Leseprobe Frust, Revolte und Normalität – Kapitel X Mief und Duft

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Aus dem Roman meiner Mutter:

Kapitel X

Mief und Duft

Der Sprecher redet teilnahmslos wie immer. Flugzeugkatastrophe, Bürgerkrieg im Libanon, Belagerung von Kabul, Konjunkturdaten, der Empfang beim Bundespräsidenten, Sektgläser werden gereicht, Lichtreflexe von den Kronleuchtern auf Krawatten und Seidenkostümen, alles recht feierlich, oft zu gestelzt, zu wohlanständig, zu honorabel. Der Nachrichtensprecher ändert den Ton nicht, wie auch der Inhalt seiner Botschaft sein mag, ob Krieg, ob Hungersnot, ob festlicher Anlass.

Ändere ich ebenso wenig meinen Ton im Unterricht, wecke ich ebenso wenig Aufmerksamkeit wie der Nachrichtensprecher? Auch ich trete ähnlich auf wie er, im unauffälligen Anzug, nicht salopp, nicht modisch, sozusagen für das Auge des Normalverbrauchers. Ich vermeide es, mit meinem Äußeren Aufsehen zu erregen. Ganz anders meine jüngeren Kollegen, die in Turnschuhen und Jeans mit offenem Hemd zum Unterricht antreten. Die Schüler kommen als Skinheads, als Punks, als Freaks und Rocker. Ich aber stehe außerhalb der Bannmeile betonter Schludrigkeit und des saloppen Umgangstons. Ich lege keinen Wert auf ein spezielles, für das Unterrichtsgeschehen passendes Äußeres, unterliege keinem Kleiderzwang, setze mich aber auch nicht einfach über gewisse Stilfragen hinweg. Trotzdem werden Eltern beim Direktor vorstellig, wenn die Schüler glauben, Anstößiges bei mir entdeckt zu haben, das die allgemeinen Moralvorstellungen zu verletzen scheint. Der Direktor nimmt widerwillig Verbindung mit mir auf und bittet mich inständig, in Zukunft ein weniger aufdringliches Rasierwasser zu benützen. Manche Schüler fühlten sich dadurch an einen dem Lehrer nicht zustehenden Luxus erinnert, was ihre empfindliche Nase störe und nicht in unsere mittelständisch geprägte Schule passe. Auch halte man meine Seidenkrawatten für eine Preisklasse zu teuer, da sie aus Häusern wie Armani oder Balmain stammen. Schüler hätten heutzutage doch ein Auge dafür. „Soll ich lieber in ausgefransten Jeans, in schmuddeligen Jacketts und mit fettigen Strähnenhaaren kommen?“, frage ich beleidigt und empört über derartige kleinbürgerliche Vorwürfe. „Schludrigkeit hat etwas mit Puritanismus zu tun. Aha, dass ich das jetzt erst begreife!“ Der Direktor verzieht nur ein wenig die Mundwinkel. „Sie wissen schon, was ich sagen will. Grundsätzlich mache ich den Kollegen keine Vorschriften, wie sie sich kleiden sollen. Nur sollte es keinen Ärger mit den Eltern geben.“ Ich bin erstaunt, dass ich als modisch, als den kapitalistischen Luxusgütern zugetan gelte. Eigentlich schmeichelt mir das.

Ein anderer Lehrer hat am Montag noch schwer zu tragen an der Demo, die so halb ins Wasser gefallen ist. Er kam am Sonntagabend völlig durchnässt nach Hause und hat sich gerade noch mit Mühe und Not auf den Unterricht vorbereitet. Soviel Ungemütlichkeit wie bei dieser Demo mit Gewitter und Hagelsturm, dazu noch Polizeigerangel hat er bisher kaum erlebt. Dahin war alle Heide- und Waldromantik. Sie mussten überstürzt die Zelte und die Laubhütten abbauen. Da konnte er sich beim besten Willen nicht mehr seinem Aussehen widmen. Zerknittert und alt sitzt er am Montagmorgen vor seinem Glas schwarzen Tee, den er gegen die aufkommende Erkältung schluckt. Diejenigen, die Grillpartys in Nachbars Garten mit viel Bierkonsum hinter sich haben, sehen nicht viel besser aus. Sie wirken verkatert und unausgeschlafen. Die Skinheads in den Klassen sind wohl auch mit ihren Motorrädern ins Grüne gefahren, aber es hat sie nicht sehr mitgenommen. Man begnügt sich da meistens mit Cola oder Limo. Den Lehrern dagegen sieht man es sofort an, wenn sie mal sonntags über die Stränge schlagen. Bei ihnen rächt es sich, wenn sie am Montagmorgen nicht in Form sind. Die Schüler sind da ohne Nachsicht. Sollen die doch ihren Ehefrust vom Sonntag, ihre Unausgeschlafenheit von der Demo her irgendwo anders abreagieren.

