Interview – Frust, Revolte und Normalität

Frust, Revolte und Normalität – Die Leiden des Lehrers Wolfgang Fink

 

Über den Roman ihrer Mutter Dr. Rose Kleinknecht-Hermann (geboren 1922) ein Gespräch mit der Herausgeberin Dr. Olivia Kleinknecht  

Frau Kleinknecht, Sie schreiben selbst Romane und wissenschaftliche Bücher. Jetzt sind Sie Herausgeberin eines Schulromans, den Ihre Mutter auf der Grundlage von Aufzeichnungen aus den 60er und 70er Jahren geschrieben hat. Wie ist es dazu gekommen?  

Sie sagt, der Impetus waren die erlebten Konflikte, die fehlenden Mitspracherechte im System auf allen Ebenen, die fehlende Selbstbestimmung. Dieser Wolfgang Fink erkennt die Missstände, ist aber machtlos. Die Behörde macht, was sie will und kehrt die Missstände einfach unter den Teppich. Ebenso wenig hat der einzelne Schüler die Möglichkeit auf Verbesserung zu dringen. Die Elternabende sind eine Farce. Und so werden alle im System verheizt.

Der Protagonist heißt Fink. Wer ist dieser blasse Vogel, an dem die Schüler auf der Treppe vorbeigehen, als wäre er Luft? Ein Alter Ego Ihrer Mutter oder eine Charaktermaske, wie man zu seiner Zeit, in den 70er Jahren, gern sagte?  

Fink erlebt die Schule und die Behörden sicherlich so wie meine Mutter diese erlebt hat. Und er ist ein Typus, den es so gab und wohl noch gibt.

Leser werden fragen: heute ist doch alles anders, nach den vielen Reformen, ist das denn noch aktuell, was Fink erlebt?  

Die Probleme in den Klassen sind eher virulenter geworden. Denken Sie nur an den Mangel an Aufmerksamkeit! Und an Gewalt! Der Extremfall war der Amoklauf an der Albertville-Realschule im schwäbischen Winnenden. Da erschoss der 17-jährige Tim K. am 11. März 2009 neun Schüler und drei Lehrerinnen sowie auf der anschließenden Flucht drei Passanten und jagte sich anschließend eine Kugel in den Kopf. Von Drogen sprechen wir jetzt nicht.

Für mich ist ein Befund von Fink auch heute brandaktuell. Er prophezeit: „Utopien wird dann keiner mehr aufstellen, niemand wird mehr Zukunftsvisionen verkünden und Proteste gegen das Bestehende anmelden. Dann wird die Schule Altersheim und Kindergarten zugleich.“ Was für eine hellsichtige Prognose der Autorin! Wie kam sie dazu? Mögen Sie ein wenig über Ihre Mutter erzählen?  

Meine Mutter hat das Dritte Reich als Trauma erlebt. Ihr Vater, evangelischer Pfarrer und Gegner, stand unter ständiger Beobachtung. Wenn er auf der Kanzel predigte, saßen Spitzel in der Kirche. Briefe der Familie wurden geöffnet, Telefonate abgehört. Es gab immer wieder Schikanen wie Strafversetzungen, eine Promotion in Tübingen und so die angestrebte Hochschulkarriere wurden ihm verwehrt, es gab Todesdrohungen. Was das Ganze schlimmer machte, meine Mutter und ihre Eltern „fühlten sich ziemlich alleine“ (das Regime war ja beliebt bei der Bevölkerung). Sie wurde aus biographischen Gründen Historikerin und bis heute ist das Thema der Verfolgung, insbesondere der Judenverfolgung, in der die Bösartigkeit des Regimes gipfelte und die für sie einen völligen Bruch in der deutschen Geschichte darstellt, ihr Thema.

Fink ist zu einer Zeit Lehrer, als Entnazifizierte und Kriegsheimkehrer seine Kollegen sind. Gleichzeitig gibt es ganz junge Kollegen, die für Abrüstung demonstrieren und lila Latzhosen tragen. Es fehlt ihm die „mittlere“ Generation: „Kriegserinnerungen von Kollegen sind tabu, Begriffe wie „Führerbefehl“, „Autorität“, „Gehorsam“, „Pflicht“, mit denen sie groß geworden sind, wollen sie schon gar nicht aus dem Munde dieser Vätergeneration hören, die sich schuldig gemacht haben. Das gehörte zum Ballast der Vergangenheit. Diese würde lediglich lehrplanbezogen aufgearbeitet für die heutige Jugend, die Jugend allerdings will genauso wenig Authentisches wissen über das Dritte Reich wie die jungen Kollegen.“  

Das Desinteresse, selbst an einem so brennenden Thema wie dem Holocaust, ist ein wichtiges Thema im Roman. Und auch das Desinteresse an den schrecklichen Erfahrungen der Kriegsteilnehmer. Man will es nicht wissen. Und man lässt die Traumatisierten alleine.

Fink beneidet seinen Studienfreund, der Unternehmer geworden ist. Er bereut sein eigenes Geschichtsstudium und klagt über das finanzielle Mittelmaß, in das es ihn gezwungen hat: „Ich dagegen hatte eine idealistische Wahl getroffen: Sprachen und Geschichte, ganz der Tradition meiner Familie entsprechend, die sich seit einem Jahrhundert im Wesentlichen aus Pfarrern und Lehrern zusammensetzte, die ihre Verwirklichung in geistesgeschichtlichen Zusammenhängen suchte“. Das ist ja auch Familiengeschichte, wie ich jetzt weiß. Wie ist es Ihnen damit gegangen?  

Ich bewundere meine Familienangehörigen, die ein echtes Bildungsinteresse hatten, und genauso bewundere ich ihre Integrität. Die Bibliothek meines Großvaters wurde nach seinem Tod in einem Lastwagen davongefahren, wir hatten nicht mehr so viel Platz, nicht nur theologische Werke waren darunter, auch Hunderte Bände Kunstgeschichte, Philosophie, Geschichte, Medizin, Belletristik etc. Und ich finde es toll, wie meine Mutter in ihrem Roman auch das Thema der Minderwertigkeitskomplexe der weniger Verdienenden schildert. Sie sind allgegenwärtig und niemand gibt sie zu. Zur Zeit meiner Großeltern fanden geistige Werte noch Beachtung, verliehen sogar Ansehen. Der Pfarrer verkehrte mit dem Arzt. Heute trennt beide das Geld.

Wie ist es überhaupt, wenn man als Tochter einer engagierten Lehrerin aufwächst, die nebenbei noch Bücher schreibt. Last oder Chance?

Es war eine Chance, weil wir uns immer stundenlang über Geschichte, Philosophie, Politik unterhielten, über Denkstrukturen. Und über ein anderes ihrer Hauptthemen, die Gleichstellung von Mann und Frau – ihre Hauptthemen haben etwas gemein, es geht um Diskriminierung, von der Benachteiligung über die Unterdrückung bis zu Verfolgung und Vernichtung. Gleichzeitig war es schwierig, weil man die Traumen seiner Eltern, ihre Ängste, als Kind in sich hineinfrisst, sie unbewusst weiterlebt. Bei uns herrschte regelmäßig eine Art Katastrophenstimmung zuhause. Ängste waren mein ständiger Begleiter. Und erst in letzter Zeit (nach mehr als einem halben Jahrhundert …) gelingt es mir, sie allmählich zu begreifen und zu relativieren.

Das Gespräch führte Margarete Schwind. Abdruck oder Zitate bitte mit Hinweis auf das Buch: Rose Kleinknecht-Herrmann: Frust, Revolte und Normalität. Die Leiden des Lehrers Wolfgang Fink. Herausgegeben von Olivia Kleinknecht.

Das Buch ist als Ebook und als Taschenbuch bei Amazon erhältlich.

