Leseprobe aus dem fast fertigen Kriminalroman „Die Pflegerin“ (Arbeitstitel), 190 Seiten

Aus dem Roman „Die Pflegerin“ (Arbeitstitel), 190 Seiten

S. 40 ff

 

„Wie wollen Sie beerdigt werden?“, fragt mich Herr Brunt.

Ich schlucke. Ich hatte schon an meine Beerdigung gedacht. Das tun womöglich viele Alleinlebende. Wenn niemand für einen da ist, muss man alles selbst regeln. Möglich, dass man nicht einmal jemanden hat, den man zur eigenen Beerdigung einladen könnte. „Ich weiß noch nicht einmal, ob ich eine Grabstätte kaufen muss.“

Herr Brunt lächelt knapp. „Ich habe für mich eine Erdbestattung festgelegt. Ich besitze noch das Grab meiner Eltern. Da ist Platz.“

Ich schweige. Herr Brunt ebenfalls. Dann sieht er mich an: „Ich habe meinen Wunsch in einem notariellen Testament festgelegt. Mein Sohn würde die billigste Variante wählen, mich verbrennen lassen. Wenn er dürfte, würde er mich am nächstbesten Ort ausstreuen. Wahrscheinlich in eine Mülltonne. Ich glaube, dass die Seele den Körper nicht gleich verlässt, und mein Sohn würde mich sicher noch am Tag meines Todes einäschern wollen. So etwas will ich verhindern.“

Herrn Brunts Worte bedrücken mich nicht nur, sie machen mir langsam Angst. Von Natur aus würde ich jetzt keine Frage stellen, ich muss aber unbedingt mehr wissen. „W-wieso würde Ihr Sohn so etwas …?“

Herr Brunt antwortet, als hätte er auf ein Stichwort gewartet: „Mein Sohn wollte mich umbringen.“

Ich muss tief Luft holen.

„Er glaubt, ich sei schuld am Tod meiner Frau. Dabei war es ein Reiseunfall. Ich kann ja verstehen, dass er wütend auf mich ist. Meine Frau und ich, wir hatten eine … schlechte Ehe geführt. Aber das ist ja nichts Außergewöhnliches. Am Anfang ist man verliebt. Und dann lebt man sich auseinander. Der eine entwickelt sich weiter. Der andere bleibt stehen und wird böse.“

Ich starre Herrn Brunt nur an.

„Sie wollen wissen, wie er es versucht hat?“

Meine Lippen bewegen sich, ich kriege aber kein Wort heraus.

„Ich mache jeden Abend einen Spaziergang ums Haus. Da hat er mir aufgelauert und versucht, mich zu überfahren. Er hat mich erwischt, ich flog in die Luft und knallte auf dem Bürgersteig auf. Ich blieb bewusstlos liegen. Er fuhr davon. War wohl davon ausgegangen, ich sei tot. Ein Nachbar fand mich und brachte mich ins Krankenhaus. Ich habe nie gesagt, wer es war.“

In meinem Hirn rattert es. Jetzt macht alles Sinn. „Ja dann ist Ihr Sohn … gefährlich … Dann kann er sie immer noch umbringen. Dann …!“

Brunt unterbricht mich: „Denken Sie, ich weiß nicht, was mein Sohn und die Schmitts mauscheln?“

Ich werde purpurrot.

„Sie vergiften mich.“

„Und das w-wissen Sie?!“ Aus allen meinen Poren bricht Schweiß.

„Sie wissen es doch auch.“

Mein Blut sackt ab, dann kehrt sich der Prozess um, mir wird heiß und mein Gesicht brennt lichterloh. Ich krächze: „W-wie …Wo-woher …?“

Herr Brunt lächelt : „Sie haben die drei belauscht.“

Mein Gesicht muss dunkelrot sein. „Ich w-wollte erst mehr herausfinden. Ich wollte sicher gehen, dass …“

Herr Brunt legt seine welke Hand auf meine. Sie ist so leicht wie ein Blatt.

Ich sehe ihn kläglich an: „Und was machen wir jetzt?“

*

Leseprobe: „Die Pflegerin“, novel in ashamingly slow progress

Aus dem Kriminalroman „Die Pflegerin“. S. 50f.

Ein glutenfreier Margarita-Kuchen steht auf dem Tisch. Ich schenke Herrn Brunt den giftfreien Kaffee ein, den ich selbst nachmittags zubereite. Jetzt sieht er mich zum erstenmal an. Er verdreht dabei seinen über den Teller hängenden Kopf so, als hinge er an einer waagrechten Stange. Der Kopf pendelt gleich wieder zurück, über den Teller. Es sieht erbärmlich aus. Ich vergesse für Sekunden, wer er ist. Die Schwere, die auf ihm lastet überträgt sich auf mich. Für Sekunden wünsche ich, dass er sich wieder normal halten kann, die Körperschwäche verschwindet. Dann isst er mit einer Hand den Kuchen, die andere hängt an seinem Arm herab wie ein Fremdkörper. Es ist still. Die Gabel schabt über den Teller. Als er fertig ist, stützt er sich mit beiden Händen an der Tischkante ab und kommt gerade zum sitzen. Ich fühle mich wie damals in der Schule, als ich nichts wusste und befürchtete, der Lehrer würde gerade mich fragen. Panik und vorgefühlte Scham bringen mich in Hitzewallung.

„Na, haben Sie mehr über mich herausgefunden?“

„W-wieso?

„Die Zeitungen unter Ihrer Matratze! Sie haben meine gesammelten Zeitungsartikel entwendet.“

„A-aber, Sie kommen doch gar nicht mehr die Treppe hoch“, entfährt es mir.

„Denken Sie, ich trinke all das Giftzeugs am Morgen? Einen Teil kippe ich in die Gummibaumtöpfe. Denen scheint es nicht zu schaden.“

Ich starre Brunt an.

„Wenn ich sterben will, dann nehm ich eine große Ladung von dem weißen Pulver in der Küche. Ich bestimme, wann es zu Ende ist.“

Mir fehlen die Worte.

„Nicht dass Sie mich falsch verstehen. Ich will sterben. Und zwar möglichst bald. Aber manchmal, da erscheint einem in all dem Elend noch etwas interessant und man möchte es noch eine Weile hinauszögern.“

Als ich immer noch schweige, sagt er: „Wie fänden Sie es, wenn jemand in Ihren Privatsachen rumschnüffelt?“

Ich bin eine Spur wütender als beschämt. Ich kenne das Muster. Menschen, die anderen Böses tun wollen, jagen ihren Opfern häufig noch Gewissensbisse ein, um ihre Verteidigung zu lähmen. „Ich finde es, ehrlich gesagt, harmlos, im Vergleich zu dem, was Sie sich geleistet haben.“ Ich greife unbewusst zum Kuchenmesser, um mich zu schützen, aber Herr Brunt braust nicht auf.

„Ich bin nicht stolz auf das, was ich getan habe.“

Mein Mund öffnet sich ganz von alleine.

„Ich kann es nicht wieder rückgängig machen.“

„Wieso haben Sie das alles getan? Die alten, hilflosen Frauen betrogen, den Leuten ihre Häuser weggenommen. Sie haben nicht Ihresgleichen etwas angetan, sondern nur Leuten, die schwächer waren als Sie. Weil sie in einer finanziellen Notlage waren, weil sie alt und schwach waren oder“, ich bin über mich selbst verwundert, dass ich schreie, „minderjährig!“

Brunts Augen schweifen fahrig über den Tisch.

„Wie konnten Sie denken, so etwas sei erlaubt?“

Brunt setzt sich auf seinem Stuhl zurecht und wirkt auf einmal so wenig debil, dass ich wieder das Kuchenmesser umfasse.

„Ich habe nicht viel gedacht, fürchte ich. Ich habe all das getan, weil ich es tun konnte.“

In mir kocht das Blut hoch. Ich stehe auf und mache mich daran, abzuräumen und ihn einfach sitzen zu lassen. Dann sage ich aber doch: „Und was ist Ihnen jetzt geblieben?“

„Nichts“, kichert er heiser. „Ihnen wird auch einmal nichts bleiben. Am Ende sind wir alle gleich.“

*

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„Stirb in Florenz“ im Indie-Lesefestival unter Kriminalliteratur

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E-Book

Neid Blick ins Buch

Circa 160 Seiten.

INHALT

„Ruspoli hatte wenige Freunde und viele Freundinnen. Wir Männer trauten ihm nicht so recht. Er war zu schön. Und was ihn noch verdächtiger machte, war sein Einfallsreichtum im Lösen der schwierigsten Rechtsfälle. Ruspoli kam mühelos auf Lösungen, an die noch keiner von uns gedacht hatte, beschritt neue Wege, die eleganter waren als die ausgetretenen Pfade. Er gab sich nicht zufrieden, einen Fall irgendwie zu lösen, sondern er fabrizierte mit großem Geschick auch noch die Lösung, die ihm die gerechteste zu sein schien. Ruspoli zeichnete sich durch ein in unserem Beruf völlig unangebrachtes Moralgefühl aus, das ganz im Gegensatz zu seinem privaten Lebenswandel stand; er machte sich an alle hübschen Frauen in seinem Umkreis heran, sogar an die jungen Gattinnen einiger Professoren. Er betrog eine mit der andern, und doch trug ihm keine ernstlich etwas nach, wenn er sie verließ. Die Opfer schienen sich auch noch geehrt zu fühlen, von Ruspo beglückt und hintergangen worden zu sein. Etwas stimmte nicht mit Ruspoli. Er kam ungeschoren davon, wo man einem andern ein Bein gestellt, eine Grube gegraben hätte.“

Als Ruspoli die Tochter eines berühmten Professors heiratet, scheint sein Aufstieg unaufhaltsam.

Doch dann nimmt sein Leben eine überraschende Wende.Abgang

memento mori

Die Geschichte des jungen Ruspoli erzählt ein alter Mann, ein pensionierter Anwalt. Der alte Mann und Ruspoli hatten gemeinsam die Universitätsbank gedrückt. Der alte Mann erzählt eine ganz gewöhnliche Neidgeschichte. Alle kennen wir das nagende Gefühl von Neid. Alle haben wir schon jemanden oder viele beneidet. Es gibt den positiven Neid, der uns etwa zu besseren Leistungen anspornt und den negativen Neid, bei dem jemand zerstören will, was der andere besitzt oder sogar, was der andere im Kern ist. Wie fing die Tragödie eigentlich an, fragt sich der alte Mann. Wann begannen die Kräfte zu wirken, die am Ende zur Vernichtung von Ruspoli führten …

Die Haupthandlung spielt im Florenz der dreissiger bis fünfziger Jahre.

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Der Roman erschien erstmals im Pano Verlag, Zürich unter dem Titel NEID und unter Pseudonym. Es wurden gerade mal 3 Exemplare verkauft! Das ist sicher ein Rekord …

Bevor ich anfing zu schreiben, habe ich länger recherchiert. Hilfreich war sicher auch, dass ich, ebenso wie Ruspoli, viele Jahre in Florenz gelebt habe.

 

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Alte Kinderbücher

baer-lesendManchmal fallen einem alte Kinderbücher ein. Da entstehen die ersten großen Eindrücke. Aus den sechziger Jahren. Eine Bärenfamilie hat lange auf ihr erstes Auto gespart und kauft endlich den obligaten VW Käfer. Gleich auf der ersten Fahrt fahren sie im Übermut etwas zu schnell und bauen einen Totalunfall. Auf dem letzten Bild sieht man sie mit zerrissener Kleidung, verbundenen Köpfen, Armen und Beinen davonhumpeln. Die Bären taten mir unsäglich leid. Und ich fragte mich ängstlich: Ist das das Leben?

Autorenkummer

durchgestrichene-nullEben entdecke ich, dass mein hr2 Kulturgespräch über mein Sachbuch „Das Gedächtnis von Gegenständen oder die Macht der Dinge“ auf Youtube gelöscht worden ist. Womöglich schon seit langem … Sie sagen dort: „Dieses Video enthält Inhalte von WMG. Dieser Partner hat das Video aus urheberrechtlichen Gründen gesperrt.“ WMG könnte Warner Music Group sein. Kann mir nicht vorstellen, dass der hessische Rundfunk hier Rechte verletzt haben könnte. Das Gespräch hat seinerzeit auch der mdr gesendet und unter dem Link, der früher zum Gespräch führte, sehe ich gerade, kommt man jetzt nur noch auf die allgemeine Seite, findet es also ebenfalls nicht mehr.

Da ist man ohnehin schon eine Null. Und die Null wird noch gelöscht. Der Witz, derlei Pannen sind keine Ausnahme. Wahrscheinlich geht in den meisten Leben ungemein viel schief. Und das ist normal.

Kuh unter Palmen oder Lob des Handicaps

Mein Urlaub begann ungut. Am Flughafen angekommen, vergaß ich meine Handtasche auf einer Bank, auf der ich auf den Bus wartete. Im Hotel bekam ich als Alleinreisende wieder das Katzenzimmer. Mein Handy fiel aufgrund eines Netzwerkfehlers aus. Beim untauglichen Versuch, den Fehler zu beheben, löschte ich aus Versehen alle meine Kontakte, Nachrichten und Fotos. In meinem zweiten Zimmer funktionierte das Festnetz nicht und ich war nicht imstande, die Rezeption dazu zu bewegen, das Telefon zu reparieren. Meine eingepackte Kleidung erwies sich als nicht warm genug. Ich hatte versäumt, die Temperaturen vor der Reise im Internet nachzusehen und und und. Die Selbstanalyse ergab: ich bin ein aufgeregtes Huhn, das nicht mehrere Dinge zugleich tun darf, schön langsam eins nach dem andern erledigen muss. Ich bin eine Kuh unter Palmen. Etwas später kam mir ein tröstlicher Gedanken. Jeder tritt das Leben mit bestimmten Handicaps an. Je grösser sie sind, desto grösser die Herausforderungen. Einen Urlaub durchzuführen kann für jemanden mit großen Handicaps so schwierig sein wie für eine Person mit kleinen Handicaps, ein Land zu regieren. Unsere äußerlichen Lebensumstände mögen sich gewaltig voneinander unterscheiden, innerlich/subjektiv bewältigen wir dasselbe, gleichen sich unsere Leben ziemlich genau.kuh-unter-palmen

Der Irrtum des „Wenn alles bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern“.

