Links ist das neue Rechts

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Zapata

„Es ist verwirrend, Olivia.“ “Was, Garfield?“ „Du kannst die extrem Linken und die Rechtspopulisten kaum mehr auseinanderhalten.“ „Hm.“ „Die Rechtspopulisten sind alle Globalisierungsgegner. Das waren aber zuerst die Linken. Globalisierungskritik war ursprünglich Kapitalismuskritik, war der Kampf gegen den Neoliberalismus.“ „Und das findest du verwirrend.“ „Tja, Trump teilt die Ansichten der linken Rebellenbewegung der Zapatistas. Die Zapatistas kämpften bereits 1994 gegen das Nordamerikanische Freihandelsabkommens (NAFTA). Trump tut dasselbe heute.“ „Naja, das ist gerade mal ein Punkt der Übereinstimmung.“ „Die Rechtspopulisten sprechen dieselbe Wählerschaft an wie die Linken, die Verlierer der Globalisierung, die Arbeiter und die untere Mittelschicht.“ „Und dann senken sie die Unternehmenssteuern.“ „Das hängen sie aber nicht an die große Glocke. Sie brauchen die Stimmen der Vielen.“ „Die Rechtspopulisten wollen den Zuzug von Ausländern drastisch beschränken. Die Linken am liebsten auch.“ „Hm, und was willst du damit sagen.“ „Die Grenzen weichen auf. Auch bei den Gemäßigten. Früher waren die Grünen links, heute sind sie die neuen Freunde der Autoindustrie und flirten mit der Kanzlerin. Die SPD und die CDU sind in der Koalition quasi verschmolzen … Ich bin einfach verwirrt.“

 

 

What you see is what you get?

 

„Laut dpa und sda hat Putin Trump einen partnerschaftlichen Dialog angeboten. Die Grundlage dafür sei die Nicht-Einmischung in die jeweiligen internen Angelegenheiten. Was hältst du davon, Olivia?“ „Hm, ich frage mich, was Putin mit internen Angelegenheiten meint.“ „Du stellst dir langsam dieselben Fragen wie ich. Umfassen interne Angelegenheiten die gesamte ehemalige Sowjetunion? Und dann noch den ehemaligen sowjetischen Einflussbereich? Dann gehört bizarrerweise auch noch Deutschland dazu …“ „Das muss Trump herausfinden. Da ist er nicht zu beneiden. Putin wird ihn im Unklaren lassen. Bis er Tatsachen schaffen kann.“ „Trump wird schlecht mit der Hoffnung leben können, die internen Angelegenheiten seien etwa nur auf Russland begrenzt. Als Geschäftsmann gilt für ihn hope is not a basis for longterm investment.“ „Ja, glaubst du dann, Garfield, sie kommen zum Konkreten?“ „Vielleicht machen sie einen Deal. Putins Bereich ist die ehemalige Sowjetunion. Staaten, die zur Nato oder EU gehören, sind sakrosankt.“ „Ich halte es für unwahrscheinlich, dass es in der Außenpolitik zu schnellen Deals kommt. Im Geschäftsleben machst du den schnellen Deal, in der Politik lassen sich die Spieler oft jahrelang hängen, es sind ja auch viel mehr Spieler beteiligt, und die Interessenlage ist unübersichtlicher. Das ist neu für Trump.“ „Neu wird für Trump auch die Redeweise sein. Im Geschäftsleben redest du nicht lange drum herum; what you see is what you get. In der Politik sagst du etwa, du willst keine Einmischung in interne Angelegenheiten, meinst aber, du willst ungestört sein bei der Aufteilung der Welt.“trump-und-putin

Ein Recht auf Unterhaltung in der Politik

„Was kannst du aus dem amerikanischen Wahlkampf lernen, Olivia?“ „Sag’s mir, Garfield.“ „Noch nie haben sich so viele Leute für die amerikanische Politik interessiert, in und ausserhalb Amerikas. Weil es Unterhaltung war. Show! Wenn du die Bürger noch erreichen willst, musst du deine Inhalte so darbieten, dass sie das Publikum unterhalten.“ „Du meinst Grab-their-pussy-Talk?“ „Ich meine nur, unser politisches System redet nur noch mit sich selbst. Nicht mehr zum eigentlichen Souverän, der wählenden Bevölkerung. Guck dir die grauen Gesichter in unserer Politik an. Mit der Afd sind die Gesichter gar noch grau und böse geworden. Guck in das Gesicht der Petry. Da fehlt, euphemistisch gesagt,  jeder Humor. Ich finde der Bürger und Wähler hat ein Recht, dass er die politischen Inhalte so dargeboten bekommt, dass sie ihn interessieren. Etwas ist für dich interessant, wenn du Hintergründe verstehst, wenn deine Gefühle berührt werden, wenn du etwas erkennst, wenn du lachen oder weinen musst, wenn du dich identifizierst. Dir wird etwas nahe gebracht, du bist gemeint. Das ist ein Recht auf Unterhaltung.“ garfieldtrump

Die Spaltung

„Garfield, du sagtest, Trump sei ein Geschäftsmann und deshalb würde es nicht so schlimm kommen, wie viele befürchten.“ „Ich kann nicht wissen, wie es kommt. Wenn du etwas nicht weißt, dann kannst du einfach mal durchspielen, was wäre der schlechteste Fall und was der beste, und dann gibt es noch die Fälle dazwischen.“ „Gestern habe ich im italienischen Fernsehen gehört, dass der Trumpsieg in der russischen Duma mit Champagner gefeiert worden sei. Der schlechteste Fall wäre für mich, Trump und Putin teilen sich die Welt auf. Ade Menschen- und Freiheitsrechte.“ „Bevor das passiert, wird er erschossen … Ich denke an einen schlechten Fall, der etwas wahrscheinlicher ist. Trump gibt Geld für Infrastrukturprojekte aus, das der amerikanische Staat nicht hat. Er muss die europäischen Verbündeten und die Verbündeten der NATO abzocken. Es wird ihm ähnlich wie Hitler ergehen. Der brachte mit riesigen Infrastrukturprojekten die Leute wieder in Arbeit, der Staat war aber in der Folge pleite, das Regime begann in die Nachbarländer einzufallen und die auszurauben, von den einverleibten jüdischen Vermögen ganz zu schweigen. Amerika gewährt Schutz nur noch gegen Bezahlung.“ „Hm, düster. Da muss ich an die Schutzgelderpressungen der Mafia denken.“ „Düster, ja. Aber wir spielen hier einfach mal alles durch.“ „Und was wäre für dich der beste Fall?“ „Trump überlässt die Politik erfahrenen Beratern und kümmert sich wie Berlusconi seinerzeit darum, sich im Amt zu bereichern.“ „Und das soll der beste Fall sein?“ „Ja, was siehst du als besten Fall?“napoleon-teilt-die-welt

Trump und der junge Napoléon

„Und was sagst du jetzt, Garfield?“ „Hm, ich war echt überrascht. Ich sah Clinton vorn.“ „Hast du Trumps Rede gehört?“ „Zuerst hat er Hillary gelobt. Das war genau richtig. Dann hat er die in den eigenen Reihen, die ihn „nicht unterstützt haben“ (netter Euphemismus) um Mithilfe gebeten. Perfekt. Es hat mich an den jungen Napoléon erinnert. Am Anfang seines Aufstiegs gelang es Napoléon Feinde zu Freunde zu machen, indem er ihnen verzieh und ihnen Posten übertrug. Am Anfang seiner Regentschaft war er beim Volk sehr beliebt: nicht nur, weil er als Feldherr so erfolgreich war. Unter dem Konsul und dann Kaiser Napoléon blühte das Land wirtschaftlich endlich wieder auf. In den Jahren nach dem Frieden von Tilsit befand sich Napoléon auf dem Höhepunkt seiner Macht. Gleichzeitig wurde er immer despotischer und expansiver. Der Russlandfeldzug wurde zum Desaster. Erst im Ersten Weltkrieg gab es noch höhere Opferzahlen. Seine Verbündeten gingen zur Gegenseite über.“ „Du meinst, Trump könnte derart abgleiten?“ „Eher nicht. Trump ist ein Geschäftsmann.“

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Zu ehrgeizig?

„Garfield, was hast du?“ „Ich bin besorgt, dass Trump doch noch die Wahlen gewinnt.“ „Du siehst düster drein …“ „Trump fährt Amerika womöglich gegen die Wand. Seinen ersten Erfolg hat nicht er selbst gemacht, sondern zwei Frauen, eine, Barbara Res, hat den Bau des Trump Towers geleitet und die andere hat die Wohnungen gewinnbringend verkauft. Er muss sich den Erfolg selbst zugerechnet und geschlossen haben, alles gelänge ihm. Denn er traf im Anschluss quasi nur noch wilde Entscheidungen. Er kaufte eine Fluglinie, die marode war, er kaufte ein Kasino, das marode war usw. usw., nichts rechnete sich, die Banken drehten ihm den Kredithahn zu. Das einzige, das Trump noch hatte, war sein Name. Jahrelang war er in allen Klatschmedien mit seinem glamourösen Lebensstil, sein Name war zur Marke für Glamour geworden. Die Banken entschieden aus Eigennutz, ihn nicht ganz bankrott gehen zu lassen und Trump verkaufte fortan nur noch seinen Namen. Überall in der Welt schossen Trump Towers in die Höhe, die ihm nicht gehörten, für deren Namensgebung er aber kassierte. Seine Eigen-Show hatte ihn gerettet und fortan machte er nur noch Show. Du erinnerst dich sicher an seine Reality-TV-Show „The apprentice“. Was er kann, ist blind Geld ausgeben und eine Show veranstalten.“ „Reagan hatte auch nicht mehr drauf.“ „Aber Reagan hat nichts ohne seinen Stab entschieden. Er wusste, dass er nichts weiss. Bei Trump könnte das anders werden …“ „Und alles, weil der FBI-Chef Clintons Email-Affäre wieder aufrollt. Ausgerechnet kurz vor der Wahl.“ „Clinton ist immer schon ausgebremst worden. Sie ist begabt, fähig, hocherfahren nach so vielen Jahren im Staatsdienst, und sie ist ehrgeizig. Solche Frauen sind verhasst. Ein Mann darf ehrgeizig sein. Eine Frau aber scheinbar immer noch nicht …“

Ein komplexes Drama, das nachwirkt

Ich freue mich sehr über eine weitere Rezension des Romans meiner Mama!

„Ein komplexes Drama, das nachwirkt.“

„Die Autorin Rose Kleinknecht-Herrmann hat in ihrem 2016 erschienenen Buch „Frust, Revolte und Normalität – Die Leiden des Lehrers Wolfgang Fink“ mit präziser und pointierter Sprache ein leises und überaus komplexes Drama inszeniert. Eines das nachwirkt, weil die verschiedenen Akte uns in so vielem bekannt sind. Ganz egal, wo wir diesen Szenen beigewohnt haben – im Lehrerzimmer, in den Klassenräumen als Schüler oder als Eltern zuhause, im Warten auf die Kinder begriffen.“

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Nach den drei Präsidentschaftsdebatten

„Was denkst du nach den drei Debatten, Garfield?“ „Es ist schwer zu sagen, wer von beiden in welchen Punkten lügt, wenn du keine vollständigen Informationen hast. Nur eins ist sicher. Hillary und Donald sind nach den Debatten schmutzig.“ „Ich hoffe, du siehst überhaupt noch einen Unterschied zwischen den beiden?!“ „Sehe ich. Doch. Trump strebt Reichtum und Macht an. Hillary Macht und Reichtum.“ „Du bist hoffnungslos, Garfield.“ „Weshalb. Das ist ein Unterschied. Trump hofft in erster Linie seine Finanzen zu sanieren. Und die Macht kommt da zupass. Clinton ist in erster Linie die Macht wichtiger. Frauen in hohen Staatsämtern ist meistens die Macht das Wichtigste. Sieh dir die Merkel an. Der ist Geld sichtlich egal. Männer versuchen mit hohen Staatsämtern oft auch reich oder noch reicher zu werden. Denk etwa an Berlusconi und die Bushs. Die haben an der Staatsspitze Milliarden verdient. Bei nichtdemokratischen Regimen bereichern sich sowieso alle, quasi automatisch, denk an Putin, südamerikanische, afrikanische oder arabische Potentaten …“ „Und weshalb sollten Frauen die Macht bevorzugen?“ „Weil sie sich weniger erlauben dürfen. Sie sind immer noch die Ausnahme an der Macht. Ebensowenig durfte sich Obama bereichern. Diskriminierte tun sich schwerer.“ „Und wen würdest du jetzt wählen?“ „Am liebsten gar keinen.“ „Und wenn du wählen müsstest?“ „Trump sagte, er würde den Staat wie sein Unternehmen führen. Trump war schon einmal pleite. Wenn ein Staat pleitegeht, erholt er sich nicht so rasch, da verliert unter Umständen eine ganze Generation. Ich würde gegen den Strich womöglich den Stillstand wählen, fürchte ich.“garfield-gegen-den-strich

 

Der Friedensnobelpreis und der IS

Ein gruseliges Gespräch

„Der Friedensnobelpreis an den kolumbianischen Präsidenten Santos hat mich gefreut! Santos ist auf dem Weg, den ältesten und blutigsten bewaffneten Konflikt Amerikas zu beenden.“ „Nur ärgerlich, Garfield, dass eine haarknappe Mehrheit der Kolumbianer gegen den Friedensvertrag mit den Fuerzas Armadas Revolucionarias (Farc) gestimmt hat.“ „Manche Leute kapieren eben nicht, dass sie in vielen Fällen schlechter mit Rachsucht und Vergeltung fahren als damit, gegen den Strich etwas für den Frieden herzugeben.“ „Wie wär’s, Garfield, wenn die Länder, in denen der IS aktiv ist, mit dem IS Friedensabkommen schliessen würden? Den IS Leuten müsste dann Straffreiheit zugesichert werden und eine reibungslose Reintegration in die Gesellschaften, die sie bekämpfen.“ „Da sträuben sich mir die Haare, Olivia.“ „Mir auch. Der IS hat haarsträubende Verbrechen begangen. Auch schwer zu sagen, ob seine Leute zum jetzigen Zeitpunkt reintegrierbar wären.“ „Die Frage wäre auch, ob der IS so etwas überhaupt will. In Kolumbien haben die Konfliktparteien mustergültige Friedensverhandlungen geführt und gezeigt, dass es möglich ist, die Waffen ruhen zu lassen.“ „Die Farc hatte auch noch nachvollziehbare Ziele, eine Verbesserung des Lebens der unteren Schichten, der Kleinbauern etc. Beim IS finde ich es schwierig, sinnvolle Ziele anzugeben. Dieses verschwommene Kalifat. Einen Gottesstaat, der sich schwerlich mit dem gelehrten Islam verbinden lässt, höchstens mit den Kharijiten, einer frühislamischen, besonders blutrünstigen Sekte. Was haben die Menschen unter einer IS-Herrschaft zu gewinnen? Mehr Wohlstand? Nein. Mehr Mitbestimmungsrechte? Nein. Mehr Bildung? Nein. Mehr Gleichheit? Nein. Mehr Freiheit? Nein. Mehr Gewalt? Ja. Aber wer will mehr Gewalt? Wie verhandelst du mit Leuten, die verschwommene Ziele haben? Von denen du eigentlich nicht genau sagen kannst, wer sie überhaupt sind? Vielleicht kämpfen sie schlicht um des Kämpfens willen?“ „Also …: Gegründet 2003 vom kleinkriminellen Jordanier Abu Musab al-Zarkawi , unter dem Namen al-Tawhid wa al-Jihad («Monotheismus und Jihad»), kämpfen sie als Sunniten und Jihadisten gegen die Irak-Invasion der USA im Jahr 2003. Ihr Kampf richtet sich zum einen gegen die Koalitionsstreitkräfte, zum anderen gegen die Schiiten im Irak. Dabei schließen sich ihnen auch etliche Ex-Offiziere Saddam Husseins an, die sich während des Krieges stark radikalisiert haben. Von 2004 bis 2006 kämpfen sie unter dem Label al-Kaida im Irak (AQI) des Kaida-Chefs Usama bin Ladin. Ab 2011 weiten sich ihre Kämpfe und ihr Einfluss unter dem Namen Isis auf Syrien, später auf Libyen und andere nordafrikanische Staaten aus. Rekrutieren lassen sich Schiiten-Gegner, Leute, die keinen Platz mehr haben in den zerstörten Staatsstrukturen des Iraks und Syriens, die Verlierer der Staatsimplosionen, und auch sozial abgehängte und kulturell entfremdete Jugendliche aus dem Westen. Ich habe das Gefühl, du liegst nicht ganz falsch. Für mich sieht es ähnlich aus; die haben Mitglieder, die einfach aus Frust und Hass kämpfen wollen. Und mancher Abenteurer wird auch dabei sein.“ „Keine tollen Partner für Friedensverhandlungen. Dennoch … Vielleicht werden sie wie die Farc auch mal müde. Und dann kann man mit ihnen verhandeln. Eine gerechtere Gesellschaftsordnung haben sie nie angestrebt. Da genügt ihnen womöglich Straffreiheit und ein Neuanfang, vielleicht unter jeweils neuer Identität …?“ „Das hat jedenfalls den sogenannten Pentiti (ein Pentito ist ein Mafiamitglied, das plaudert) genügt, um aus der Mafia auszusteigen.“