Diese Lehrer sollten sich besser nur aufs Faktische konzentrieren, als immer ihren persönlichen und politischen Quatsch bei ihnen, den Schülern, abzulagern. Was ging sie Wackersdorf an, was San Salvador und was Südafrika? Allmählich wächst da eine andere Generation heran, eine unpolitische, eine rein sachliche, die allmählich die Nase hochzieht, wenn so ein Lehrer barfuß in Kneipsandalen daherschlappt, sich mit der Hand durchs struppige Haar fährt und ein schmuddeliges Jackett trägt. Mein Auftritt, den ich mit möglichst unbeteiligter Stimme probe, geht daneben. Ich befinde mich in einem Schlafsaal. Die Mädchen tun so, als blickten sie an mir vorbei, während ihnen in Wirklichkeit nichts an mir entgeht. Sie haben vielleicht Anstoß genommen an meinen Krawatten. Ich verfalle in meinen gewöhnlichen Unterrichtston, der mir mehr behagt als die politischen Glaubensbekenntnisse der Kollegen, die meinen, sie müssten mit ihren Demonstrationen und Sitzstreiks sonntags die Welt verbessern. Vielleicht wollen sie mit solchen Ersatzbefriedigungen ihr Selbstbewusstsein wieder gewinnen, das ihnen die Schüler genommen haben. Die Schüler aber nehmen nur ihre Katerstimmung wahr. Die Politisierung der Schule ist vorbei. Solche politisch angehauchten Lehrer geraten immer mehr ins Abseits.

Zuweilen träume ich während des Unterrichts, schweife mitten im Satz ab und suche die negative Schulatmosphäre zu verdrängen. Aber es will mir nicht gelingen. Nur während einer Klassenarbeit, wenn alle Schüler über ihre Hefte gebeugt emsig schreiben, tritt Stille ein.

„Was führte Ihrer Meinung nach zum Untergang der Hanse?“, lautet die Frage. Sie runzelt die Stirn, legt ihr hübsches rundes Kinn in ihre kleine Kinderhand, rätselt herum, errät es fast und dann doch nicht. Sicher hat sie die ganze vorherige Nacht überlegt, im Bett lesend, immer wieder das Lehrbuch zur Hand nehmend. Sie konnte nicht den ganzen Sonntag über brüten, nachdem alle in der Familie mit dem Backen von Weihnachtsplätzchen beschäftigt waren, Teig kneteten, Eischnee schlugen, die Bleche beschmierten. Da konnte sie nicht verbissen auf ihrem Zimmer in das Buch starren und sich fragen, was dieses blühende Gemeinwesen, die Hanse, zusammenbrechen ließ auf den eisigen Wegen nach Nowgorod. Sie stellte sich die Schlitten vor, die übers knirschende Eis fuhren, das Glockengebimmel, die heulenden Wölfe, die ihnen folgten, während sie durch die nördliche Landschaft rasten. Dann roch sie den immer intensiveren Duft des Gebäcks, klappte das Buch zu.

Ich bereue es, die Arbeit ausnahmsweise montags schreiben zu lassen. Die Schüler haben am Sonntag zu viele Ablenkungen. Ich sehe, wie Isabel mit dem Stoff ringt. Die Seiten liegen weiß und leer vor ihr, sie kann die Sonntagsträume nicht loswerden, die sie vielleicht von den nördlichen Gestaden in südlichere führten, wo sie im lauen Sommerwind den flatternden Rock zusammenhielt und den breitkrempigen Hut fest an ihren Leib presste, damit ihn der Wind nicht wegwehte, während sie ins Wasser watete und die Fischerboote im Abendlicht verschwammen. Jemand kam auf sie zu, der zunächst wie ein Punkt aussah und immer größer wurde. Eine kräftige Männerhand legte sich auf ihre Schultern, zärtliche Worte wurden ihr ins Ohr geflüstert, sie saugte sie gierig in sich auf. Aber da ist es fast schon zu spät. Die Feder vollführt einige Pirouetten in ihrer kleinen Mädchenhand, der Zeiger auf der hübschen Armbanduhr rückt unweigerlich dem Ende der Stunde zu. Ich muss ihr die Bogen gewaltsam entreißen. Ihr Kopf glüht. Sie wird kaum mehr als eine „Fünf“ produziert haben. Unsere Blicke begegneten sich für ein paar Sekunden in einer geheimen Komplizenschaft, mein objektiver Lehrerblick und ihr frischer, flehender Jungmädchenblick. Natürlich wird sie wie schon oft darauf spekulieren, dass ich die Notenskala so einrichte, dass sie gerade noch eine „Vier“ bekommt. Sie ist die einzige in der Klasse, derentwegen ich eine solche Manipulation vornehmen würde. Ich bevorzuge sie nicht, oft tue ich sogar so, als ob ich sie gar nicht bemerke. Alles geht in höchster Diskretion vor sich. Wir wissen, dass wir unser gemeinsames kleines Montagserlebnis hatten.