Gestern noch einmal den „Leopard“ auf Arte gesehen.

In Lampedusas Roman fasziniert die tolle Sehnsucht nach Prunk und Verfeinerung einer entschwundenen Zivilisation. Aber nicht nur. Lampedusa zeigt die Gefahren einer gesellschaftlichen Umwälzung; wie der Niedergang des sizilianischen Hochadels im 19. Jahrhundert einem Bürgertum Platz machte, das sich seinerseits wieder als brüchig erwies durch das Heraufkommen einer organisierten Massengesellschaft à la Mussolini, Hitler und Stalin.

Der Fürst von Salina verheiratet seinen Neffen Tancredi mit Angelica, der Tochter des neureichen Provinz-Bürgers Don Calógero. Sein Prinzip ist: „Wenn alles bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern.“ Leider funktioniert das Prinzip nicht. Die adlige Welt löst sich auf.

Der Roman hat ungemeine Aktualität. Die Vielen, die heute rechstpopulistisch wählen, meinen ebenfalls, dass sich alles ändern muss, damit sie ihren Status Quo halten können. Ein gefährlicher Prinzipienirrtum.

 

Beeindruckt haben mich, als ich das Buch vor vielen Jahren las, die Formen von Überfluss in dieser verschwundenen Gesellschaft, die Feinheiten im Umgang miteinander und der zuweilen doch rustikale Witz. Ich werde mich immer an die Seiten erinnern, auf der Lampedusa die Unmengen verschiedener, grandioser Dolci beschreibt!

 

„Ein Haus, in dem man alle Räume kennt, ist nicht wert, bewohnt zu werden.“ Giuseppe Tomasi di Lampedusa

Verlorene Stimmung

Manchmal denke ich zurück an meine Kindheit, und eine bestimmte Stimmung an einem bestimmten Ort schwebt mir vor. Intuitiv meine ich, dass die Stimmung nicht nur mit dem Ort, sondern fast mehr noch mit der Zeit zusammenhängt. Es ist die Stimmung an einem Ort zu einer bestimmten Zeit. Ich bin dann überrascht, wie intensiv mir diese Stimmung in der Erinnerung erscheint. In meinem heutigen Leben empfinde ich diese intensive Stimmung an denselben Orten kaum mehr. Vielleicht, weil viel zu viel zu schnell vorüberzieht, und sich nichts mehr verdichten kann. Ich schwimme in einem Meer, aus dem man das Salz entfernt hat. Oder so ähnlich.

Rezension 31. Oktober — Roses Bücher

“Ein komplexes Drama, das nachwirkt Die Autorin Rose Kleinknecht-Herrmann hat in ihrem 2016 erschienenen Buch “Frust, Revolte und Normalität – Die Leiden des Lehrers Wolfgang Fink” mit präziser und pointierter Sprache ein leises und überaus komplexes Drama inszeniert. Eines das nachwirkt, weil die verschiedenen Akte uns in so vielem bekannt sind. Ganz egal, wo wir […]

über Rezension 31. Oktober — Roses Bücher

Kleine Morde unter Nachbarn und anderes Erfreuliche

Gestern einen köstlichen Montalbano im Fernsehen gesehen. Commisario Montalbano hat einen Traum. Er kommt morgens ins Kommissariat und alle empfangen ihn mit Trauermine. Als er seine Mitarbeiter fragt, was los ist, teilen sie ihm mit, dass er tags zuvor an einem Schlaganfall verstorben sei. Als er es für einen der üblichen Scherze hält, zeigen sie ihm den aufgebahrten Sarg. Montalbano muss mit Schrecken erkennen, dass tatsächlich er im Sarg liegt. Alle kondolieren ihm jetzt und der Gipfel ist erreicht, als er sich in die Trauerprozession hinter seinem eigenen Sarg einreiht. Als der Sarg von den Schultern der Träger fällt, erwacht er aus dem Albtraum. Selten habe ich so gelacht. Anschließend stieß ich zufällig auf eine ebenfalls empfehlenswerte Serie. Kleine Morde unter Nachbarn (DK 2009–2010, Lærkevej).

 

Leseprobe aus dem Roman DIE PFLEGERIN (work in slow progress)

Aus dem Roman Die Pflegerin (Arbeitstitel, work in slow progress)

 

S. 17 – 21

 

Mitten in der Nacht weckt mich ein Geräusch. Es knarrt. Dieses Knarren kommt mir bekannt vor. Mir fällt ein, dass die Treppe auf die Weise geknarrt hat, als ich meinen schweren Koffer hochschleppte. Ich knipse sofort die Nachtischlampe an. Wer soll schon um die Zeit, meine Uhr zeigt drei an, auf der Treppe sein? Man hört auch keine Schritte. Es hat nur geknarrt. Mein Herz pocht so laut, dass ich es in der Stille hören kann. Minutenlang lausche ich mit offenem Mund in die Stille hinein. Nichts regt sich. Ich rede mir ein, dass es in alten Häusern eben knarrt. Das Holz dehnt sich aus, zieht sich wieder zusammen, je nach Temperatur. Alte Häuser sind lebendig. Trotz der beruhigenden Erklärung kann ich nicht mehr einschlafen. Ich lege meinen Kopf unter das Kissen und presse es fest auf mein Ohr. Ich nicke erst ein, als die milchige Morgendämmerung durch die Vorhänge sickert.

 

Der Wecker schrillt mich aus dem Tiefschlaf. Das Erwachen nach dem ersten Tag ist oft wie das Erwachen in einen Albtraum. Ich weiss zuerst nicht, wo ich bin. Dann fällt mir blitzartig ein, dass ich bei ganz fremden Leuten bin. Dann fühle ich mich einen Moment fürchterlich elend. Dann springe ich auf und rufe mich zur Ordnung, sage mir, dass dies ein guter Tag ist, da ich den ersten Tag schon überstanden habe. Schon fühle ich mich besser und funktionstüchtig.

 

*

 

Pünktlich um acht betrete ich Herrn Brundos Schlafzimmer. Er sitzt auf der Bettkante und starrt mir entgegen. Nicht wie ein menschliches Wesen. Eher wie ein Hund, der drauf und dran ist zu beissen. Sich zu bekreuzigen würde wohl nichts nützen. Sei unauffällig, tu so, als bist du Luft, rede ich mir zu. Ich nähere mich langsam und biete ihm meinen Arm an, damit er aufstehen kann. Er grunzt. Die ersten Schritte stützt er sich so schwer auf mich, dass ich fast sein Gewicht nicht mehr halten kann. Er möchte auf das Sofa vor dem Fernseher. Nella hat dort schon gedeckt. „Weg!“ Er schiebt das Gedeck zur Seite und nimmt die Fernbedienung in die Hand. Ich eile in die Küche, aus der es nach Kaffee duftet.

 

„Morgen machen Sie das Frühstück alleine!“, ruft mir Nella entgegen und legt Zwieback auf einen Teller, Marmelade, Butter und Honig auf einen andern. „Nur nicht den Kaffee. Den brüh ich auf. Herr Brunt will es so. Ich mach den besten Kaffee.“

 

„Isst er denn kein Brot morgens?“

 

„Zwieback kaufen wir in Grosspackungen, der hält sich ewig.“

 

„Und Joghurt?“

 

„Manchmal bekommt er ein Ei. Wir haben ihm schon so viel angeboten. Aber er will immer dasselbe … Obwohl er es nicht mag.“ Nella blickt in die Luft. „Vielleicht denkt er, er hat nichts Besseres verdient.“

 

„Sie meinen …, er bestraft sich selbst?“

 

„Schon möglich. Herr Brundo hat nicht gerade vielen Personen eine Freude auf Erden bereitet …“

 

Ein gurgelnder Schrei aus dem Salon schneidet Nella das Wort ab. Sie stürzt mit dem Frühstückstablett aus der Küche als wäre jemand hinter ihr her. Ich gehe ihr zögerlich nach.

 

„Wird aber auch Zeit“, schnauzt Herr Brundo Nella an. Sobald er den ersten Schluck getrunken und die Hälfte verschüttet hat, starrt er wieder auf die Mattscheibe.

 

„Du dummes Weib! Hast keine Ahnung! Hure!“ Er speit Kaffeetropfen und Zwiebackbrösel in die Luft. Sein Hals und seine Backen blähen sich, laufen rot an. Obwohl ich bis ins Mark erschrecke, kommt mir zuallererst eine bestimmte Krötenart in den Sinn.

 

Ich begreife erst im zweiten Moment, dass er auf die Nachrichtensprecherin schimpft. Nella sieht mich verstohlen an.

 

„Dreckstück. Fick dich … Solche wie dich sollte man …“

 

Zurück in der Küche sagt Nella nur: „Sie können schon das Gemüse putzen. Gegen Zehn helfen Sie ihm dann mit Waschen und Ankleiden. Vorher tobt er sich an der Mattscheibe aus.“

 

Ich bin wie vor den Kopf gestossen. Am Tag zuvor war er zwar griesgrämig, hat mir dabei aber einen halbwegs annehmbaren Eindruck gemacht.

 

Nella holt aus der Speisekammer Karotten und Pastinaken und legt sie unsanft auf die Ablage neben der Spüle. „Herr Brundo ist nur morgens so. Es wäre blöd, wenn Sie deshalb gleich wieder gehen. Den Rest des Tages ist er pflegeleicht. Und in der Nacht müssen Sie kein einziges Mal aufstehen. Ich komme nachher auch mit, wenn Sie ihn das erste Mal waschen.“

 

Es ist mir klar, dass Nella nicht schon wieder jemand Neuen einlernen will. Sie denkt vor allem an sich. Dennoch bin ich erleichtert, dass sie mich unterstützt. „Was soll ich bis dahin tun?“, frage ich sie.

 

„Sie können sein Bett aufschütteln und sein Bad putzen. Haben Sie überhaupt schon Kaffee getrunken?“

 

„N-nein.“

 

„Dann machen Sie sich erstmal Ihr Frühstück. Hier, hab ich Ihnen mitgebracht. Zwei Butterhörnchen.“

 

*

 

Herr Brundo lässt sich von mir und Nella ins Bad geleiten. Er ist ruhig. Er sagt nichts. Ich versuche, meine Nervosität auszublenden, indem ich mir das Glücksgefühl vergegenwärtige, das die schwammige Masse der mit Kaffee vollgesogenen Hörnchen in meinem Mund auslöste. Herr Brundo hält sich mit beiden Händen am Waschbecken fest und hebt jeweils ein Bein, so dass ich ihm die Hose ausziehen kann. Die Schlafanzugjacke legt er selbst ab. An der Wand sind Haltestangen angebracht, so dass er sich mit einer Hand halten kann, während ich seinen anderen Arm stütze, damit er sich auf den Plastikhocker in der Dusche setzt.

 

„Das Wasser etwas wärmer als lauwarm“, warnt Nella.

 

Ich gebe ihm Seifenlotion auf die Hand. Er möchte sich selbst abseifen. In Plastikschuhen und einem Plastiküberhang dusche ich ihn von allen Seiten. Zuletzt helfe ich ihm auf und er hält sich mit beiden Händen an der Stange. Ich dusche noch einmal seinen Rücken und sein Gesäss. Dann trockne ich ihn in der Haltung rasch ab. Lange kann er nicht stehen. Nella hält den Bademantel auf, während ich ihm aus dem Nassen helfe.

 

Im Schlafzimmer setzt er sich nackt auf sein Bett und ich creme ihn ein. Sein Rücken hat ein paar gerötete Stellen mit schuppiger Haut. Ansonsten nichts Auffälliges. Er ist ganz ruhig und lässt alles mit sich machen. Zähneputzen, Kämmen, Rasieren. Beim Ankleiden ist er behilflich so gut es geht. Er schimpft nur, weil er den Eindruck hat, die Socken, die ich ihm überstreife, seien zu eng. Aber nicht unflätig. Als ich ihn frisch gewaschen und gekleidet wieder aufs Sofa vor dem Fernseher setze, sagt er: „Jeden Tag dieser Aufwand. Wozu? Es lohnt sich doch gar nicht. Warum erschiesst mich keiner.“

 

 

Interview – Frust, Revolte und Normalität

Frust, Revolte und Normalität – Die Leiden des Lehrers Wolfgang Fink

 

Über den Roman ihrer Mutter Dr. Rose Kleinknecht-Hermann (geboren 1922) ein Gespräch mit der Herausgeberin Dr. Olivia Kleinknecht  

Frau Kleinknecht, Sie schreiben selbst Romane und wissenschaftliche Bücher. Jetzt sind Sie Herausgeberin eines Schulromans, den Ihre Mutter auf der Grundlage von Aufzeichnungen aus den 60er und 70er Jahren geschrieben hat. Wie ist es dazu gekommen?  

Sie sagt, der Impetus waren die erlebten Konflikte, die fehlenden Mitspracherechte im System auf allen Ebenen, die fehlende Selbstbestimmung. Dieser Wolfgang Fink erkennt die Missstände, ist aber machtlos. Die Behörde macht, was sie will und kehrt die Missstände einfach unter den Teppich. Ebenso wenig hat der einzelne Schüler die Möglichkeit auf Verbesserung zu dringen. Die Elternabende sind eine Farce. Und so werden alle im System verheizt.

Der Protagonist heißt Fink. Wer ist dieser blasse Vogel, an dem die Schüler auf der Treppe vorbeigehen, als wäre er Luft? Ein Alter Ego Ihrer Mutter oder eine Charaktermaske, wie man zu seiner Zeit, in den 70er Jahren, gern sagte?  