Pressekontakt: Margarete Schwind Telefon 030 31 99 83 20 ms@schwindkommunikation.de

 

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Mini-Leseprobe aus FRUST …, Roman 60+ …

Leseprobe aus dem Roman meiner Mutter:
Frust, Revolte und Normalität-Die Leiden des Lehrers Wolfgang Fink:
Kapitel XVII
Nach den üblichen Untersuchungen von Blut, Stuhl und Urin zu Anfang meines Aufenthalts bleibe ich ziemlich verschont von direkter ärztlicher Einflussnahme. Manchmal wenn der Kurarzt eine Pause macht in seinen Erörterungen über die vielfältige, nervenaufreibende Tätigkeit im Sanatorium, versuche ich auch ein Wort über mein Lehrerdasein einzuflechten. Ich schildere, wie schwierig es sei, sich im Schulmilieu zu behaupten, seine Autorität täglich von Neuem aufzubauen, seine Arbeit diensteifrig auszuüben, ohne je eine Anerkennung dafür zu erhalten, weder von den Schülern noch von den Eltern oder gar vom Direktor. Es werde alles für selbstverständlich gehalten, auch wenn man sich um jeden Schüler einzeln kümmert, man bekäme keinen Dank dafür. Eine Honorierung gäbe es in diesem Beruf nicht, nur Kritik und Missverständnis.
Der Arzt lächelt mitleidig. Er starrt versonnen vor sich hin auf den glänzenden Mahagonischreibtisch. Ob er sich einen Menschen vorstellen könne, der weder einen Schreibtisch noch einen eigenen Stuhl im Dienst sein Eigen nennen könne, der sozusagen zum fliegenden Personal gehöre, das nirgends und überall zu Hause ist? Sein Blick sagt, es ist deine Schuld und nicht meine, und was hat dies alles mit mir zu tun? Warum hast du dir keinen anderen Beruf gewählt?
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Leseprobe aus Frust, Revolte und Normalität – Kapitel XVII, Kuraufenthalt

Aus dem Roman meiner Mutter

Kapitel XVII

Kuraufenthalt

„Glauben Sie, Ihre Beschwerden rühren von einer früheren, nicht entdeckten Krankheit her, oder glauben Sie, dass sie berufsbedingt sind?“, fragt mich der Kurarzt über seine goldumrandete Brille hinweg. Er ist ein zierlicher Sechziger, der sich als Kurarzt ein hübsches Zubrot verdient, genauso gut hätte er Finanzdirektor oder Abteilungschef eines Unternehmens sein können. Herr Dr. Männicke spricht sehr viel von sich. Früher sei er ein ungeheuer erfolgreicher praktischer Arzt gewesen, aber das sei ihm alles zu viel geworden, daher habe er sich in dieses Sanatorium zurückgezogen.

Es ist das erste Mal, dass er es mit einem Lehrer zu tun hat, noch dazu mit einem, der keine bestimmten Symptome aufweist. Ich habe weder Rheuma noch Kreislaufstörungen, auch keine Stoffwechselkrankheit. Nicht einmal eine angehende Angina Pectoris kann er feststellen, nichts Anstößiges in den Lungen, kein erhöhter Blutdruck oder leichter Bronchialkatarrh, mit nichts von alldem kann ich ihn erfreuen. Da ist nur ein ganz regelmäßiger Puls, nur ein ganz normaler Blutdruck, da steht ein ganz Gesunder vor ihm, und für diesen soll er nun einen Behandlungsplan aufstellen. Das ist schon fast anstößig! Dr. Männicke blickt verlegen vor sich hin. Er denkt angestrengt nach. Dann taucht das sonnige Lächeln wieder auf. „Ja, richtig, Sie sind Lehrer. Wie konnte ich das nur vergessen. Da gibt es so ähnliche Symptome wie bei Gastarbeitern. Nichts Spezifisches, nichts, was zu diagnostizieren wäre. Da gibt es das Heimweh, das schlechte Klima, die fehlende Familie.“ Aber das ist es ja nicht, ich bin kein Gastarbeiter. Ich habe kein Heimweh, ich bin hier zu Hause, und eine Familie habe ich auch, und sogar eine ganz intakte Familie. Was wird Herr Dr. Männicke nun für mich herausfinden, wo wird er mich einreihen?

„Sie haben doch Ihr Zuhause, nicht wahr? Sie sind nicht Junggeselle, und Kinder haben Sie auch, vielleicht haben Sie sogar einen Hund, mit dem Sie jeden Tag zwei Stunden spazieren gehen. Es fehlt Ihnen doch eigentlich nichts.“ Herr Dr. Männicke wirkt unglücklich. Er meint, er hätte wenig Patienten wie mich, die meisten seiner Patienten seien Behinderte, wirklich Kranke, Krüppel, schwer geplagte Leute, denen man ihr Leiden schon von weitem ansehe.

Ein Kurarzt wie er könnte jederzeit austauschbar sein, er verkörpert den gängigen Typus, wie man ihn auch bei Lehrern antrifft. Er gehört zu den Leuten, die sich gar nicht vorstellen können, dass es Menschen gibt, die in ihrem Beruf aus welchen Ursachen auch immer nicht zurechtkommen, die denken, dass man es jedem ansehen müsse, was ihm fehlt. Ein Leiden müsse wenigstens labormäßig oder durch den Röntgenapparat zu diagnostizieren sein. Das Unheimliche für Leute wie Dr. Männicke ist, dass die Ursache meines Leidens verborgen bleibt, dass man aufs Erraten und auf Vermutungen angewiesen ist, dass man dem Patienten Glauben schenken muss, wenn er behauptet, dass es ihm schlecht gehe, auch wenn er mit rosigem Gesicht vor ihm sitzt. Sein Uhrwerk geht nicht mehr. Äußerlich ist kein Fehler sichtbar, auch beim Auseinandernehmen der Uhr entdeckt man nichts. Zusammengesetzt aber geht sie wieder nicht. Sie bleibt einfach stehen oder geht zu langsam oder zu schnell. Vielleicht sind es winzige Staubkörner, kleine Schmutzpartikel, die stören und das Laufwerk hemmen. Eine Wolke zieht über das Gesicht von Dr. Männicke. „Was fangen wir nur mit Ihnen an? Fünf Wochen in unsrem Bad. Das wird Sie wieder auf die Beine bringen. Sie werden neuen Lebensmut schöpfen. Passen Sie auf! Nach den fünf Wochen fängt Sie kein Junger mehr ein!“

Er rückt mit seinem Stuhl vor und musterte mich aus nächster Nähe.

„Was würden Sie denn sagen, wenn ich Ihren Aufenthalt hier um drei Wochen verlängere! Das ist doch lächerlich, dies muss doch einfach klappen. In fünf Wochen kriegen wir Sie nicht hin. Ihre Behörde wird das einsehen müssen. Unglaublich, was die Leute an Ihnen verbrochen haben!“

Ich weiß nicht, was Dr. Männicke plötzlich zu einem so energischen Vorgehen veranlasst hat. Sein Blick ruht wohlgefällig auf mir. Meine Genesung muss ihm ein Herzensanliegen sein. Ich danke Gott für diesen Stimmungsumschwung. Es ist ein gutes Vorzeichen.

Pünktlich alle zwei Tage kommt ein Brief von Ute. Sie versucht mir damit die Trennung angenehmer zu machen. Hier wimmelt es vor alleinstehenden Männern, die ihre Frauen genau wie ich zu Hause gelassen haben und alles andere als traurig darüber zu sein scheinen.

Sobald jeder mit seinen Anwendungen am Vormittag fertig ist, strebt er aus dem Sanatorium hinaus in die Parkanlagen und die Gasthäuser oder Cafés der Umgebung. Es ist ein fröhliches Treiben in der Stadt, und oft gesellen sich auch alleinstehende Damen aller Altersstufen dazu, auch sie Kurgäste, dann wird es noch fröhlicher. Es geht in dieser Kurstadt geradezu übermütig zu, von Krankheit ist kaum die Rede. Würde man nicht so viele Rollstuhlfahrer, so viele Leute am Stock oder mit Krücken sehen, würde man der Täuschung erliegen, man weile an irgendeinem Urlaubsort in heiterster Umgebung. Bei jedem Gedeck liegen die Pillen aufgereiht, die der einzelne Patient zu schlucken hat, und alle befolgen die Einnahme, als sei es eine heilige Handlung. Nur ich bin eine Ausnahme, da ich nichts verschrieben bekommen habe. Bald fragend, bald mich neiderfüllt musternd, blicken die anderen Patienten auf mein tablettenloses Gedeck. Man nimmt an, dass ich meine Medikamente vergessen habe oder absichtlich nichts einnehme, ganz gegen die Vorschrift des Arztes. Sie wollen mir einfach nicht glauben, dass ich in völlig gesundem Zustand, sozusagen nur zur Erholung hier in diesem nur wirklich Kranken vorbehaltenen Haus weile.