Es macht mich glücklich, dass ich Schülerinnen habe wie Isabel, die mir zugetan sind. Sie hören mir zu und akzeptieren mich, wie ich bin. Ich weiß, dass ich vom Durchschnitt der Schüler aktive Mitarbeit gar nicht verlangen kann, dass ich froh sein muss, wenn ich als Lehrperson geduldet werde und man mir ein wenig Einfluss zubilligt. Im Fall Isabels bin ich Herr über die Notengebung, ich kann mir einen gewissen Spielraum willkürlicher Entscheidungsgewalt reservieren, an dem niemand Kritik übt. Zwar handelt es sich um eine minimale Gewalt, die ich nur in dem einen oder anderen Fall anwende, nämlich dann, wenn etwa wie bei einem hübschen Mädchen wie Isabel meine Sympathie im Spiel ist. Dann hängt meine Entscheidung von meinem Wohlwollen ab, und das rein sachliche Schüler-Lehrer-Verhältnis weicht einem Funken menschlichen Gefühls.

Im Allgemeinen weiß ich es schon zu schätzen, wenn meine Stimme nicht überbeansprucht wird, ich einen moderaten Unterrichtston beibehalten kann und ich bis zur letzten Reihe durchdringe, ohne zu brüllen. Normalerweise ist der Stimmaufwand für einen Lehrer in mittleren Klassen enorm. Er muss die Geräuschkulisse, die dreißig, vierzig Schüler permanent erzeugen, durchbrechen können. Oft gelingt ihm das überhaupt nicht, weil er eine zu schwache Stimme hat und er sich durch seinen Unterricht kein Gehör verschaffen kann. Es bedarf einer großen Meisterschaft, allein dieses stimmliche Problem zu bewältigen und sowohl das orkanartige Gebrüll zu vermeiden wie auch den absichtlich zum Flüstern herabgeschraubten Ton. Beide Methoden verfangen nicht und untergraben nur noch mehr die Autorität. Sie geben den Lehrer der Lächerlichkeit preis. Es bleibt nichts anderes übrig, als im wahrsten Sinne des Wortes den richtigen Ton zu treffen. Manchen Lehrern gelingt dies ein Leben lang nicht. Sie müssen vom ersten Tag ihres Unterrichts an mit dieser ständigen Geräuschkulisse leben. Kein Wunder, dass sie langsam taub und zittrig werden. Die Geräuschkulisse setzt sich aus Privatgesprächen, aus Kichern, aus witzigen Bemerkungen und geflüsterten Wörtern zusammen. Sie ist unentwirrbar und unberechenbar. Man weiß nicht, warum sie plötzlich aufhört. Manchmal ist ein Zwischenruf zu vernehmen, dem alle zuhören. Manchmal lachen alle gleichzeitig, und man weiß nicht, warum. Man ist ausgeliefert, man kommt nicht dagegen an. Mit der Geräuschkulisse schützen sich die Schüler vor einem durch den Lehrer bestimmten Unterricht. Er kann wohl die erste Stimme singen, die anderen aber singen die Schüler, und zwar so, wie sie es für richtig halten. Wenn ich mir selbst zuhöre, bemerke ich das falsche Pathos und die Zerstreutheit, mit denen ich einen Text vorlese. Ich bin nicht bei der Sache. Ich staune, wie ich trotzdem die Klasse im Zaum halte, wie es mir während des Lesens noch gelingt, die Aufmerksamkeit der Schüler zu wecken. Sogar Fragen kann ich ihnen entlocken, sie für manche Textstellen interessieren, ein lebhafter Dialog zwischen mir und einigen Schülern ergibt sich, die anderen sind solange wenigstens still, mimen Anteilnahme.

Bei Redefächern wie Deutsch, Geschichte, Politik kommt es immer auf die Art der Darstellung an. Der Gegenstand soll ansprechend verpackt sein, reizvoll aussehen. Dann beißen einige Schüler an. In den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern braucht man sich lange nicht solche Mühe zu geben. Da zählen nackte Fakten und Daten, und es bedarf keiner besonderen Rednergabe oder Ausdrucksfähigkeit. Die mit Winkel und Lineal bewaffneten Kollegen in den weißen Kitteln haben es leichter als wir in den Gesinnungs- oder Diskussionsfächern. Sie brauchen nicht Rede und Antwort zu stehen, es genügt, das richtige Ergebnis zu erarbeiten. Bei uns aber gibt es kein richtiges Ergebnis, sondern nur gute und schlechte Ausdrucksweisen, guten und schlechten Stil. Aber es ist sehr schwer nachzuweisen, woran es liegt, dass der eine Schüler die Sprache beherrscht, ein anderer aber nicht. Nichts ist in meinen Fächern schwarz auf weiß nachzuweisen, nichts gibt es, das nicht anzuzweifeln oder in Frage zu stellen wäre.