Fink erlebt die Schule und die Behörden sicherlich so wie meine Mutter diese erlebt hat. Und er ist ein Typus, den es so gab und wohl noch gibt.

Leser werden fragen: heute ist doch alles anders, nach den vielen Reformen, ist das denn noch aktuell, was Fink erlebt?  

Die Probleme in den Klassen sind eher virulenter geworden. Denken Sie nur an den Mangel an Aufmerksamkeit! Und an Gewalt! Der Extremfall war der Amoklauf an der Albertville-Realschule im schwäbischen Winnenden. Da erschoss der 17-jährige Tim K. am 11. März 2009 neun Schüler und drei Lehrerinnen sowie auf der anschließenden Flucht drei Passanten und jagte sich anschließend eine Kugel in den Kopf. Von Drogen sprechen wir jetzt nicht.

Für mich ist ein Befund von Fink auch heute brandaktuell. Er prophezeit: „Utopien wird dann keiner mehr aufstellen, niemand wird mehr Zukunftsvisionen verkünden und Proteste gegen das Bestehende anmelden. Dann wird die Schule Altersheim und Kindergarten zugleich.“ Was für eine hellsichtige Prognose der Autorin! Wie kam sie dazu? Mögen Sie ein wenig über Ihre Mutter erzählen?  

Meine Mutter hat das Dritte Reich als Trauma erlebt. Ihr Vater, evangelischer Pfarrer und Gegner, stand unter ständiger Beobachtung. Wenn er auf der Kanzel predigte, saßen Spitzel in der Kirche. Briefe der Familie wurden geöffnet, Telefonate abgehört. Es gab immer wieder Schikanen wie Strafversetzungen, eine Promotion in Tübingen und so die angestrebte Hochschulkarriere wurden ihm verwehrt, es gab Todesdrohungen. Was das Ganze schlimmer machte, meine Mutter und ihre Eltern „fühlten sich ziemlich alleine“ (das Regime war ja beliebt bei der Bevölkerung). Sie wurde aus biographischen Gründen Historikerin und bis heute ist das Thema der Verfolgung, insbesondere der Judenverfolgung, in der die Bösartigkeit des Regimes gipfelte und die für sie einen völligen Bruch in der deutschen Geschichte darstellt, ihr Thema.

Fink ist zu einer Zeit Lehrer, als Entnazifizierte und Kriegsheimkehrer seine Kollegen sind. Gleichzeitig gibt es ganz junge Kollegen, die für Abrüstung demonstrieren und lila Latzhosen tragen. Es fehlt ihm die „mittlere“ Generation: „Kriegserinnerungen von Kollegen sind tabu, Begriffe wie „Führerbefehl“, „Autorität“, „Gehorsam“, „Pflicht“, mit denen sie groß geworden sind, wollen sie schon gar nicht aus dem Munde dieser Vätergeneration hören, die sich schuldig gemacht haben. Das gehörte zum Ballast der Vergangenheit. Diese würde lediglich lehrplanbezogen aufgearbeitet für die heutige Jugend, die Jugend allerdings will genauso wenig Authentisches wissen über das Dritte Reich wie die jungen Kollegen.“  

Das Desinteresse, selbst an einem so brennenden Thema wie dem Holocaust, ist ein wichtiges Thema im Roman. Und auch das Desinteresse an den schrecklichen Erfahrungen der Kriegsteilnehmer. Man will es nicht wissen. Und man lässt die Traumatisierten alleine.

Fink beneidet seinen Studienfreund, der Unternehmer geworden ist. Er bereut sein eigenes Geschichtsstudium und klagt über das finanzielle Mittelmaß, in das es ihn gezwungen hat: „Ich dagegen hatte eine idealistische Wahl getroffen: Sprachen und Geschichte, ganz der Tradition meiner Familie entsprechend, die sich seit einem Jahrhundert im Wesentlichen aus Pfarrern und Lehrern zusammensetzte, die ihre Verwirklichung in geistesgeschichtlichen Zusammenhängen suchte“. Das ist ja auch Familiengeschichte, wie ich jetzt weiß. Wie ist es Ihnen damit gegangen?  

Ich bewundere meine Familienangehörigen, die ein echtes Bildungsinteresse hatten, und genauso bewundere ich ihre Integrität. Die Bibliothek meines Großvaters wurde nach seinem Tod in einem Lastwagen davongefahren, wir hatten nicht mehr so viel Platz, nicht nur theologische Werke waren darunter, auch Hunderte Bände Kunstgeschichte, Philosophie, Geschichte, Medizin, Belletristik etc. Und ich finde es toll, wie meine Mutter in ihrem Roman auch das Thema der Minderwertigkeitskomplexe der weniger Verdienenden schildert. Sie sind allgegenwärtig und niemand gibt sie zu. Zur Zeit meiner Großeltern fanden geistige Werte noch Beachtung, verliehen sogar Ansehen. Der Pfarrer verkehrte mit dem Arzt. Heute trennt beide das Geld.

Wie ist es überhaupt, wenn man als Tochter einer engagierten Lehrerin aufwächst, die nebenbei noch Bücher schreibt. Last oder Chance?

Es war eine Chance, weil wir uns immer stundenlang über Geschichte, Philosophie, Politik unterhielten, über Denkstrukturen. Und über ein anderes ihrer Hauptthemen, die Gleichstellung von Mann und Frau – ihre Hauptthemen haben etwas gemein, es geht um Diskriminierung, von der Benachteiligung über die Unterdrückung bis zu Verfolgung und Vernichtung. Gleichzeitig war es schwierig, weil man die Traumen seiner Eltern, ihre Ängste, als Kind in sich hineinfrisst, sie unbewusst weiterlebt. Bei uns herrschte regelmäßig eine Art Katastrophenstimmung zuhause. Ängste waren mein ständiger Begleiter. Und erst in letzter Zeit (nach mehr als einem halben Jahrhundert …) gelingt es mir, sie allmählich zu begreifen und zu relativieren.

Das Gespräch führte Margarete Schwind. Abdruck oder Zitate bitte mit Hinweis auf das Buch: Rose Kleinknecht-Herrmann: Frust, Revolte und Normalität. Die Leiden des Lehrers Wolfgang Fink. Herausgegeben von Olivia Kleinknecht.

Das Buch ist als Ebook und als Taschenbuch bei Amazon erhältlich.

Pressekontakt: Margarete Schwind Telefon 030 31 99 83 20 ms@schwindkommunikation.de

 

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rettungswesten

Hit and go anders

Selten bin ich auf Festen. Gestern Abend wurde ich auf eine Party mitgenommen. Mein Begleiter stellte mich als „Autorin“ vor. Um mich herum entspann sich munteres Geschwätz. Es ging darum, dass es immer schwieriger wurde, Profite an der Börse einzustreichen. Hit-and-go: verkaufe, steck den Gewinn ein und hau ab, klappte nicht mehr so recht in einem immer unberechenbareren Markt. „Wie klappt’s denn bei nem Autor so mit dem Hit-and-go? Wie sieht’s mit deinen Profiten aus?“ fragte mich auf einmal einer. Ich biss die Zähne zusammen und beschloss fest, jetzt nur ja nicht zu stottern: „Hit-and-go sieht bei mir, ärhm, etwas anders aus. Ich schreibe ein neues Buch und falle auf die Nase (hit the ground). Dann steh ich wieder auf und mach mich ans nächste Buch (go).“ „A-Aha?“Fallen und wieder aufstehen

 

Mini-Leseprobe 4 aus Luna Park 2, Jahrmarkt der Gier

 

Kapitel 14

Als Zaza, Lorenzo und der König um die Ecke in die Halle bogen, begegneten sie Camel und mir. Wir kamen aus einem anderen Gang, und Zaza und Lorenzo fiel gleich auf, dass wir irgendwie verstört aussahen. In Gegenwart des Königs konnten wir ihnen aber nicht erzählen, was wir erlebt hatten.

Im Salon saß Brauni einsam vor den Sandwiches, in der rechten Hand ein Glas mit einer rosa blubbernden Flüssigkeit, und rülpste. Er sah auch nicht gerade glücklich aus.

Der König führte uns wieder ins Konferenzzimmer, und wir mussten uns eine geschlagene Stunde lang einen Film ansehen, in dem es um die blühende Geschäftslandschaft in „Luna Park Nord“ ging. Um die Steigerung von Gewinn durch Kosteneinsparungen. Um die Flexibilisierung des Arbeitsmarkts, bei der man Leute beliebig entlassen und zu niedrigeren Tarifen wieder einstellen konnte. Um die vorbildliche Politik der Zentralbank, die schon Wirkungen erzielte, wenn sie nur eine Maßnahme ankündigte, sodass sie die Maßnahme gar nicht mehr durchführen musste. Worum ging es eigentlich bei dem Ganzen, überlegte ich? Um mehr Wohlstand für alle, sollte man meinen. Das war aber nur das scheinbare Ziel. Im Süden ging es nur noch um Schuldenabbau und im Norden in erster Linie um Wohlstand für ein paar grenzüberschreitend handelnde Geschäfte, die dem Süden alles Mögliche verkauften, von Achterbahn-Ersatzteilen bis zu Billigessen für die Süd-Restaurants.

Am meisten litt Brauni. Er musste todmüde sein, nach all den verzehrten Sandwiches und dem getrunkenen Alkohol.

Endlich wurden wir entlassen. Der König begleitete uns in den Schlosshof.

Der Himmel draußen war rabenschwarz.

Geldcomic2

 

Zahlen, um nichts zu verdienen

Meine Nachbarin spricht mich im Treppenhaus an, als ich gerade aus meiner Wohnung raus will.  Sie klingt fröhlich. „Olivia, wusstest du, dass du zur Klasse der zukünftigen Berufstätigen gehörst?“ Was meint sie bloss, denke ich. Neulich sagte sie doch noch, ich sei nie berufstätig gewesen. Zu schreiben sei kein Beruf. „Du verdienst nicht nur nichts, du musst für deine Tätigkeit sogar bezahlen!“, platzt sie heraus. „Facebook-Werbung, ich hab’s gesehen. Will gar nicht wissen, wie hoch deine Druckkosten sind und … Huch!“ Garfield schlüpft durch den Spalt in der Tür und streift an ihren Waden vorbei. „Die Frau hat recht. Es wird in Zukunft immer weniger Arbeit für immer mehr Leute geben. Insbesondere die Jungen bleiben global auf der Strecke. Da kann’s schon sein, dass man zahlen muss, um überhaupt arbeiten zu dürfen.“ Meine Nachbarin starrt auf Garfield. Sie ist ziemlich bleich geworden, steht da wie gelähmt. „Ich frag mich nur, wo das Geld herkommen soll? Wer verdient noch was? Produkte werden nicht nur zunehmend auf Kredit mit Nullzinsen verkauft, Produkte müssen bald schon verschenkt werden, um Abnehmer zu finden. Und wenn ich schon keinen Kühlschrank mehr kaufen kann, wie soll ich da eine Arbeit kaufen können …“ „Aaaaaah. Hilfe!“, schreit meine Nachbarin. „Tun Sie das Vieh weg!“ Sie hat anscheinend noch nie einen sprechenden Kater erlebt. Ich verkrümle mich mit Garfield sofort wieder in meine Wohnung. Mir ist gar nicht gut. Auch ich verschenke schon meine Bücher, um Abnehmer zu finden. Seiner Zeit voraus zu sein, ist nicht gut, gar nicht mehr gut heutzutage.

Verdünnte Atmosphäre

„An was denkst du, Olivia?“ fragt mich Garfield beim Frühstück. „Dass sich die Atmosphäre immer mehr verdünnt.“ „Was meinst du mit Atmosphäre? Die Luft um uns herum?“ „Also gestern Abend sah ich im Fernsehen den Film „Die Katze“ mit Simone Signoret und Jean Gabin. Und der Film hatte unglaubliche Atmosphäre. Er hat mich berührt. Nicht nur das Schauspiel, die transportierten Gefühle; das Gesamte, die Stimmung, die der Film ausstrahlt … Du reist im Geist anderswohin.“ „Hm“, brummt Garfield nachdenklich. „Ich hab „Die Katze“ auch schon gesehen. Alles alte Filme, die so ne Wirkung haben. Die letzten der Art stammen vielleicht aus den achtziger Jahren. Ich glaub, ich weiß, was du meinst. Es ist so was wie Farbe. Die alten Filme hatten mehr Farbe, die neuen sind eher schwarz-weiß. Schwer zu fassen, was Atmosphäre ist. Wie entsteht überhaupt Atmosphäre?“ „Meine Vermutung ist, Atmosphäre entsteht dadurch, dass alles, was geschieht, einschließlich unserer Gedanken und Gefühle, um uns herum in einem Feld gespeichert wird, und von uns dann wieder mehr oder weniger deutlich wahrgenommen werden kann. Wenn du alles nur noch flüchtig machst, schnell, schnell, in Fließband-Manier, wie die heutigen Filme, wenn Handlungen und Ereignisse zu schnell und wahllos aufeinander folgen, dann sind die Produkte auch flüchtig, wenig ausgeprägt. Atmosphäre entsteht so kaum mehr, verdichtet sich nicht.“ Garfield kratzt sich mit der Pfote ein Ohr. „Können wir das auch weniger metaphysisch sehen?“ „Das Feld ist ein Feld der Physik, Garfield. Hier geht’s nicht um Metaphysik.“ „Okay, okay. Ich meinte nur, bleiben wir mal an unserer alltäglichen Oberfläche. Könnte es dann nicht auch mit der Globalisierung zu tun haben? „Die Katze“ hat ne ausgesprochen französische Stimmung. In Paris sieht’s aber bald aus wie in Shanghai. Die Franzosen sind bald nicht mehr französisch. Wir sind bald alle gleich.“ „Das würde erklären, dass wir überall bald dieselbe Atmosphäre haben, auch nicht grade tröstlich …“Die Katze mit Jean Gabin

 

 

Leseprobe „Luna Park 2“. Der Anfang.