Sie wunderen sich auch, wie oft ich abends ausgehe und den Nachtschlüssel verlange, während sie im Allgemeinen abends noch im Sanatorium zusammensitzen. Sicher würden sie es missbilligen, wüssten sie von meinen nächtlichen Kino- und Theaterbesuchen. Der Arzt hingegen scheint nichts gegen meinen ungewöhnlichen Lebenswandel zu haben. Im Gegenteil, es macht ihm Spaß, sich morgens bei der Visite mit mir, einem harmlosen Kranken, länger als gewöhnlich zu unterhalten und von seinem anstrengenden Sanatoriumsdienst zu erzählen. Bei mir darf er gewiss sein, dass ich ihm aufmerksamer zuhöre als es andere, wirklich kranke Patienten es tun würden.

Oft erwache ich an diesem Ort wie in einer fremden Welt, betrachte meine Umgebung vom Bett aus, die nicht anders ist als die eines Hotelzimmers, nur dass jeden Morgen der Arzt an meine Türe klopft.

Zum ersten Mal habe ich Zeit, über mein Leben nachzudenken, über den harten Schulalltag, über das Familienleben, über die Kinder und ihre Zukunftsaussichten. Hatte dies alles früher etwas Quälendes für mich, so rückt es nun in die Ferne und nimmt sich da gar nicht mehr so schlimm aus. Mein früheres Dasein fällt plötzlich wie eine Maske von mir ab. Ich sehe alles klarer, ohne Hass und Verzerrung. Die Kollegen, die im Lehrerzimmer so dicht gedrängt nebeneinandersitzen, kommen mir aus der Distanz meines Kuraufenthaltes vor wie angenehme Gesprächspartner, die jederzeit geduldig mitanhören, was ich ihnen von meinem Unterricht zu erzählen habe. Es kommt mir alles harmlos und völlig normal vor. Selbst die peinlichen Szenen mit meinem Sohn, wenn er eine Freundin bei Nacht mitbrachte und ich beide gar noch mit einem Glas Bier oder einer Cola bediente, erscheinen mir von hier aus eher witzig und keineswegs mit schweren moralischen Vorwürfen zu belasten. Das sind eben junge Leute, denke ich jetzt in meinem Sanatoriumsbett bei angenehmer abendlicher Lektüre. Da regte ich mich doch ganz umsonst auf, als der Vater einer Freundin meines Sohnes mich wissen ließ, dass mein Sohn wohl nicht der Richtige für seine Tochter sei. Ich solle mich doch mal mit ihm zusammensetzen, damit man darüber reden könne. „Setzen Sie ihm die Pistole auf die Brust, Ihrem Sohn, sperren Sie ihm das Taschengeld, wenn er nicht von Anette lässt!“ So einfach ist das, man muss nur energisch sein. Ich muss mir ein Beispiel nehmen an solchen Männern der Tat, wie es Großmann war. Er hat seine Tochter erfolgreich bearbeitet. Sie verließ meinen Sohn prompt, und ich konnte von Glück reden, dass Peter mir nicht die Schuld an seiner Niederlage zuschrieb. Dies fällt mir ein, während ich wie jeden Morgen meine Temperatur messe und mich zur Morgengymnastik im Turnsaal fertig mache. Ich brauche gar keine Gewissensbisse zu haben, wenn ich mich hier pflegen lasse. Schon nach wenigen Tagen fange ich an, so wie andere Leute zu denken. Langsam reihe ich mich ein in das Leben der übrigen Menschheit, all der Leute, die um mich her ihre Arme strecken, Rumpfbeugen machen, in die Knie gehen und ihre verschlissenen Gelenke bewegen, dass es knackt.

Je besser es mir geht, desto mehr verschwindet Ute aus meinen Gedanken. Ich mache mir keine großen Sorgen um sie, denn sie dürfte sich eher befreit fühlen, wenn ich nicht zugegen bin. Ich schreibe jeden zweiten Tag sehr heitere Briefe, schildere den Tagesablauf mit kleinen Erlebnissen und halte sie auf dem Laufenden. Ich vertröste sie und bereite sie darauf vor, dass meine Kur wahrscheinlich länger als fünf Wochen dauert, ohne sie jedoch zu erschrecken. Da dies ja die erste Kur in meinem Leben sei, liege ein großer Verschleiß vor und der Arzt habe mir daher die Verlängerung angeraten.

Sie fragt in ihren Briefen ängstlich, ob ich mich auch wirklich wohlfühle, so weit weg von zu Hause, und erinnert mich daran, dass dies die erste Trennung in unserer Ehe ist. Sie will es nicht so recht glauben, dass ich, kaum bin ich befreit von der Last des Schuldienstes, schon ein anderer Mensch bin. Was die Schüler anbelangt und die Kollegen, schreibt mir Ute, habe sich noch niemand nach mir erkundigt. Vielleicht ist sie froh darüber, so muss sie auch nicht näher erklären, woran ich eigentlich leide. Nur Marlies frage nach mir, fast täglich und eingehend. Dabei wisse sie gar nicht viel zu sagen. Ute ist etwas erstaunt über diese Anteilnahme von Marlies’ Seite. Schätzt sie mich vielleicht doch mehr, als sie vermutet habe?

Nach den üblichen Untersuchungen von Blut, Stuhl und Urin zu Anfang meines Aufenthalts bleibe ich ziemlich verschont von direkter ärztlicher Einflussnahme. Manchmal wenn der Kurarzt eine Pause macht in seinen Erörterungen über die vielfältige, nervenaufreibende Tätigkeit im Sanatorium, versuche ich auch ein Wort über mein Lehrerdasein einzuflechten. Ich schildere, wie schwierig es sei, sich im Schulmilieu zu behaupten, seine Autorität täglich von Neuem aufzubauen, seine Arbeit diensteifrig auszuüben, ohne je eine Anerkennung dafür zu erhalten, weder von den Schülern noch von den Eltern oder gar vom Direktor. Es werde alles für selbstverständlich gehalten, auch wenn man sich um jeden Schüler einzeln kümmert, man bekäme keinen Dank dafür. Eine Honorierung gäbe es in diesem Beruf nicht, nur Kritik und Missverständnis.

Der Arzt lächelt mitleidig. Er starrt versonnen vor sich hin auf den glänzenden Mahagonischreibtisch. Ob er sich einen Menschen vorstellen könne, der weder einen Schreibtisch noch einen eigenen Stuhl im Dienst sein Eigen nennen könne, der sozusagen zum fliegenden Personal gehöre, das nirgends und überall zu Hause ist? Sein Blick sagt, es ist deine Schuld und nicht meine, und was hat dies alles mit mir zu tun? Warum hast du dir keinen anderen Beruf gewählt?

„Aber Ihr Gesundheitszustand hat sich doch rasch gebessert, nicht wahr?“ Er lächelt zufrieden, als ob es sein Verdienst sei, dass ich wieder wie ein normaler Mensch auf den Beinen bin. „Man sieht Ihnen den Lehrer gar nicht mehr an.“ Er hat mich auf Schmalkost gesetzt, eine neue Methode, um seelische Leiden zu kurieren. Etwas anderes als Morgengymnastik, Schwimmen, Massagen, autogenes Training und Diät weiß er mir nicht zu verschreiben. Eine Weile besinnt er sich noch, was er auf der Behandlungsliste ankreuzen könnte. Dann nimmt er entschlossen meine Hand, überprüft Puls und Blutdruck und entlässt mich leicht verlegen.

Es gehört allerlei Überredungskunst dazu, Ute davon abzuhalten, mich zu besuchen. In ihrem Übereifer schreibt sie mir viel zu oft und meint in ihrer Fürsorglichkeit, mich unter so vielen fremden Menschen nicht allein lassen zu können. Natürlich vermisse ich hier ihre helle Stimme am Morgen, mit der sie aus der Küche heraufruft und mich anspornt, schneller zu sein, das Frühstück sei fertig. Natürlich sind mir die anderen Menschen hier nicht so nahe wie Ute. An das Klinikzimmer musste ich mich erst gewöhnen, ebenso an den Speisesaal mit den Patienten, die meistens älter sind als ich.