Ich muss mich um Anreize bemühen, die einen an sich trockenen und in einer altertümlichen Sprache abgefassten Inhalt aus den letzten Jahrhunderten so erscheinen lassen, als handle es sich um eine Comicserie oder einen Krimi. Das Hilfsmittel eines modernen Aufputzes wie auf der Bühne steht mir nicht zur Verfügung. Ich muss zur größten Langweile der Schüler den klassischen Stoff so darbieten, wie er ist. So geht es mit allem Klassischen. Ihm wird nur noch pro forma ein Ehrenplatz in den Lehrplänen eingeräumt. Man will ja die klassisch humanistische Bildung nicht ganz über Bord werfen.

In einem Fach wie Geschichte weiß ich, dass mir nichts anderes übrig bleibt, als den Inhalt zu verfälschen. Ich kann es mir nicht leisten, wie ein Professor nur Faktisches vor einem geduldigen Publikum auszubreiten. Ich bin kein Dozent, eher ein Entertainer, der sein Publikum in Spannung versetzen muss. Ich bin dem Dauerverschleiß der Auftritte vor einem Publikum ausgeliefert, das ständig drauf und dran ist, mich auszupfeifen. Meine Anstrengung besteht darin, es bei der Stange zu halten, seine Aufmerksamkeit wenigstens für kurze Zeit zu erwecken. Allzu viel darf ich nicht verlangen. Was für ein Glück, wenn ich allein spreche, wenn auch noch der Letzte zuhört und ich die Blicke der Schüler sammle wie in einer Linse. Nach einer Viertelstunde ebbt diese Aufmerksamkeit schließlich ab, die allgemeine Erschlaffung überträgt sich auf mich, ich erlahme, meine Rede wird flacher, ich verliere den Faden, sehe die einzelnen Gesichter nicht mehr, das von Isabella verschwimmt mir vor den Augen, alles zerfließt zu einem Brei. Ich schweife ab, wende mein Augenmerk Nebensächlichem zu, jedes unwichtige Detail fällt mir auf, die Zigarettenkippe, die vor Michaels Füßen liegt, die kauende Bewegung eines Mundes, der den Kaugummirest freigibt. Ich bemerke die zu einer kleinen Kugel geknetete Masse, die zwischen Daumen und Zeigefinger zerrieben und dann unbemerkt auf den Linoleumboden fallen gelassen wird, wo ihn eine Schuhsohle breitwalzen würde. Nichts geht verloren in dieser Welt, kein Kaugummirest, keine Bananenschale, kein Apfelrest.

Ernüchterung tritt ein. Nun sind es nur noch Hände, nur noch Gesichter, nur noch Schuhe, in denen Füße stecken. Die Hände legen sich auf die Mappen oder auf die Aktenkoffer, schieben die Papiere in die Fächer, ordnen die Kopien, die ich ausgeteilt habe. Einer schlägt den Taschenkalender auf und sucht das Datum für die nächste Klausur.

Isabel beobachtet Kurt dabei, wie er den Aufschrieb von der Stunde beendigt. Sie missbilligt ihn, weil er so rasch und ohne Aufheben mit allem fertig ist, regt sich auf, weil diese Jungen meinen Unterricht unter „unwichtig“ einstufen. Sie ist eine fleißige und aufmerksame Schülerin, lässt sich durch nichts ablenken und hält alles fest, was ich jetzt halb bewusst, halb unbewusst noch von mir gebe. In ihrem Heft hat dies alles System, geht ein roter Faden durch alles, was sich mir jetzt in meiner Zerstreutheit rein zufällig anbietet. Sie lässt mich die gelangweilten Blicke der anderen ertragen, nimmt keine Rücksicht, wenn sie den Unwillen der anderen durch ihre eifrige Mitarbeit erregt. Nur dank Isabels Aufmunterung ertrage ich die Mehrheit derer, die zwar keine nach außen sichtbare, innerlich aber umso festere Blockade meines Unterrichts praktizieren. Wahrscheinlich würde ich den vielen erliegen, ihrem lähmenden Einfluss und ihrer bleiernen Uninteressiertheit, wenn mich nicht immer wieder so ein Zugpferd wie Isabel hochrisse, denn auf die Dauer kann ich nicht immer allein die Lokomotive meines Unterrichts sein. Die Schüler hängen wie schwere Erdklumpen an meinen Füßen, ich komme nicht von der Stelle, wenn sie das Unterrichstempo bestimmen. Ich ließe mich niederziehen von der mangelnden Begeisterung und könnte diesen Schlepperdienst nicht mehr leisten, kämen mir nicht Isabel und einige andere wenige zu Hilfe. Manchmal meine ich sogar, von dem einen oder anderen verstanden zu werden. Es gibt einige, die wissen, wie schwierig meine Rolle ist, wissen, dass ich nicht unfehlbar bin und fortwährend daran gehindert werde, meine Rolle ordentlich über die Bühne zu bringen. Sie haben sogar Mitleid mit mir, dürfen dies aber nicht vor den anderen zeigen. Die würden sie sonst ausstoßen aus ihrer Phalanx gegen mich. Ich soll ruhig weiter versuchen, mit Worten, mit Gesten, ihnen Inhalte nahezubringen, auf denen sich Moos abgesetzt hat und die ihnen total egal sind. In ihren Köpfen spielen sich Bundesligaspiele, Tennisweltmeisterschaften oder Videoclips ab.