„Luna Park 2“

„Jahrmarkt der Gier“

 

 

Was bisher geschah

Meine Geschichte, „Luna Park, Jahrmarkt des Grauens“, ist veröffentlicht worden. Tausende haben sie gelesen. Und viele konnten sie kaum glauben. Als Autor musste ich meinen Lesern eine Menge Fragen beantworten. Ich, Dugo, der kleine schüchterne Rothaarige. Etwa, wie meine Freunde und ich in einer Nebenwelt landen konnten, im „Luna Park“, diesem unheimlichen, gigantischen Vergnügungspark. Oder wer der König des „Luna Parks“ eigentlich war, der dort Tausende Mädchen und Jungs gefangen hielt.

Im Luna Park gab es ganze Häuser aus Schokolade, Achterbahnen im Dauerbetrieb, Wolkenkratzer aus Champagner, gigantische Kinos, Diskos und Videospielhallen, und, und, und. Keine Pflichten, keine Lasten, nirgendwo Erwachsene! Und alles war gratis. Man konnte schlemmen und sich vergnügen, soviel man wollte. Der Park versprach unendlichen Spaß.

Der Wahnsinn war nun: Wer nicht rund um die Uhr lachte, wurde vom König des „Luna Parks“ verhaftet. Und der König verwandelte die verhafteten Jungs und Mädchen in Comicfiguren. Die Comicfiguren landeten auf den Bildern seiner Gemäldesammlung und mussten dort ein trauriges Dasein in einer flachen Welt fristen. War man einmal in so einem Bild gefangen, konnte man sich nicht mehr bewegen. Man konnte aber noch denken und hören und sehen, was um einen vor sich ging. Es war schlichtweg grausam.

Ich habe mich über die vielen Fragen meiner Leser riesig gefreut. Ich konnte aber lange nicht alle Fragen beantworten. Und auch meine Freunde Zaza, Brauni und Camel, die mit mir im „Luna Park“ waren und mir beim Beantworten halfen, konnten es nicht. Für uns selbst war der „Luna Park“ ein riesiges Rätsel geblieben. Wie wir überhaupt in den „Luna Park“ geraten konnten, was dort vor sich ging, und was der König des „Luna Parks“ eigentlich bezweckte, wer er eigentlich war, blieb für uns ein Geheimnis.

Der „Luna Park“ war eine Art Hölle, aber wieder auch nicht. Uns ist dort letztlich nichts passiert. Es gab dort nicht einmal den Tod. Man blieb ewig jung. Aber es gab auch kein richtiges Leben. Wer will schon hundert Jahre Achterbahn fahren? Oder als Comicfigur in einem Bild ewig vier Wände anglotzen?

Allerdings haben wir im Park wiederum gelernt, dass wir uns und den anderen dort gestrandeten Jungs und Mädchen helfen mussten, um wieder nach Hause zu gelangen, in unsere normale Welt.

Das heißt, der Park war schrecklich und grausam, wir lernten dort aber, zusammenzuhalten, füreinander einzustehen.

Nebenwelten, Parallelwelten, kennt man aus der Physik. Wie ausgerechnet wir aber in eine hineingeraten konnten, da habe ich keine Ahnung. Haben wir irgendwo eine Raum-/Zeitbrücke benutzt, ohne es zu bemerken? Wer kann das schon wissen?

Da jedenfalls so viele von euch meine Geschichte verfolgt haben, und inzwischen meinen Freunden und mir noch viel mehr Ungeheuerliches passiert ist, Dinge die ihr im Traum nicht mal für möglich halten würdet, muss ich euch unbedingt die Fortsetzung berichten. Zaza, Brauni und Camel haben ihren Teil zur Geschichte beigetragen. Jeder hat mir haarklein seine Erlebnisse erzählt, und ich habe dann alles für euch zusammengeschrieben.

*

Letztes Jahr hatten unsere Eltern, wie ihr euch erinnert, uns wie Pakete in ein Feriencamp verschickt. Statt in diesem Camp, waren wir allerdings im Luna Park gelandet.

Als wir dann wieder aufgetaucht waren, waren unsere Eltern natürlich überglücklich gewesen. Sie hatten schon gedacht, wir seien entführt worden.

Dieses Glück hatte wochenlang angehalten. Doch dann war wieder alles zum Alten zurückgekehrt.

Meine Eltern, die reichen Zementfabrikanten und Workaholics, hatten mich wieder auf der Seite liegen lassen, als wäre ich gar nicht vorhanden.

Auch Zaza hatte bei ihren Eltern bald wieder keine Rolle mehr gespielt; die sind jetzt noch rund um die Uhr mit ihrer erfolglosen Arbeitssuche beschäftigt und ihren vielen Gelegenheitsjobs.

Nach der Sache mit dem Feriencamp war Camels alleinerziehende Mutter bald noch kontrollfreudiger geworden. Camel musste jede Minute seines Tags rechtfertigen, durfte keine Sekunde zu spät nach Hause komme. Er verlor seine Ruhe, seine Fähigkeit, einfach rigoros abzuschalten. Und in der Schule wurde er noch schlechter.

Am Schlimmsten hatte es Brauni erwischt. Nachdem sein Vater ihn ein paar Wochen lang fast liebevoll gehätschelt hatte, war er bald wieder heillos mit ihm überfordert. Brauni trug erneut schmuddelige Over-Size-Kleidung, wusch seine dichten braunen Haare nicht mehr, sodass sie fettig glänzten, und seine Fingernägel starrten erneut vor Schmutz. Er erpresste wieder Geld von seinen Klassenkameraden und verprügelte solche, die nicht zahlen wollten. Sein Vater hatte sich schließlich ans Jugendamt gewandt, und Brauni landete „vorübergehend“ in einer Pflegefamilie, bei einem Lehrerehepaar mit zwei Söhnen und einer Tochter.

Da Brauni ziemlich stämmig ist und auch gewaltbereit, wagten die Pflegeeltern keine größeren Übergriffe. Sie wagten nicht einmal, etwas gegen seine Verwahrlosung zu unternehmen. Brauni zog regelmäßig seine schmuddelige Kleidung aus der Waschmaschine, bevor sie dort jemand waschen konnte. Sie wiesen ihn nicht zurecht, kritisierten ihn nicht, sie machten es hinterhältiger. Beim gemeinsamen Abendessen redeten sie ausschließlich über sich selbst, über ihre Familie, mit ihren Kindern, Brauni wurde gar nicht beteiligt. Braunis Familie interessierte nicht. Es interessierte nicht, wer er war, was er dachte, was er am Tag gemacht hatte. Nichts an ihm interessierte hier jemanden.

Brauni war es eigentlich egal, die Leute interessierten ihn auch nicht, waren ihm völlig wurscht. Er wollte von ihnen auch gar nichts gefragt werden, möglichst nichts mit ihnen reden, von ihnen einfach in Ruhe gelassen werden. Ab und zu durchflog sein Gehirn dann aber doch der Gedanke, dass sie ihm damit klarmachen wollten, dass er Dreck für sie war.

Es gab dann noch andere Episoden, nach demselben Muster gestrickt. Eines Nachmittags wurde irgendetwas gefeiert, und alle bekamen Geschenke, außer Brauni. Erst ärgerte er sich, dann wurde es ihm auf einmal peinlich. Er lief rot an und zog sich in sein Zimmer zurück. Dort grübelte er dann doch länger unzufrieden nach, und das Wort „Demütigung“ fiel ihm ein. Demütigend für ihn war auch, wie sie reagierten, als er unglaublicherweise in einer Physikklausur ein „Gut“ nach Hause gebracht hatte. Die Tochter der Pflegeeltern war in derselben Klasse wie er und hatte dieselbe Physikarbeit geschrieben. Sie war mit einem „Befriedigend“ nach Hause gekommen. Der Vater lobte die Tochter überschwänglich, und zu Braunis Arbeit sagte er gar nichts. Am Abend dieses Tags unterhielten sich die Pflegeeltern nach dem Essen noch beim Aufräumen in der Küche. Gerade als Brauni an der Küchentür vorbeikam, um nach oben in sein Zimmer zu gehen, meinte er zu hören, wie die Frau zu ihrem Gatten sagte: „Ein blindes Huhn findet auch mal ein Korn.“ Das konnte nur auf seine Physikarbeit gemünzt sein.

Sie demütigten ihn, und ja, es kam ihm jetzt, sie verachteten ihn auch, hielten ihn für einen Nichtsnutz. Im Grunde erduldeten sie ihn, weil sie dafür bezahlt wurden.

Glücklicherweise hatte Brauni ein dickes Fell. Bald entschied er sich dazu, die Pflegefamilie einfach als Hotel anzusehen. Er lebte eben vorübergehend im Hotel, bis sein Vater ihn wieder zurückholte. Und schon ging ihm durch den Kopf, dass er den Leuten vielleicht ein paar Unannehmlichkeiten bereiten könnte, zum Beispiel die Badewanne überlaufen lassen, das Haus überschwemmen, so käme er vielleicht schneller wieder nach Hause. Aber vielleicht auch nicht. Vielleicht landete er dann sogar in einem Heim für Schwererziehbare. Also lieber im Hotelmodus bleiben.

Fortan beschloss er, die Pflegefamilie einfach ebenso zu ignorieren, wie sie ihn ignorierten. Die einzigen Worte, die er noch mit ihnen wechselte, waren „Guten Morgen“, wenn er sich an den Frühstückstisch setzte, und „Guten Abend“, wenn er aus der Schule nach Hause kam. Und er achtete darauf, dabei ein besonders blasiertes Gesicht zu machen.

 

Wie unser Abenteuer begann oder der Berliner Rummel

So war es uns also zu Hause ergangen. Nicht allzu erfreulich. Erfreulich war dagegen, dass wir dicke Freunde blieben seit unserem ersten gemeinsamen Abenteuer im „Luna Park“. Den Erwachsenen hatten wir nicht glaubhaft machen können, dass wir im „Luna Park“ gewesen waren, und so blieb der „Luna Park“ unser großes Geheimnis, das uns eng zusammenschweißte.

Der „Luna Park“ war unheimlich gewesen, furchteinflößend, und ebenso der König.

Irgendwann hatten wir sogar entdeckt, dass er gar kein menschliches Wesen war: Er hatte seinen Kopf abschrauben können! Was Zaza nicht daran gehindert hatte, ihn trotzdem noch verführerisch zu finden …

Und weil uns dieses unheimliche Gefühl, dieses Angstgefühl ziemlich lange nachhing, besuchten wir auch so schnell keinen Rummelplatz mehr.

Bis Brauni in der größten Frustration über seine Pflegefamilie eines Tags von sich gab: „Da war es ja noch besser im „Luna Park“.“ Und halb scherzhaft vorschlug: „Wir könnten eigentlich mal wieder auf nen Rummel, sozusagen aus alter Erinnerung.“

Camel, Zaza und ich waren zunächst nicht gerade begeistert, ließen uns dann aber doch überreden, auf das deutsch-französische Volksfest – „Volksfest“, was für ein blödes Wort – in Berlin Mitte am Kutschi zu gehen, um uns dort wenigstens die größte Achterbahn Europas und den Schwerelosigkeitssimulator anzusehen.

*

Am nächsten Tag trafen wir uns nachmittags bei Brauni. Sein Pflegevater öffnete die Haustür. Wir sagten knapp: „Wir sind mit Brauni verabredet“, und sahen den Mann möglichst blasiert an. Ich stellte mir dabei vor, er sei ein Hausdiener, und Brauni sei der Hausbesitzer. Brauni kam stürmisch die Treppen herunter, übersprang die letzten drei Stufen in einem Satz und setzte krachend unten auf, sodass der Hausdiener erschrocken herumwirbelte. Mit einem schroffen „Bis dann!“ schob sich Brauni an ihm vorbei.

Wir drehten uns auf dem Absatz um und verabschiedeten uns nicht. Die Tür fiel hinter uns etwas zu laut ins Schloss. Zugeknallt hatte der Hausdiener sie aber nicht.

Zum Rummelplatz war es von Braunis neuem „Zuhause“ eine Viertelstunde mit der S-Bahn, und seltsamerweise hatte uns so etwas wie freudige Nervosität gepackt. Wir fragten uns, würde es uns gruseln, wenn wir den Rummelplatz betraten? Wäre es ein Grusel, der eher aufregend wäre? Prickelnd? Wir waren neugierig, und hatten alle ein bisschen Angst, weshalb wir auf dem Weg dorthin besonders viele Witze machten.

*

Da lag nun die Hauptstraße des Rummels direkt vor uns. Von der gigantischen Achterbahn am anderen Ende tönten Geschrei und Gekreische herüber. Brauni, Camel und ich wollten jetzt nur noch eins: mit diesem Monstrum fahren. Zaza weniger, sie sah eher besorgt aus und kündigte schon an, dass sie unten auf uns warten würde.

Je näher wir kamen, desto mächtiger thronte die Bahn über allem anderen. Nur einmal hielt Zaza uns auf. Sie zeigte auf ein Spiegelkabinett. Dort wollte sie anschließend mit uns rein. Wir versprachen ihr, dass wir nach unserer Höllenfahrt dorthin zurückkehren würden.

Als wir unter der Bahn am Tickethäuschen standen, wurde mir fast schwindelig beim nach oben Sehen, so hoch und steil ging es hinauf. Die Wagen fuhren sadistisch langsam, mit einem ekelhaft kreischenden Geräusch nach oben, um dann quasi im freien Fall in die Tiefe zu stürzen, sich brutal in eine Kurve zu legen und mehrere Loopings in Hochgeschwindigkeit zu durchrasen. Ab und zu fuhr man auf dem Kopf. In den Kurven wurde man kräftig durchgeschüttelt. Unten kam man jeweils ziemlich unsanft auf. Man konnte in dem Ding wirklich den Verstand verlieren.