 

 

Leseprobe – Frust, Revolte und Normalität – Kapitel VI – Hilflosigkeit

Hilflosigkeit

Kapitel VI

Eine weitere Leseprobe aus dem Roman meiner Mutter

Da denke man sich einen feinfühligen Menschen, einen, dem man die Sensibilität schon von weitem ansieht. Sie nehmen ihn auseinander, sie hacken auf ihm herum, sie packen ihn an seinen empfindlichsten Stellen. Die vielen Augenpaare, die tagtäglich auf ihn gerichtet sind, entkleiden ihn erbarmungslos, bis er in seiner Blöße vor ihnen steht. Es ist bereits Routine, wird zum Automatismus. Dieses Lächerlichmachen, dieses Spiel, ihn langsam auf die Palme zu bringen, diese Bemühungen, keiner seiner Verführungskünste zu unterliegen und stattdessen in den Bänken hängen zu bleiben, lasch und uninteressiert, abzuschalten und ihn da vorne machen zu lassen, bis er aufgibt, bis er sie nicht mehr anzusehen wagt und sie Luft für ihn sind, wie er Luft für sie ist. Bei ihnen läuft sich jeder tot, auch die Lehrer mit dem forschen Ton, die so tun, als ob sie nur Fußballspiel und Tennis im Kopf hätten, die, die meinen, gleich zu Anfang die Störenfriede in den Klassen mit ein paar billigen Tricks lahmlegen zu können. Dabei kennt diese Tricks jeder, allesamt stammen sie aus der Mottenkiste von Opas Schule. Solche kann man leicht zur Strecke bringen. Da genügen die gröberen Mittel. Etwa Schwammschlachten oder das Aufstellen von Weckern an verborgenem Ort, die alle fünf Minuten Störung bringen. Auch Schnüre sind hilfreich, die man zwischen die Stuhlbeine spannt. Besonders wenn der Typ kurzsichtig ist, stolpert er todsicher und brüllt nachher wie ein Stier. Das freut einen, aber nicht zu sehr. Es ist mühsam, die Schnüre zu spannen, man muss sich dafür tief bücken, im Übrigen sind derlei Streiche zu kindisch, sie machen keinen richtigen Spaß. Also muss man sich etwas anderes einfallen lassen. Bei den Nervösen, den Sensibelchen unter den Lehrern, bei denen genügt es schon, wenn einer sich dauernd räuspert oder einer sich eine Strähne tief in die Stirn fallen lässt, so dass er aussieht wie Hitler.

Man kann auch das Klassenschild vertauschen, so dass der Übergenaue und Unfehlbare glauben muss, sich im Klassenzimmer getäuscht zu haben, in eine andere Klasse hineinrennt und lauter fremde Gesichter vor sich sieht wie in einem surrealistischen Film. Schweißtriefend kommt er endlich im Rektorat an und fragt, was denn heute los sei in der Schule. Die Sekretärin hebt irritiert ihre Brauen und weist den Kollegen darauf hin, dass nichts Besonderes gemeldet sei, er sollte ruhig nochmals nachschauen. Da haben sie inzwischen das Klassenschild zurückgetauscht und der Übergenaue kommt nach zwanzig Minuten Verspätung wegen seiner Irrwege bei der richtigen Klasse an, die ihn erstaunt angrinst. Was ist nur heute los mit ihm. Ist er verrückt oder sind es die Schüler?

Man weiß, dass es da kein Nachspiel gibt und eine solche Erziehungsarbeit an übergenauen Lehrern ihre Früchte trägt. Der wird in Zukunft sicher auf ihre speziellen Wünsche eingehen, damit so etwas nicht mehr passiert. Viel besser klappte es ein anderes Mal. Sie haben an die Tafel geschrieben, dass die Stunde ausfällt. Inzwischen tollten sie sorglos auf dem Schulhof herum und beobachteten, wie der betreffende Lehrer nach Hause ging. Er hatte sie nicht gesehen. Am nächsten Tag stellte ihn der Direktor wegen Dienstversäumnis zur Rede. Sie hatten sich brav ins Klassenzimmer gesetzt und prompt die Schrift abgewischt. Einer hatte im Sekretariat nachgefragt, wo denn der Lehrer bleibe, sie warteten schon zwanzig Minuten vergeblich auf ihn. Am nächsten Tag behaupteten sie natürlich, niemand habe etwas wegen eines Stundenausfalls an die Tafel geschrieben. So stand dieser Lehrer als übler Lügner vor seinem Direktor, der ihn verdächtigte, die letzte Stunde am Vormittag, zumal an einem sehr heißen Tag, blau gemacht zu haben.

Es gibt noch andere Methoden, solche, die keine kollektive Handlungsweise erfordern. Ein paar Leute betätigen sie immer wieder. Sie weisen dem Lehrer Korrigierfehler nach, nachdem sie die betreffende Stelle unmittelbar nach der Rückgabe der Arbeit ausgebessert hatten. So wird dieser gezwungen, die Note zu ändern, denn man kann nicht nachweisen, dass da nachträglich manipuliert wurde. Oder man schreibt absichtlich ganze Abschnitte vom Nebensitzer ab, um zu prüfen, wie genau der betreffende Lehrer korrigiert, ob er das Manöver bemerkt und anstreicht. Das ist eine Prüfung vonseiten der Schüler, die ihnen anzeigen soll, ob sie sich in Zukunft beim Abschreiben größere Mühe geben müssen, indem sie Varianten einbauen, oder ob man einfach textgleich abschreiben kann. Im Allgemeinen ist man für Durchrationalisierung und für ökonomischen Umgang mit seinen Kräften. Wörtliches Abschreiben ist immer vorzuziehen.

Man kann auch festlegen, grundsätzlich falsche Antworten zu geben oder solche, die unter die Gürtellinie gehen, wenn der Typ empfindlich auf Unverschämtheiten reagiert. Normalerweise kriegt man auch den arrogantesten Zyniker klein, denjenigen, der geglaubt hat, er könne ihnen mit seiner intellektuellen Überlegenheit Angst einjagen. Auch solche werden mit der Zeit zu farblosen, langweiligen Lehrern, die nur noch Minimalanforderungen an sie stellen und mit der Zeit mausgrau werden in ihrem ganzen Gehabe.

Diejenigen, die unter den Lehrern obsiegen, müssen Eigenschaften aufweisen, die es in der Kombination eigentlich nicht geben kann. Sie müssen einen scharfen Intellekt, primitiven Spürsinn, athletischen Körperbau mit affenartiger Gewandtheit und List im Umgang mit der Jugend verbinden. Die den Schülern vorgesetzten Lehrertypen sollen Idealfiguren sein, sollen in Konkurrenz treten mit anderen Idealfiguren aus der Öffentlichkeit, den Fernsehmoderatoren, den Showstars, den prominenten Politikern und Wirtschaftsmanagern, und zugleich ein kleinliches, vom täglichen Nahkampf gezeichnetes Gewerbe betreiben, wie es die Schule darstellt. Einerseits wüten die Schüler gegen den Lehrer, weil er nicht ihrem Idealtyp aus der Öffentlichkeit entspricht, andererseits hauen sie ihn so zusammen, dass er niemals zu diesem Idealtyp werden kann. Sie machen aus ihm einen jener Versagertypen, der jeden Nachmittag mühsam sein Selbstbewusstsein wiedergewinnen muss.

„An uns kühlt die Jugend ihren Mut, wir sind die Sündenböcke für entgangene Ideale, wir sind die Negativhelden aus den Comicstrips.“ Auf diese Formel bringen es Kollegen, die längst resigniert haben. „Und die Behörde mischt noch kräftig mit. Sie hat uns ebenso demontiert wie die gesamte Öffentlichkeit. Man hat uns aller Handhabung beraubt, um unseren eigentlichen Beruf, nämlich den des Erziehers, ausüben zu können. Man hat uns vor die unmögliche Aufgabe gestellt, einen Wagen zu lenken, dessen Deichsel abgeschraubt wurde. So ziehen wir fortwährend den Wagen nach einer anderen Richtung und die, die drinnen sitzen, die Schüler, lachen bis jetzt noch fröhlich über diese Fahrt kreuz und quer feldein. Sie tun dies so lange, bis der Wagen in sausender Fahrt umkippt und alle zerschmettert am Boden liegen. Es fehlt uns jede Legitimation. Man hat sie uns genommen, und keiner gibt sie uns wieder. Hier aber, in den Klassenzimmern, entscheidet sich alles. Hier muss der Lehrer das ausbaden, was seit l945 bei uns versäumt wurde. Man hat demontiert, aber man hat nichts Neues an die alte Stelle gesetzt. Neue Lehrpläne, neue Lehrbücher, neue Lehrstühle für Erziehungswissenschaftler? Damit baut man keine neue Erziehung auf, damit schafft man keinen neuen Lehrertypus, damit schafft man höchstens neue Instrumente, die man in die Hände derer gibt, die nichts damit anzufangen wissen, denn man hat die Schule in ihrem täglichen Ablauf kurzerhand sich selbst überlassen. Es herrscht das Faustrecht. Jeder muss sehen, wie er zurechtkommt. Niemanden interessiert, was sich hinter den einzelnen Klassenzimmertüren abspielt.“

Der Direktor hofft, dass nichts nach außen dringt, was ihn zu einem Schreiben an die Behörde veranlassen müsste. Ruhe bewahren war noch immer das beste Rezept. Auch er fühlt sich allein gelassen, auch seine Seele ist einsam, auch er bekommt nirgendwo her ein Trostpflaster, und die tägliche Tasse Kaffee, die ihm seine Sekretärin reicht, kann man ja wohl nicht als ausreichend betrachten angesichts der Probleme.

Der Roman ist erhältich bei Amazon.

 

Mini-Leseprobe aus FRUST …, Roman 60+ …

Leseprobe aus dem Roman meiner Mutter:
Frust, Revolte und Normalität-Die Leiden des Lehrers Wolfgang Fink:
Kapitel XVII
Nach den üblichen Untersuchungen von Blut, Stuhl und Urin zu Anfang meines Aufenthalts bleibe ich ziemlich verschont von direkter ärztlicher Einflussnahme. Manchmal wenn der Kurarzt eine Pause macht in seinen Erörterungen über die vielfältige, nervenaufreibende Tätigkeit im Sanatorium, versuche ich auch ein Wort über mein Lehrerdasein einzuflechten. Ich schildere, wie schwierig es sei, sich im Schulmilieu zu behaupten, seine Autorität täglich von Neuem aufzubauen, seine Arbeit diensteifrig auszuüben, ohne je eine Anerkennung dafür zu erhalten, weder von den Schülern noch von den Eltern oder gar vom Direktor. Es werde alles für selbstverständlich gehalten, auch wenn man sich um jeden Schüler einzeln kümmert, man bekäme keinen Dank dafür. Eine Honorierung gäbe es in diesem Beruf nicht, nur Kritik und Missverständnis.
Der Arzt lächelt mitleidig. Er starrt versonnen vor sich hin auf den glänzenden Mahagonischreibtisch. Ob er sich einen Menschen vorstellen könne, der weder einen Schreibtisch noch einen eigenen Stuhl im Dienst sein Eigen nennen könne, der sozusagen zum fliegenden Personal gehöre, das nirgends und überall zu Hause ist? Sein Blick sagt, es ist deine Schuld und nicht meine, und was hat dies alles mit mir zu tun? Warum hast du dir keinen anderen Beruf gewählt?
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Leseprobe aus Frust, Revolte und Normalität – Kapitel XVII, Kuraufenthalt

Aus dem Roman meiner Mutter

Kapitel XVII

Kuraufenthalt

„Glauben Sie, Ihre Beschwerden rühren von einer früheren, nicht entdeckten Krankheit her, oder glauben Sie, dass sie berufsbedingt sind?“, fragt mich der Kurarzt über seine goldumrandete Brille hinweg. Er ist ein zierlicher Sechziger, der sich als Kurarzt ein hübsches Zubrot verdient, genauso gut hätte er Finanzdirektor oder Abteilungschef eines Unternehmens sein können. Herr Dr. Männicke spricht sehr viel von sich. Früher sei er ein ungeheuer erfolgreicher praktischer Arzt gewesen, aber das sei ihm alles zu viel geworden, daher habe er sich in dieses Sanatorium zurückgezogen.

Es ist das erste Mal, dass er es mit einem Lehrer zu tun hat, noch dazu mit einem, der keine bestimmten Symptome aufweist. Ich habe weder Rheuma noch Kreislaufstörungen, auch keine Stoffwechselkrankheit. Nicht einmal eine angehende Angina Pectoris kann er feststellen, nichts Anstößiges in den Lungen, kein erhöhter Blutdruck oder leichter Bronchialkatarrh, mit nichts von alldem kann ich ihn erfreuen. Da ist nur ein ganz regelmäßiger Puls, nur ein ganz normaler Blutdruck, da steht ein ganz Gesunder vor ihm, und für diesen soll er nun einen Behandlungsplan aufstellen. Das ist schon fast anstößig! Dr. Männicke blickt verlegen vor sich hin. Er denkt angestrengt nach. Dann taucht das sonnige Lächeln wieder auf. „Ja, richtig, Sie sind Lehrer. Wie konnte ich das nur vergessen. Da gibt es so ähnliche Symptome wie bei Gastarbeitern. Nichts Spezifisches, nichts, was zu diagnostizieren wäre. Da gibt es das Heimweh, das schlechte Klima, die fehlende Familie.“ Aber das ist es ja nicht, ich bin kein Gastarbeiter. Ich habe kein Heimweh, ich bin hier zu Hause, und eine Familie habe ich auch, und sogar eine ganz intakte Familie. Was wird Herr Dr. Männicke nun für mich herausfinden, wo wird er mich einreihen?

„Sie haben doch Ihr Zuhause, nicht wahr? Sie sind nicht Junggeselle, und Kinder haben Sie auch, vielleicht haben Sie sogar einen Hund, mit dem Sie jeden Tag zwei Stunden spazieren gehen. Es fehlt Ihnen doch eigentlich nichts.“ Herr Dr. Männicke wirkt unglücklich. Er meint, er hätte wenig Patienten wie mich, die meisten seiner Patienten seien Behinderte, wirklich Kranke, Krüppel, schwer geplagte Leute, denen man ihr Leiden schon von weitem ansehe.

Ein Kurarzt wie er könnte jederzeit austauschbar sein, er verkörpert den gängigen Typus, wie man ihn auch bei Lehrern antrifft. Er gehört zu den Leuten, die sich gar nicht vorstellen können, dass es Menschen gibt, die in ihrem Beruf aus welchen Ursachen auch immer nicht zurechtkommen, die denken, dass man es jedem ansehen müsse, was ihm fehlt. Ein Leiden müsse wenigstens labormäßig oder durch den Röntgenapparat zu diagnostizieren sein. Das Unheimliche für Leute wie Dr. Männicke ist, dass die Ursache meines Leidens verborgen bleibt, dass man aufs Erraten und auf Vermutungen angewiesen ist, dass man dem Patienten Glauben schenken muss, wenn er behauptet, dass es ihm schlecht gehe, auch wenn er mit rosigem Gesicht vor ihm sitzt. Sein Uhrwerk geht nicht mehr. Äußerlich ist kein Fehler sichtbar, auch beim Auseinandernehmen der Uhr entdeckt man nichts. Zusammengesetzt aber geht sie wieder nicht. Sie bleibt einfach stehen oder geht zu langsam oder zu schnell. Vielleicht sind es winzige Staubkörner, kleine Schmutzpartikel, die stören und das Laufwerk hemmen. Eine Wolke zieht über das Gesicht von Dr. Männicke. „Was fangen wir nur mit Ihnen an? Fünf Wochen in unsrem Bad. Das wird Sie wieder auf die Beine bringen. Sie werden neuen Lebensmut schöpfen. Passen Sie auf! Nach den fünf Wochen fängt Sie kein Junger mehr ein!“

Er rückt mit seinem Stuhl vor und musterte mich aus nächster Nähe.