Nirgends ist die Neugierde sonderlich groß. „Fausts Ende zweiter Teil“ reißt auch meine Anhänger nicht aus den Sitzen hoch, und der Besuch im Marbacher Schillermuseum ist auch für sie eher ein Pflichtgang. Die Hinterlassenschaft dieser schwäbischen Genies, eingesperrt und sorgfältig aufbewahrt in den Glasvitrinen, ist ihnen fremd. Überall, wo es nach Vergangenheit riecht, wo vergilbte Manuskriptseiten, verschnörkelte Handschriften zu sehen sind und der Staub der Tradition zu Ehrfurcht Anlass geben soll, schalten meine Schüler ab. Alle bleiben sie stumm vor unserer geistigen Überlieferung. Selbst der Besuch einer Peymanninszenierung von „Don Carlos“ regt sie weniger an als ein Fußballspiel. Sie sehen die Schule als Durchgangsstation. Auf der Universität erst wird man das Hauptsächliche lernen. Dort erst wird wirkliches Interesse verlangt werden. Bis dahin kann man seine Kräfte aufsparen. Das Schulwissen fällt durch ein Sieb der Vergessenheit, es ist nutzlos geworden.

Ich habe mich entschlossen zu dieser Rolle, also bleibt mir nichts anderes übrig, als meinen Anzug glatt zu streichen, den Mund aufzumachen, zu versuchen, das Publikum durch immer neue Einfälle aus seiner Lethargie zu reißen. Doch ich fühle, dass ich kaum bis zum Schluss durchhalte, weil die Anspannung zu groß ist. Innerlich zittere ich vor einem völligen Versagen noch vor Schluss der Stunde.

Oberflächlich gesehen war alles in Ordnung. Man sah mir nichts an. Meine Gesichtsmuskeln waren etwas verzerrt, meine Handbewegungen verkrampft. Unmotiviert habe ich die Ellbogen immer wieder aufgestemmt, habe den Schülern in der ersten Reihe irre Blicke zugeworfen oder das Gähnen aus soundsovielen Mündern direkt vor mir mit dem Zucken der Mundwinkel ertragen, das geradezu aussah, als setzte ich zu einem Weinkrampf an. Das orkanartige Schnäuzen in der hinteren Reihe, der starre Blickkontakt mit immer demselben Schüler haben mich schliesslich aus der Fassung gebracht. Ich wusste es hinterher, als ich mich, völlig ermattet auf den Stuhl im Lehrerzimmer sinken ließ. Ich wollte mal zur Abwechslung eine richtige Vorstellung geben, alles aus mir herauspumpen, was wirklich in mir war, zeigen, dass ich auch Glanzstunden halten konnte. Und das war das Ergebnis: dieses Häuflein Elend, das ich war mit dem durchgeschwitzten Hemd.

Anderen Lehrern muss es ähnlich ergehen. Warum sonst hatte die Junglehrerin Keil dauernd zernagte Lippen und angekaute Fingernägel? Warum nähme nicht sonst der Kollege Herrmann mit jenem traurigen Hundeblick jeden Tag die Zettel und Bücher aus seinem Fach? Warum sonst klappt ein Kollege ständig seine Bücher auf und zu und wirbelt zum Ärger seiner Nachbarn Staub auf? Nicht anders wie eine Hausfrau, die Sofakissen ausklopft! Warum muss er sich einer derartigen Zwangshandlung unterziehen und die anderen Kollegen belästigen, die seinen Bücherstaub wie selbstverständlich einatmen müssen? Solche Handlungen, unbewusst begangen, gleichen jenem fiktiven Läusesuchen ehemaliger Kriegsgefangener in russischen Lagern, die sich auch heute noch durch ihre schütteren Haare fahren und Läuse knipsen, die es darin schon lange nicht mehr gibt. Oder warum kaut mein Nachbar im Lehrerzimmer seine Brotstullen so gewissenhaft und knabbert daran herum wie ein Eichhörnchen? Doch sicher nicht, weil er Appetit hat, sondern nur weil er durch das Kauen sein Unterrichtstrauma kompensieren muss.