Zaza beobachtete, wie die Sicherheitsbügel von oben auf uns herabsanken und von einem Angestellten nochmals überprüft wurden. Sie fühlte sich ganz klar unbehaglich.

Obwohl wir eben noch gewitzelt hatten, wie lächerlich das Gekreische der anderen war, fingen auch wir an wie verrückt zu schreien, als wir in die erste Tiefe stürzten. Ich übertraf sogar noch Camel, der immer ängstlicher war als alle anderen, da ich den Eindruck hatte, mein Sicherheitsbügel halte mich nicht genügend nah am Sitz. Ich hob immer wieder Zentimeter von der Sitzfläche ab. Erst in der Kurve unten saß ich wieder fest im Sitz.

Auf dem letzten Streckenabschnitt machte ich die Augen zu. Ich hielt es einfach nicht mehr aus. Meine Güte, war ich erleichtert, als die Wagen ganz langsam die ebene Strecke zum Ausstieg entlangfuhren! Geradezu heuchlerisch langsam.

Ich stieg mit Schwabbelknien aus. Und selbst Brauni und Camel schwankten, als sie auf Zaza zugingen. Camel stolperte sogar eine Stufe hinab, fiel aber zum Glück nicht. Brauni fasste sich ans Kreuz. Seiner Ansicht nach waren die Wagen nicht genügend gefedert. Er hatte beim ersten Sturz in die Tiefe so etwas wie einen harten Schlag auf die Wirbelsäule gespürt.

Nach diesem Extremtrip wollten wir zuerst mal an einer Bude eine Cola trinken, um uns zu beruhigen, und waren dann ganz froh, Zazas Vorschlag mit dem Spiegelkabinett aufnehmen zu können. Das war eine ruhige Sache und würde auch nicht allzu verwirrend, solange wir dort drinnen zusammenblieben.

Das Päuschen hatte gut getan. Wir betraten das Spiegelkabinett locker und entspannt. Zaza ging vor uns her. Sie sollte schließlich die Freude haben, den richtigen Weg zu finden. Eine Weile lang bewegten wir uns im Kreis und kamen einfach nicht weiter. Dann musste Brauni irgendwo abgebogen sein und war von uns plötzlich durch Glaswände getrennt. Als er versuchte, wieder zu uns zu stoßen, lief er mit dem Kopf gegen eine Glaswand. Die Glaswände waren so makellos geputzt und reflektierten so wenig, dass man sie kaum sah. Brauni fluchte laut und fasste sich an die Nase. Fortan tastete er mit Händen um sich. Wir kamen nicht mehr zusammen. Brauni geriet immer mehr nach links, in Richtung Ausgang, und wir kamen aus der rechten Ecke nicht heraus.

Irgendwann führte uns ein Weg rechts außen ins Zentrum des Kabinetts. Dort war ein großer Raum mit roten Samtsofas und Spiegeln, in denen man sich verzerrt sehen konnte. Und zu unserer Freude war auch Brauni bereits dort angekommen und starrte in einen Spiegel, der ihn um Meter in die Länge zog.

Wir hatten ziemlich viel Zeit gebraucht, bis wir hier gelandet waren, und mir ging das Herumgeirre langsam auf die Nerven. Wie lange würde es noch dauern, bis wir hier wieder rauskämen, fragte ich mich. Und wenn wir den Weg nicht fänden, würden sie draußen darauf aufmerksam und kämen herein, um uns rauszuführen?

Brauni unterbrach meine Gedanken, indem er plötzlich schrie: „Habt ihr den Typen dort gesehen?“

Wir folgten Braunis Blick, sahen aber niemanden.

„Da ging ein Mann mit Frack und Zylinder vorbei, der sah aus wie der König des „Luna Parks“!“

„Du spinnst“, warf Camel ein.

„Du willst uns bloß Angst machen“, rief ich.

Dass Brauni nicht gelogen hatte, wurde wenig später klar. Zazas Gesicht lief rot an. Brauni, Camel und ich gafften mit offenen Mündern. Es blieb uns nicht mal Zeit, unserem Schrecken mit Worten Ausdruck zu geben. Der Mann in Zylinder und Frack betrat schon den Spiegelsalon. Wir starrten ihm wie gelähmt entgegen.

Von Zaza hörte man zuerst einen Laut: ein leises „Ha!“

Der Mann war geschminkt wie ein Clown, viel kleiner als der König des „Luna Parks“, und fragte uns höflich, ob er uns heraushelfen solle, oder ob wir lieber selber den Weg zum Ausgang finden wollten.

Wir waren doch alle stark erschrocken, auch wenn die Situation jetzt etwas Lächerliches hatte. Und so wollten wir uns nun gerne den Weg nach draußen zeigen lassen. Keiner von uns hatte Lust, noch länger hier drinnen herumzuirren.

Draußen setzten wir uns erstmal auf eine Bank.

„Wer hat Angst gehabt?“, fragte ich.

„Alle haben Angst gehabt, sogar ich“, gab Brauni offen zu.

„Ich war zumindest riesig überrascht“, bemerkte Camel.

„Und dann der Clown …“ Zaza klang quasi enttäuscht.

Wir blieben noch eine Weile sitzen – eine milde Julisonne schien auf uns herab – und entspannten uns. Brauni besorgte Popcorn und noch mehr Cola – mit dem erpressten Geld seiner Mitschüler.

„Alles in Ordnung?“, fragte schließlich Zaza.

Es war wieder alles in Ordnung. Wir fühlten uns seltsam gut. Es war anscheinend kein zu großer Schock gewesen. Deshalb beschlossen wir, uns noch weitere Attraktionen anzusehen.

Wir schlenderten durch die Straßen, blieben vor Riesenschiffschaukeln und Berg- und Talbahnen stehen. Schauten uns den Schwerelosigkeitssimulator an. Fuhren schließlich alle vier mit einem altmodischen Round-up, weil der Schwerelosigkeitssimulator zu teuer war.

Zaza wurde vom Round-up schwindelig. Sie wollte als Nächstes etwas Langsameres ausprobieren.

„Da kommt höchstens die Geisterbahn dort drüben infrage“, schlug Brauni vor.

 

Die Geisterbahn

„Welche Geisterbahn? Ich seh keine.“ Mein Blick folgte Braunis Zeigefinger.

„Ach die“, sagte Camel, reckte den Hals und kniff die Augen zusammen. „Ganz dort hinten. Langsam denk ich, ich brauch ne Brille.“

Zaza bemerkte: „Seltsam, um die Geisterbahn wabert eine Art Nebel.“

„Rauch von den Grillbuden“, erklärte Brauni ungerührt.

Ich sah die Bahn immer noch nicht und wollte den andern schon vorwerfen, dass sie mich veräppelten. Dann tauchte sie hinter einer Rauchschwade auf. Die Grillbuden waren wirklich ekelhafte Luftverschmutzer.

Wir schlenderten hinüber und besahen uns die Geisterbahn aus der Nähe. Hexen, Kobolde, Zwerge, Kröten, Feuer speiende Drachen waren über die Front gemalt. In so poppigen Farben, dass sie eher lustig als gruselig wirkten.

„Ich glaub, das ist ne Geisterbahn für Babys“, murrte Camel. „Dafür geb ich mein Geld nicht aus. Ich hab sowieso nur noch ein paar Euro.“

„Camel hat recht, Kleinkinderkram“, bestätigte Brauni. „Womöglich passen wir nicht mal in die Wagen.“

Bei Braunis Körperumfang konnte das hinkommen, musste ich denken.

„Hier ist auch nichts los, hier fährt gar keiner. Es lohnt sich ganz klar nicht“, stellte Camel fest.

„Zaza, wenn du unbedingt fahren willst, begleite ich dich“, bot ich sofort an. „Akzeptiert! Für mich tut’s ein harmloser Grusel.“

Zaza und ich, wir stiegen also ein, nachdem wir unsere Tickets gelöst hatten. Wir waren die Einzigen. Niemand wollte Geisterbahn fahren. Wir hatten die ganze Bahn für uns. Ich blickte vom Wagen nochmals auf die Straße. Die Leute gingen an der Geisterbahn vorbei, sahen nicht mal hin.

Unser Wagen setzte sich ganz langsam in Bewegung, blieb stehen, machte einen Ruck, blieb stehen, machte wieder einen Ruck, und glitt dann plötzlich überschnell durch eine Klapptür, ein Froschmaul, in völlige Finsternis.

Zaza klammerte sich spontan an mir fest. Was mich sehr freute.

„Du, hier ist die Beleuchtung ausgefallen.“

„Merkwürdig“, gab ich nur zurück und fürchtete mich auch ein bisschen.

Der Wagen glitt auf Schienen dahin. Man hatte kein Gefühl dafür, ob er langsam oder schnell fuhr. Etwas Weiches, wahrscheinlich von der Decke hängende Stofffransen, wischte über unsere Gesichter. Wir schrien unisono. Das war keine harmlose Babybahn, das war Folter. Man war in vollkommener Dunkelheit und wartete nur darauf, was als Nächstes unvorhergesehen passieren würde. Und wir konnten uns nicht mehr gegen den Gedanken wehren, dass es auch etwas Schlimmes sein konnte.

*

Camel und Brauni standen sich derweil draußen die Beine in den Bauch. Die Fahrt dauerte schon zehn Minuten, viel zu lange für den lächerlichen Betrag von zwei Euro pro Person.

Brauni fragte den Mann am Ticketschalter: „Sie, äh, unsere Freunde sind schon seit zehn Minuten da drin. Wann kommen die denn raus? Ist das normal?“

Der Ticketverkäufer blickte Brauni und Camel erstaunt an. „Das kann nicht sein.“ In seiner Kabine war ein Schaltpult, das er jetzt kontrollierte.

Brauni stellte sich auf Zehenspitzen, beugte sich vor, um ins Häuschen zu sehen, und sah ein Lämpchen rot blinken.

„Hmmm. Da stimmt was nicht“, gab der Ticketverkäufer schließlich zu. „Der Alarm leuchtet. Der Strom drinnen ist ausgefallen.“

„Dann stecken Zaza und Dugo fest?“ Brauni war etwas fassungslos.

„Womöglich im Dunkeln.“ Camel versuchte seiner Stimme einen tiefen, unheimlichen Ton zu verleihen.

„Moment!“ Der Ticketverkäufer verließ sein Häuschen, stieg auf die Schienen vor den ersten Wagen und versuchte das Froschmaul zu öffnen. Er drückte sich mit seinem ganzen Gewicht dagegen. Die Klapptür ging aber nicht auf. Er fluchte, kam zurück und holte aus dem Häuschen eine Art Brechstange. Dann hebelte er an der Tür herum. Mit aller Kraft. Sie öffnete sich nicht. Er stieg wieder von der Bahn herunter und rief: „Ich muss den Pannendienst anrufen.“ Er tippte auf seinem Handy herum.

Brauni und Camel stiegen nun auch zum Froschmaul hinauf und rüttelten an ihm. Es war nichts zu machen.

„Ich dachte, die Klapptüren wären aus Pappe oder höchstens aus Sperrholz. Das Ding hier wirkt aber wie ne Safetür. Wie aus Eisen.“ Brauni war fix und fertig.

„Krass! Lass uns die andre Tür probieren, aus der sie wieder rauskommen müssen“, schlug Camel vor.

Die Tür mit dem Drachenmaul war ebenso solide verschlossen.

Brauni trat wütend gegen die Wand neben dem Drachenmaul und schrie gleich laut auf: „Hart wie Stein!“

„Versteh ich nicht“, erwiderte Camel. „Das Zeug ist doch meist aus Leichtbauteilen zusammengesetzt, damit man es schnell auf- und wieder abbauen kann?“

Brauni zog seinen Schuh aus und rieb sich mit schmerzverzerrtem Gesicht lange die Zehen. Schließlich schlug er vor: „Lass uns mal um das Ding rumgehen.“

*

Drinnen herrschte nach wie vor pure Finsternis. Zaza und ich hatten das Gefühl, der Wagen bewege sich auf den Schienen immer weiter fort.

„Wie lange soll das so weitergehen?“, fragte Zaza bang.

Ich hatte selbst gehörig Angst, durfte mir aber nichts anmerken lassen, musste Zaza beruhigen: „Es muss so sein: Die Bahn hat eine Panne. Die Beleuchtung ist ausgefallen, und die Wagen bewegen sich immerfort im Kreis.“

„Es fühlt sich aber nicht an wie ne Kreisfahrt. Ich hab den Eindruck, wir fahren immer weiter geradeaus.“ Zaza hatte nur noch ein Stimmchen.

„Das kann doch gar nicht sein, die Geisterbahn ist höchstens zwanzig Meter lang und zehn breit“, versuchte ich ihr unaufgeregt klarzumachen. Meine Stimme zitterte aber verdächtig. Auch ich hatte das Gefühl, wir führen geradeaus und hätten schon eine ziemliche Strecke zurückgelegt. „Es ist alles wegen der Dunkelheit. Die Dunkelheit verwirrt uns, sie täuscht uns vor, wir bewegten uns auf einer geraden Linie.“

„Kann sein“, piepste Zaza wenig überzeugt und klammerte sich noch fester an meinen Arm.

„Zeit, dass wir um Hilfe rufen, Zaza. Mit der Bahn stimmt definitiv was nicht“, schlug ich endlich vor.

Es war wenig sinnvoll, die Situation noch länger schönzureden. Aus Leibeskräften riefen wir nun um Hilfe.

*

Brauni und Camel bogen draußen um die Ecke der Geisterbahn, um sich die Hinterseite anzusehen.

„Vielleicht kommen wir dort irgendwo rein.“ Brauni pochte mit der Faust gegen die Hinterwand. „Nicht zu fassen, wie aus Stein!“

Camel spitzte die Ohren. „Horch mal … schscht!“

Beide horchten mit angehaltenem Atem.