„Was würden Sie denn sagen, wenn ich Ihren Aufenthalt hier um drei Wochen verlängere! Das ist doch lächerlich, dies muss doch einfach klappen. In fünf Wochen kriegen wir Sie nicht hin. Ihre Behörde wird das einsehen müssen. Unglaublich, was die Leute an Ihnen verbrochen haben!“

Ich weiß nicht, was Dr. Männicke plötzlich zu einem so energischen Vorgehen veranlasst hat. Sein Blick ruht wohlgefällig auf mir. Meine Genesung muss ihm ein Herzensanliegen sein. Ich danke Gott für diesen Stimmungsumschwung. Es ist ein gutes Vorzeichen.

Pünktlich alle zwei Tage kommt ein Brief von Ute. Sie versucht mir damit die Trennung angenehmer zu machen. Hier wimmelt es vor alleinstehenden Männern, die ihre Frauen genau wie ich zu Hause gelassen haben und alles andere als traurig darüber zu sein scheinen.

Sobald jeder mit seinen Anwendungen am Vormittag fertig ist, strebt er aus dem Sanatorium hinaus in die Parkanlagen und die Gasthäuser oder Cafés der Umgebung. Es ist ein fröhliches Treiben in der Stadt, und oft gesellen sich auch alleinstehende Damen aller Altersstufen dazu, auch sie Kurgäste, dann wird es noch fröhlicher. Es geht in dieser Kurstadt geradezu übermütig zu, von Krankheit ist kaum die Rede. Würde man nicht so viele Rollstuhlfahrer, so viele Leute am Stock oder mit Krücken sehen, würde man der Täuschung erliegen, man weile an irgendeinem Urlaubsort in heiterster Umgebung. Bei jedem Gedeck liegen die Pillen aufgereiht, die der einzelne Patient zu schlucken hat, und alle befolgen die Einnahme, als sei es eine heilige Handlung. Nur ich bin eine Ausnahme, da ich nichts verschrieben bekommen habe. Bald fragend, bald mich neiderfüllt musternd, blicken die anderen Patienten auf mein tablettenloses Gedeck. Man nimmt an, dass ich meine Medikamente vergessen habe oder absichtlich nichts einnehme, ganz gegen die Vorschrift des Arztes. Sie wollen mir einfach nicht glauben, dass ich in völlig gesundem Zustand, sozusagen nur zur Erholung hier in diesem nur wirklich Kranken vorbehaltenen Haus weile.

Sie wunderen sich auch, wie oft ich abends ausgehe und den Nachtschlüssel verlange, während sie im Allgemeinen abends noch im Sanatorium zusammensitzen. Sicher würden sie es missbilligen, wüssten sie von meinen nächtlichen Kino- und Theaterbesuchen. Der Arzt hingegen scheint nichts gegen meinen ungewöhnlichen Lebenswandel zu haben. Im Gegenteil, es macht ihm Spaß, sich morgens bei der Visite mit mir, einem harmlosen Kranken, länger als gewöhnlich zu unterhalten und von seinem anstrengenden Sanatoriumsdienst zu erzählen. Bei mir darf er gewiss sein, dass ich ihm aufmerksamer zuhöre als es andere, wirklich kranke Patienten es tun würden.

Oft erwache ich an diesem Ort wie in einer fremden Welt, betrachte meine Umgebung vom Bett aus, die nicht anders ist als die eines Hotelzimmers, nur dass jeden Morgen der Arzt an meine Türe klopft.

Zum ersten Mal habe ich Zeit, über mein Leben nachzudenken, über den harten Schulalltag, über das Familienleben, über die Kinder und ihre Zukunftsaussichten. Hatte dies alles früher etwas Quälendes für mich, so rückt es nun in die Ferne und nimmt sich da gar nicht mehr so schlimm aus. Mein früheres Dasein fällt plötzlich wie eine Maske von mir ab. Ich sehe alles klarer, ohne Hass und Verzerrung. Die Kollegen, die im Lehrerzimmer so dicht gedrängt nebeneinandersitzen, kommen mir aus der Distanz meines Kuraufenthaltes vor wie angenehme Gesprächspartner, die jederzeit geduldig mitanhören, was ich ihnen von meinem Unterricht zu erzählen habe. Es kommt mir alles harmlos und völlig normal vor. Selbst die peinlichen Szenen mit meinem Sohn, wenn er eine Freundin bei Nacht mitbrachte und ich beide gar noch mit einem Glas Bier oder einer Cola bediente, erscheinen mir von hier aus eher witzig und keineswegs mit schweren moralischen Vorwürfen zu belasten. Das sind eben junge Leute, denke ich jetzt in meinem Sanatoriumsbett bei angenehmer abendlicher Lektüre. Da regte ich mich doch ganz umsonst auf, als der Vater einer Freundin meines Sohnes mich wissen ließ, dass mein Sohn wohl nicht der Richtige für seine Tochter sei. Ich solle mich doch mal mit ihm zusammensetzen, damit man darüber reden könne. „Setzen Sie ihm die Pistole auf die Brust, Ihrem Sohn, sperren Sie ihm das Taschengeld, wenn er nicht von Anette lässt!“ So einfach ist das, man muss nur energisch sein. Ich muss mir ein Beispiel nehmen an solchen Männern der Tat, wie es Großmann war. Er hat seine Tochter erfolgreich bearbeitet. Sie verließ meinen Sohn prompt, und ich konnte von Glück reden, dass Peter mir nicht die Schuld an seiner Niederlage zuschrieb. Dies fällt mir ein, während ich wie jeden Morgen meine Temperatur messe und mich zur Morgengymnastik im Turnsaal fertig mache. Ich brauche gar keine Gewissensbisse zu haben, wenn ich mich hier pflegen lasse. Schon nach wenigen Tagen fange ich an, so wie andere Leute zu denken. Langsam reihe ich mich ein in das Leben der übrigen Menschheit, all der Leute, die um mich her ihre Arme strecken, Rumpfbeugen machen, in die Knie gehen und ihre verschlissenen Gelenke bewegen, dass es knackt.

Je besser es mir geht, desto mehr verschwindet Ute aus meinen Gedanken. Ich mache mir keine großen Sorgen um sie, denn sie dürfte sich eher befreit fühlen, wenn ich nicht zugegen bin. Ich schreibe jeden zweiten Tag sehr heitere Briefe, schildere den Tagesablauf mit kleinen Erlebnissen und halte sie auf dem Laufenden. Ich vertröste sie und bereite sie darauf vor, dass meine Kur wahrscheinlich länger als fünf Wochen dauert, ohne sie jedoch zu erschrecken. Da dies ja die erste Kur in meinem Leben sei, liege ein großer Verschleiß vor und der Arzt habe mir daher die Verlängerung angeraten.

Sie fragt in ihren Briefen ängstlich, ob ich mich auch wirklich wohlfühle, so weit weg von zu Hause, und erinnert mich daran, dass dies die erste Trennung in unserer Ehe ist. Sie will es nicht so recht glauben, dass ich, kaum bin ich befreit von der Last des Schuldienstes, schon ein anderer Mensch bin. Was die Schüler anbelangt und die Kollegen, schreibt mir Ute, habe sich noch niemand nach mir erkundigt. Vielleicht ist sie froh darüber, so muss sie auch nicht näher erklären, woran ich eigentlich leide. Nur Marlies frage nach mir, fast täglich und eingehend. Dabei wisse sie gar nicht viel zu sagen. Ute ist etwas erstaunt über diese Anteilnahme von Marlies’ Seite. Schätzt sie mich vielleicht doch mehr, als sie vermutet habe?

Nach den üblichen Untersuchungen von Blut, Stuhl und Urin zu Anfang meines Aufenthalts bleibe ich ziemlich verschont von direkter ärztlicher Einflussnahme. Manchmal wenn der Kurarzt eine Pause macht in seinen Erörterungen über die vielfältige, nervenaufreibende Tätigkeit im Sanatorium, versuche ich auch ein Wort über mein Lehrerdasein einzuflechten. Ich schildere, wie schwierig es sei, sich im Schulmilieu zu behaupten, seine Autorität täglich von Neuem aufzubauen, seine Arbeit diensteifrig auszuüben, ohne je eine Anerkennung dafür zu erhalten, weder von den Schülern noch von den Eltern oder gar vom Direktor. Es werde alles für selbstverständlich gehalten, auch wenn man sich um jeden Schüler einzeln kümmert, man bekäme keinen Dank dafür. Eine Honorierung gäbe es in diesem Beruf nicht, nur Kritik und Missverständnis.

Der Arzt lächelt mitleidig. Er starrt versonnen vor sich hin auf den glänzenden Mahagonischreibtisch. Ob er sich einen Menschen vorstellen könne, der weder einen Schreibtisch noch einen eigenen Stuhl im Dienst sein Eigen nennen könne, der sozusagen zum fliegenden Personal gehöre, das nirgends und überall zu Hause ist? Sein Blick sagt, es ist deine Schuld und nicht meine, und was hat dies alles mit mir zu tun? Warum hast du dir keinen anderen Beruf gewählt?

„Aber Ihr Gesundheitszustand hat sich doch rasch gebessert, nicht wahr?“ Er lächelt zufrieden, als ob es sein Verdienst sei, dass ich wieder wie ein normaler Mensch auf den Beinen bin. „Man sieht Ihnen den Lehrer gar nicht mehr an.“ Er hat mich auf Schmalkost gesetzt, eine neue Methode, um seelische Leiden zu kurieren. Etwas anderes als Morgengymnastik, Schwimmen, Massagen, autogenes Training und Diät weiß er mir nicht zu verschreiben. Eine Weile besinnt er sich noch, was er auf der Behandlungsliste ankreuzen könnte. Dann nimmt er entschlossen meine Hand, überprüft Puls und Blutdruck und entlässt mich leicht verlegen.

Es gehört allerlei Überredungskunst dazu, Ute davon abzuhalten, mich zu besuchen. In ihrem Übereifer schreibt sie mir viel zu oft und meint in ihrer Fürsorglichkeit, mich unter so vielen fremden Menschen nicht allein lassen zu können. Natürlich vermisse ich hier ihre helle Stimme am Morgen, mit der sie aus der Küche heraufruft und mich anspornt, schneller zu sein, das Frühstück sei fertig. Natürlich sind mir die anderen Menschen hier nicht so nahe wie Ute. An das Klinikzimmer musste ich mich erst gewöhnen, ebenso an den Speisesaal mit den Patienten, die meistens älter sind als ich.

Aber gerade diese neue Umgebung und die Abwesenheit von Ute bewirken in mir eine Veränderung, die mir wohltut. Ich fühle mich als freier Mensch, spüre Ansätze von Unternehmungslust und liebe die Geselligkeit, die ich zu Hause nicht habe. Zu Anfang hatte ich einen seltsamen Traum, in dem ich Ute für immer verloren hatte. Früher war ich derjenige gewesen, der Ute als Witwe zurückließ. Jetzt träumte ich davon, wie Ute an einem ganz normalen Sonntagmorgen beim Frühstück plötzlich vornüberfiel. Durch das Fenster schien die Sonne auf den Tisch und beleuchtete in warmen Farben das Geschirr, die Marmelade, die Kanne. Ute wollte gerade die Tasse an den Mund setzen, da fiel diese klirrend zu Boden. Ich erschrak, als ich sie mit dem Gesicht nach unten auf der Tischkante aufprallen hörte. Es war, als zerbreche es genau wie die Kaffeetasse in tausend Scherben. Erst jetzt kam es mir komisch vor, dass sie nicht, wie sonst üblich, mit allen möglichen Bekannten, Verwandten lange Telefongespräche geführt hatte. Für sie war es eine Art von Pflicht, um die Verbindungen nicht abreißen zu lassen. Die Gespräche drehten sich immer um Belangloses, ich hörte als unbeteiligter Zeuge ruhig zu. Das hatte an diesem Sonntag gefehlt, auch das Adressenbüchlein lag nicht aufgeschlagen neben dem Telefon. Der Tisch war weniger sorgfältig als sonst gedeckt, es fehlten die Blumen, es fehlte das Frühstücksei, und auch das Besteck lag unordentlich herum. Ute war stiller als sonst gewesen. Ich wollte mich gerade bücken und die Scherben zusammensammeln, als ich das Außergewöhnliche wahrnahm: den Aufprall Utes sowie einen langen Seufzer, der gar nicht aus ihrem Mund, sondern von anderswoher zu kommen schien.

Völlig kopflos und außer mir hob ich Ute unter den Schultern hoch und schleppte sie auf die Couch nebenan. Eine leichte Kreislaufstörung, redete ich mir ein, nichts als eine kleine Schwäche, vielleicht war es ihr etwas übel von einer Speise, die sie nicht vertragen hat. Gestern Abend waren wir doch bei den Kohlhaas eingeladen, hatte es da nicht diesen Kalbsbraten mit den merkwürdigen schwarzen Pilzen gegeben? Rasch machte ich kalte Umschläge, knöpfte ihre Bluse auf, damit sie freier atmen könne. Sie wird einfach überarbeitet sein, die arme Ute, ich habe darauf zu wenig geachtet, immer war sie für die Familie da, immer hat sie sich zu viel zugemutet. Ich riss das Fenster auf und rannte hilflos hin und her. Ich fragte mich, was zu tun sei, ob ich im Gesundheitslexikon nachschauen, bei Bekannten anrufen oder die Nachbarn holen sollte. Wie gelähmt starrte ich auf ihr immer spitzer werdendes Gesicht, auf die herunterhängende Unterlippe, das nur halb geschlossene Lid, die blutleeren, blassen Hände. Ich strich ihr die herunterhängenden Strähnen aus der Stirn. Ich stand wie unter Schock, sodass ich zunächst gar nicht auf das Nächstliegende kam, nämlich den Notarzt zu rufen. Mitten in meine Ratlosigkeit hinein läutete es plötzlich Sturm an der Haustür. Wer mochte das wohl sein? Doch nicht ein Nachbar, ein Sonntagsbesuch, gar ein Verwandter oder ein Kollege? Ich hätte unmöglich öffnen können, ich konnte Ute keinen Augenblick allein lassen. Als sich die Schritte von der Türe entfernten, überkam mich eine ungeheure Erleichterung. Meine Entschlusslosigkeit bedrückte mich nicht mehr. Im Gegenteil, ich saß da, als sei ich allem enthoben, und hütete mich, auch nur eine Bewegung zu machen.

Der Arzt, den ich nach langem Zögern dann doch kommen ließ, musterte mich vorwurfsvoll mit routiniertem Medizinerblick, weil ich ihn nicht sofort gerufen hatte. Er wurde ungeduldig, weil ich ihm weder über genaue Uhrzeit nennen noch über die Abfolge der Ereignisse genaue Auskunft geben konnte. „Sie haben doch versucht, sie wiederzubeleben, nicht wahr? Es ist Ihnen einfach nicht gelungen, sie wieder ins Leben zurückzurufen, nicht wahr? Sie waren verzweifelt, dass alles nichts fruchtete, ja? Ein Schlaganfall natürlich.“ Er sprach das Wort aus. „Ein Schlaganfall, wie es Hunderte an solchen Tagen, besonders Sonntagen, bei plötzlichem Föhneinfall gibt. Nicht Ihre Schuld, natürlich niemands Schuld.“ So oder so ähnlich redete er fortwährend auf mich ein, während er Ute eine Spritze in den Arm gab und vorsichtig das Augenlid hochstreifte.