Aber gerade diese neue Umgebung und die Abwesenheit von Ute bewirken in mir eine Veränderung, die mir wohltut. Ich fühle mich als freier Mensch, spüre Ansätze von Unternehmungslust und liebe die Geselligkeit, die ich zu Hause nicht habe. Zu Anfang hatte ich einen seltsamen Traum, in dem ich Ute für immer verloren hatte. Früher war ich derjenige gewesen, der Ute als Witwe zurückließ. Jetzt träumte ich davon, wie Ute an einem ganz normalen Sonntagmorgen beim Frühstück plötzlich vornüberfiel. Durch das Fenster schien die Sonne auf den Tisch und beleuchtete in warmen Farben das Geschirr, die Marmelade, die Kanne. Ute wollte gerade die Tasse an den Mund setzen, da fiel diese klirrend zu Boden. Ich erschrak, als ich sie mit dem Gesicht nach unten auf der Tischkante aufprallen hörte. Es war, als zerbreche es genau wie die Kaffeetasse in tausend Scherben. Erst jetzt kam es mir komisch vor, dass sie nicht, wie sonst üblich, mit allen möglichen Bekannten, Verwandten lange Telefongespräche geführt hatte. Für sie war es eine Art von Pflicht, um die Verbindungen nicht abreißen zu lassen. Die Gespräche drehten sich immer um Belangloses, ich hörte als unbeteiligter Zeuge ruhig zu. Das hatte an diesem Sonntag gefehlt, auch das Adressenbüchlein lag nicht aufgeschlagen neben dem Telefon. Der Tisch war weniger sorgfältig als sonst gedeckt, es fehlten die Blumen, es fehlte das Frühstücksei, und auch das Besteck lag unordentlich herum. Ute war stiller als sonst gewesen. Ich wollte mich gerade bücken und die Scherben zusammensammeln, als ich das Außergewöhnliche wahrnahm: den Aufprall Utes sowie einen langen Seufzer, der gar nicht aus ihrem Mund, sondern von anderswoher zu kommen schien.

Völlig kopflos und außer mir hob ich Ute unter den Schultern hoch und schleppte sie auf die Couch nebenan. Eine leichte Kreislaufstörung, redete ich mir ein, nichts als eine kleine Schwäche, vielleicht war es ihr etwas übel von einer Speise, die sie nicht vertragen hat. Gestern Abend waren wir doch bei den Kohlhaas eingeladen, hatte es da nicht diesen Kalbsbraten mit den merkwürdigen schwarzen Pilzen gegeben? Rasch machte ich kalte Umschläge, knöpfte ihre Bluse auf, damit sie freier atmen könne. Sie wird einfach überarbeitet sein, die arme Ute, ich habe darauf zu wenig geachtet, immer war sie für die Familie da, immer hat sie sich zu viel zugemutet. Ich riss das Fenster auf und rannte hilflos hin und her. Ich fragte mich, was zu tun sei, ob ich im Gesundheitslexikon nachschauen, bei Bekannten anrufen oder die Nachbarn holen sollte. Wie gelähmt starrte ich auf ihr immer spitzer werdendes Gesicht, auf die herunterhängende Unterlippe, das nur halb geschlossene Lid, die blutleeren, blassen Hände. Ich strich ihr die herunterhängenden Strähnen aus der Stirn. Ich stand wie unter Schock, sodass ich zunächst gar nicht auf das Nächstliegende kam, nämlich den Notarzt zu rufen. Mitten in meine Ratlosigkeit hinein läutete es plötzlich Sturm an der Haustür. Wer mochte das wohl sein? Doch nicht ein Nachbar, ein Sonntagsbesuch, gar ein Verwandter oder ein Kollege? Ich hätte unmöglich öffnen können, ich konnte Ute keinen Augenblick allein lassen. Als sich die Schritte von der Türe entfernten, überkam mich eine ungeheure Erleichterung. Meine Entschlusslosigkeit bedrückte mich nicht mehr. Im Gegenteil, ich saß da, als sei ich allem enthoben, und hütete mich, auch nur eine Bewegung zu machen.

Der Arzt, den ich nach langem Zögern dann doch kommen ließ, musterte mich vorwurfsvoll mit routiniertem Medizinerblick, weil ich ihn nicht sofort gerufen hatte. Er wurde ungeduldig, weil ich ihm weder über genaue Uhrzeit nennen noch über die Abfolge der Ereignisse genaue Auskunft geben konnte. „Sie haben doch versucht, sie wiederzubeleben, nicht wahr? Es ist Ihnen einfach nicht gelungen, sie wieder ins Leben zurückzurufen, nicht wahr? Sie waren verzweifelt, dass alles nichts fruchtete, ja? Ein Schlaganfall natürlich.“ Er sprach das Wort aus. „Ein Schlaganfall, wie es Hunderte an solchen Tagen, besonders Sonntagen, bei plötzlichem Föhneinfall gibt. Nicht Ihre Schuld, natürlich niemands Schuld.“ So oder so ähnlich redete er fortwährend auf mich ein, während er Ute eine Spritze in den Arm gab und vorsichtig das Augenlid hochstreifte.

Ich hatte Utes schweren Unfall beileibe nicht verschuldet. Der Arzt, der jetzt widerwillig seinen Notdienst verrichtete, sprach mich nicht ganz frei, ja, ich meinte im Traum eine Vermutung in ihm aufsteigen zu sehen. Ich war sicher aus Bequemlichkeit, aus dem Willen, keine Veränderung, wenigstens keine einschneidende meines Lebens zu ertragen, nicht aufgestanden und hatte ihn deshalb nicht früher gerufen. Man kennt solche Fälle von müden, gleichgültigen Ehemännern, besagte sein misstrauisches Lächeln. Ich war handlungsunfähig. So geschah alles über mich hinweg. Als der Arzt veranlasst hatte, dass man Ute auf eine Bahre legte, ihr das Leintuch über den Kopf zog, sie festschnallte und hinuntertrug, an den auf der Straße bereits sich versammelnden Menschen vorbei, folgte ich gefühllos all diesen Ereignissen. Andere benachrichtigten das Beerdigungsinstitut, andere suchten für mich alle die Adressen und Telefonnummern heraus, die nötig waren, nun nach Utes Tod das Notwendige zu veranlassen. Es war, als hätte ich damit nichts zu tun. Selbst die Kinder, als sie eintrafen, nahmen Stellung für mich, äußerten sich zu den Besuchern, die ihre Teilnahme aussprachen.

Ich sah zum Fenster hinaus, über die Ziegeldächer der Stadt hinweg, ich sah Kinder nebenan im Sandkasten spielen, einen Mann mit Hund spazieren gehen, bis der Umriss des Wagens, mit dem sie Ute abtransportierten, in der Ferne verschwand. Das Zimmer füllte sich mit irgendwelchen Menschen. Ich nahm wieder wie zuvor Platz am Frühstückstisch, faltete die Zeitung, die dort unordentlich zusammengeknüllt lag, räumte das Geschirr weg und überlegte, ob ich an Utes Stelle die Pflanzen gießen sollte. Ich brauchte keinen Trost, nicht einmal den meiner Kinder. Als ich aufwache, liege ich ganz ruhig in diesem weiß überzogenen Klinikbett, und ich frage mich tatsächlich, ob Ute etwas zugestoßen ist.

Als ich beim Frühstück die kraftstrotzenden und laut sich unterhaltenden Patienten sehe, ist der nächtliche Traum verschwunden. Mir kommt in den Sinn, dass ich eigentlich zu Hause anrufen könnte, lasse es dann aber doch sein.