„Ja, ich hör’s auch. Hilferufe. Ganz leise.“

„Klingt wie von ungeheuer weit weg.“

„Es sind Zaza und Dugo!“

„Verdammt, was ist dort drinnen los?“

*

Ich wünschte, ich hätte eine der Pillen gehabt, die meine Eltern sich immer unter die Zunge legen, wenn sie nervös sind. Sie lösen sich in Nullkommanichts im Mund auf, und man wird rasch gleichgültig.

Auf unsere wiederholten Schreie erfolgte keine Reaktion. Wir schrien wirklich aus voller Kehle, und Zaza kreischte noch dazu in einem so hohen, durchdringenden Ton, dass uns eigentlich jeder hören musste. Draußen waren doch noch der Ticketverkäufer, Brauni und Camel und zahlreiche Rummelbesucher. Vielleicht hatten sich Brauni und Camel bei dem langen Warten gelangweilt und waren woanders hingegangen. Und der Ticketverkäufer schlief, weil keine Kundschaft da war. Und die anderen Rummelbesucher waren zu weit weg, um uns zu hören.

Zaza weinte ganz leise an meiner Schulter. „Ich möchte hier raus.“

Ich fühlte mich hilflos, ohnmächtig. Wie konnte ich Zaza trösten? Ich war selbst mit den Nerven fertig.

Da nahm ich vor uns, ziemlich weit weg, einen winzigen Lichtschimmer wahr. Ich wies Zaza sofort darauf hin.

„Was ist das? Geht’s dort raus?“, fragte sie mich, als ob ich alles wissen müsste.

Es machte den Eindruck, als ob wir auf den hellen Schimmer zufuhren.

„Was ich nicht verstehe: Das Licht scheint so verdammt weit weg. Das kann doch gar nicht sein. Hier gibt’s doch nicht solche Strecken.“

„Vielleicht ne optische Täuschung. Vielleicht nur ein winziges Loch in ner Außenwand“, bemerkte Zaza kleinlaut.

Auf einmal beschleunigte der Wagen spürbar. Wir glitten geräuschvoll über die Schienen. Fahrtwind blies uns ins Gesicht, und Zaza und ich hielten uns eng umklammert. Wer wen zuerst umarmt hatte, wusste ich später nicht mehr. Ich presste aus Angst die Augen zu, öffnete sie dann aber wieder. Es sah so aus, als glitten wir durch einen dunklen Tunnel, an dessen Ende ein Ausgang ins Licht führte.

*

Während Brauni noch die Hinterseite der Bahn untersuchte und immer wieder laut nach Zaza und mir rief, sah sich Camel das hintere Umfeld der Bahn an.

„Keine Möglichkeit, hier irgendwo reinzukommen“, murrte Brauni unzufrieden und erschrak, als Camel ihn plötzlich hart an der Schulter packte. Brauni wirbelte herum. „Spinnst du? Was ist los?“

Camel brachte kein Wort heraus und wies nur mit ausgestrecktem Arm auf die riesigen Wiesen hinter der Geisterbahn.

„Verdammt!“ Brauni riss die Augen auf. „Da stimmt was überhaupt nicht. Wir sind doch mitten in der Stadt. So riesige Wiesen kann’s hier gar nicht geben. Und auch die Berge dort hinten stimmen nicht.“

Brauni bekam schwache Knie und setzte sich auf den Boden. Camel saß bereits, mit dem Rücken an die Geisterbahn gelehnt. Beide starrten in die weite Landschaft, auf Wiesen, Berge, einen See, und atmeten erst mal tief ein und aus, um sich zu beruhigen.

Dann sprang Brauni unvermittelt auf. „Los, um die Geisterbahn rum, wieder nach vorn! Dort ist vielleicht noch alles normal, dort sind wir sicher noch auf dem Rummel am Kutschi, in unserem Berlin.“

*

Das Licht am Ende des Tunnels blendete so stark, dass ich meine Augen wieder schloss. Zaza hatte ihr Gesicht an meiner Schulter geborgen, sah nichts und wollte gar nichts sehen. Durch meine geschlossenen Augenlider nahm ich die Helligkeit rötlich wahr, und auf meiner Haut spürte ich so etwas wie Sonnenwärme. Es fühlte sich an, als glitten wir immer noch weiter auf Schienen. Ich war verwirrt, wusste nicht, was ich von all dem halten sollte, öffnete schließlich meine Augen ganz zögerlich, voller Angst, hatte bereits den Verdacht, dass wir nicht ankommen würden, wo wir eingestiegen waren. Tatsächlich, jetzt sah ich etwas vor mir, das nichts mit der Umgebung der Geisterbahn auf dem Rummelplatz zu tun hatte, aber auch gar nichts.

*

Brauni lief im Eilschritt um die Bahn herum. Camel sprang hastig hinterher. Vorne angekommen, war alles – alle Buden, alle Karussells, jegliche Rummelattraktion – verschwunden. Und es waren auch keine Leute mehr da. Die Geisterbahn stand ganz alleine mitten auf einer Wiese. Brauni lief aus Verzweiflung zum Tickethäuschen, in der Hoffnung, wenigstens der Ticketverkäufer wäre noch da. Das Häuschen war leer. Auf dem Schaltbrett blinkte weiterhin die Alarmlampe rot. Es war gespenstisch.

*

Wir waren endlich aus der Geisterbahn herausgefahren. Vor mir befanden sich die anderen Wagen und der Eingang mit dem Froschmaul. Von der Bahn grinsten die Zwerge, Hexen, Kobolde, Kröten und Feuer speienden Drachen auf mich herab. Aber sonst sah alles völlig anders aus. Da war nicht mehr die Straße mit den Buden, Zelten, Berg- und Talbahnen und Spielhöllen. Ich starrte auf eine Wiese! Auf die Wiese schien eine senkrecht am Zenit stehende Mittagssonne, und in der Ferne verschwammen Berge im blauen Dunst. Der Rummel war einfach weg. Und die Zeit musste zurückgesprungen sein. Zaza presste ihr Gesicht immer noch an meine Brust. „Ist es schlimm?“, fragte sie weinerlich.

„Wir sind auf einer Wiese“, antwortete ich schwach. „Du kannst die Augen aufmachen.“ Ich versuchte, so harmlos wie möglich zu klingen.

Zaza sah sich jetzt ebenfalls um, mit weit aufgesperrten Augen. „Das kann nicht sein!“ Sie musste geweint haben, ihr Lidschatten war verlaufen, und die ganze Schminke war jetzt auf meinem T-Shirt.

Ich versuchte, aus dem Wagen zu steigen, was mir schwerfiel mit meinen Gummiknien. Zaza konnte ebenfalls kaum aufstehen. Ich bot ihr meine Hand an und half ihr. Zaza ließ meine Hand nicht mehr los, und so kletterten wir Hand in Hand von der Bahn runter.

„Gehen wir um die Bahn rum, vielleicht ist auf der andern Seite alles wie gehabt“, schlug Zaza vor. Sie klang nicht sehr überzeugt.

Unter normalen Umständen hätte ich mich riesig gefreut, dass sie meine Hand fest in ihrer Hand hielt. Hier war aber alles so unheimlich, dass Freude gar nicht aufkommen konnte. Ich war komplett verstört.

Auf einmal nahm ihre Stimme einen freudigen Ton an. „Sieh mal, dort drüben!“

In etwa hundert Metern Entfernung erblickte ich Brauni und Camel durch die Wiese schlendern. Wir riefen sofort aus vollem Hals: „Brauniiii, Caamel!“

Sie wirbelten herum und kamen mit einem lauten „Hallooo!“ auf uns zugerannt. Wir umarmten uns stürmisch, Zaza und Camel einander sogar unter Tränen.

Zaza wimmerte schließlich: „Wenn wir uns gefunden haben, dann kann es nicht so schlimm sein.“

Ich war da skeptischer. „Hat jemand ne Ahnung, was das hier alles soll?“ Ich konnte das Zittern in meiner Stimme kaum verbergen.

Brauni sah alle bedeutungsvoll an, als wüsste er etwas. „Erinnert ihr euch, ich hatte doch vorgeschlagen, auf den Rummel zu gehen, weil ich mich fast ein bisschen in den „Luna Park“ zurücksehnte.“

„Genau“, bemerkte Camel eifrig. „Du hast wortwörtlich gesagt: Da war’s ja noch besser im „Luna Park“, als du an deine eklige Pflegefamilie gedacht hast.“

Ich runzelte die Stirn. „Du meinst, weil Brauni in einer Laune in den „Luna Park“ zurückwollte, sind wir jetzt alle wieder dort?“

Camel starrte Löcher in den Boden, wirkte, als denke er besonders angestrengt nach. „Sind wir nicht alle mit unserer Situation zu Hause unzufrieden gewesen, und haben wir nicht alle insgeheim gedacht, dass es da selbst im „Luna Park“ noch besser war?“

„Du meinst, trotz der gruseligen Dinge, die sich dort abgespielt haben?“, gab ich zu bedenken.

Camel holte tief Luft. „Die haben wir vielleicht für Momente ausgeblendet. Im „Luna Park“ war was los. Wir waren dort die Hauptpersonen. Auf uns kam es an. Unser Handeln war gefragt. Zu Hause und in der Schule haben sie uns gezeigt, dass wir Nichtse sind, Luft, nur lästig.“

Alle wurden ganz still. Wir setzten uns ins Gras, und jeder versank in Gedanken.

Camel hatte recht, überlegte ich zögerlich. Irgendwie hatte jeder von uns sich wenigstens für einen Moment gewünscht, wieder im „Luna Park“ zu sein. Und wenn es nur aus Protest gegen unsere Eltern und die Schule gewesen war. „Aber hier sieht es nicht aus wie im „Luna Park““, platzte ich in die Stille hinein.

Alle schauten sich noch einmal um, schauten auf die verlassene Geisterbahn und in die leeren Weiten der Landschaft. Ja, die Landschaft war leer, nur Wiesen, Berge, ein See, keine Menschen, keine Tiere, keine Häuser. Kein Vergnügungspark wie der „Luna Park“. Es hatte etwas Beklemmendes.

„Was machen wir jetzt?“ Zaza hatte nur noch ein Stimmchen.

Brauni schien zuversichtlicher: „Wir wollten grade über die Wiesen zum See. Irgendwo wird schon jemand sein, der uns weiterhelfen kann.“

Ich schüttelte den Kopf. „Guck doch hin! Ringsherum alles leer; keine Menschen, keine Autos, keine Häuser. Bis zu den Bergen dort hinten sind es mindestens fünfzig Kilometer. Es macht keinen Sinn, einfach irgendwohin zu latschen.“

Brauni blickte verwirrt in die Ferne.

Zaza wirkte auf einmal eine Spur optimistischer. „Wir sollten noch mal in die Geisterbahn. Über die Geisterbahn sind wir hierhergeraten. Vielleicht kommen wir über die Geisterbahn auch wieder hier raus?“

„Hm“, brummte Camel. „Brauni und ich sind nicht mit der Bahn gefahren, und wir sind genauso an dem öden Ort hier gelandet.“

„Auch wieder wahr“, pflichtete ich bei. „Trotzdem ist es vielleicht nicht die schlechteste Idee, noch mal dort reinzugehen. Die Geisterbahn ist vielleicht so was wie ne Raum-/Zeitmaschine, die uns an alle möglichen Orte bringen kann.“

„Am liebsten wär mir ein Ort, an dem es was zu essen gibt. Ich krieg langsam nen Riesenhunger“, maulte Brauni.

*

„Nehmen wir nen Wagen?“

„Die fahren nicht mehr.“

„Im Tickethäuschen ist doch ein Schaltbrett. Da kann man vielleicht die Bahn wieder in Betrieb setzen“, schlug Brauni vor.

Neben der Alarmleuchte, die immer noch rot blinkte, gab es mindestens zwanzig Knöpfe. Nirgendwo war eine Beschriftung.

„Wir können einen nach dem andern ausprobieren und sehen, was passiert“, schlug Zaza vor.

„Und wenn was Schlimmes passiert?“, gab Camel zu bedenken.

„Schlimmer kann es nicht werden“, maulte Brauni. „In einer riesigen Einöde zu sein, und nirgends was zu essen. Wenn wir noch länger hierbleiben, verhungern wir … oder müssen Gras fressen.“

Da war was dran. Also betrat ich das Tickethäuschen und drückte ängstlich auf den ersten Knopf links oben auf dem Schaltbrett. Wir warteten gespannt, sahen uns vorsichtig um. Nichts geschah. Ich drückte den zweiten. Nichts rührte sich. Ich drückte jetzt immer mutiger einen nach dem andern, war schon nicht mehr vorsichtig.

Beim letzten Knopf, den ich drückte, ertönte ein lautes, quietschendes Geräusch. Wir fuhren alle zusammen. Das Froschmaul war aufgesprungen. Camel, der zwischen zwei Wagen auf der Bahn stand, konnte gerade noch von den Schienen springen. Die Wagen setzten sich langsam ruckend in Bewegung. Einer nach dem andern verschwand durch das Froschmaul.

Endlich schrie Brauni: „Los, es reicht noch auf den Letzten!“ Und Sekunden später saßen wir zu viert, dicht gedrängt, im letzten Wagen und fuhren durch das Froschmaul ins Innere.

Es war schwer zu sagen, wer von uns am meisten Angst hatte. Ich war zwischen Brauni und Zaza eingeklemmt; Brauni fühlte sich schweißnass an, und Zazas Zittern übertrug sich von ihrem Arm auf meinen Körper. Camel klapperte rechts außen so laut mit den Zähnen, dass es nicht zu überhören war.