Ich hatte Utes schweren Unfall beileibe nicht verschuldet. Der Arzt, der jetzt widerwillig seinen Notdienst verrichtete, sprach mich nicht ganz frei, ja, ich meinte im Traum eine Vermutung in ihm aufsteigen zu sehen. Ich war sicher aus Bequemlichkeit, aus dem Willen, keine Veränderung, wenigstens keine einschneidende meines Lebens zu ertragen, nicht aufgestanden und hatte ihn deshalb nicht früher gerufen. Man kennt solche Fälle von müden, gleichgültigen Ehemännern, besagte sein misstrauisches Lächeln. Ich war handlungsunfähig. So geschah alles über mich hinweg. Als der Arzt veranlasst hatte, dass man Ute auf eine Bahre legte, ihr das Leintuch über den Kopf zog, sie festschnallte und hinuntertrug, an den auf der Straße bereits sich versammelnden Menschen vorbei, folgte ich gefühllos all diesen Ereignissen. Andere benachrichtigten das Beerdigungsinstitut, andere suchten für mich alle die Adressen und Telefonnummern heraus, die nötig waren, nun nach Utes Tod das Notwendige zu veranlassen. Es war, als hätte ich damit nichts zu tun. Selbst die Kinder, als sie eintrafen, nahmen Stellung für mich, äußerten sich zu den Besuchern, die ihre Teilnahme aussprachen.

Ich sah zum Fenster hinaus, über die Ziegeldächer der Stadt hinweg, ich sah Kinder nebenan im Sandkasten spielen, einen Mann mit Hund spazieren gehen, bis der Umriss des Wagens, mit dem sie Ute abtransportierten, in der Ferne verschwand. Das Zimmer füllte sich mit irgendwelchen Menschen. Ich nahm wieder wie zuvor Platz am Frühstückstisch, faltete die Zeitung, die dort unordentlich zusammengeknüllt lag, räumte das Geschirr weg und überlegte, ob ich an Utes Stelle die Pflanzen gießen sollte. Ich brauchte keinen Trost, nicht einmal den meiner Kinder. Als ich aufwache, liege ich ganz ruhig in diesem weiß überzogenen Klinikbett, und ich frage mich tatsächlich, ob Ute etwas zugestoßen ist.

Als ich beim Frühstück die kraftstrotzenden und laut sich unterhaltenden Patienten sehe, ist der nächtliche Traum verschwunden. Mir kommt in den Sinn, dass ich eigentlich zu Hause anrufen könnte, lasse es dann aber doch sein.

Mehr und mehr löst sich die Angst und das, was mich zu Hause so oft gequält hat, auf. Der Traum war der letzte Rückfall, von jetzt an bin ich voll wie die anderen mit meinem Anwendungsplan beschäftigt, ruhe mich nach dem Essen aus, gehe spazieren und nütze das gesamte Angebot dieser Kurstadt aus. Ich fange an, mich nicht mehr als Außenseiter zu empfinden. „Eigentlich sind Sie ein gesundheitlicher Musterknabe“, sagt der Arzt, „ein Cholesterinspiegel, um den man Sie beneiden könnte, Leberwerte hervorragend, kein Zucker, was wollen Sie mehr? Einen Schlaganfall werden Sie nie bekommen!“

Ich bekomme nichts mehr mit von politischen Nachrichten, von Börsenbewegungen, von den traumatischen Problemen der Politik. Die Bedrückung, die hier angesichts der vielen Alten und Kranken kommen könnte, ist nicht größer als zu Hause. Alle sind hier ganz und gar damit beschäftigt, sich gesund zu erhalten, den wohlverdienten Ruhestand möglichst lange zu genießen, sich auf künftige Reisen nach Übersee, Fernost, auf eine Mittelmeerinsel vorzubereiten, sich nicht nur gesund, sondern genussfähig zu erhalten. Die Jugend, die mich in der Schule umgibt, fehlt mir nicht. Endlich muss ich mich in dieser Umgebung, in der ich zu den Jüngsten zähle, meines Alters nicht mehr zu schämen. Ich muss nicht mehr meine grauen Haare im Spiegel überprüfen, die hervorstehenden Adern meiner Hände melancholisch mustern, meinen viel zu dürren Hals einer traurigen Betrachtung unterziehen. Am Morgen wandere ich in den Parkanlagen genussvoll auf und ab, trinke ein Glas Heilbrunnen in der Kurhalle, ergehe mich auf den Kieswegen, die von Rhododendron und Nadelhölzern gesäumt sind, und bin für alles aufnahmefähig. Dies alles strahlt eine Ruhe auf mich aus, die mir Sicherheit und Zuversicht vermittelt.

Der Arzt schreibt es sich und seiner Heilkunst zu, dass ich zusehends gesünder aussehe. „Nehmen Sie Ihre Schüler nicht so ernst“, redet er mir zu, „so wenig wie ich meine Patienten alle beim Wort nehmen kann. Betreiben Sie Ihren Beruf mehr als Nebensache, dann werden Sie wie alle hier zum Lebenskünstler. Anfänge dazu haben Sie ja schon gemacht!“

Ja, vielleicht hat er Recht.

Ein Schwarm junger Arzthelferinnen, Gymnastinnen und Masseurinnen eilen hin und her, füllen Karteikarten aus, rufen Patienten auf oder klappern auf den Schreibmaschinen. Wie ein Kranz frischer Blüten umgeben sie ihn, den dicklichen Mittsechziger, und befolgen seine Befehle. Unwillkürlich werde ich an das Gesundheitsamt erinnert, in dem Ute ebenso hin und hereilt und das sie vielleicht sehr gerne mit zu Hause vertauscht hätte, obwohl sie dort doch immer mit meinen beruflichen Problemen konfrontiert ist. Immer noch halte ich sie von mir fern, um ja nicht in den alten Zustand zurückzufallen. Ich fürchte mich vor dem Trübsinn, dem ich zu Hause ständig ausgeliefert war. Bereits die Briefe von Ute sind in dieser Hinsicht für mich gefährlich. Mit ihnen taucht mein früheres Leben auf wie eine dunkle hohe Wand. Ich schreibe ihr, wie sehr ich es genieße, fernab der Schule zu sein, meine Kollegen, die Schüler wenigstens für einige Zeit nicht zu sehen, wenn auch sie, Ute, mir sehr fehle. Insofern beruhige ich sie. Vor einem Besuch warne ich, weil sie ja nicht ihre häuslichen Aufgaben vernachlässigen dürfte, außerdem brauche man sie im Gesundheitsamt. Ute lacht am Telefon ein wenig, sie ist etwas verstimmt. Habe ich gar einen Kurschatten getroffen, der mich hier beschäftigt und ihre Gegenwart überflüssig macht? Eine völlige Gedächtnislosigkeit hat sich meiner bemächtigt. Ich gehe in meiner hiesigen Gegenwart vollständig auf. Eindrücke fließen in mich ein, die in ihrem Stimmungsgehalt einander gleichwertig sind und mich alles vergessen lassen, was früher war, so als sei ich neu geboren worden und erinnerte mich an kein früheres Leben. Utes Stimme am Telefon kommt mir fremd vor, wenn sie von den Kindern spricht. So habe ich den Eindruck, es handle sich um die Kinder von Bekannten, aber nicht um meine eigenen. Ich lebte jetzt endlich so wie meine jüngeren Kollegen, die alles, was sie erleben, Vergangenheit und Zukunft, ordentlich in Gedächtnisschubladen untergebracht haben, und alles Neue, Reiseeindrücke, Schulprobleme, Familientragödien, wegstecken, irgendwohin, so dass es nicht mehr zum Vorschein kommt und für immer neuen Eindrücken Platz macht. Jetzt verstehe ich, warum es für sie nicht so schwierig ist, sofort mit Ferienbeginn die Koffer zu packen, sich in ein Flugzeug zu setzen, mit oder ohne Familie, und auf Kreta zu wandern, durch die Dordogne zu radeln, in einem Hausboot auf den Flüssen Irlands zu träumen, auf Korfu zu aquarellieren oder auf große Fahrt zu gehen in den Anden, auf dem Hochplateau von Nepal, quer durch den amerikanischen Kontinent im Mietwagen, mit der transsibirischen Bahn durch Russland bis nach Wladiwostok und anschließend nach Peking, vielleicht auch noch hinüberzusetzen nach Japan. Sie haben vorher keine schulischen Probleme zu bewältigen gehabt wie ich. Sie vergessen sofort, kaum hat sich die Schultüre geschlossen, alles Unangenehme. Jetzt plötzlich fühle ich mich ihnen näher, verstehe ich ihr ambulantes Leben, ihre Leichtfüßigkeit, die sie befähigt, sich mit geringem Ballast überall in der Welt heimisch zu fühlen. Sie betrachten die Schule nur als Durchgangsstation und haben ihr Schwergewicht in die Ferien verlagert. Vielleicht betrachteten sie ihr ganzes Leben so, ihre Familie, ihre Ehe, als Durchgangsstation, wo es nirgends einen langen Aufenthalt gibt. Vor allem haben sie nichts zu tun mit dem Ballast der Vergangenheit, mit Krieg, mit Bombennächten, mit Toten und Verwundeten und mit dem Sirenengeheul, das mir heute noch in den Ohren liegt. Sie wissen nicht, was Gestapoverhöre waren, sie mussten nicht die Nächte im Keller verbringen, keine Aufräumungs- und Aufbauarbeiten mit Schaufel und Spitzhacke leisten; alle diese niederen Dienste wurden ihnen erspart, und sie müssen sich nicht mit einem ganzen Volk gedemütigt fühlen, nur weil sie zufällig in jene Zeit hineingeboren wurden. Kein Wunder, so sage ich mir, dass sie so unbeschwert alles hinter sich lassen können und mir überlegen sind, sie müssen ja all diesen Kriegs- und Nachkriegsballast nicht mitschleppen. Zum ersten Mal fühle ich mich so wie sie, ich glaube sogar, dass ich auch unter der Schule nicht mehr leiden würde, könnte ich den Zustand der Gedächtnislosigkeit meines Sanatoriumsaufenthalts beibehalten, ihn nach Hause retten und vollends durchhalten bis zu meiner Pensionierung. Nur ist da Ute, die stehen geblieben ist, die meine Wandlung nicht mitvollziehen würde. Wie ein Mahnmal würde sie mich an meine frühere Befindlichkeit erinnern und ungläubig vor diesem anderen, vor diesem neuen Wolfgang Fink stehen. Man kann doch einer Frau nicht zumuten, dass sie plötzlich einen neuen Ehemann an ihrer Seite hat, einen Sechzigjährigen, der zwanzig oder fast dreißig Jahre derselbe war und nun plötzlich ein anderer sein soll!

In mich hat doch nichts mehr hineingepasst, ich war randvoll gewesen mit meiner Vergangenheit, die ich ja nicht direkt in meinen Unterricht habe einfließen lassen. Meine persönlichen Eindrücke verschwieg ich. Alles Persönliche ruhte wohlverwahrt in einer Truhe, die ich nie geöffnet habe. Ich schleppte sie aber mit mir herum, diese vermoderten Totengerippe, diese unverarbeiteten Eindrücke einer schrecklichen Zeit, über die es weder mit Ute noch mit den Kollegen eine Verständigungsmöglichkeit gegeben hat, wenigstens was unmittelbare Eindrücke, Selbsterlebtes anbelangt. Das war doch alles aus zweiter Hand, was ich weiter gegeben habe, Angelesenes, das über den Zweiten Weltkrieg und das Dritte Reich berichtete hat, nichts, was von mir stammte. Insofern lebte ich in der Lüge und machte allen etwas vor. Da war meine Jugend, mein Elternhaus, die Kriegs- und Nachkriegszeit, die Verlobung mit Ute. Das alles ist von meinem jetzigen Zustand weit entfernt, alles Dazwischenliegende empfinde ich , als gehöre es gar nicht zu meinem eigentlichen Leben, als sei ich seit der Nachkriegszeit in eine tiefe Bewusstlosigkeit gefallen, die voller Alpträume und tiefer Schrecken war, schlimmer als alles, was Krieg und Naziterror für mich waren. Kommt es daher, dass ich einfach nichts verarbeitet habe, dass ich alles auf sich beruhen ließ, was mich damals so sehr bewegte, ja dass ich mich nicht einmal mit Ute in einem ruhigen Gespräch über diese Dinge unterhalten konnte, weil es ja nicht von mir selbst handelte, dieses Stück Vergangenheit, weil ich da ja nur Statist war, genauso wie Ute auch, die in ihrer Jugend noch weniger mitbekommen hat und sich gar nicht betroffen fühlte. Die ganze schreckliche Vergangenheit, bestand sie nicht lediglich darin, dass man Hunger hatte, dass man nichts kaufen konnte, dass alles fehlte, was man zum täglichen Bedarf brauchte, dass man die Nächte nicht durchschlafen konnte wegen der Luftangriffe und dass man schließlich nur noch im Dunkeln lebte? War es dieser Mangel, der uns in Bezug auf die Vergangenheit so wenig gesprächig machte? Mit Ute konnte ich nie darüber sprechen, weil sie keine Lust hatte, mit mir Fragen der Vergangenheit zu erörtern, überhaupt keinen historischen Sinn zeigte. Und wie viel geringer war das Interesse bei den Kollegen, die viel jünger waren als ich und Ute.

Wollte ich überhaupt Fragen der Geschichte erörtern oder wollte ich über mein eigenes Schicksal reden? Wir sind doch nicht einfach alle zu historischen Figuren geworden, nur weil wir Zeitgenossen einer großen, einer schrecklichen Zeit waren! Wie lächerlich, sich an Hitler aufrichten zu wollen, an seinem großen Schatten und deshalb von sich zu reden, als habe man Anteil gehabt an den damaligen Entscheidungen. Da war man doch vor allem auch als Jugendlicher aus allem ausgeklammert, weniger als Nichts, ein kleiner Mitläufer, wie es so schön hieß in dem Entnazifizierungsbescheid, den mein Onkel bekommen hat, ein Blockwart in einem Unterbezirk von Ulm, der in unserer Familie der Lächerlichkeit preisgegeben war. Wir lachten ihn aus in seiner braunen Uniform und mit der Schildmütze. Und mein Vater war mit den paar Worten, die er öffentlich gegen Hitler gesagt hat, als Widerständler unbedeutend genug. Auch er war zu keiner Kolossalgröße herangewachsen, wie wir uns dies heute alle vorstellen. Er war einer von den vielen, die stumm Widerstand geleistet und nur einmal sich vorgewagt haben. Nein, es war nicht diese allgemeine Vergangenheit unseres Volkes, die da so begraben in mir ruhte und aus dem Untergrund in mir Selbstzweifel auslöste, nein, es war meine eigene, durch kein besonderes Ereignis sich auszeichnende Vergangenheit, die gerade dadurch wirkte, dass sie nie erwähnt und nie erlebt, ja vielleicht nur unbewusst sich vollzogen hat. Sie lag da, wie Felsbrocken von ehemaligen Gletschern in stillen Gebirgstälern als stumme Zeugen einer Urlandschaft überall zerstreut herumliegen. Sie können nicht mehr zusammengefügt werden, genauso wenig wie die Einzelstücke aus meiner Vergangenheit, deren Deutung sich mir immer mehr entzieht.

Ich kann mich vor niemandem verständlich machen über das Ungeklärte eines vielleicht ganz singulären, nur mich betreffenden Schicksals einer Generation, die gerade noch überlebt hat. Ich weiß nur, dass alle diese Berichte aus zweiter Hand, mit denen ich meinen Geschichtsunterricht anfülle, nicht mit dem übereinstimmen, was ich als Zeitzeuge erlebt habe. Ja sogar der Bericht des ehemaligen KZ-Häftlings, den ich vor der Klasse habe sprechen lassen, entspricht nicht der Wirklichkeit von damals, die voller Gerüchte war. Man wusste nichts Genaues von all dem, das einen nicht persönlich betraf, da man keinen Juden in der Familie oder der näheren Bekanntschaft hatte, der plötzlich abtransportiert, aus dem Staatsdienst entlassen wurde oder auswandern musste. Zudem wären diese Dinge für mich damals unverständlich gewesen, ich hätte sie als selbstverständlich hingenommen, so wie ein Jugendlicher unseren heutigen demokratischen Alltag hinnimmt.

