Alternde Filme – alternde Gefühle

Bertolucci Gefühl und VerführungGestern Abend sah ich im Fernsehen noch einmal „Gefühl und Verführung“ von Bertolucci. Der Film ist von 1996, und ich fand ihn damals langweilig. Scontato. Nicht nur, weil er mehr Atmosphäre als Handlung hat. Gestern hat er mich gerührt. Ein junges Mädchen möchte endlich ihre Jungfräulichkeit verlieren und verzweifelt beinahe an dem Fehlen von Liebe und Zärtlichkeit (wenigstens nicht von Schönheit) in ihrer Umgebung. Alle um sie herum gehen primär Sexuellem nach, und sie sucht die wahre Liebe. Beinahe gerät sie an den Falschen, der sich jeden Tag an eine andere heranmacht. Und dann findet sie doch noch den schüchternen, respektvollen, sie liebenden jungen Mann. Der ihr dann gesteht: „Für mich war es auch das erste Mal.“ Nicht nur die Filme altern.

Herzlichen Glückwunsch

Groundhog dayIm Treppenhaus ruft mir meine Nachbarin laut: „Herzlichen Glückwunsch!“ zu. Habe ich heute Geburtstag? Nein … Dann ruft sie: „Herzlichen Glückwunsch einen Tag verspätet!“ Hatte ich gestern Geburtstag? Unsinn… Ich starre sie an mit offenem Mund. Mein Gehirn rast: Hat sie etwas über mich in einer Zeitung gelesen …? Hat jemand eins meiner Bücher rezensiert …?  Habe ich etwas gewonnen? Was …? „Herzlichen Glückwunsch zum groundhogs day!“

Gras ist über die Sache gewachsen

Gras darüber gewachsenLetztes Jahr verliess ich ein Kaffeekränzchen, weil ich angegriffen wurde. Ich hatte mich böse in der Wortwahl vergriffen. Ich sprach von meinem Beruf. „Du kannst doch nicht behaupten, dass du einen Beruf ausübst, wenn du nichts verdienst.“ „Schlimmer, sie verdient nicht nur nichts, sie gibt sogar noch Geld aus für ihre Schreiberei.“ „Genau, das ist kein Beruf. Das ist ein Hobby.“ „Es ist sogar ein Luxus! Ja, die Olivia nimmt sich da einen Luxus raus …“ … Heute ging ich nochmals zu dem Ort zurück, den ich damals so überstürzt verlassen hatte. Und es sieht so aus, als wachse langsam Gras über die Sache. Ich verdiene jetzt 23 Euro, 12 Cent im Monat. Mit meinen Büchern.

 

Zu viel Schlaf

„Was tut ein Autor überhaupt?“, fragt mich meine Nachbarin, als ich gerade den Müll raus trage. Eine zweite Nachbarin gesellt sich dazu: „Du hast doch erzählt, du schläfst so viel, Olivia …“  „Ja, ja sie schläft den ganzen Tag …“ „Du schläfst sicher auch beim Schreiben …“ Ich habe den Verdacht, sie haben mich mit meiner Katze verwechselt.

Katze auf PC schlafend

 

Das geheime Leben der Pflanzen

2016-01-09 15.33.27Ich komme zur Haustüre herein und treffe als erstes auf meine Nachbarin. „Wo warst du denn die ganze Zeit?“ „Hrm. In Urlaub.“ „Du? Du hast doch keinen Urlaub …“  „Äh … Wieso nicht?“ Sie wurde lauter: „Du bist doch das ganze Jahr im Urlaub!“ „Ach so,“ sagte ich nur und erstarrte zum Kaktus.

Altern

Alter

Meine Nachbarin hat mich heute Morgen im Schlafanzug und in Pantoffeln in der Waschküche überrascht. „Warum schreibst du eigentlich kein Buch übers Altern?“, fragte sie mich. Bevor ich noch darüber nachdenken konnte, was sie mir damit sagen wollte, fiel mir ein, dass das eine sehr interessante Idee wäre. Früher war Altern etwas Normales. Alte Menschen liessen sich einfach gehen. Man war alt, und es wurde nichts mehr von einem verlangt. Du durftest dich zurücklehnen und passiv sein. Das Alter war womöglich die reinste Erholung. Für alles, was man nicht mehr konnte, gab einem das Alter eine allgemein anerkannte Rechtfertigung. Vielleicht durfte man sogar wieder spielen wie ein Kind. Während heute das Alter als Krankheit eingestuft wird. Spätestens ab siebzig nimmt jeder seine fünf bis zehn Tabletten. Und steht unter Dauerstress, nicht mehr das tun zu können, was er in jüngeren Jahren tat. Der Titel könnte sein „Gib mir mein Alter zurück„.