In der Bahn war es nicht mehr ganz dunkel wie bei unserer ersten Fahrt. Rechts und links gingen Spotlights an und aus und beleuchteten in Giftgrün von der Decke baumelnde Skelette. Wir schrien wie verrückt. Mit einem Rucken blieb unser Wagen plötzlich stehen. Vor uns hebelte sich ein blauer Elefant aus dem Boden und trompetete uns laut an. Er sah wie eine Walt-Disney-Figur aus. Dann wischten uns wieder lange Fransen übers Gesicht. Zwerge, Kobolde, Echsen, Kröten, Schlangen tauchten in giftrotem Flashlight links und rechts neben uns auf. Sie waren lange genug beleuchtet, sodass man sehen konnte, sie waren aus Plastik. Der Wagen wurde langsamer, und ein Krokodil lief in einem moosgrünen Licht gemächlich über die Schienen, drehte seinen Kopf zu uns hin und zeigte sein Plastikgebiss. Es dauerte eine Weile, bis wir verstanden, dass hier drinnen alles harmlos war, aus Plastik und Pappe, dass sich eigentlich nichts von einer normalen Rummelgeisterbahn unterschied. Es ging noch um ein paar Kurven und Ecken. Blitzlichter schienen uns grell ins Gesicht, das Gebrüll eines Löwen kam von links aus dem Dunkeln, von oben fiel ein zähnebleckender Stoffaffe in unseren Wagen und wurde gleich wieder an einer Schnur hochgezogen. Dann lag vor uns schon die Ausgangsklapptür. Der helle Spalt in der Mitte weitete sich. Es wurde hell. Wir waren draußen!

Ich blinzelte benommen ins Tageslicht. Zuerst sah ich die Kinder, die am Tickethäuschen anstanden. Dann die Buden und Zelte und Fahrgeschäfte gegenüber und das dichte Menschengewimmel auf der Straße.

Zaza, Camel und Brauni starrten mit offenen Mündern.

Ein stämmiger Junge, der den Mädchen und Jungs weiter vorn in die Wagen half, rief uns forsch zu: „Aussteigen, hier wird nicht noch mal gefahren, ohne zu bezahlen!“

Der Junge fasste uns grob an den Armen und zog uns aus dem Wagen. Sofort sprangen drei Kinder in unseren Wagen und verschwanden gleich durch das Froschmaul.

Wir kletterten von der Bahn herunter auf die Straße und sahen uns baff nach allen Richtungen um. Camel weinte schon vor Erleichterung: „Wir sind wieder zurück in der Zivilisation!“

Brauni rief mit schweißglänzendem Gesicht: „Ich kauf mir gleich ne Bratwurst und ein halbes Hähnchen in der Fressbude dort drüben. Ich hab einen Riesenstresshunger!“

„Wir müssen uns zuerst mal beruhigen“, sagte ich.

Camel atmete so unregelmäßig, als sei er eine lange Strecke gerannt: „Vielleicht zuerst was trinken“, keuchte er.

Wir folgten Brauni zu der Wurst- und Hähnchenbude und kauften uns dort ein paar Dosen Bier und Essbares. Obwohl zumindest Zaza und ich nicht aussahen, als seien wir schon sechzehn, gaben sie uns das Bier anstandslos.

*

Es dunkelte bereits. Die Luft war mild. Wir setzten uns im Gewühl der Menge auf eine Bank und schlürften das Bier, während Brauni so gierig in goldbraun gebackene Hühnerschenkel biss, dass ihm das Fett zu den Mundwinkeln herausspritzte. Wir aßen und tranken und versuchten, uns zu entspannen, ohne zu quatschen.

Brauni war völlig ins Essen vertieft. Camel guckte mit glasigen Blicken in die Menge und hatte ein seliges Lächeln auf dem Gesicht. Zaza trank mit geschlossenen Augen und seufzte leise. Ich saß ganz nahe neben Zaza und musterte den zarten Haarflaum auf ihrem Gesicht, während sie die Augen geschlossen hielt.

„Wie spät ist es eigentlich?“, fragte Brauni plötzlich mit vollem Mund.

Zaza riss die Augen auf.

Ich wandte mich etwas verlegen von Zaza ab und wollte auf meine Uhr sehen. „Es wird langsam dunkel.“ Meine Uhr war weg. Meine teure Taucheruhr. Meine Eltern, hatte ich den Verdacht, kauften mir solche Luxusgeschenke, weil sie dann das Gefühl hatten, sie seien dafür entschuldigt, dass sie sich so wenig mit mir beschäftigten. „Ich muss meine Uhr verloren haben“, sagte ich ohne große Sorge. Der Verlust war mir jetzt egal.

„Verdammt, meine Uhr ist auch weg!“, fluchte Camel.

„Ich hab auch keine Uhr mehr“, stellte Zaza verwundert fest.

Brauni schluckte den letzten Bissen und lachte laut auf. „Die haben sie euch sicher in der Geisterbahn geklaut. Die war ein wahrer Zauberladen. Gut, dass ich keine Uhr hab.“

„Es ist bestimmt bald acht. Wir müssen schleunigst nach Hause! Lasst uns jemanden nach der Zeit fragen“, schlug Camel vor. „Wenn es später als neun wird, dreht meine Mutter durch und macht ne Riesenszene. Sie kommt dann vom Hundertsten zum Tausendsten, wie viel sie für mich getan hat, wie sehr sie darunter leiden musste, mich allein aufzuziehen, wie schlimm es ist, allein alle Verantwortung tragen zu müssen, was für ein verantwortungsloser Nichtsnutz mein Vater ist, einen Sohn in die Welt zu setzen und sich dann davonzumachen und, und, und. Ich wär besser gar nicht auf die Welt gekommen.“

Zaza drückte Camel zärtlich die Hand: „Beruhig dich. Es ist nicht deine Schuld, dass sie alleine ist. Du hast damit nichts zu tun. Ich frag jetzt schnell jemanden nach der Zeit.“ Zaza sprang auf und verschwand in der Menge.

Erst eine ganze Weile später kam sie wieder zu unserer Bank zurück. Ich hatte schon Angst, es sei etwas passiert.

„Warum hast du solange gebraucht?“, fragte ich vorwurfsvoll.

„Alle, die ich gefragt habe, hatten keine Uhr dabei. Dann fiel mir auf, dass überall nur Jungs und Mädchen sind und kein einziger Erwachsener. Ein Junge wollte mir weismachen, dass hier Uhren unnütz sind, weil die Zeit Kapriolen schlägt. Er hat behauptet, die Zeit kann hier beliebig gedehnt oder verkürzt werden.“

„Nur Jungs und Mädchen … Die Zeit läuft hier anders …“ Ich merkte nicht einmal, dass ich laut vor mich hinsprach, während ich dachte, dass mir das verflucht bekannt vorkam. „So war es doch auch im „Luna Park“!“, rief ich laut aus.

Wir sahen alle augenblicklich in die Menge. Tatsächlich, die Straße wimmelte von Mädchen und Jungs. Und nirgendwo war ein Erwachsener. Nur beim Rummelpersonal, also bei den Leuten, die die Rummelattraktionen bedienten, gab es ganz vereinzelt Erwachsene.

„Dann sind wir ga-gar nicht auf dem Rummel in B-Berlin, meint ihr?“, stotterte Camel.

„Unsinn“, prustete Brauni und verschluckte sich am Bier. „Dass hier nur Jungs und Mädchen sind, heißt noch gar nichts. Eltern gehen heutzutage nicht mehr auf Rummelplätze mit. Das ist denen zu viel Aufwand. Die sind doch alle nur noch überlastet. Kommt, wir gehn nach Hause!“ Brauni stand auf, und wir folgten ihm einfach.

*

Über uns leuchteten die ersten Sterne am dunkelblauen Himmel, und eine bleiche, scharf geschnittene Mondsichel. Wir gingen und gingen. Der Weg kam mir ungeheuer lang vor. Ich konnte mich nicht daran erinnern, dass es auf dem Berliner Rummelplatz so große Entfernungen gegeben hatte.

Auch Camel wurde zunehmend misstrauisch. „Wir müssten schon längst draußen sein.“

Zaza zog mich am Arm: „Wartet!“

Wir hielten in der Menge der Kinder und Jugendlichen an.

„Wie lange wollen wir noch weitergehen? Wir sind nicht mehr in Berlin!“

„Nur noch die hundert Meter bis dort vorn, dort ist der Ausgang, Richtung Einkaufszentrum „Der Clou“.“ Brauni blieb stur.

Wir waren alle erschöpft, zu müde, uns weiter Gedanken zu machen. Und vielleicht setzten wir nur deshalb unseren Weg fort. Erst als der Ausgang ganz eindeutig immer weiter in die Ferne rückte, je mehr wir auf ihn zugingen, musste auch Brauni langsam zugeben, dass hier etwas nicht stimmte, dass hier gar nichts mehr stimmte.

„Schaut mal nach dort drüben!“, forderte Zaza uns auf einmal laut auf.

Wir blickten alle in die Straße, die nach links abzweigte.

„Schaut auf das Schild!“, forderte Zaza uns nochmals auf.

An der Straßenecke stand ein Wegweiser. In Leuchtrosa stand darauf: „Luna Park Süd“.

 

Zurück im Luna Park

Wir sahen einander vielsagend an und dann betreten die Straße entlang. Jetzt war es endgültig klar. Wir waren nicht mehr in Berlin.

Die Straße war viele Kilometer lang. Sie lief leicht abwärts. Anfangs säumten sie noch Buden und Karussells. Dann schloss sich ein weitläufiges Häuserviertel an, das mich an eine brasilianische Favela erinnerte – solch eine Favela hatte ich auf einer der teuren Fernreisen gesehen, auf die mich meine Eltern mitgenommen hatten, wahrscheinlich um ihr Gewissen zu beruhigen.

Brauni überblickte die Ebene, die sich vor uns auftat. „Was sind denn das für Slums?“ Brauni kannte Slums sicher aus dem Fernsehen.

Zaza seufzte nur erschöpft. Ich legte ihr meinen Arm um die Schultern, ohne dass sie protestierte.

Es waren eher Hütten als Häuser, teils mit Wellblech bedeckt, dicht an dicht gebaut. Sie waren eingebettet in ein Labyrinth sich eng windender Gassen. Die Hütten sahen aus wie zufällig zusammengewürfelt. Und weiter hinten ragte ein Hochhaus auf, das düster aussah, sogar baufällig. Soweit das Auge reichte, diese ärmlichen Hütten, und dann endete die Sicht an einem hohen Zaun, einem immens hohen, undurchsichtigen Zaun aus einem Material wie Eisengeflecht.

Wir standen da und starrten, konnten uns auf das, was wir sahen, keinen Reim machen.

„Wenn das der „Luna Park“ sein soll“, überlegte Zaza laut, „dann hat er sich aber ganz schön verändert.“

„Allerdings“, pflichtete ich hilflos bei.

„Die Slums da unten, das ist „Luna Park Süd“. Was ist dann „Luna Park Nord“?“, fragte Brauni. „Süd und Nord gab es früher nicht im „Luna Park“. Es gab dort auch keine Wohnhäuser. Nur den Rummelplatz mit seinen Anlagen und das Schloss des Königs des „Luna Parks“.“

Bei den Worten „König des Luna Parks“ zuckte Zaza zusammen und lief rot an. Das ärgerte mich. Man musste ihn nur nennen, und schon ging es wieder los … Ich trat ein paar Schritte von Zaza weg und war bitter enttäuscht. „Was sollen wir jetzt tun?“, fragte ich, nur um etwas zu sagen.

Brauni keuchte: „Ich bin fix und fertig, ich muss erst mal was essen.“

Wir waren ziemlich weit gelaufen und waren mittlerweile alle hungrig. Wir mussten uns auch stärken, um überhaupt einen klaren Gedanken fassen zu können.

„In welche Richtung sollen wir?“ Ich war so müde, dass ich alles den andern überließ.

Brauni zog Luft durch die Nase ein und behauptete, ein Duft nach asiatischem Essen läge Richtung „Luna Park Süd“ in der Luft. Wir folgten wieder Brauni, und nach ungefähr fünfzig Metern bogen wir in eine enge Gasse ein, in der es nur so von asiatischen Garküchen wimmelte. Es roch nach heißem Fett. Zwischen den Kochstellen standen Bänke und Tische aus rohem Holz. Alles hier war schmuddelig.

Wir nahmen Platz und ließen uns von einem Chinesen mit einer fettigen Schürze bedienen. Es gab nur ein Gericht. Als er es nach fünf Minuten brachte, war es gebratener Reis mit etwas Ei, Erbsen und einem winzigen Stückchen Huhn. Er stellte einen Wasserkrug so hart auf den Tisch, dass es spritzte, und ein paar Plastikbecher. Andere Getränke gab es hier nicht. Wir waren im Moment nicht sehr wählerisch und aßen den trockenen Reis. Es schmeckte fad, aber füllte wenigstens den Magen.

„Früher hat man im „Luna Park“ besser gegessen“, bemerkte Camel leise.

Kaum hatten wir fertig gegessen, kam der Chinese mit einem schmierigen Zettel an unseren Tisch, der Rechnung. „Macht 33 Euro.“ Während er am Tisch auf das Geld wartete, wischte er seine Hände an der fettglänzenden Schürze ab.