Auch nach dem Krieg plagte ich mich nicht mit der Vergangenheit herum. Erst seit ein paar Jahren tue ich es. Seitdem fällt mir überhaupt auf, dass es eine Jugend gibt, die anders ist als meine Jugend damals. Seitdem ich nur noch von Jugend umgeben bin, im Beruf und zu Hause, merke ich, dass ich zu einer anderen Generation gehöre. Im Beruf stellen ja selbst die Kollegen allmählich eine andere Generation dar, sie gehören fast noch zur Jugend, und ich gerate mit meinem zwanzigjährigen Abstand zu ihnen immer mehr ins Abseits. Meine Tischnachbarn hier gehören fast alle zu meiner oder einer älteren Generation. Hier habe ich das wohltuende Gefühl, nicht allein zu sein.

„Wohl sprechen sie alle von der Massengesellschaft“, sagt der ehemalige Oberst, der fortwährend sein Gebiss mit der Zunge an den Oberkiefer drückt, wenn es bei jedem Bissen herunterzufallen droht, „aber das kommt nicht von ungefähr. Sehen Sie, das hat im Dritten Reich begonnen, der Gleichschritt, die Gleichmacherei, und heute der Modetrend, dem sich keiner entzieht, das ist dasselbe.“ Er ist sehr belesen und trägt alles mit wahrem Überzeugungspathos vor. Er glaubt noch an das, was er sagt, und keine Mahlzeit ist ihm zu schade, um uns, seine Tischnachbarn, nicht ausführlich über seine Kriegserlebnisse zu informieren. Er tut, als seien es sportliche Sensationsmeldungen – wenn er fast über dem Kanal abgeschossen worden wäre, wenn er das brennende London wie eine riesige Fackel unter sich gesehen hat, wenn er im Rausch eines solchen Stuckaflugs nicht mehr an den Tod gedacht hat. Die Narben auf seinem Gesicht nehmen eine rote Signalfarbe an, während er uns von seinen Abenteuern berichtet. Er sehnt sich zurück nach diesen Zeiten der Begeisterung und des Idealismus und verachtet die fehlende Schwungkraft der heutigen Jugend.

Er weiß nicht, dass ich Lehrer bin, daher sucht er bei mir keine Bestätigung für seine Kritik an der Jugend. Alles an ihr sei falsch, irregeleitet, von bestimmten Kreisen beabsichtigt. Er sieht die Manipulation am Werk, wenn die Jugend dem Alkohol, dem Sex und Verbrechen zum Opfer fällt. Wenn man ihn hört, kann man vom Untergang der einstmals so herrlichen germanischen Rasse ausgehen. Seine Gesichtshaut spannt sich glatt über die herausstehenden Backenknochen, zahllose geplatzte Äderchen verfärben seinen Teint ins Bläuliche.

Ihm gegenüber fühle ich mich jung, vor ihm verteidige ich die Jugend. Denn was er sagt, sind ja nur die üblichen Klagen eines alten Mannes, die es schon zu allen Zeiten gegeben hat. Es ist eine Standardvorstellung von einer verschwenderischen, gewissenlosen Jugend, die das Erbe der Alten verprassen wird. Ich stimme ihm nicht zu, sehr zum Ärgernis der anderen, die auch alle in den Chor der Kritik an der Jugend miteinfallen. Bei näherem Nachfragen stellt sich heraus, dass sie fast alle kinderlos sind und von der Jugend nur in den Zeitungen lesen. Das Einzige, was mich mit ihnen verbindet, ist das Gefühl des Ausgeschlossenseins, der Namenlosigkeit in einer Gesellschaft, die nichts mehr von uns wissen will und sich somit nicht mehr um unsere Erlebnisse kümmert. Wir können sie nur im Sanatorium oder in einer gemütlichen Bier- und Skatrunde loswerden.

Das Kurbad ist voll von Trümmergestalten wie dem alten Oberst. Es ist geradezu eine Alteninsel wie Mallorca oder Teneriffa, wo ebenfalls ganze Generationen Zuflucht finden vor der Jugend und ihren Forderungen, also vor der Gegenwart. Sie leben auf diesen Inseln ein wirkliches Pensionärsdasein, abgeschieden vom Alltag der Bundesrepublik. Noch mehr als zu Hause habe ich hier das Gefühl, in einem Ghetto zu leben, aus dem es kein Entrinnen gibt, nur dass dieses Ghetto hier angenehmer und sozusagen wattegepolstert ist. Man kann es sich in dieser Hölle bequem machen, sie ist bevölkert von Leuten, die sich wohl durch ihre Leiden, nicht aber durch ihre Gefühle voneinander unterscheiden. Es ist sozusagen eine homogene Gesellschaft, die eingehüllt ist von den Schwefeldämpfen der Mineralquelle, die überall in der Luft allgegenwärtig sind und jeden umgeben. Keine Rede davon, dass ich hier als gebrochener Mensch den Schmutz meiner Seele, die jahrzehntelangen Ablagerungen loswerden wollte. Ich vergesse dies alles vor der Kulisse der bewaldeten Berge, der Rebenhänge, in der reinen, gesunden Luft. Wir alle leben hier gedächtnislos, der reinen Gegenwart hingegeben.

Selbst Utes Mistbeet kommt mir vor, als würden darauf Orchideen gezüchtet. Ihre Fastenkuren und Gesundheitsrezepte gehen mir von dieser stillen Insel aus nicht mehr auf die Nerven. Auch der Trimm-dich-Pfad kommt mir ganz vernünftig vor, und über ihre Hantierungen in der Küche verhänge ich hier nicht mehr das Verdikt des Routinierten und des tödlichen täglichen Einerleis. Hier würde ich sie nicht mehr kritisieren, wenn sie sich wie jeden Morgen auf die Waage stellte und schwere Depressionen bekäme, weil sie 2OO Gramm zugelegt hat. Ich würde schmunzeln, da sie von der fixen Idee besessen ist, ihren Cholesterinspiegel im genau vorgeschriebenen Gleichgewicht zu halten. Dies alles sehe ich jetzt von überlegener Warte aus. Utes verzerrtes Gesicht damals im Sommerurlaub auf Norderney würde mich heute nicht mehr aufschrecken. Ich hatte auf den zart geröteten Oberschenkel einer Nachbarin im Liegestuhl die Asche einer Zigarette fallen lassen. Ich erinnere mich plötzlich an diese Szene, als eine der damaligen Dame sehr ähnliche junge Frau hier auftaucht. Die Eifersucht Utes, weil ich mich mit dieser besagten Dame lange über Verhaltensweisen beim Sonnenbaden oder Hotelpreise unterhalten habe, blitzt für Minuten auf.

Ich erinnere mich an das leise Klingeln von Utes Stricknadeln, wenn sie allabendlich vor dem Fernseher die Beine hochlegte, es bildete die Begleitmusik zu dem über uns verhängten Ritual unserer Zweisamkeit. So gemütlich eingemauert in unseren Eheturm, geborgen und aufeinander angewiesen, war es angenehm von den Unfällen anderer zu hören. Der Nachbar hatte einen Bootsunfall, seine Frau war über Bord gefallen. Er konnte sie nicht mehr retten. Ein Gewitter war aufgezogen. Mit letzter Kraft war er ans Ufer gerudert und hatte die arme Frau im See zurückgelassen. Als sie dies hörte, war Ute für eine Weile nachdenklich gestimmt. Umso wohler fühlte sie sich, wenn sie, fest an mich gebunden, vor solchen Unfällen verschont blieb und sich bei uns gar nichts, rein gar nichts ereignete, was an eine Sensation gegrenzt hätte. Ute fühlte sich wohl in dieser Ehelangweile, hat sich nie erkundigt, wie ich darüber denke. Das Wort „unser“, das mich auch heute noch seltsam berührt, kam ihr vom ersten Tag unserer Ehe an leicht über die Lippen, als seien wir seit Urzeiten verwandt, ja verschwistert, als sei unsere Zweisamkeit das Selbstverständlichste von der Welt. Daher war sie ja auch so verstört, als sie mitbekam, dass mit mir etwas nicht stimmte. Die Ferienreisen, die gemeinsamen Ausflüge, die Besuche bei Bekannten, alles wurde so geplant, als bedürfe es erst gar nicht meiner Zustimmung; alles ordnete Ute bis in die letzten Einzelheiten an. Es waren ihre Pläne, ihre Ziele, ihre Absichten. Das ging so weit, dass ich das Wort „Ich“ gar nicht mehr in den Mund nahm. Als Erstem fiel das meinem Freund Werhan auf. „Altes Haus, mach doch endlich Ferien, aber allein!“ Er hat mir Mut gemacht, auf ihn war der Anstoß zu dem hiesigen Aufenthalt zurückzuführen. Hans wusste vielleicht schon lange, was in mir vorging.

Irgendwo mache ich eine alleinstehende Dame ausfindig, irgendwo sitzt sie auf einer Bank neben einem üppig blühenden Rhododendronstrauch, der alle Schönheit ringsum aufsaugt und in sich versammelt, sodass ich sie zunächst gar nicht entdecke. Es wird mir fast übel an diesem heiß-schwülen Spätnachmittag mit seinem verhangenen Gewitterhimmel. Ich spüre eine dumpfe Ahnung in mir hochsteigen, wie ich sie schon lange nicht mehr kannte. Sie kommt aus dem Nichts, ich weiß nicht, was sie ausgelöst hat. Plötzlich ist sie da, diese Sehnsucht, mitten in diesen Verdauungsspaziergang hinein, während ich noch den Theaterzettel an der Litfaßsäule im Kurpark lese und zerstreute Grüße nach rechts und links sende.

Da sitzt sie also in einem hellen Kleid, das nicht zu übersehen ist. Es sticht heraus aus dem saftigen Grün des endlos sich dehnenden Rasens und dem dunklen Blau des Gewitterhimmels. Ich beurteile die Farbe des Kleides, bevor ich das Gesicht sehe. Sie wirkt unbestimmt, ja fast blass, in die Landschaft eingepasst, als gehöre dieses Kleid wie eine Blüte zu diesem Parkland. Sie sitzt regungslos da, und das Buch, das sie in der Hand hält, scheint zu dieser Hand zu gehören, als sei es da angewachsen. Sie liest, ohne umzublättern. Ein altmodisches Bild, genrehaft, wie einem Traum entsprungen. Sicher muss es sich um einen schwer verständlichen Text handeln, da sie immer auf derselben Seite verharrt. Als ich näher komme, blickt sie geschwind auf, liest aber dann sofort weiter. Sie scheint sich für nichts anderes als für dieses Buch zu interessieren, nicht für den Park, nicht für die Enten, die sich jetzt eine um die andere in den nahe gelegenen Teich plumpsen lassen, nicht für die Passanten. Da setze ich mich, rasch entschlossen, neben sie. Wer ist dieses Wesen, ist sie jemand aus Fleisch und Blut? Nur um etwas zu tun, lehne ich mich entspannt zurück, strecke meine Beine aus und verharre ebenso regungslos wie sie. Die Lektüre scheint immer fesselnder zu werden, je länger ich auf der Parkbank weile, ja, es kommt sogar zu einem Umblättern und zu einer leichten Vorwärtsneigung des Kopfes. Die ganze Zeit über habe ich ja nur eine Statue beobachtet, die nicht einmal ein frecher Spatz, der sich auf ihren Kopf gesetzt hätte, aus der Ruhe hätte bringen können. Schon kündigt sich bei mir erlahmendes Interesse an. Die Mattigkeit nimmt zu infolge der Schwüle, die an diesem Nachmittag unerträglich wird. Ich mache Anstalten, mich zu erheben. Da kommt Leben in die Figur. Schlagartig dreht sie den Kopf, als gebiete sie mir, sitzen zu bleiben. Sie mustert mich, lächelt leicht und zufrieden. Habe ich tatsächlich ihre Aufmerksamkeit geweckt? Was sucht sie jetzt fieberhaft in ihrer Handtasche? Warum streicht sie nervös die Haare zurück? Da sind doch keine Strähnen, die ins Gesicht fallen. Es sind kastanienbraune, leicht rötliche Haare. Auch das noch, denke ich. Sie trägt sie hinten in einer Spange zusammengefasst, eigentlich zu jugendlich, eigentlich nicht ganz angemessen. Der Haarwuchs ist zu üppig für die sonst zarte Figur. Sie greift nach ihrer Halskette, als ob sie prüfe, ob sie noch da sei. Eine Geste der Unsicherheit. Was soll sie sagen? Ihre „Lesewut“ scheint behoben. Sie stützt sich jetzt auf der Bank auf, als ob sie sich Ruhe gebieten wolle. Das alles hat meine stumme Gegenwart vermocht. Ganz langsam fange ich an, stolz auf mich zu sein.

Ich bedaure, nicht jugendlicher gekleidet zu sein, nichts mit modischem Pfiff zu tragen, nichts, womit ich in meinem Äußeren Aufmerksamkeit erregen könnte.

Dabei ist noch nichts geschehen, ist kein Wort zwischen uns gefallen, bleiben wir beide noch ruhig auf der Bank sitzen. Nur die Wolken werden bedrohlicher, und erste Tropfen fallen. Jetzt setzen wir uns beide gleichzeitig in Bewegung. Der Himmel will es, dass ich ihr mit meinem Schirm aushelfe. Wir schreiten nebeneinander her unter einem Regendach, als sei es die selbstverständlichste Sache der Welt. Sie ist kaum kleiner als ich, wir sind ein schönes Paar – zumindest meine ich das.

Im Tearoom sitzen wir anschließend nebeneinander, während eine sintflutartige Regenwelle an die Fenster platzt. Sie friert nicht in ihrem dünnen, jackenlosen Kleid, als sei sie von innen heraus erwärmt und nicht abhängig von irgendeiner Außentemperatur.

Zwischen uns entwickelt sich nicht das übliche Gespräch – verheiratet, ja oder nein, Kinder, wohnhaft, wo, Beschäftigung.

Beide sind wir wie vom Mond gefallen, der Zufall hat es so gewollt. Sie sieht auch nicht dauernd auf die Uhr, weil vielleicht ein anderer auf sie wartet oder sie im Kurheim zum Abendessen sein soll. Nein, sie scheint es so wenig eilig zu haben wie ich. Auch ich will die Zeit vergessen, ich nehme sogar die Abwesenheit im Sanatorium am heutigen Abend in Kauf, wenn dies auch einer kleinen Revolution gleichkommt und in den drei Wochen meines hiesigen Aufenthaltes noch nie passiert ist. Es muss mir vom Schicksal so bestimmt sein, zumindest bilde ich mir das ein, ich, der ich noch nie ein so großes Wort wie Schicksal in Bezug auf mich in den Mund genommen habe. An diesem Spätnachmittag ist einer meiner Wünsche in Erfüllung gegangen. Sie sitzt neben mir. Das Unglaubliche hat sich ereignet, und das dumpfe Grollen draußen, das am Abklingen ist, liefert die schicksalhafte Melodie dazu. Nichts um mich her erscheint in harmlosen Farben, alles nehme ich wahr, als sei ich in einen Trancezustand versetzt. Ich sehe sie leibhaftig vor mir, wie sie sich Löffel für Löffel das Eis in den Mund schiebt, in einen Mund, der hart sein kann und sich dann wieder wie widerwillig rundet, ein Mund, der vielleicht gar nicht bereit ist zum Küssen, weil er sich keine Zeit dazu nimmt, sondern immer damit beschäftigt ist, Worte zu formen, nichts als Worte. Da kommt nichts Spontanes, nichts Sprühendes aus diesem Mund, alles, was sie sagt, ist wohlüberlegt und wird sofort wieder zurückgenommen, falls ich etwa falsche Schlüsse ziehe. Sie dürfte keine leicht zugängliche Frau sein, ich weiß es. Unser Gespräch verläuft eher stockend, wenn auch auf beiden Seiten eine große Bereitschaft vorhanden ist, dem anderen zuzuhören. Der Zeiger der Uhr über uns geht unaufhaltsam der Sechs entgegen, wir beobachten es beide. In dem Maße, wie die Zeit fortschreitet, wird unser Gespräch schleppender. Wir haben uns fast gar nichts gesagt, nur Namen, nur Bruchstücke, aus denen sich noch kein Leben zusammensetzen lässt. Ich erfahre nichts weiter, als dass diese Susanne Miesbach Kollegin an einer Schule der Nachbarstadt ist, allein lebt und genau das Gegenteil meiner Existenz ist, weil sie sich wohlfühlt an der Schule, weil sie ihre Schülerinnen und Schüler mag, weil sie gerne unterrichtet und sie sich noch nie Gedanken darüber gemacht hat, welch geringe gesellschaftliche Stellung sie durch den Lehrerberuf einnimmt.