Mehr und mehr löst sich die Angst und das, was mich zu Hause so oft gequält hat, auf. Der Traum war der letzte Rückfall, von jetzt an bin ich voll wie die anderen mit meinem Anwendungsplan beschäftigt, ruhe mich nach dem Essen aus, gehe spazieren und nütze das gesamte Angebot dieser Kurstadt aus. Ich fange an, mich nicht mehr als Außenseiter zu empfinden. „Eigentlich sind Sie ein gesundheitlicher Musterknabe“, sagt der Arzt, „ein Cholesterinspiegel, um den man Sie beneiden könnte, Leberwerte hervorragend, kein Zucker, was wollen Sie mehr? Einen Schlaganfall werden Sie nie bekommen!“

Ich bekomme nichts mehr mit von politischen Nachrichten, von Börsenbewegungen, von den traumatischen Problemen der Politik. Die Bedrückung, die hier angesichts der vielen Alten und Kranken kommen könnte, ist nicht größer als zu Hause. Alle sind hier ganz und gar damit beschäftigt, sich gesund zu erhalten, den wohlverdienten Ruhestand möglichst lange zu genießen, sich auf künftige Reisen nach Übersee, Fernost, auf eine Mittelmeerinsel vorzubereiten, sich nicht nur gesund, sondern genussfähig zu erhalten. Die Jugend, die mich in der Schule umgibt, fehlt mir nicht. Endlich muss ich mich in dieser Umgebung, in der ich zu den Jüngsten zähle, meines Alters nicht mehr zu schämen. Ich muss nicht mehr meine grauen Haare im Spiegel überprüfen, die hervorstehenden Adern meiner Hände melancholisch mustern, meinen viel zu dürren Hals einer traurigen Betrachtung unterziehen. Am Morgen wandere ich in den Parkanlagen genussvoll auf und ab, trinke ein Glas Heilbrunnen in der Kurhalle, ergehe mich auf den Kieswegen, die von Rhododendron und Nadelhölzern gesäumt sind, und bin für alles aufnahmefähig. Dies alles strahlt eine Ruhe auf mich aus, die mir Sicherheit und Zuversicht vermittelt.

Der Arzt schreibt es sich und seiner Heilkunst zu, dass ich zusehends gesünder aussehe. „Nehmen Sie Ihre Schüler nicht so ernst“, redet er mir zu, „so wenig wie ich meine Patienten alle beim Wort nehmen kann. Betreiben Sie Ihren Beruf mehr als Nebensache, dann werden Sie wie alle hier zum Lebenskünstler. Anfänge dazu haben Sie ja schon gemacht!“

Ja, vielleicht hat er Recht.

Ein Schwarm junger Arzthelferinnen, Gymnastinnen und Masseurinnen eilen hin und her, füllen Karteikarten aus, rufen Patienten auf oder klappern auf den Schreibmaschinen. Wie ein Kranz frischer Blüten umgeben sie ihn, den dicklichen Mittsechziger, und befolgen seine Befehle. Unwillkürlich werde ich an das Gesundheitsamt erinnert, in dem Ute ebenso hin und hereilt und das sie vielleicht sehr gerne mit zu Hause vertauscht hätte, obwohl sie dort doch immer mit meinen beruflichen Problemen konfrontiert ist. Immer noch halte ich sie von mir fern, um ja nicht in den alten Zustand zurückzufallen. Ich fürchte mich vor dem Trübsinn, dem ich zu Hause ständig ausgeliefert war. Bereits die Briefe von Ute sind in dieser Hinsicht für mich gefährlich. Mit ihnen taucht mein früheres Leben auf wie eine dunkle hohe Wand. Ich schreibe ihr, wie sehr ich es genieße, fernab der Schule zu sein, meine Kollegen, die Schüler wenigstens für einige Zeit nicht zu sehen, wenn auch sie, Ute, mir sehr fehle. Insofern beruhige ich sie. Vor einem Besuch warne ich, weil sie ja nicht ihre häuslichen Aufgaben vernachlässigen dürfte, außerdem brauche man sie im Gesundheitsamt. Ute lacht am Telefon ein wenig, sie ist etwas verstimmt. Habe ich gar einen Kurschatten getroffen, der mich hier beschäftigt und ihre Gegenwart überflüssig macht? Eine völlige Gedächtnislosigkeit hat sich meiner bemächtigt. Ich gehe in meiner hiesigen Gegenwart vollständig auf. Eindrücke fließen in mich ein, die in ihrem Stimmungsgehalt einander gleichwertig sind und mich alles vergessen lassen, was früher war, so als sei ich neu geboren worden und erinnerte mich an kein früheres Leben. Utes Stimme am Telefon kommt mir fremd vor, wenn sie von den Kindern spricht. So habe ich den Eindruck, es handle sich um die Kinder von Bekannten, aber nicht um meine eigenen. Ich lebte jetzt endlich so wie meine jüngeren Kollegen, die alles, was sie erleben, Vergangenheit und Zukunft, ordentlich in Gedächtnisschubladen untergebracht haben, und alles Neue, Reiseeindrücke, Schulprobleme, Familientragödien, wegstecken, irgendwohin, so dass es nicht mehr zum Vorschein kommt und für immer neuen Eindrücken Platz macht. Jetzt verstehe ich, warum es für sie nicht so schwierig ist, sofort mit Ferienbeginn die Koffer zu packen, sich in ein Flugzeug zu setzen, mit oder ohne Familie, und auf Kreta zu wandern, durch die Dordogne zu radeln, in einem Hausboot auf den Flüssen Irlands zu träumen, auf Korfu zu aquarellieren oder auf große Fahrt zu gehen in den Anden, auf dem Hochplateau von Nepal, quer durch den amerikanischen Kontinent im Mietwagen, mit der transsibirischen Bahn durch Russland bis nach Wladiwostok und anschließend nach Peking, vielleicht auch noch hinüberzusetzen nach Japan. Sie haben vorher keine schulischen Probleme zu bewältigen gehabt wie ich. Sie vergessen sofort, kaum hat sich die Schultüre geschlossen, alles Unangenehme. Jetzt plötzlich fühle ich mich ihnen näher, verstehe ich ihr ambulantes Leben, ihre Leichtfüßigkeit, die sie befähigt, sich mit geringem Ballast überall in der Welt heimisch zu fühlen. Sie betrachten die Schule nur als Durchgangsstation und haben ihr Schwergewicht in die Ferien verlagert. Vielleicht betrachteten sie ihr ganzes Leben so, ihre Familie, ihre Ehe, als Durchgangsstation, wo es nirgends einen langen Aufenthalt gibt. Vor allem haben sie nichts zu tun mit dem Ballast der Vergangenheit, mit Krieg, mit Bombennächten, mit Toten und Verwundeten und mit dem Sirenengeheul, das mir heute noch in den Ohren liegt. Sie wissen nicht, was Gestapoverhöre waren, sie mussten nicht die Nächte im Keller verbringen, keine Aufräumungs- und Aufbauarbeiten mit Schaufel und Spitzhacke leisten; alle diese niederen Dienste wurden ihnen erspart, und sie müssen sich nicht mit einem ganzen Volk gedemütigt fühlen, nur weil sie zufällig in jene Zeit hineingeboren wurden. Kein Wunder, so sage ich mir, dass sie so unbeschwert alles hinter sich lassen können und mir überlegen sind, sie müssen ja all diesen Kriegs- und Nachkriegsballast nicht mitschleppen. Zum ersten Mal fühle ich mich so wie sie, ich glaube sogar, dass ich auch unter der Schule nicht mehr leiden würde, könnte ich den Zustand der Gedächtnislosigkeit meines Sanatoriumsaufenthalts beibehalten, ihn nach Hause retten und vollends durchhalten bis zu meiner Pensionierung. Nur ist da Ute, die stehen geblieben ist, die meine Wandlung nicht mitvollziehen würde. Wie ein Mahnmal würde sie mich an meine frühere Befindlichkeit erinnern und ungläubig vor diesem anderen, vor diesem neuen Wolfgang Fink stehen. Man kann doch einer Frau nicht zumuten, dass sie plötzlich einen neuen Ehemann an ihrer Seite hat, einen Sechzigjährigen, der zwanzig oder fast dreißig Jahre derselbe war und nun plötzlich ein anderer sein soll!