Wir sahen uns an. Im „Luna Park“ war alles umsonst gewesen. Man hatte umsonst leckere Dinge essen, umsonst mit sämtlichen Bahnen und Karussells fahren können. Nichts hatte etwas gekostet. Das Prinzip des „Luna Parks“ war schlemmen und sich amüsieren gewesen, ohne je zu bezahlen, bis in alle Ewigkeit. Auf den ersten Blick ein Paradies …

Brauni zog unwillig einen verknitterten Fünfeuroschein aus seiner Hosentasche. Zaza und Camel legten zehn Euro zusammen. Ich zahlte den Rest. Ich hatte danach noch zwanzig Euro übrig. Zaza, Brauni und Camel hatten bereits alles ausgegeben. Der Chinese scharrte das Geld auf dem Tisch zusammen, steckte es in seine Schürzentasche und wollte sich schon wieder zu seinem Herd umdrehen, als Brauni laut fragte: „Im „Luna Park“ ist doch alles umsonst, warum haben Sie Geld von uns verlangt?“

Der Chinese zog die Brauen hoch. „Hier ist nichts umsonst. Wie kommst du auf die Idee? Alles hat hier seinen Preis. Vielleicht zahlen wir noch bald fürs Atmen.“

„Das sind schlechte Nachrichten“, analysierte Brauni und wischte sich mit einer zerknitterten Papierserviette über den Mund. „Wir sind im „Luna Park“. Der ist aber ganz anders. Es ist anzunehmen, dass wir auch aus diesem „Luna Park“ nicht einfach wieder rausspazieren können in unsere Welt. Und wir sind gleich zu Anfang in einer misslichen Lage. Wie sollen wir hier überleben mit Dugos lumpigen 20 Euro?“

Zaza war schon den Tränen nahe. Ich spürte es. Ich musste sie unbedingt beruhigen. „Jetzt haben wir erst mal gegessen und fühlen uns besser. Wenn es uns letztes Mal gelang, aus dem Park wieder ungeschoren rauszukommen, dann finden wir auch diesmal einen Ausweg …“

Brauni unterbrach mich: „Nicht so schnell. Überlegt mal alle ganz scharf. Warum sind wir wieder hier? Irgendwie wollten wir alle nochmals in den „Luna Park“ … Es kann also nicht darum gehen, hier gleich wieder rauszukommen. Wir sind jetzt hier und müssen erst mal sehen, was uns diesmal hier erwartet.“

Camel nahm Braunis Gedanken gleich auf: „Brauni hat recht. Auf uns warten hier irgendwelche Aufgaben, irgendein Test. Erst wenn wir den Test bestanden haben, kommen wir wahrscheinlich mehr oder weniger automatisch wieder in unsere Welt zurück.“

„Wie letztes Mal“, ergänzte Zaza, deren Miene sich bereits wieder beträchtlich aufgehellt hatte. „Und was machen wir jetzt?“

Alle schwiegen. Bis Brauni die Initiative ergriff und aufstand: „Wir sehen uns zunächst mal den Park näher an.“

*

Wir folgten Brauni nach draußen auf die Straße, die nach „Luna Park Süd“ führte. Es war inzwischen dunkel geworden, aber zum Glück nicht kühl. Rostige Laternen auf alten Holzmasten beleuchteten die Straße einige Hundert Meter, dann wurde es immer düsterer. Die Slums bildeten eine schwarze Masse. In diese finstere Gegend wollten wir nicht gehen. Noch bevor wir uns umwandten, um in die entgegengesetzte Richtung zu gehen, hörten wir, wie hinter uns jemand laut fluchte.

Wir drehten uns erschrocken und sahen, wie der Chinese, der uns bedient hatte, einer völlig zerlumpten Gestalt einen Fußtritt gab! Die Gestalt stolperte auf die Straße und landete auf den Knien im Straßenstaub. Mühsam richtete sie sich wieder auf und hinkte auf uns zu. Es war ein höchstens vierzehnjähriger Junge. Wir konnten kaum sein Gesicht erkennen unter dem schwarzen Schmutz. Der Schmutz überzog es wie eine Maske. Die Haare waren staubgrau verfilzt. Alles an dem Jungen starrte vor Dreck. Seine ausgefransten Jeans und sein T-Shirt hatten riesige Löcher. „Gebt ihr mir nen Fünfer?“, bettelte er uns an. Er war auch ausgesprochen mager, und seine Augen glänzten fiebrig. „Ich hab seit zwei Tagen nichts gegessen.“

„Dugo, du hast doch noch Geld“, platzte Zaza heraus.

Ich ärgerte mich, dass sie mich auffordern musste. Ich hätte doch von mir aus etwas gegeben. Mit saurem Aufstoßen fingerte ich in meiner Hosentasche herum, fischte schließlich ein Eurostück heraus und gab es dem Jungen in seine schmutzige Hand. Er lächelte mich an und bedankte sich immer wieder. Es war mir irgendwie sehr peinlich. Warum eigentlich? Ich blickte ihm betreten nach, wie er nach „Luna Park Süd“ wankte und weiter unten wieder zwei Jungs ansprach, die, wie wir, „normal“ gekleidet waren.

„Hoffentlich kriegt er noch mehr Geld zusammen.“ Zaza sah mich vorwurfsvoll an. „Sonst verhungert er noch.“

Ich fühlte es, ich wurde dunkelrot, und wusste nicht, ob vor Ärger, oder weil ich mich schämte, so knauserig gewesen zu sein.

Ganz unerwartet kam mir Brauni zur Hilfe. „Wir haben jetzt zu viert noch 19 Euro, Zaza. Wir sind bald auch nicht besser dran.“

Zaza machte nur: „Hm“, und blickte zu Boden.

„Wir können uns jetzt nicht länger mit Kinkerlitzchen aufhalten. Wir müssen den Park auskundschaften, rausfinden, was wir hier sollen, sonst ergeht’s uns noch so wie dieser armen bettelnden Sau!“ Camel ging energisch in die Richtung, aus der wir gekommen waren, und wir folgten.

*

 

Mini Leseprobe 3 aus „Luna Park 2, Jahrmarkt der Gier“

Kapitel 29

Fressen, schlafen, raufen oder das Schicksal der Gierigen

Die Löwen setzten sich nah ans Käfiggitter. „Wir heißen Max und Melvin. Der König hat uns in Raubtiere verwandelt.“

Brauni hörte mit großen Augen zu und Schwabbelknien.

„Wir haben versucht, mit dem Verkauf von Versicherungen die Million zu verdienen. Dabei mussten wir Leute versichern, die gar keine Versicherungen brauchten, Leute, die kaum je die Versicherungsleistung in Anspruch nehmen würden. Und wir mussten Leute versichern, die sich gar keine Versicherung leisten konnten. Die größte Klientel waren die Armen aus „Luna Park Süd“. Ihnen mussten wir Rentenversicherungen aufschwatzen, die sie gar nicht bezahlen konnten. Sie bekamen sie dann auf Kredit. Und als sie die Kreditraten nicht mehr zahlen konnten, haben wir ihren Lohn auf Jahre hinaus gepfändet. Als das nicht genügend Geld brachte, sind wir ins Drogengeschäft eingestiegen. Wir verkauften Kokain an unsere reichen Freunde in „Luna Park Nord“. Die verschuldeten sich bei uns dann immer mehr und mussten uns schließlich ihre Geschäfte überlassen. Und so kamen wir beide ziemlich schnell zu der Million.“

„Ja, dann hattet ihr gewonnen … oder doch nicht?“, platzte Brauni heraus. Er wusste nicht mehr, was hier drinnen lief. Er war völlig konfus.

„Wir dachten, wir hätten gewonnen. Wir wollten mit aller Macht die Million verdienen und dann so schnell wie möglich wieder nach Hause. Wir hatten genug vom Geldverdienen. Das war ja ein alltäglicher Kampf, bei dem du ständig jemanden hereinlegen musstest. Der Norden war zwar reich, aber wenn du auch an Arme deine Produkte verkaufen musst, dann geht das nur, wenn du ihnen das Geld dafür leihst. Lange kann das natürlich nicht gut gehen. Das war uns aber egal. Wir wollten bloß gewinnen.“

„Und wieso seid ihr jetzt Löwen im Käfig?“, fragte Brauni verdattert.

„Der König hat uns angelogen. Du hast überhaupt nicht gewonnen, wenn du die Million verdient hast. Du bist in ein Raubtier verwandelt worden.“

Brauni stutzte.

„Der König hat uns erklärt, wenn wir uns schon im Geschäftsleben wie Raubtiere verhalten hätten, dann könnten wir auch mal die Erfahrung machen, echte Raubtiere zu sein. Und weißt du, wie das ist?“

„N-nein.“ Brauni war fix und fertig.

„Fressen, schlafen, raufen. Es wiederholt sich jeden Tag. Wenn wir gewusst hätten, was uns erwartet, hätten wir den Armen die Versicherungen geschenkt.“

„Oder gar nicht erst angeboten“, knurrte der andere Löwe.

„Sind die andern Raubtiere auch Menschen?“, fragte Brauni mit schwacher Stimme.

„Eine ganze Menge, ja.“

Brauni kratzte sich die Stirn. Er fühlte sich elend.

„Du hast die Käfigschlüssel. Du könntest uns rauslassen“, schlug der eine Löwe vor.

„Nein, tu es nicht. Wir würden dich zerfleischen. Wir haben den Instinkt von Löwen. Wir handeln blind. Wir haben nicht die Freiheit, eine Beute zu verschonen“, warnte der andere.

Dann war klar, dass er sie nicht rauslassen würde, dachte Brauni. Er war unendlich erleichtert, als endlich der Diener des Königs kam und ihn nach oben in seine Kammer führte, wo er zuerst ein Abendessen bekam und danach frische Kleidung für den nächsten Tag.

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Die merkwürdige Welt des „Luna Park 2“. Mini-Leseprobe.

 

Kapitel 14

Die Einladung ins Schloss der Geheimnisse

Der König ging ganz nah an ihnen vorbei, sodass Zaza ein starker Lufthauch streifte, und befahl knapp: „Folgt mir!“

Ohne zu überlegen, folgten sie ihm. Sie gingen den Gang weiter nach hinten, bogen ab und blieben vor der Tür mit der Aufschrift „Zutritt verboten“ stehen.

„Ihr wolltet doch in diesen Raum?“, sagte der König herausfordernd.

Beide sahen betreten vor sich hin.

Der König öffnete die Tür. „Bitte!“

Zaza machte ein jämmerliches Gesicht. Sie fühlte sich schuldig, obwohl sie doch diejenige gewesen war, die gar nicht mehr in den verbotenen Raum gewollt hatte.

In dem Raum war ein großer Flachbildschirm. Und es waren dort Unmengen von DVDs aufgestapelt. Ein bequemer Polstersessel stand vor dem Schirm, und Kopfhörer lagen auf einem Beistelltisch.

Bevor Zaza noch überlegen konnte, dass das Verbotene höchstens auf den DVDs sein konnte, schaltete der König einen Videorekorder an.

Der große Flachbildschirm wurde hell, und dann kam eine ungeheure Überraschung: Sie sahen Kussszenen aus allen möglichen Kinofilmen. Eine an der andern. Paare küssten sich durch die Jahrzehnte hindurch. Sie erkannten Cary Grant und Mae West, Vivien Leigh und Clark Gable, Richard Gere und Julia Roberts, Drew Barrymore und E.T., Leonardo DiCaprio und Kate Winslet, Brad Pitt und Angelina Jolie, Julie Delpy und Ethan Hawke, Justin Bieber und Emma Watson. Es waren so viele, dass einem schwindelig werden konnte. Dann klickte es leise, und der Schirm wurde schwarz.

Zaza und Lorenzo wussten nicht, wie sie reagieren sollten.

Der König lachte bitter. Er zeigte auf die anderen DVDs. „Hier sind die Liebesszenen aller je in eurer Welt gedrehten Filme aufbewahrt.“

„Aber warum?“, brachte Zaza fast gegen ihren Willen heraus. Sie wollte jetzt auf keinen Fall vorlaut erscheinen.

Der König machte ein betrübtes Gesicht. „Ich habe schon Tausende von Stunden hier verbracht und alle diese Küsse und Umarmungen auf mich wirken lassen. Habe jede Kleinigkeit studiert, jedes Zucken der Mundwinkel, jedes Zittern der Hände, jede Schweißperle an den Schläfen.“ Er machte eine ausladende Bewegung mit dem Arm. „Ich verstehe es einfach nicht.“

Zaza und Lorenzo verstanden auch nichts mehr. Was verstand der König nicht? Warum war das ein verbotener Raum?

Zaza kam es auf einmal wie eine Erleuchtung, und sie platzte heraus: „Liebe!“

Der König lachte laut. „Die darf es im Schloss nicht geben.“

„Daher der verbotene Raum.“ Zaza hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen.

„Du hast es erfasst, verehrte Zaza. Die Liebe gibt es in meiner Welt nicht. Ich selbst habe sie nicht und kann sie nicht verstehen. Ich kann sie nicht geben und auch nicht erwidern.“ Der König räusperte sich. „Jetzt habe ich schon zu viel verraten. Und ich verrate euch trotzdem noch mehr. Wer hier etwas mit Liebe zu tun hat, der hat nichts im „Luna Park“ zu suchen. Der gehört nicht hierher.“

Zaza und Lorenzo sahen sich geschwind verstohlen an.

Der König lachte erneut laut. „Ihr seid nur verliebt, das ist es noch nicht.“

Zaza fühlte sich peinlich berührt und wusste nicht, wo sie hinsehen sollte. Ihr Blick fiel auf die Stapel von DVDs. Auf dem Rücken einer dieser DVDs las sie „Caritas“. Sie wusste, es war lateinisch und hatte auch etwas mit Liebe zu tun. Da, es fiel ihr wieder ein: Caritas bedeutete Nächstenliebe.

Dem König war es nicht entgangen. „Es gibt so vieles, das mit Liebe verwechselt wird. Es ist auch deshalb so schwer, zu wissen, was sie ist. Etwa Leidenschaft oder Sex haben, so scheint es, damit nicht viel zu tun.“

Zaza überlegte flüchtig, ob der König wenigstens leidenschaftlich sein konnte oder sogar Sex hatte.

Der König lächelte böse. Es war ein Lächeln, das sich selbst verschluckte, in sich selbst erlosch. Und Zaza erschrak. Dann machte er eine Handbewegung, als wolle er sie beide aus dem Raum scheuchen und verlieh dem noch mit einem Kopfnicken Nachdruck. Zaza und Lorenzo begriffen und schoben sich vorsichtig an ihm vorbei nach draußen.

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