Sie hat sich diese Kur verschreiben lassen, weil sie sich müde vorkam und meinte, nach zehn Jahren Schuldienst Anspruch auf eine derartige gesundheitliche Pause zu haben. Ihrer Meinung nach gehört es zu den unabdingbaren Rechten einer Beamtin, sich für den Staat fit zu halten. Zum ersten Mal klärt sich ihre Miene auf, und sie lacht über das Wort „fit“, das ja gerade in unserem Beruf eine so große Rolle spielt. Das Gewitter ist so rasch vorüber, wie es gekommen ist. Auf dem Nachhauseweg würde meine Schirmbegleitung überflüssig sein. Ich befürchte, dass nach diesem Austausch unsere Beziehung auch schon ein jähes Ende finden würde, wenn wir uns vor dem Café trennen und in entgegengesetzter Richtung davonstreben, ohne uns die Adressen unserer Unterkünfte verraten zu haben. Die Folgenlosigkeit dieser Begegnung, die mir so hochtrabend als schicksalhaft erschienen war, scheint vorprogrammiert.

Ich wäre vorbehaltlos, alles hinter mir lassend, in eine Beziehung mit ihr hineingesprungen, noch bevor Susanne den letzten Löffel Vanilleeis, das mit einer Erdbeere geschmückt ist, in ihren strengen Mund schiebt. Ich wünsche, ein zweites Gewitter breche los und schütte über uns wolkenbruchartige Güsse aus, die unseren Abschied verhindern. Ich wünsche, es gäbe eine endlose Fortsetzungsgeschichte, bei der man sich gar nichts weiter mitzuteilen braucht als immer dasselbe. So hoffe ich auf eine Wiederholung, indem ich meinen Händedruck besonders intensiv gestalte und einen sehr flehenden Blick in ihre graublauen Augen wage. Es ist, als greife ich nach einem Rettungsanker, ganz gleich, wie er beschaffen ist, ganz gleich, ob diese junge Frau meine Gefühle teilt, ob sie sich ebenso absprungbereit fühlt wie ich. Warum ist sie nur so schüchtern, so zurückhaltend, so spröde! Vermutet sie in mir so etwas wie einen billigen Kurschatten, der auf Abenteuer ausgeht, hier, wo er Urlaub von seiner Ehefrau hat? Hält sie mich für einen der üblichen Ehemänner, die in der Langeweile des Kurlebens, sobald sich eine Gelegenheit bietet, zu jedem Seitensprung bereit sind? Es ist merkwürdig, dass ich die Initiative ganz ihr überlasse und abwarte, ob sie mir ihre Adresse verrät. Ich bin ein völliger Neuling im Aufbau solcher Beziehungen, hat mich Ute doch so domestiziert, dass ich außer den vagen Flirts mit Marlies keinem weiblichen Wesen den Hof mache. Ich bin ungeübt und linkisch und habe die größte Angst, Susanne könnte mich endgültig zurückweisen, wenn ich zu forsch vorgehe. Ich weiß, dass ich mich bei ihr wohlfühlen würde, dass ihre Gegenwart meinem trüben Dasein Glanz verleihen könnte. Auch wenn es nur winzige Zuwendungen in homöopathischer Verdünnung wären, so hätten sie doch die größte Wirkung und könnten mich vielleicht retten.Frust-Coverbild-Ebook+Print (1)

 

Das entfesselte Denken

Die blühendsten, reichsten, kultiviertesten Städte, von denen ein riesiger Evolutionsschub ausging, die eine Schlüsselstellung in der Entwicklung der westlichen Moderne besetzen, haben eins gemeinsam, Kultur und Wissen spielten die erste Rolle, nicht die Religion.

Athen im fünften Jh. v. Chr. zur Zeit des Phidias, der klassischen Tragödien von Aischylos, Sophokles und Euripides, der Sophisten, des Sokrates usw. mit seinen zu gleichberechtigter politischer Mitwirkung gelangten (leider nur männlichen) Vollbürgern, war die „Schule von Hellas“ und wirkte örtlich und zeitlich weit darüber hinaus. Hier wurde der Grundstein des modernen wissenschaftlichen Denkens gelegt.

Das luxuriöse Rom nicht nur zur Zeit der Pax Augusta löste einen Zivilisations- und Technikschub aus.

The place to be um 800 n. Chr. war Bagdad, eine hochmoderne, ungemein reiche Metropole und ein Zentrum der Kultur und Naturwissenschaften, des offenen Austauschs, frenetischer Wissbegier.

Das Kalifat Córdoba (gegründet 711 n. Chr.) erfreute sich bereits der Straßenbeleuchtung zu einer Zeit, als London noch die Bezeichnung eines »schmutzigen, dunklen Lochs« verdiente. Ganz zu schweigen davon, dass über arabische Gelehrte wie Ibn Ruschd (12. Jh. n. Chr.), genannt Averroës, das verlorene antike Wissen von dort wieder nach Europa kam. Ebenso gelangte zu der Zeit die Algebra aus der arabischen Welt der Wissensmetropolen in den Westen, erfunden von dem persischen Mathematikgenie al-Khwarizmi (780–850), der ebenfalls die Algorithmen-Lehre entwickelte, die Verwendung von Dezimalzahlen und die Ziffer Null aus dem indischen in das arabische und damit in die modernen Zahlensysteme einführte.

Der nächste große Schub kam dann vom prachtvollen Florenz der Renaissance. Ein Wissensschub. Nicht nur in Kunst und Architektur. Man war dem griechischen Pantheismus näher als dem Christentum. Die „Religion“ der Genies war der Humanismus.

Averroës (Ausschnitt eines Gemäldes von Andrea Bonaiuto, 14. Jh.) sah in der Logik die einzige Möglichkeit des Menschen, glücklich zu werden. Die Logik (nach Aristoteles) lieferte für ihn die Möglichkeit, aus den Daten der Sinne zur Erkenntnis der Wahrheit zu kommen. Die Logik war für ihn das Gesetz des Denkens und der Wahrheit.
Averroës (Ausschnitt eines Gemäldes von Andrea Bonaiuto, 14. Jh.) sah in der Logik die einzige Möglichkeit des Menschen, glücklich zu werden. Die Logik (nach Aristoteles) lieferte für ihn die Möglichkeit, aus den Daten der Sinne zur Erkenntnis der Wahrheit zu kommen. Die Logik war für ihn das Gesetz des Denkens und der Wahrheit.

Frust, Revolte und Normalität: Roman

Und hier ein Foto der Autorin, meiner Mama, Jahrgang 1922, im Garten ihrer Eltern. Sie war damals Studentin.

Buchbeschreibung

Es ist ein Roman meiner Mama, den sie nicht mehr selbst herausgeben kann. Die Hauptfigur, Wolfgang Fink, ist Lehrer in den sechziger und siebziger Jahren. Das Chaos in den Klassen macht ihm gewaltig zu schaffen. Er leidet langsam aber sicher an einem typischen Burnout. („Woran liegt es, dass ich mir vorkomme wie ein Uhrwerk, das man zerlegt hat und das dennoch funktionieren soll?„) Nur Burnout gab es damals noch gar nicht. Man galt in so einem Fall nicht als krank. Und auch die älteren Kollegen, die noch durch den Zweiten Weltkrieg traumatisiert waren, ließ man mit ihren Traumen alleine. Gleichzeitig entfremdet Fink sich immer mehr von seiner Frau Ute und Ute von ihm. („Ich selbst könnte nur stockend vorbringen, was mich bedrückt, am allerwenigsten wortreich am Bildschirm vor einem Interviewer. Meine Rede wäre mit Angst durchsetzt, zögernd, farb- und glanzlos und unscheinbar. Ich trage keine Plakate vor mir her, meine Befindlichkeit ist nicht werbewirksam, ich kann nicht demonstrieren für mehr Rechte. Ich teile mich ja niemandem mit und äußere mich höchstens über mein Unterbewusstsein in Form von Angstschreien, die meine Frau bereits aus dem gemeinsamen Schlafzimmer vertrieben haben.„)

Der Roman beruht auf den Erlebnissen meiner Mutter. Sie hat vierzig Jahre an Gymnasien unterrichtet. Ihre Hauptfigur Wolfgang Fink spricht aus, was niemand in der Öffentlichkeit gerne sagen möchte, er entblößt ein System ebenso schonungslos wie sich selbst.

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Leseprobe Frust, Revolte und Normalität – Kapitel X Mief und Duft

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Aus dem Roman meiner Mutter:

Kapitel X

Mief und Duft

Der Sprecher redet teilnahmslos wie immer. Flugzeugkatastrophe, Bürgerkrieg im Libanon, Belagerung von Kabul, Konjunkturdaten, der Empfang beim Bundespräsidenten, Sektgläser werden gereicht, Lichtreflexe von den Kronleuchtern auf Krawatten und Seidenkostümen, alles recht feierlich, oft zu gestelzt, zu wohlanständig, zu honorabel. Der Nachrichtensprecher ändert den Ton nicht, wie auch der Inhalt seiner Botschaft sein mag, ob Krieg, ob Hungersnot, ob festlicher Anlass.

Ändere ich ebenso wenig meinen Ton im Unterricht, wecke ich ebenso wenig Aufmerksamkeit wie der Nachrichtensprecher? Auch ich trete ähnlich auf wie er, im unauffälligen Anzug, nicht salopp, nicht modisch, sozusagen für das Auge des Normalverbrauchers. Ich vermeide es, mit meinem Äußeren Aufsehen zu erregen. Ganz anders meine jüngeren Kollegen, die in Turnschuhen und Jeans mit offenem Hemd zum Unterricht antreten. Die Schüler kommen als Skinheads, als Punks, als Freaks und Rocker. Ich aber stehe außerhalb der Bannmeile betonter Schludrigkeit und des saloppen Umgangstons. Ich lege keinen Wert auf ein spezielles, für das Unterrichtsgeschehen passendes Äußeres, unterliege keinem Kleiderzwang, setze mich aber auch nicht einfach über gewisse Stilfragen hinweg. Trotzdem werden Eltern beim Direktor vorstellig, wenn die Schüler glauben, Anstößiges bei mir entdeckt zu haben, das die allgemeinen Moralvorstellungen zu verletzen scheint. Der Direktor nimmt widerwillig Verbindung mit mir auf und bittet mich inständig, in Zukunft ein weniger aufdringliches Rasierwasser zu benützen. Manche Schüler fühlten sich dadurch an einen dem Lehrer nicht zustehenden Luxus erinnert, was ihre empfindliche Nase störe und nicht in unsere mittelständisch geprägte Schule passe. Auch halte man meine Seidenkrawatten für eine Preisklasse zu teuer, da sie aus Häusern wie Armani oder Balmain stammen. Schüler hätten heutzutage doch ein Auge dafür. „Soll ich lieber in ausgefransten Jeans, in schmuddeligen Jacketts und mit fettigen Strähnenhaaren kommen?“, frage ich beleidigt und empört über derartige kleinbürgerliche Vorwürfe. „Schludrigkeit hat etwas mit Puritanismus zu tun. Aha, dass ich das jetzt erst begreife!“ Der Direktor verzieht nur ein wenig die Mundwinkel. „Sie wissen schon, was ich sagen will. Grundsätzlich mache ich den Kollegen keine Vorschriften, wie sie sich kleiden sollen. Nur sollte es keinen Ärger mit den Eltern geben.“ Ich bin erstaunt, dass ich als modisch, als den kapitalistischen Luxusgütern zugetan gelte. Eigentlich schmeichelt mir das.

Ein anderer Lehrer hat am Montag noch schwer zu tragen an der Demo, die so halb ins Wasser gefallen ist. Er kam am Sonntagabend völlig durchnässt nach Hause und hat sich gerade noch mit Mühe und Not auf den Unterricht vorbereitet. Soviel Ungemütlichkeit wie bei dieser Demo mit Gewitter und Hagelsturm, dazu noch Polizeigerangel hat er bisher kaum erlebt. Dahin war alle Heide- und Waldromantik. Sie mussten überstürzt die Zelte und die Laubhütten abbauen. Da konnte er sich beim besten Willen nicht mehr seinem Aussehen widmen. Zerknittert und alt sitzt er am Montagmorgen vor seinem Glas schwarzen Tee, den er gegen die aufkommende Erkältung schluckt. Diejenigen, die Grillpartys in Nachbars Garten mit viel Bierkonsum hinter sich haben, sehen nicht viel besser aus. Sie wirken verkatert und unausgeschlafen. Die Skinheads in den Klassen sind wohl auch mit ihren Motorrädern ins Grüne gefahren, aber es hat sie nicht sehr mitgenommen. Man begnügt sich da meistens mit Cola oder Limo. Den Lehrern dagegen sieht man es sofort an, wenn sie mal sonntags über die Stränge schlagen. Bei ihnen rächt es sich, wenn sie am Montagmorgen nicht in Form sind. Die Schüler sind da ohne Nachsicht. Sollen die doch ihren Ehefrust vom Sonntag, ihre Unausgeschlafenheit von der Demo her irgendwo anders abreagieren.

Diese Lehrer sollten sich besser nur aufs Faktische konzentrieren, als immer ihren persönlichen und politischen Quatsch bei ihnen, den Schülern, abzulagern. Was ging sie Wackersdorf an, was San Salvador und was Südafrika? Allmählich wächst da eine andere Generation heran, eine unpolitische, eine rein sachliche, die allmählich die Nase hochzieht, wenn so ein Lehrer barfuß in Kneipsandalen daherschlappt, sich mit der Hand durchs struppige Haar fährt und ein schmuddeliges Jackett trägt. Mein Auftritt, den ich mit möglichst unbeteiligter Stimme probe, geht daneben. Ich befinde mich in einem Schlafsaal. Die Mädchen tun so, als blickten sie an mir vorbei, während ihnen in Wirklichkeit nichts an mir entgeht. Sie haben vielleicht Anstoß genommen an meinen Krawatten. Ich verfalle in meinen gewöhnlichen Unterrichtston, der mir mehr behagt als die politischen Glaubensbekenntnisse der Kollegen, die meinen, sie müssten mit ihren Demonstrationen und Sitzstreiks sonntags die Welt verbessern. Vielleicht wollen sie mit solchen Ersatzbefriedigungen ihr Selbstbewusstsein wieder gewinnen, das ihnen die Schüler genommen haben. Die Schüler aber nehmen nur ihre Katerstimmung wahr. Die Politisierung der Schule ist vorbei. Solche politisch angehauchten Lehrer geraten immer mehr ins Abseits.

Zuweilen träume ich während des Unterrichts, schweife mitten im Satz ab und suche die negative Schulatmosphäre zu verdrängen. Aber es will mir nicht gelingen. Nur während einer Klassenarbeit, wenn alle Schüler über ihre Hefte gebeugt emsig schreiben, tritt Stille ein.

„Was führte Ihrer Meinung nach zum Untergang der Hanse?“, lautet die Frage. Sie runzelt die Stirn, legt ihr hübsches rundes Kinn in ihre kleine Kinderhand, rätselt herum, errät es fast und dann doch nicht. Sicher hat sie die ganze vorherige Nacht überlegt, im Bett lesend, immer wieder das Lehrbuch zur Hand nehmend. Sie konnte nicht den ganzen Sonntag über brüten, nachdem alle in der Familie mit dem Backen von Weihnachtsplätzchen beschäftigt waren, Teig kneteten, Eischnee schlugen, die Bleche beschmierten. Da konnte sie nicht verbissen auf ihrem Zimmer in das Buch starren und sich fragen, was dieses blühende Gemeinwesen, die Hanse, zusammenbrechen ließ auf den eisigen Wegen nach Nowgorod. Sie stellte sich die Schlitten vor, die übers knirschende Eis fuhren, das Glockengebimmel, die heulenden Wölfe, die ihnen folgten, während sie durch die nördliche Landschaft rasten. Dann roch sie den immer intensiveren Duft des Gebäcks, klappte das Buch zu.