Immer wenn der katholische Religionslehrer im Lehrerzimmer auftaucht, kommt er mir mit seiner breiten Glatze, die von einem rotblonden zottigen Haarkranz umgeben ist wie von einem Heiligenschein, vor, als haben ihn die Klassen davongejagt. Er wirkt, als sei er auf der Flucht, als sei einer hinter ihm her, so gehetzt ist er, so atemlos, so verwirrt. Bei seinem Anblick bekomme ich ein komisches Gefühl in der Magengegend, ich strebe der Toilette zu, vermeide jeden Blick in den Spiegel über dem Waschbecken und übergebe mich in die weiße Schüssel der Toilette.

Ich komme ins Lehrerzimmer zurück, etwas schwankend, etwas grün im Gesicht, bleich. Niemand bemerkt es. Wäre ich in der Toilette tot umgefallen, hätte mich keiner vermisst.

Der Zufall hat es gewollt, dass erst gegen Mittag, als ich bereits eine ganze Weile zusammengekauert in der verschlossenen Toilette liege, einer aufmerksam wird. Der Hausmeister wird geholt. Er schließt mit einem Nachschlüssel die Toilette auf. Die meisten Kollegen sind schon nach Hause gegangen, die meisten Schüler auch. Es ist gespenstisch leer in der Schule, als man den Wagen vom Roten Kreuz vorfahren hört. Dem Direktor ist es ganz recht. So wird kein großes Aufsehen erregt. Ich werde auf eine Trage gelegt, ein zusammengekrümmtes Stück Mensch, das man an einem unwürdigen Ort aufgefunden hat.

Man benachrichtigt Ute und die Kinder. Sie sitzen bereits am Mittagstisch und wundern sich, wo ich so lange bleibe. Ute springt auf, als es läutet. Seit Neuestem bekommt sie immer diese Röte im Gesicht, die vom Hals aufsteigt. Es ist aber nur der Postbote, der einen eingeschriebenen Brief bringt. Enttäuscht und aufgeregt setzt sie sich an den Tisch zurück. Dann, als das Telefon geht, weiß sie, dass ihre böse Ahnung sie nicht getrogen hat. Sie eilt auf die Intensivstation des Krankenhauses, wohin man mich, den klinisch Toten, gebracht hat, und wartet allein auf dem Gang. Die Ärzte und Schwestern huschen vorbei und wollen nichts von ihr wissen. Für sie schweben jeden Tag Patienten zwischen Leben und Tod, es ist nichts Außergewöhnliches. Ute wartet auf eine Nachricht von mir. Sie kann sich vorstellen, wie ich daliege, durch Schläuche an alle möglichen Apparaturen angeschlossen und wahrscheinlich nicht mehr zu retten. Immer hat sie etwas Derartiges erwartet, immer wusste sie, dass sie eines Tages schrecklich allein sein würde.

Nicht einmal heute will Peter auf den Basketball-Nachmittag verzichten, nicht einmal heute hat Verena Zeit, um ihre Mutter hierher zu begleiten. Sie ist ganz allein hier. Bis sie einen Arzt auf sich zukommen sieht, scheinen Stunden vergangen zu sein. Sie weiß, die Trennungslinie zwischen diesem und jenem Leben ist schmal. Nun erfährt sie, dass man drei Stunden, ja so lange, um das Leben ihres Mannes gerungen hat. Der Arzt hat weder traurige noch frohe Augen, er scheint überhaupt keine Augen zu haben, blicklos zu sein, vielleicht ein Astronaut in seinem weißen Anzug, der auf das irdische Geschehen wie auf das eines fernen Sternes sieht, der so und so oft die gleiche Mitteilung den Angehörigen, die in den Gängen warten, macht, routinemäßig. Einen Rest von Weiblichkeit hat sie sich noch bewahrt, eine kleine Eitelkeit, mit der sie jetzt umgehen muss wie mit einem kostbaren Pfund, das ihr von dem strapaziösen Leben mit mir noch geblieben ist. Mit einem gewissen koketten Lächeln versucht sie nun den jungen Arzt dafür zu gewinnen, ihr, da er doch ein Mann ist, ein wenig in dieser schrecklichen Minute beizustehen, nicht als Arzt, sondern als Mann. Sie weiß, dass dies jetzt für sie etwas ganz Wichtiges ist, aus einem anderen Mann einen kleinen Funken zu schlagen mit diesem kleinen weiblichen Rest, der ihr mit mir zusammen gar nicht mehr aufgefallen ist. Wann haben wir das letzte Mal miteinander geschlafen? Wann haben wir noch miteinander geflirtet? Sie hat doch in letzter Zeit das alles abgelehnt. Es war für sie nurmehr ein seltsames Gestrampel, das man da im Bett miteinander betreibt. Ihr früher so apartes sexuelles Gebaren hat sie längst ad acta gelegt. Sie mochte sich keine Mühe mehr mit mir geben. Nicht einmal Sexpartner waren wir mehr gewesen. Unseren Kindern haben wir dieses Feld überlassen. Wir waren nur noch tatenlose Voyeure.