In mich hat doch nichts mehr hineingepasst, ich war randvoll gewesen mit meiner Vergangenheit, die ich ja nicht direkt in meinen Unterricht habe einfließen lassen. Meine persönlichen Eindrücke verschwieg ich. Alles Persönliche ruhte wohlverwahrt in einer Truhe, die ich nie geöffnet habe. Ich schleppte sie aber mit mir herum, diese vermoderten Totengerippe, diese unverarbeiteten Eindrücke einer schrecklichen Zeit, über die es weder mit Ute noch mit den Kollegen eine Verständigungsmöglichkeit gegeben hat, wenigstens was unmittelbare Eindrücke, Selbsterlebtes anbelangt. Das war doch alles aus zweiter Hand, was ich weiter gegeben habe, Angelesenes, das über den Zweiten Weltkrieg und das Dritte Reich berichtete hat, nichts, was von mir stammte. Insofern lebte ich in der Lüge und machte allen etwas vor. Da war meine Jugend, mein Elternhaus, die Kriegs- und Nachkriegszeit, die Verlobung mit Ute. Das alles ist von meinem jetzigen Zustand weit entfernt, alles Dazwischenliegende empfinde ich , als gehöre es gar nicht zu meinem eigentlichen Leben, als sei ich seit der Nachkriegszeit in eine tiefe Bewusstlosigkeit gefallen, die voller Alpträume und tiefer Schrecken war, schlimmer als alles, was Krieg und Naziterror für mich waren. Kommt es daher, dass ich einfach nichts verarbeitet habe, dass ich alles auf sich beruhen ließ, was mich damals so sehr bewegte, ja dass ich mich nicht einmal mit Ute in einem ruhigen Gespräch über diese Dinge unterhalten konnte, weil es ja nicht von mir selbst handelte, dieses Stück Vergangenheit, weil ich da ja nur Statist war, genauso wie Ute auch, die in ihrer Jugend noch weniger mitbekommen hat und sich gar nicht betroffen fühlte. Die ganze schreckliche Vergangenheit, bestand sie nicht lediglich darin, dass man Hunger hatte, dass man nichts kaufen konnte, dass alles fehlte, was man zum täglichen Bedarf brauchte, dass man die Nächte nicht durchschlafen konnte wegen der Luftangriffe und dass man schließlich nur noch im Dunkeln lebte? War es dieser Mangel, der uns in Bezug auf die Vergangenheit so wenig gesprächig machte? Mit Ute konnte ich nie darüber sprechen, weil sie keine Lust hatte, mit mir Fragen der Vergangenheit zu erörtern, überhaupt keinen historischen Sinn zeigte. Und wie viel geringer war das Interesse bei den Kollegen, die viel jünger waren als ich und Ute.

Wollte ich überhaupt Fragen der Geschichte erörtern oder wollte ich über mein eigenes Schicksal reden? Wir sind doch nicht einfach alle zu historischen Figuren geworden, nur weil wir Zeitgenossen einer großen, einer schrecklichen Zeit waren! Wie lächerlich, sich an Hitler aufrichten zu wollen, an seinem großen Schatten und deshalb von sich zu reden, als habe man Anteil gehabt an den damaligen Entscheidungen. Da war man doch vor allem auch als Jugendlicher aus allem ausgeklammert, weniger als Nichts, ein kleiner Mitläufer, wie es so schön hieß in dem Entnazifizierungsbescheid, den mein Onkel bekommen hat, ein Blockwart in einem Unterbezirk von Ulm, der in unserer Familie der Lächerlichkeit preisgegeben war. Wir lachten ihn aus in seiner braunen Uniform und mit der Schildmütze. Und mein Vater war mit den paar Worten, die er öffentlich gegen Hitler gesagt hat, als Widerständler unbedeutend genug. Auch er war zu keiner Kolossalgröße herangewachsen, wie wir uns dies heute alle vorstellen. Er war einer von den vielen, die stumm Widerstand geleistet und nur einmal sich vorgewagt haben. Nein, es war nicht diese allgemeine Vergangenheit unseres Volkes, die da so begraben in mir ruhte und aus dem Untergrund in mir Selbstzweifel auslöste, nein, es war meine eigene, durch kein besonderes Ereignis sich auszeichnende Vergangenheit, die gerade dadurch wirkte, dass sie nie erwähnt und nie erlebt, ja vielleicht nur unbewusst sich vollzogen hat. Sie lag da, wie Felsbrocken von ehemaligen Gletschern in stillen Gebirgstälern als stumme Zeugen einer Urlandschaft überall zerstreut herumliegen. Sie können nicht mehr zusammengefügt werden, genauso wenig wie die Einzelstücke aus meiner Vergangenheit, deren Deutung sich mir immer mehr entzieht.

Ich kann mich vor niemandem verständlich machen über das Ungeklärte eines vielleicht ganz singulären, nur mich betreffenden Schicksals einer Generation, die gerade noch überlebt hat. Ich weiß nur, dass alle diese Berichte aus zweiter Hand, mit denen ich meinen Geschichtsunterricht anfülle, nicht mit dem übereinstimmen, was ich als Zeitzeuge erlebt habe. Ja sogar der Bericht des ehemaligen KZ-Häftlings, den ich vor der Klasse habe sprechen lassen, entspricht nicht der Wirklichkeit von damals, die voller Gerüchte war. Man wusste nichts Genaues von all dem, das einen nicht persönlich betraf, da man keinen Juden in der Familie oder der näheren Bekanntschaft hatte, der plötzlich abtransportiert, aus dem Staatsdienst entlassen wurde oder auswandern musste. Zudem wären diese Dinge für mich damals unverständlich gewesen, ich hätte sie als selbstverständlich hingenommen, so wie ein Jugendlicher unseren heutigen demokratischen Alltag hinnimmt.

Auch nach dem Krieg plagte ich mich nicht mit der Vergangenheit herum. Erst seit ein paar Jahren tue ich es. Seitdem fällt mir überhaupt auf, dass es eine Jugend gibt, die anders ist als meine Jugend damals. Seitdem ich nur noch von Jugend umgeben bin, im Beruf und zu Hause, merke ich, dass ich zu einer anderen Generation gehöre. Im Beruf stellen ja selbst die Kollegen allmählich eine andere Generation dar, sie gehören fast noch zur Jugend, und ich gerate mit meinem zwanzigjährigen Abstand zu ihnen immer mehr ins Abseits. Meine Tischnachbarn hier gehören fast alle zu meiner oder einer älteren Generation. Hier habe ich das wohltuende Gefühl, nicht allein zu sein.

„Wohl sprechen sie alle von der Massengesellschaft“, sagt der ehemalige Oberst, der fortwährend sein Gebiss mit der Zunge an den Oberkiefer drückt, wenn es bei jedem Bissen herunterzufallen droht, „aber das kommt nicht von ungefähr. Sehen Sie, das hat im Dritten Reich begonnen, der Gleichschritt, die Gleichmacherei, und heute der Modetrend, dem sich keiner entzieht, das ist dasselbe.“ Er ist sehr belesen und trägt alles mit wahrem Überzeugungspathos vor. Er glaubt noch an das, was er sagt, und keine Mahlzeit ist ihm zu schade, um uns, seine Tischnachbarn, nicht ausführlich über seine Kriegserlebnisse zu informieren. Er tut, als seien es sportliche Sensationsmeldungen – wenn er fast über dem Kanal abgeschossen worden wäre, wenn er das brennende London wie eine riesige Fackel unter sich gesehen hat, wenn er im Rausch eines solchen Stuckaflugs nicht mehr an den Tod gedacht hat. Die Narben auf seinem Gesicht nehmen eine rote Signalfarbe an, während er uns von seinen Abenteuern berichtet. Er sehnt sich zurück nach diesen Zeiten der Begeisterung und des Idealismus und verachtet die fehlende Schwungkraft der heutigen Jugend.

Er weiß nicht, dass ich Lehrer bin, daher sucht er bei mir keine Bestätigung für seine Kritik an der Jugend. Alles an ihr sei falsch, irregeleitet, von bestimmten Kreisen beabsichtigt. Er sieht die Manipulation am Werk, wenn die Jugend dem Alkohol, dem Sex und Verbrechen zum Opfer fällt. Wenn man ihn hört, kann man vom Untergang der einstmals so herrlichen germanischen Rasse ausgehen. Seine Gesichtshaut spannt sich glatt über die herausstehenden Backenknochen, zahllose geplatzte Äderchen verfärben seinen Teint ins Bläuliche.