Ich bereue es, die Arbeit ausnahmsweise montags schreiben zu lassen. Die Schüler haben am Sonntag zu viele Ablenkungen. Ich sehe, wie Isabel mit dem Stoff ringt. Die Seiten liegen weiß und leer vor ihr, sie kann die Sonntagsträume nicht loswerden, die sie vielleicht von den nördlichen Gestaden in südlichere führten, wo sie im lauen Sommerwind den flatternden Rock zusammenhielt und den breitkrempigen Hut fest an ihren Leib presste, damit ihn der Wind nicht wegwehte, während sie ins Wasser watete und die Fischerboote im Abendlicht verschwammen. Jemand kam auf sie zu, der zunächst wie ein Punkt aussah und immer größer wurde. Eine kräftige Männerhand legte sich auf ihre Schultern, zärtliche Worte wurden ihr ins Ohr geflüstert, sie saugte sie gierig in sich auf. Aber da ist es fast schon zu spät. Die Feder vollführt einige Pirouetten in ihrer kleinen Mädchenhand, der Zeiger auf der hübschen Armbanduhr rückt unweigerlich dem Ende der Stunde zu. Ich muss ihr die Bogen gewaltsam entreißen. Ihr Kopf glüht. Sie wird kaum mehr als eine „Fünf“ produziert haben. Unsere Blicke begegneten sich für ein paar Sekunden in einer geheimen Komplizenschaft, mein objektiver Lehrerblick und ihr frischer, flehender Jungmädchenblick. Natürlich wird sie wie schon oft darauf spekulieren, dass ich die Notenskala so einrichte, dass sie gerade noch eine „Vier“ bekommt. Sie ist die einzige in der Klasse, derentwegen ich eine solche Manipulation vornehmen würde. Ich bevorzuge sie nicht, oft tue ich sogar so, als ob ich sie gar nicht bemerke. Alles geht in höchster Diskretion vor sich. Wir wissen, dass wir unser gemeinsames kleines Montagserlebnis hatten.

Es macht mich glücklich, dass ich Schülerinnen habe wie Isabel, die mir zugetan sind. Sie hören mir zu und akzeptieren mich, wie ich bin. Ich weiß, dass ich vom Durchschnitt der Schüler aktive Mitarbeit gar nicht verlangen kann, dass ich froh sein muss, wenn ich als Lehrperson geduldet werde und man mir ein wenig Einfluss zubilligt. Im Fall Isabels bin ich Herr über die Notengebung, ich kann mir einen gewissen Spielraum willkürlicher Entscheidungsgewalt reservieren, an dem niemand Kritik übt. Zwar handelt es sich um eine minimale Gewalt, die ich nur in dem einen oder anderen Fall anwende, nämlich dann, wenn etwa wie bei einem hübschen Mädchen wie Isabel meine Sympathie im Spiel ist. Dann hängt meine Entscheidung von meinem Wohlwollen ab, und das rein sachliche Schüler-Lehrer-Verhältnis weicht einem Funken menschlichen Gefühls.

Im Allgemeinen weiß ich es schon zu schätzen, wenn meine Stimme nicht überbeansprucht wird, ich einen moderaten Unterrichtston beibehalten kann und ich bis zur letzten Reihe durchdringe, ohne zu brüllen. Normalerweise ist der Stimmaufwand für einen Lehrer in mittleren Klassen enorm. Er muss die Geräuschkulisse, die dreißig, vierzig Schüler permanent erzeugen, durchbrechen können. Oft gelingt ihm das überhaupt nicht, weil er eine zu schwache Stimme hat und er sich durch seinen Unterricht kein Gehör verschaffen kann. Es bedarf einer großen Meisterschaft, allein dieses stimmliche Problem zu bewältigen und sowohl das orkanartige Gebrüll zu vermeiden wie auch den absichtlich zum Flüstern herabgeschraubten Ton. Beide Methoden verfangen nicht und untergraben nur noch mehr die Autorität. Sie geben den Lehrer der Lächerlichkeit preis. Es bleibt nichts anderes übrig, als im wahrsten Sinne des Wortes den richtigen Ton zu treffen. Manchen Lehrern gelingt dies ein Leben lang nicht. Sie müssen vom ersten Tag ihres Unterrichts an mit dieser ständigen Geräuschkulisse leben. Kein Wunder, dass sie langsam taub und zittrig werden. Die Geräuschkulisse setzt sich aus Privatgesprächen, aus Kichern, aus witzigen Bemerkungen und geflüsterten Wörtern zusammen. Sie ist unentwirrbar und unberechenbar. Man weiß nicht, warum sie plötzlich aufhört. Manchmal ist ein Zwischenruf zu vernehmen, dem alle zuhören. Manchmal lachen alle gleichzeitig, und man weiß nicht, warum. Man ist ausgeliefert, man kommt nicht dagegen an. Mit der Geräuschkulisse schützen sich die Schüler vor einem durch den Lehrer bestimmten Unterricht. Er kann wohl die erste Stimme singen, die anderen aber singen die Schüler, und zwar so, wie sie es für richtig halten. Wenn ich mir selbst zuhöre, bemerke ich das falsche Pathos und die Zerstreutheit, mit denen ich einen Text vorlese. Ich bin nicht bei der Sache. Ich staune, wie ich trotzdem die Klasse im Zaum halte, wie es mir während des Lesens noch gelingt, die Aufmerksamkeit der Schüler zu wecken. Sogar Fragen kann ich ihnen entlocken, sie für manche Textstellen interessieren, ein lebhafter Dialog zwischen mir und einigen Schülern ergibt sich, die anderen sind solange wenigstens still, mimen Anteilnahme.

Bei Redefächern wie Deutsch, Geschichte, Politik kommt es immer auf die Art der Darstellung an. Der Gegenstand soll ansprechend verpackt sein, reizvoll aussehen. Dann beißen einige Schüler an. In den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern braucht man sich lange nicht solche Mühe zu geben. Da zählen nackte Fakten und Daten, und es bedarf keiner besonderen Rednergabe oder Ausdrucksfähigkeit. Die mit Winkel und Lineal bewaffneten Kollegen in den weißen Kitteln haben es leichter als wir in den Gesinnungs- oder Diskussionsfächern. Sie brauchen nicht Rede und Antwort zu stehen, es genügt, das richtige Ergebnis zu erarbeiten. Bei uns aber gibt es kein richtiges Ergebnis, sondern nur gute und schlechte Ausdrucksweisen, guten und schlechten Stil. Aber es ist sehr schwer nachzuweisen, woran es liegt, dass der eine Schüler die Sprache beherrscht, ein anderer aber nicht. Nichts ist in meinen Fächern schwarz auf weiß nachzuweisen, nichts gibt es, das nicht anzuzweifeln oder in Frage zu stellen wäre.

Ich muss mich um Anreize bemühen, die einen an sich trockenen und in einer altertümlichen Sprache abgefassten Inhalt aus den letzten Jahrhunderten so erscheinen lassen, als handle es sich um eine Comicserie oder einen Krimi. Das Hilfsmittel eines modernen Aufputzes wie auf der Bühne steht mir nicht zur Verfügung. Ich muss zur größten Langweile der Schüler den klassischen Stoff so darbieten, wie er ist. So geht es mit allem Klassischen. Ihm wird nur noch pro forma ein Ehrenplatz in den Lehrplänen eingeräumt. Man will ja die klassisch humanistische Bildung nicht ganz über Bord werfen.

In einem Fach wie Geschichte weiß ich, dass mir nichts anderes übrig bleibt, als den Inhalt zu verfälschen. Ich kann es mir nicht leisten, wie ein Professor nur Faktisches vor einem geduldigen Publikum auszubreiten. Ich bin kein Dozent, eher ein Entertainer, der sein Publikum in Spannung versetzen muss. Ich bin dem Dauerverschleiß der Auftritte vor einem Publikum ausgeliefert, das ständig drauf und dran ist, mich auszupfeifen. Meine Anstrengung besteht darin, es bei der Stange zu halten, seine Aufmerksamkeit wenigstens für kurze Zeit zu erwecken. Allzu viel darf ich nicht verlangen. Was für ein Glück, wenn ich allein spreche, wenn auch noch der Letzte zuhört und ich die Blicke der Schüler sammle wie in einer Linse. Nach einer Viertelstunde ebbt diese Aufmerksamkeit schließlich ab, die allgemeine Erschlaffung überträgt sich auf mich, ich erlahme, meine Rede wird flacher, ich verliere den Faden, sehe die einzelnen Gesichter nicht mehr, das von Isabella verschwimmt mir vor den Augen, alles zerfließt zu einem Brei. Ich schweife ab, wende mein Augenmerk Nebensächlichem zu, jedes unwichtige Detail fällt mir auf, die Zigarettenkippe, die vor Michaels Füßen liegt, die kauende Bewegung eines Mundes, der den Kaugummirest freigibt. Ich bemerke die zu einer kleinen Kugel geknetete Masse, die zwischen Daumen und Zeigefinger zerrieben und dann unbemerkt auf den Linoleumboden fallen gelassen wird, wo ihn eine Schuhsohle breitwalzen würde. Nichts geht verloren in dieser Welt, kein Kaugummirest, keine Bananenschale, kein Apfelrest.

Ernüchterung tritt ein. Nun sind es nur noch Hände, nur noch Gesichter, nur noch Schuhe, in denen Füße stecken. Die Hände legen sich auf die Mappen oder auf die Aktenkoffer, schieben die Papiere in die Fächer, ordnen die Kopien, die ich ausgeteilt habe. Einer schlägt den Taschenkalender auf und sucht das Datum für die nächste Klausur.

Isabel beobachtet Kurt dabei, wie er den Aufschrieb von der Stunde beendigt. Sie missbilligt ihn, weil er so rasch und ohne Aufheben mit allem fertig ist, regt sich auf, weil diese Jungen meinen Unterricht unter „unwichtig“ einstufen. Sie ist eine fleißige und aufmerksame Schülerin, lässt sich durch nichts ablenken und hält alles fest, was ich jetzt halb bewusst, halb unbewusst noch von mir gebe. In ihrem Heft hat dies alles System, geht ein roter Faden durch alles, was sich mir jetzt in meiner Zerstreutheit rein zufällig anbietet. Sie lässt mich die gelangweilten Blicke der anderen ertragen, nimmt keine Rücksicht, wenn sie den Unwillen der anderen durch ihre eifrige Mitarbeit erregt. Nur dank Isabels Aufmunterung ertrage ich die Mehrheit derer, die zwar keine nach außen sichtbare, innerlich aber umso festere Blockade meines Unterrichts praktizieren. Wahrscheinlich würde ich den vielen erliegen, ihrem lähmenden Einfluss und ihrer bleiernen Uninteressiertheit, wenn mich nicht immer wieder so ein Zugpferd wie Isabel hochrisse, denn auf die Dauer kann ich nicht immer allein die Lokomotive meines Unterrichts sein. Die Schüler hängen wie schwere Erdklumpen an meinen Füßen, ich komme nicht von der Stelle, wenn sie das Unterrichstempo bestimmen. Ich ließe mich niederziehen von der mangelnden Begeisterung und könnte diesen Schlepperdienst nicht mehr leisten, kämen mir nicht Isabel und einige andere wenige zu Hilfe. Manchmal meine ich sogar, von dem einen oder anderen verstanden zu werden. Es gibt einige, die wissen, wie schwierig meine Rolle ist, wissen, dass ich nicht unfehlbar bin und fortwährend daran gehindert werde, meine Rolle ordentlich über die Bühne zu bringen. Sie haben sogar Mitleid mit mir, dürfen dies aber nicht vor den anderen zeigen. Die würden sie sonst ausstoßen aus ihrer Phalanx gegen mich. Ich soll ruhig weiter versuchen, mit Worten, mit Gesten, ihnen Inhalte nahezubringen, auf denen sich Moos abgesetzt hat und die ihnen total egal sind. In ihren Köpfen spielen sich Bundesligaspiele, Tennisweltmeisterschaften oder Videoclips ab.

Nirgends ist die Neugierde sonderlich groß. „Fausts Ende zweiter Teil“ reißt auch meine Anhänger nicht aus den Sitzen hoch, und der Besuch im Marbacher Schillermuseum ist auch für sie eher ein Pflichtgang. Die Hinterlassenschaft dieser schwäbischen Genies, eingesperrt und sorgfältig aufbewahrt in den Glasvitrinen, ist ihnen fremd. Überall, wo es nach Vergangenheit riecht, wo vergilbte Manuskriptseiten, verschnörkelte Handschriften zu sehen sind und der Staub der Tradition zu Ehrfurcht Anlass geben soll, schalten meine Schüler ab. Alle bleiben sie stumm vor unserer geistigen Überlieferung. Selbst der Besuch einer Peymanninszenierung von „Don Carlos“ regt sie weniger an als ein Fußballspiel. Sie sehen die Schule als Durchgangsstation. Auf der Universität erst wird man das Hauptsächliche lernen. Dort erst wird wirkliches Interesse verlangt werden. Bis dahin kann man seine Kräfte aufsparen. Das Schulwissen fällt durch ein Sieb der Vergessenheit, es ist nutzlos geworden.

Ich habe mich entschlossen zu dieser Rolle, also bleibt mir nichts anderes übrig, als meinen Anzug glatt zu streichen, den Mund aufzumachen, zu versuchen, das Publikum durch immer neue Einfälle aus seiner Lethargie zu reißen. Doch ich fühle, dass ich kaum bis zum Schluss durchhalte, weil die Anspannung zu groß ist. Innerlich zittere ich vor einem völligen Versagen noch vor Schluss der Stunde.

Oberflächlich gesehen war alles in Ordnung. Man sah mir nichts an. Meine Gesichtsmuskeln waren etwas verzerrt, meine Handbewegungen verkrampft. Unmotiviert habe ich die Ellbogen immer wieder aufgestemmt, habe den Schülern in der ersten Reihe irre Blicke zugeworfen oder das Gähnen aus soundsovielen Mündern direkt vor mir mit dem Zucken der Mundwinkel ertragen, das geradezu aussah, als setzte ich zu einem Weinkrampf an. Das orkanartige Schnäuzen in der hinteren Reihe, der starre Blickkontakt mit immer demselben Schüler haben mich schliesslich aus der Fassung gebracht. Ich wusste es hinterher, als ich mich, völlig ermattet auf den Stuhl im Lehrerzimmer sinken ließ. Ich wollte mal zur Abwechslung eine richtige Vorstellung geben, alles aus mir herauspumpen, was wirklich in mir war, zeigen, dass ich auch Glanzstunden halten konnte. Und das war das Ergebnis: dieses Häuflein Elend, das ich war mit dem durchgeschwitzten Hemd.

Anderen Lehrern muss es ähnlich ergehen. Warum sonst hatte die Junglehrerin Keil dauernd zernagte Lippen und angekaute Fingernägel? Warum nähme nicht sonst der Kollege Herrmann mit jenem traurigen Hundeblick jeden Tag die Zettel und Bücher aus seinem Fach? Warum sonst klappt ein Kollege ständig seine Bücher auf und zu und wirbelt zum Ärger seiner Nachbarn Staub auf? Nicht anders wie eine Hausfrau, die Sofakissen ausklopft! Warum muss er sich einer derartigen Zwangshandlung unterziehen und die anderen Kollegen belästigen, die seinen Bücherstaub wie selbstverständlich einatmen müssen? Solche Handlungen, unbewusst begangen, gleichen jenem fiktiven Läusesuchen ehemaliger Kriegsgefangener in russischen Lagern, die sich auch heute noch durch ihre schütteren Haare fahren und Läuse knipsen, die es darin schon lange nicht mehr gibt. Oder warum kaut mein Nachbar im Lehrerzimmer seine Brotstullen so gewissenhaft und knabbert daran herum wie ein Eichhörnchen? Doch sicher nicht, weil er Appetit hat, sondern nur weil er durch das Kauen sein Unterrichtstrauma kompensieren muss.

Immer wenn der katholische Religionslehrer im Lehrerzimmer auftaucht, kommt er mir mit seiner breiten Glatze, die von einem rotblonden zottigen Haarkranz umgeben ist wie von einem Heiligenschein, vor, als haben ihn die Klassen davongejagt. Er wirkt, als sei er auf der Flucht, als sei einer hinter ihm her, so gehetzt ist er, so atemlos, so verwirrt. Bei seinem Anblick bekomme ich ein komisches Gefühl in der Magengegend, ich strebe der Toilette zu, vermeide jeden Blick in den Spiegel über dem Waschbecken und übergebe mich in die weiße Schüssel der Toilette.