Garfield liest …

Krieg im Wohnzimmer … Das beschreibst du doch  in deinem neuen Roman, Olivia!“ „Wie meinst du das, Garfield …?“ „Na, der Roman spielt doch mitten im Krieg. Und weil diese Florentiner Oberschicht-Kerle sich vor dem Kriegsdienst drücken, bekriegen sie sich privat.“ Ich bin baff,  liest Garfield Stirb in Florenz? „Also den schönen Ruspoli, den machen sie ja fertig! Aus purem Neid. Und der Alte, der die Geschichte erzählt, ist ein Riesen-Ekel. Ha, als der ein mächtiger Anwalt war, hat er fast seine gesamte Umgebung skrupellos geplagt. Geschieht ihm recht, dass er jetzt im Alter halb gaga ist und seiner Tochter gehorchen muss.“ „Er ist nicht gaga, er ist nur unbeweglich …“ Naja, auch, wenn er nicht alles versteht, liest Garfield immerhin den Roman. Ich bin ein bisschen gerührt.

 

Perseus3

Faulende Bücher

Meine Nachbarin hat entdeckt, dass ich gerade ein altes Buch veröffentlicht habe. Dieses Buch schrieb ich vor vielen Jahren. Es ist ein Gesellschaftsroman und spielt im Florenz der dreissiger bis fünfziger Jahre. Ich wollte mich rechtfertigen. Sie unterbrach mich mitten im Satz: „Das ist ja als ob man faulendes Obst anbietet!“ Ich brummte nur: „Hrmpf.“ memento mori

 

Schiefe Texte

Madame MargueriteMeine Freunde haben mich gestern Abend in den Film: Madame Marguerite oder die Kunst der schiefen Töne geschleppt: Wir sind in den zwanziger Jahren: Obwohl sie nicht viel über die Gastgeberin wissen, strömen jedes Jahr aufs Neue zahlreiche Musikliebhaber zum alljährlichen pompösen Fest im Schloss von Marguerite Dumont. Dort geht die wohlhabende Dame ihrer großen Leidenschaft nach und gibt ihr Gesangstalent zum Besten. Das Problem bei der ganzen Sache ist allerdings, dass sie über ein derartiges Talent nicht verfügt, sondern ausschließlich schiefe Töne hervorkrächzt. Ihr das zu sagen, traut sich jedoch keiner. Stattdessen wird sie von den Anwesenden als Ausnahmetalent gefeiert. Nachdem dann auch noch ein lobhudelnder Zeitungsartikel über sie veröffentlicht wird, bestärkt sie das endgültig, ihren großen Traum einer Karriere als Opernsängerin zu verwirklichen. Sie nimmt Gesangsunterricht beim Opernstar Atos Pezzini, um sich auf ihr erstes Konzert vor einer fremden Zuschauerschar vorzubereiten… Das Desaster kann nicht ausbleiben. Es passiert aber nicht, wie man erwartet, bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt. Sondern erst, als ihr Arzt, um sie von ihrem Wahn zu heilen, ihren Gesang aufnimmt und ihr vorspielt. Sie hört sich zum ersten Mal, sozusagen von aussen, singen und fällt tot um.  Der Film sei interessant für mich, hatten meine Freunde gesagt. Ich wurde den Verdacht nicht los: Meinten sie mich? Während die Sängerin schiefe Töne hervorkrächzte, brachte ich womöglich schiefe Texte hervor?! Bis ich mir sagte, das bin nicht ich, schliesslich besitze ich kein Schloss.schiefe Schrift

 

 

 

Muße

Garfield, der so schnell nicht mehr bei mir auszieht, fürchte ich …, hat sich auf meine Seite geschlagen und für mich ein Bild aus dem Netz runter geladen:Muse „Ohne Muße kommt kein einziges grosses Projekt zustande. Die meisten wissen das aber gar nicht mehr. Muße ist leere Zeit, in der kein Geld verdient wird, denken heute so einige. Vielleicht denken sogar manche inzwischen, Muße wäre ne Süßspeise, so was wie ne Mousse. Das Wort ist stark ausser Gebrauch.“

(Uff. Garfield hat doch glatt Muße und Muse verwechselt. Eben korrigiert.)

 

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