Ihm gegenüber fühle ich mich jung, vor ihm verteidige ich die Jugend. Denn was er sagt, sind ja nur die üblichen Klagen eines alten Mannes, die es schon zu allen Zeiten gegeben hat. Es ist eine Standardvorstellung von einer verschwenderischen, gewissenlosen Jugend, die das Erbe der Alten verprassen wird. Ich stimme ihm nicht zu, sehr zum Ärgernis der anderen, die auch alle in den Chor der Kritik an der Jugend miteinfallen. Bei näherem Nachfragen stellt sich heraus, dass sie fast alle kinderlos sind und von der Jugend nur in den Zeitungen lesen. Das Einzige, was mich mit ihnen verbindet, ist das Gefühl des Ausgeschlossenseins, der Namenlosigkeit in einer Gesellschaft, die nichts mehr von uns wissen will und sich somit nicht mehr um unsere Erlebnisse kümmert. Wir können sie nur im Sanatorium oder in einer gemütlichen Bier- und Skatrunde loswerden.

Das Kurbad ist voll von Trümmergestalten wie dem alten Oberst. Es ist geradezu eine Alteninsel wie Mallorca oder Teneriffa, wo ebenfalls ganze Generationen Zuflucht finden vor der Jugend und ihren Forderungen, also vor der Gegenwart. Sie leben auf diesen Inseln ein wirkliches Pensionärsdasein, abgeschieden vom Alltag der Bundesrepublik. Noch mehr als zu Hause habe ich hier das Gefühl, in einem Ghetto zu leben, aus dem es kein Entrinnen gibt, nur dass dieses Ghetto hier angenehmer und sozusagen wattegepolstert ist. Man kann es sich in dieser Hölle bequem machen, sie ist bevölkert von Leuten, die sich wohl durch ihre Leiden, nicht aber durch ihre Gefühle voneinander unterscheiden. Es ist sozusagen eine homogene Gesellschaft, die eingehüllt ist von den Schwefeldämpfen der Mineralquelle, die überall in der Luft allgegenwärtig sind und jeden umgeben. Keine Rede davon, dass ich hier als gebrochener Mensch den Schmutz meiner Seele, die jahrzehntelangen Ablagerungen loswerden wollte. Ich vergesse dies alles vor der Kulisse der bewaldeten Berge, der Rebenhänge, in der reinen, gesunden Luft. Wir alle leben hier gedächtnislos, der reinen Gegenwart hingegeben.

Selbst Utes Mistbeet kommt mir vor, als würden darauf Orchideen gezüchtet. Ihre Fastenkuren und Gesundheitsrezepte gehen mir von dieser stillen Insel aus nicht mehr auf die Nerven. Auch der Trimm-dich-Pfad kommt mir ganz vernünftig vor, und über ihre Hantierungen in der Küche verhänge ich hier nicht mehr das Verdikt des Routinierten und des tödlichen täglichen Einerleis. Hier würde ich sie nicht mehr kritisieren, wenn sie sich wie jeden Morgen auf die Waage stellte und schwere Depressionen bekäme, weil sie 2OO Gramm zugelegt hat. Ich würde schmunzeln, da sie von der fixen Idee besessen ist, ihren Cholesterinspiegel im genau vorgeschriebenen Gleichgewicht zu halten. Dies alles sehe ich jetzt von überlegener Warte aus. Utes verzerrtes Gesicht damals im Sommerurlaub auf Norderney würde mich heute nicht mehr aufschrecken. Ich hatte auf den zart geröteten Oberschenkel einer Nachbarin im Liegestuhl die Asche einer Zigarette fallen lassen. Ich erinnere mich plötzlich an diese Szene, als eine der damaligen Dame sehr ähnliche junge Frau hier auftaucht. Die Eifersucht Utes, weil ich mich mit dieser besagten Dame lange über Verhaltensweisen beim Sonnenbaden oder Hotelpreise unterhalten habe, blitzt für Minuten auf.

Ich erinnere mich an das leise Klingeln von Utes Stricknadeln, wenn sie allabendlich vor dem Fernseher die Beine hochlegte, es bildete die Begleitmusik zu dem über uns verhängten Ritual unserer Zweisamkeit. So gemütlich eingemauert in unseren Eheturm, geborgen und aufeinander angewiesen, war es angenehm von den Unfällen anderer zu hören. Der Nachbar hatte einen Bootsunfall, seine Frau war über Bord gefallen. Er konnte sie nicht mehr retten. Ein Gewitter war aufgezogen. Mit letzter Kraft war er ans Ufer gerudert und hatte die arme Frau im See zurückgelassen. Als sie dies hörte, war Ute für eine Weile nachdenklich gestimmt. Umso wohler fühlte sie sich, wenn sie, fest an mich gebunden, vor solchen Unfällen verschont blieb und sich bei uns gar nichts, rein gar nichts ereignete, was an eine Sensation gegrenzt hätte. Ute fühlte sich wohl in dieser Ehelangweile, hat sich nie erkundigt, wie ich darüber denke. Das Wort „unser“, das mich auch heute noch seltsam berührt, kam ihr vom ersten Tag unserer Ehe an leicht über die Lippen, als seien wir seit Urzeiten verwandt, ja verschwistert, als sei unsere Zweisamkeit das Selbstverständlichste von der Welt. Daher war sie ja auch so verstört, als sie mitbekam, dass mit mir etwas nicht stimmte. Die Ferienreisen, die gemeinsamen Ausflüge, die Besuche bei Bekannten, alles wurde so geplant, als bedürfe es erst gar nicht meiner Zustimmung; alles ordnete Ute bis in die letzten Einzelheiten an. Es waren ihre Pläne, ihre Ziele, ihre Absichten. Das ging so weit, dass ich das Wort „Ich“ gar nicht mehr in den Mund nahm. Als Erstem fiel das meinem Freund Werhan auf. „Altes Haus, mach doch endlich Ferien, aber allein!“ Er hat mir Mut gemacht, auf ihn war der Anstoß zu dem hiesigen Aufenthalt zurückzuführen. Hans wusste vielleicht schon lange, was in mir vorging.

Irgendwo mache ich eine alleinstehende Dame ausfindig, irgendwo sitzt sie auf einer Bank neben einem üppig blühenden Rhododendronstrauch, der alle Schönheit ringsum aufsaugt und in sich versammelt, sodass ich sie zunächst gar nicht entdecke. Es wird mir fast übel an diesem heiß-schwülen Spätnachmittag mit seinem verhangenen Gewitterhimmel. Ich spüre eine dumpfe Ahnung in mir hochsteigen, wie ich sie schon lange nicht mehr kannte. Sie kommt aus dem Nichts, ich weiß nicht, was sie ausgelöst hat. Plötzlich ist sie da, diese Sehnsucht, mitten in diesen Verdauungsspaziergang hinein, während ich noch den Theaterzettel an der Litfaßsäule im Kurpark lese und zerstreute Grüße nach rechts und links sende.

Da sitzt sie also in einem hellen Kleid, das nicht zu übersehen ist. Es sticht heraus aus dem saftigen Grün des endlos sich dehnenden Rasens und dem dunklen Blau des Gewitterhimmels. Ich beurteile die Farbe des Kleides, bevor ich das Gesicht sehe. Sie wirkt unbestimmt, ja fast blass, in die Landschaft eingepasst, als gehöre dieses Kleid wie eine Blüte zu diesem Parkland. Sie sitzt regungslos da, und das Buch, das sie in der Hand hält, scheint zu dieser Hand zu gehören, als sei es da angewachsen. Sie liest, ohne umzublättern. Ein altmodisches Bild, genrehaft, wie einem Traum entsprungen. Sicher muss es sich um einen schwer verständlichen Text handeln, da sie immer auf derselben Seite verharrt. Als ich näher komme, blickt sie geschwind auf, liest aber dann sofort weiter. Sie scheint sich für nichts anderes als für dieses Buch zu interessieren, nicht für den Park, nicht für die Enten, die sich jetzt eine um die andere in den nahe gelegenen Teich plumpsen lassen, nicht für die Passanten. Da setze ich mich, rasch entschlossen, neben sie. Wer ist dieses Wesen, ist sie jemand aus Fleisch und Blut? Nur um etwas zu tun, lehne ich mich entspannt zurück, strecke meine Beine aus und verharre ebenso regungslos wie sie. Die Lektüre scheint immer fesselnder zu werden, je länger ich auf der Parkbank weile, ja, es kommt sogar zu einem Umblättern und zu einer leichten Vorwärtsneigung des Kopfes. Die ganze Zeit über habe ich ja nur eine Statue beobachtet, die nicht einmal ein frecher Spatz, der sich auf ihren Kopf gesetzt hätte, aus der Ruhe hätte bringen können. Schon kündigt sich bei mir erlahmendes Interesse an. Die Mattigkeit nimmt zu infolge der Schwüle, die an diesem Nachmittag unerträglich wird. Ich mache Anstalten, mich zu erheben. Da kommt Leben in die Figur. Schlagartig dreht sie den Kopf, als gebiete sie mir, sitzen zu bleiben. Sie mustert mich, lächelt leicht und zufrieden. Habe ich tatsächlich ihre Aufmerksamkeit geweckt? Was sucht sie jetzt fieberhaft in ihrer Handtasche? Warum streicht sie nervös die Haare zurück? Da sind doch keine Strähnen, die ins Gesicht fallen. Es sind kastanienbraune, leicht rötliche Haare. Auch das noch, denke ich. Sie trägt sie hinten in einer Spange zusammengefasst, eigentlich zu jugendlich, eigentlich nicht ganz angemessen. Der Haarwuchs ist zu üppig für die sonst zarte Figur. Sie greift nach ihrer Halskette, als ob sie prüfe, ob sie noch da sei. Eine Geste der Unsicherheit. Was soll sie sagen? Ihre „Lesewut“ scheint behoben. Sie stützt sich jetzt auf der Bank auf, als ob sie sich Ruhe gebieten wolle. Das alles hat meine stumme Gegenwart vermocht. Ganz langsam fange ich an, stolz auf mich zu sein.

