finde es toll, wie meine Mutter in ihrem Roman auch das Thema der Minderwertigkeitskomplexe der weniger Verdienenden schildert. Sie sind allgegenwärtig und niemand gibt sie zu. Zur Zeit meiner Großeltern fanden geistige Werte noch Beachtung, verliehen sogar Ansehen. Der Pfarrer verkehrte mit dem Arzt. Heute trennt beide das Geld.

Wie ist es überhaupt, wenn man als Tochter einer engagierten Lehrerin aufwächst, die nebenbei noch Bücher schreibt. Last oder Chance?

Es war eine Chance, weil wir uns immer stundenlang über Geschichte, Philosophie, Politik unterhielten, über Denkstrukturen. Und über ein anderes ihrer Hauptthemen, die Gleichstellung von Mann und Frau – ihre Hauptthemen haben etwas gemein, es geht um Diskriminierung, von der Benachteiligung über die Unterdrückung bis zu Verfolgung und Vernichtung. Gleichzeitig war es schwierig, weil man die Traumen seiner Eltern, ihre Ängste, als Kind in sich hineinfrisst, sie unbewusst weiterlebt. Bei uns herrschte regelmäßig eine Art Katastrophenstimmung zuhause. Ängste waren mein ständiger Begleiter. Und erst in letzter Zeit (nach mehr als einem halben Jahrhundert …) gelingt es mir, sie allmählich zu begreifen und zu relativieren.

Das Gespräch führte Margarete Schwind. Abdruck oder Zitate bitte mit Hinweis auf das Buch: Rose Kleinknecht-Herrmann: Frust, Revolte und Normalität. Die Leiden des Lehrers Wolfgang Fink. Herausgegeben von Olivia Kleinknecht.

Das Buch ist als Ebook und als Taschenbuch bei Amazon erhältlich.

Pressekontakt: Margarete Schwind Telefon 030 31 99 83 20 ms@schwindkommunikation.de

 

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