Da drinnen liegt ein Körper, aus dem kein Funke Lust mehr zu schlagen ist. Zu spät, alles zu spät! Man hat es versäumt, das schöne Leben, und sie kann es nicht mehr nachholen. Sie ist eine Verlassene, eine um ihr Leben Geprellte, eine Getäuschte und Betrogene, und ein wilder Hunger wird in sie einziehen, der Hunger nach dem Leben, nach dem Mann.

Schlagartig merkt sie, dass sie ihn liebt, dass sie nur ihn begehrt, nur seinen Körper, von dem sie sich mit dem Vorschlag der zwei Schlafzimmer so mutwillig getrennt hat, als nehme sie damit die ewige Trennung, die durch den Tod, vorweg. „Sollen wir Ihnen noch die Sachen Ihres Mannes mitgeben?“, fragt eine Schwester, die jetzt plötzlich vor ihr steht. Noch immer sitzt sie auf der Bank im Gang. Sie weiß nicht, wie sie da weg, wie sie nach Hause gekommen ist und ins Wohnzimmer. Sie sitzt da und starrt auf die Silbertannen in Nachbars Garten, auf die schweren Zweige, die fast zum Fenster hereinwachsen und die man schon längst hätte schneiden sollen. Ein düsteres Totenhaus ist es geworden, in dem man nicht mehr wohnen möchte. Warum hat sie das früher nicht gemerkt? Warum ist sie nicht schon lange ausgezogen, sondern spürt jetzt erst, wie unerträglich alles ist, auch diese Verschönerung, mit der sie ihr Heim immer von neuem attraktiv machen wollte. Sie sieht, dass alle diese äußeren Veränderungen sinnlos waren, dass alles von Anfang an schlecht war und es daher nur logisch sein konnte, dass ich mit dieser Übelkeit, mit diesem Ekel und Überdruss in einer Toilette enden musste.

Auch sie würde sich jetzt am liebsten übergeben. Auch sie hasst jetzt die kleinen Schritte und dieses elende tägliche Sichbemühen um Haltung, um die Meisterung des Alltags, dieses fade und leere Getue vor den Nachbarn. Nichts hat man wirklich gern gemacht, immer war es wie ein Gang mit Krücken, immer war es, als sei man krank, als unterdrücke man nur das Keuchen, das in einem war.

Sie lässt sich alle Einzelheiten schildern, sie will es genau wissen. Der Direktor, der ihr die Peinlichkeit ersparen will, stockt, als er ihr den Bericht über mein Verschwinden gibt. Ute sieht darüber hinweg, wie sie über alles hinwegsieht, seitdem sie weiß, dass niemand die wahre Natur ihres Schmerzes erraten wird. Sie nimmt sogar Rücksicht auf den Direktor, der ihr einen Trauerbesuch abstattet. Sie sieht in ihm einen zartfühlenden Menschen, nicht den kühlen gleichgültigen Vorgesetzten, über den ich mich immer bei ihr beklagt hatte.

Seit ich tot bin, kann Ute sich ein eigenes Urteil bilden. Sie sieht die Welt nicht mehr durch meine Brille. Sie hält es für eine normale Reaktion, dass der Direktor bei seinem Kondolenzbesuch nur mit Mühe von dem Ort sprechen kann, an dem ich das Bewusstsein verloren habe. Er verschluckt die Silben, so peinlich ist es ihm, und dankbar nimmt er das Glas Likör an, das sie ihm anbietet. Sie fand sogar jetzt, plötzlich gattenlos geworden, in ihm einen ganz attraktiven Mann, der eine angenehme Stimme hatte und ihr sehr sympathisch war, weil er derselben Berufssparte wie ihr Verstorbener angehörte, aber im Gegensatz zu mir und wohltuend für sie, auf eine unproblematische und selbstverständliche Art. Als er einen dunkelroten Nelkenstrauß behutsam auf die Kommode im Flur legt, ist sie sogar zu Tränen gerührt. Wie verständnisvoll doch alle plötzlich sind und besonders die Männer! Der Trauerbesuch meines Chefs überzeugt sie noch nachträglich davon, dass ich kolossal übertrieben habe, als ich ihr die desolaten Zustände an der Schule schilderte. Seit Langem hatte sie nicht so gut geschlafen wie jetzt, da sie so viel Gutes von den Leuten erfuhr.