Ich komme ins Lehrerzimmer zurück, etwas schwankend, etwas grün im Gesicht, bleich. Niemand bemerkt es. Wäre ich in der Toilette tot umgefallen, hätte mich keiner vermisst.

Der Zufall hat es gewollt, dass erst gegen Mittag, als ich bereits eine ganze Weile zusammengekauert in der verschlossenen Toilette liege, einer aufmerksam wird. Der Hausmeister wird geholt. Er schließt mit einem Nachschlüssel die Toilette auf. Die meisten Kollegen sind schon nach Hause gegangen, die meisten Schüler auch. Es ist gespenstisch leer in der Schule, als man den Wagen vom Roten Kreuz vorfahren hört. Dem Direktor ist es ganz recht. So wird kein großes Aufsehen erregt. Ich werde auf eine Trage gelegt, ein zusammengekrümmtes Stück Mensch, das man an einem unwürdigen Ort aufgefunden hat.

Man benachrichtigt Ute und die Kinder. Sie sitzen bereits am Mittagstisch und wundern sich, wo ich so lange bleibe. Ute springt auf, als es läutet. Seit Neuestem bekommt sie immer diese Röte im Gesicht, die vom Hals aufsteigt. Es ist aber nur der Postbote, der einen eingeschriebenen Brief bringt. Enttäuscht und aufgeregt setzt sie sich an den Tisch zurück. Dann, als das Telefon geht, weiß sie, dass ihre böse Ahnung sie nicht getrogen hat. Sie eilt auf die Intensivstation des Krankenhauses, wohin man mich, den klinisch Toten, gebracht hat, und wartet allein auf dem Gang. Die Ärzte und Schwestern huschen vorbei und wollen nichts von ihr wissen. Für sie schweben jeden Tag Patienten zwischen Leben und Tod, es ist nichts Außergewöhnliches. Ute wartet auf eine Nachricht von mir. Sie kann sich vorstellen, wie ich daliege, durch Schläuche an alle möglichen Apparaturen angeschlossen und wahrscheinlich nicht mehr zu retten. Immer hat sie etwas Derartiges erwartet, immer wusste sie, dass sie eines Tages schrecklich allein sein würde.

Nicht einmal heute will Peter auf den Basketball-Nachmittag verzichten, nicht einmal heute hat Verena Zeit, um ihre Mutter hierher zu begleiten. Sie ist ganz allein hier. Bis sie einen Arzt auf sich zukommen sieht, scheinen Stunden vergangen zu sein. Sie weiß, die Trennungslinie zwischen diesem und jenem Leben ist schmal. Nun erfährt sie, dass man drei Stunden, ja so lange, um das Leben ihres Mannes gerungen hat. Der Arzt hat weder traurige noch frohe Augen, er scheint überhaupt keine Augen zu haben, blicklos zu sein, vielleicht ein Astronaut in seinem weißen Anzug, der auf das irdische Geschehen wie auf das eines fernen Sternes sieht, der so und so oft die gleiche Mitteilung den Angehörigen, die in den Gängen warten, macht, routinemäßig. Einen Rest von Weiblichkeit hat sie sich noch bewahrt, eine kleine Eitelkeit, mit der sie jetzt umgehen muss wie mit einem kostbaren Pfund, das ihr von dem strapaziösen Leben mit mir noch geblieben ist. Mit einem gewissen koketten Lächeln versucht sie nun den jungen Arzt dafür zu gewinnen, ihr, da er doch ein Mann ist, ein wenig in dieser schrecklichen Minute beizustehen, nicht als Arzt, sondern als Mann. Sie weiß, dass dies jetzt für sie etwas ganz Wichtiges ist, aus einem anderen Mann einen kleinen Funken zu schlagen mit diesem kleinen weiblichen Rest, der ihr mit mir zusammen gar nicht mehr aufgefallen ist. Wann haben wir das letzte Mal miteinander geschlafen? Wann haben wir noch miteinander geflirtet? Sie hat doch in letzter Zeit das alles abgelehnt. Es war für sie nurmehr ein seltsames Gestrampel, das man da im Bett miteinander betreibt. Ihr früher so apartes sexuelles Gebaren hat sie längst ad acta gelegt. Sie mochte sich keine Mühe mehr mit mir geben. Nicht einmal Sexpartner waren wir mehr gewesen. Unseren Kindern haben wir dieses Feld überlassen. Wir waren nur noch tatenlose Voyeure.

Da drinnen liegt ein Körper, aus dem kein Funke Lust mehr zu schlagen ist. Zu spät, alles zu spät! Man hat es versäumt, das schöne Leben, und sie kann es nicht mehr nachholen. Sie ist eine Verlassene, eine um ihr Leben Geprellte, eine Getäuschte und Betrogene, und ein wilder Hunger wird in sie einziehen, der Hunger nach dem Leben, nach dem Mann.

Schlagartig merkt sie, dass sie ihn liebt, dass sie nur ihn begehrt, nur seinen Körper, von dem sie sich mit dem Vorschlag der zwei Schlafzimmer so mutwillig getrennt hat, als nehme sie damit die ewige Trennung, die durch den Tod, vorweg. „Sollen wir Ihnen noch die Sachen Ihres Mannes mitgeben?“, fragt eine Schwester, die jetzt plötzlich vor ihr steht. Noch immer sitzt sie auf der Bank im Gang. Sie weiß nicht, wie sie da weg, wie sie nach Hause gekommen ist und ins Wohnzimmer. Sie sitzt da und starrt auf die Silbertannen in Nachbars Garten, auf die schweren Zweige, die fast zum Fenster hereinwachsen und die man schon längst hätte schneiden sollen. Ein düsteres Totenhaus ist es geworden, in dem man nicht mehr wohnen möchte. Warum hat sie das früher nicht gemerkt? Warum ist sie nicht schon lange ausgezogen, sondern spürt jetzt erst, wie unerträglich alles ist, auch diese Verschönerung, mit der sie ihr Heim immer von neuem attraktiv machen wollte. Sie sieht, dass alle diese äußeren Veränderungen sinnlos waren, dass alles von Anfang an schlecht war und es daher nur logisch sein konnte, dass ich mit dieser Übelkeit, mit diesem Ekel und Überdruss in einer Toilette enden musste.

Auch sie würde sich jetzt am liebsten übergeben. Auch sie hasst jetzt die kleinen Schritte und dieses elende tägliche Sichbemühen um Haltung, um die Meisterung des Alltags, dieses fade und leere Getue vor den Nachbarn. Nichts hat man wirklich gern gemacht, immer war es wie ein Gang mit Krücken, immer war es, als sei man krank, als unterdrücke man nur das Keuchen, das in einem war.

Sie lässt sich alle Einzelheiten schildern, sie will es genau wissen. Der Direktor, der ihr die Peinlichkeit ersparen will, stockt, als er ihr den Bericht über mein Verschwinden gibt. Ute sieht darüber hinweg, wie sie über alles hinwegsieht, seitdem sie weiß, dass niemand die wahre Natur ihres Schmerzes erraten wird. Sie nimmt sogar Rücksicht auf den Direktor, der ihr einen Trauerbesuch abstattet. Sie sieht in ihm einen zartfühlenden Menschen, nicht den kühlen gleichgültigen Vorgesetzten, über den ich mich immer bei ihr beklagt hatte.

Seit ich tot bin, kann Ute sich ein eigenes Urteil bilden. Sie sieht die Welt nicht mehr durch meine Brille. Sie hält es für eine normale Reaktion, dass der Direktor bei seinem Kondolenzbesuch nur mit Mühe von dem Ort sprechen kann, an dem ich das Bewusstsein verloren habe. Er verschluckt die Silben, so peinlich ist es ihm, und dankbar nimmt er das Glas Likör an, das sie ihm anbietet. Sie fand sogar jetzt, plötzlich gattenlos geworden, in ihm einen ganz attraktiven Mann, der eine angenehme Stimme hatte und ihr sehr sympathisch war, weil er derselben Berufssparte wie ihr Verstorbener angehörte, aber im Gegensatz zu mir und wohltuend für sie, auf eine unproblematische und selbstverständliche Art. Als er einen dunkelroten Nelkenstrauß behutsam auf die Kommode im Flur legt, ist sie sogar zu Tränen gerührt. Wie verständnisvoll doch alle plötzlich sind und besonders die Männer! Der Trauerbesuch meines Chefs überzeugt sie noch nachträglich davon, dass ich kolossal übertrieben habe, als ich ihr die desolaten Zustände an der Schule schilderte. Seit Langem hatte sie nicht so gut geschlafen wie jetzt, da sie so viel Gutes von den Leuten erfuhr.

Sie beruhigt sich immer mehr. Es ist ihr klar, dass ich ein armer Mensch war. Meine Kollegen, die sie nun nach der Beerdigung regelmäßig besuchen, wachsen ihr ans Herz. Das sind alles liebe und gute Menschen, nicht diese Unmenschen, die ich geschildert habe. Sie überzeugt sich, dass ich mich immer zu Unrecht beklagt habe. Diese Leute, die sie nun kennenlernt, sind nicht dieselben, die ich beschrieben habe. Ich behauptete immer, die Lehrer verkörperten denselben unerfreulichen Menschentyp, den die Atmosphäre an der Schule so geprägt habe. Endlich kommt sie von diesem negativen Menschenbild los, und so bringt ihr mein Tod in vielfacher Weise eine Befreiung. Die Selbständigkeit, die sie nach ihrer Verlobung mit mir aufgegeben hat, kommt zurück. Sie ist noch nicht zu alt, um alles nachholen zu können, was sie mit mir versäumt hat. Alles hat sie meinetwegen liegen und stehen lassen, damals, nachdem wir uns in einem Schwimmbad zum ersten Mal gesehen haben, ich, viel zu dürr, zu knochig, um sofort ihren Gefallen an mir zu wecken, sie selbst in allem ein vollkommenes Mädchen, groß, schlank, blond, selbstsicher, zielbewusst.

Die Hochzeit war zugleich die Beerdigung ihrer geheimen Wünsche. Als sie darüber nachdenkt, versinkt sie in tiefem Selbstmitleid. Die Zeit mit mir muss ihr wie ein dunkler Durchgang erscheinen, an dessen Ende sie nun endlich angelangt ist. Zum Glück hat sie mit Hilfe harter Erziehungsarbeit an sich selbst ihr ursprünglich heiteres Wesen gerettet. Aber es war nicht genussvoll gewesen, so sagt sie sich jetzt, da lag zuviel Verzicht drinnen. Und vielleicht hatte sie mir nicht einmal zu dem verholfen, was sie beabsichtigt hatte mit ihren Gesundheitsrezepten und ihren Fitnesskuren, zu einer gewissen Befriedigung. Ute legt ihr Gesicht in beide Hände und beugt sich unter der Last so vieler Versäumnisse.

Sie macht sich nicht, wie Witwen es sonst tun, Vorwürfe wegen versäumter Liebesbeweise. Daran hat sie es weiß Gott nicht mangeln lassen. Nein, sie macht sich keine Vorwürfe, sie klagt auch nicht. Ihre Trauer ist nicht die übliche. Sie wütet nicht gegen mich, gegen ihren ehemaligen Gatten, weil ich sie mit meinen ewigen Klagen und meinem Unglücklichsein um die besten Jahre gebracht habe. Nein, sie tut das einzig Richtige, etwas, was ihr allein ihr Instinkt sagt, der bei Ute immer in Ordnung war, nämlich vergessen. Sie vergisst mich und alles, was mit mir zusammenhängt, streicht es aus dem Gedächtnis, und zwar sofort, verbannt mich und meine Hinterlassenschaft leichten Herzens aus der Erinnerung. Sie will nichts mehr mit mir zu tun haben und ganz so tun, als hätte es mich niemals gegeben, jedenfalls nicht in ihrem Leben. Sie ist noch nicht zu alt. Sie sieht immer noch gut aus. Sie kann sogar noch eine neue Berufslaufbahn beginnen, die ihren Lebenszuschnitt und den ihrer Kinder gewaltig verbessern hilft. Dieser Optimismus ist ein Saatkorn, das aufgehen wird inmitten der dunklen Erde ihrer Witwenzeit. Es wird eine herrliche Pflanze daraus erwachsen, die nicht aus meinem Grabhügel sprießt. Ihr sind durch meinen Tod plötzlich Flügel entstanden. Vorbei ist es mit der Immobilität, mit der Stagnation der Gefühle. Sie lebt, sie lebt zum ersten Mal, sie ist zum Leben erwacht. Ich sehe es genau vor mir, dieses optimistische Witwengesicht Utes, aus dem die Falten verschwinden.

 

 

Frust

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Der Umschlag ist fertig!

 

Aus Rose’s Roman:

„Ich selbst könnte nur stockend vorbringen, was mich bedrückt, am allerwenigsten wortreich am Bildschirm vor einem Interviewer. Meine Rede wäre mit Angst durchsetzt, zögernd, farb- und glanzlos und unscheinbar. Ich trage keine Plakate vor mir her, meine Befindlichkeit ist nicht werbewirksam, ich kann nicht demonstrieren für mehr Rechte. Ich teile mich ja niemandem mit und äußere mich höchstens über mein Unterbewusstsein in Form von Angstschreien, die meine Frau bereits aus dem gemeinsamen Schlafzimmer vertrieben haben.“

 

Rose’s Welt in der Schublade

In den Schubladen meiner Mutter befinden sich eine Menge unveröffentlichter Manuskripte. Sie kann sie nicht mehr herausgeben. Daher versuche ich, es zu tun. Ich fange an mit dem Schulroman „Frust und Revolte“ (Untertitel: Die Leiden des Lehrers Wolfgang Fink).

Eine kleine Textpassage:

„Mein Herz schlägt fast hörbar, es fühlt sich eingeengt zwischen den Rippen, auf denen nur noch wenig Fleisch sitzt. Ich bin abgemagert seit den vielen Prüfungen, den Zeugniskonventen. Trotz der dauernden Bewegung, in der ich mich befinde, bin ich nicht weitergekommen. Trotz der vielen Übungen und den vielen Neuanfängen komme ich immer wieder zur selben Stelle zurück. Es ist doch, als ob meine Persönlichkeit immer mehr zerfiele, als ob es mich gar nicht mehr gäbe, mich, Wolfgang Fink, und ich nur noch das ausführende Organ einer Behörde, eines Systems sei, das mir seine Anweisungen auf anonymem Weg zukommen lässt.“Skelett vor Schultafel

 

 

 

Leseprobe Kraftplätze

KraftplätzeMöchte hier sehr gerne ein Buch über Kraftplätze vorstellen. Es handelt sich dabei häufig um Orte mit physikalischen Besonderheiten, um wirkende Orte. Manche spüren dort ein Gefühl besonderer Klarheit. Es gibt hier eine Verbindung zur Transzendenz, ins Jenseits. Und es ereignen sich auch Heilungen. Also eine faszinierende Materie.

Leseprobe Kraftplätze in Franken 30-3-2016

Ullrich Kleinhempel, einer der Co-Autoren, über diesen tollen Guide (Hrsg. Wolfgang Körner):

Zum Buch „Kraftplätze in Franken – Geomantischer Guide zu Kultstätten und energetischen Orten“, Schesslitz, 2016: Vivita Verlag:

Das Buch handelt von der Ausstrahlung von Orten. Zu vierzig Orten in Franken wird dargestellt, wie naturräumliche, religions- und kulturgeschichtliche Kräfte an ihnen zusammen wirken. Unter den Verfassern sind Landschaftsarchitekten, einige von ihnen geomantisch „hellfühlend“ – so W. Körner, der Herausgeber – Religionswissenschaftler, Historiker und andere. Es ist auf eine neue Weise ein Buch, das dazu hinführt, in einen wissenden und zugleich fühlenden Bezug zu diesen Orten mit ihren besonderen „Energien“ und Geschichten zu treten.

Von den Wurzeln dieses handlichen Buches, führt eine in das Werk O. Kleinknechts: Das Gedächtnis von Gegenständen oder die Macht der Dinge, Würzburg, 2011. Einige Beiträge – so von U. Kleinhempel – verdanken ihm wesentliche Anregungen.

Die GPS-Koordinaten zu den Orten erlauben es, auch Orte in der Natur genau aufzufinden.

Schön bebildert wurde es von W. Murr, einem Absolventen der Nürnberger Akademie der Bildenden Künste, deren „Schule des Sehens“ einige Aufnahmen ihre besondere künstlerische Qualität verdanken.