Sie beruhigt sich immer mehr. Es ist ihr klar, dass ich ein armer Mensch war. Meine Kollegen, die sie nun nach der Beerdigung regelmäßig besuchen, wachsen ihr ans Herz. Das sind alles liebe und gute Menschen, nicht diese Unmenschen, die ich geschildert habe. Sie überzeugt sich, dass ich mich immer zu Unrecht beklagt habe. Diese Leute, die sie nun kennenlernt, sind nicht dieselben, die ich beschrieben habe. Ich behauptete immer, die Lehrer verkörperten denselben unerfreulichen Menschentyp, den die Atmosphäre an der Schule so geprägt habe. Endlich kommt sie von diesem negativen Menschenbild los, und so bringt ihr mein Tod in vielfacher Weise eine Befreiung. Die Selbständigkeit, die sie nach ihrer Verlobung mit mir aufgegeben hat, kommt zurück. Sie ist noch nicht zu alt, um alles nachholen zu können, was sie mit mir versäumt hat. Alles hat sie meinetwegen liegen und stehen lassen, damals, nachdem wir uns in einem Schwimmbad zum ersten Mal gesehen haben, ich, viel zu dürr, zu knochig, um sofort ihren Gefallen an mir zu wecken, sie selbst in allem ein vollkommenes Mädchen, groß, schlank, blond, selbstsicher, zielbewusst.

Die Hochzeit war zugleich die Beerdigung ihrer geheimen Wünsche. Als sie darüber nachdenkt, versinkt sie in tiefem Selbstmitleid. Die Zeit mit mir muss ihr wie ein dunkler Durchgang erscheinen, an dessen Ende sie nun endlich angelangt ist. Zum Glück hat sie mit Hilfe harter Erziehungsarbeit an sich selbst ihr ursprünglich heiteres Wesen gerettet. Aber es war nicht genussvoll gewesen, so sagt sie sich jetzt, da lag zuviel Verzicht drinnen. Und vielleicht hatte sie mir nicht einmal zu dem verholfen, was sie beabsichtigt hatte mit ihren Gesundheitsrezepten und ihren Fitnesskuren, zu einer gewissen Befriedigung. Ute legt ihr Gesicht in beide Hände und beugt sich unter der Last so vieler Versäumnisse.

Sie macht sich nicht, wie Witwen es sonst tun, Vorwürfe wegen versäumter Liebesbeweise. Daran hat sie es weiß Gott nicht mangeln lassen. Nein, sie macht sich keine Vorwürfe, sie klagt auch nicht. Ihre Trauer ist nicht die übliche. Sie wütet nicht gegen mich, gegen ihren ehemaligen Gatten, weil ich sie mit meinen ewigen Klagen und meinem Unglücklichsein um die besten Jahre gebracht habe. Nein, sie tut das einzig Richtige, etwas, was ihr allein ihr Instinkt sagt, der bei Ute immer in Ordnung war, nämlich vergessen. Sie vergisst mich und alles, was mit mir zusammenhängt, streicht es aus dem Gedächtnis, und zwar sofort, verbannt mich und meine Hinterlassenschaft leichten Herzens aus der Erinnerung. Sie will nichts mehr mit mir zu tun haben und ganz so tun, als hätte es mich niemals gegeben, jedenfalls nicht in ihrem Leben. Sie ist noch nicht zu alt. Sie sieht immer noch gut aus. Sie kann sogar noch eine neue Berufslaufbahn beginnen, die ihren Lebenszuschnitt und den ihrer Kinder gewaltig verbessern hilft. Dieser Optimismus ist ein Saatkorn, das aufgehen wird inmitten der dunklen Erde ihrer Witwenzeit. Es wird eine herrliche Pflanze daraus erwachsen, die nicht aus meinem Grabhügel sprießt. Ihr sind durch meinen Tod plötzlich Flügel entstanden. Vorbei ist es mit der Immobilität, mit der Stagnation der Gefühle. Sie lebt, sie lebt zum ersten Mal, sie ist zum Leben erwacht. Ich sehe es genau vor mir, dieses optimistische Witwengesicht Utes, aus dem die Falten verschwinden.

 

 

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