Ich bedaure, nicht jugendlicher gekleidet zu sein, nichts mit modischem Pfiff zu tragen, nichts, womit ich in meinem Äußeren Aufmerksamkeit erregen könnte.

Dabei ist noch nichts geschehen, ist kein Wort zwischen uns gefallen, bleiben wir beide noch ruhig auf der Bank sitzen. Nur die Wolken werden bedrohlicher, und erste Tropfen fallen. Jetzt setzen wir uns beide gleichzeitig in Bewegung. Der Himmel will es, dass ich ihr mit meinem Schirm aushelfe. Wir schreiten nebeneinander her unter einem Regendach, als sei es die selbstverständlichste Sache der Welt. Sie ist kaum kleiner als ich, wir sind ein schönes Paar – zumindest meine ich das.

Im Tearoom sitzen wir anschließend nebeneinander, während eine sintflutartige Regenwelle an die Fenster platzt. Sie friert nicht in ihrem dünnen, jackenlosen Kleid, als sei sie von innen heraus erwärmt und nicht abhängig von irgendeiner Außentemperatur.

Zwischen uns entwickelt sich nicht das übliche Gespräch – verheiratet, ja oder nein, Kinder, wohnhaft, wo, Beschäftigung.

Beide sind wir wie vom Mond gefallen, der Zufall hat es so gewollt. Sie sieht auch nicht dauernd auf die Uhr, weil vielleicht ein anderer auf sie wartet oder sie im Kurheim zum Abendessen sein soll. Nein, sie scheint es so wenig eilig zu haben wie ich. Auch ich will die Zeit vergessen, ich nehme sogar die Abwesenheit im Sanatorium am heutigen Abend in Kauf, wenn dies auch einer kleinen Revolution gleichkommt und in den drei Wochen meines hiesigen Aufenthaltes noch nie passiert ist. Es muss mir vom Schicksal so bestimmt sein, zumindest bilde ich mir das ein, ich, der ich noch nie ein so großes Wort wie Schicksal in Bezug auf mich in den Mund genommen habe. An diesem Spätnachmittag ist einer meiner Wünsche in Erfüllung gegangen. Sie sitzt neben mir. Das Unglaubliche hat sich ereignet, und das dumpfe Grollen draußen, das am Abklingen ist, liefert die schicksalhafte Melodie dazu. Nichts um mich her erscheint in harmlosen Farben, alles nehme ich wahr, als sei ich in einen Trancezustand versetzt. Ich sehe sie leibhaftig vor mir, wie sie sich Löffel für Löffel das Eis in den Mund schiebt, in einen Mund, der hart sein kann und sich dann wieder wie widerwillig rundet, ein Mund, der vielleicht gar nicht bereit ist zum Küssen, weil er sich keine Zeit dazu nimmt, sondern immer damit beschäftigt ist, Worte zu formen, nichts als Worte. Da kommt nichts Spontanes, nichts Sprühendes aus diesem Mund, alles, was sie sagt, ist wohlüberlegt und wird sofort wieder zurückgenommen, falls ich etwa falsche Schlüsse ziehe. Sie dürfte keine leicht zugängliche Frau sein, ich weiß es. Unser Gespräch verläuft eher stockend, wenn auch auf beiden Seiten eine große Bereitschaft vorhanden ist, dem anderen zuzuhören. Der Zeiger der Uhr über uns geht unaufhaltsam der Sechs entgegen, wir beobachten es beide. In dem Maße, wie die Zeit fortschreitet, wird unser Gespräch schleppender. Wir haben uns fast gar nichts gesagt, nur Namen, nur Bruchstücke, aus denen sich noch kein Leben zusammensetzen lässt. Ich erfahre nichts weiter, als dass diese Susanne Miesbach Kollegin an einer Schule der Nachbarstadt ist, allein lebt und genau das Gegenteil meiner Existenz ist, weil sie sich wohlfühlt an der Schule, weil sie ihre Schülerinnen und Schüler mag, weil sie gerne unterrichtet und sie sich noch nie Gedanken darüber gemacht hat, welch geringe gesellschaftliche Stellung sie durch den Lehrerberuf einnimmt.

Sie hat sich diese Kur verschreiben lassen, weil sie sich müde vorkam und meinte, nach zehn Jahren Schuldienst Anspruch auf eine derartige gesundheitliche Pause zu haben. Ihrer Meinung nach gehört es zu den unabdingbaren Rechten einer Beamtin, sich für den Staat fit zu halten. Zum ersten Mal klärt sich ihre Miene auf, und sie lacht über das Wort „fit“, das ja gerade in unserem Beruf eine so große Rolle spielt. Das Gewitter ist so rasch vorüber, wie es gekommen ist. Auf dem Nachhauseweg würde meine Schirmbegleitung überflüssig sein. Ich befürchte, dass nach diesem Austausch unsere Beziehung auch schon ein jähes Ende finden würde, wenn wir uns vor dem Café trennen und in entgegengesetzter Richtung davonstreben, ohne uns die Adressen unserer Unterkünfte verraten zu haben. Die Folgenlosigkeit dieser Begegnung, die mir so hochtrabend als schicksalhaft erschienen war, scheint vorprogrammiert.

Ich wäre vorbehaltlos, alles hinter mir lassend, in eine Beziehung mit ihr hineingesprungen, noch bevor Susanne den letzten Löffel Vanilleeis, das mit einer Erdbeere geschmückt ist, in ihren strengen Mund schiebt. Ich wünsche, ein zweites Gewitter breche los und schütte über uns wolkenbruchartige Güsse aus, die unseren Abschied verhindern. Ich wünsche, es gäbe eine endlose Fortsetzungsgeschichte, bei der man sich gar nichts weiter mitzuteilen braucht als immer dasselbe. So hoffe ich auf eine Wiederholung, indem ich meinen Händedruck besonders intensiv gestalte und einen sehr flehenden Blick in ihre graublauen Augen wage. Es ist, als greife ich nach einem Rettungsanker, ganz gleich, wie er beschaffen ist, ganz gleich, ob diese junge Frau meine Gefühle teilt, ob sie sich ebenso absprungbereit fühlt wie ich. Warum ist sie nur so schüchtern, so zurückhaltend, so spröde! Vermutet sie in mir so etwas wie einen billigen Kurschatten, der auf Abenteuer ausgeht, hier, wo er Urlaub von seiner Ehefrau hat? Hält sie mich für einen der üblichen Ehemänner, die in der Langeweile des Kurlebens, sobald sich eine Gelegenheit bietet, zu jedem Seitensprung bereit sind? Es ist merkwürdig, dass ich die Initiative ganz ihr überlasse und abwarte, ob sie mir ihre Adresse verrät. Ich bin ein völliger Neuling im Aufbau solcher Beziehungen, hat mich Ute doch so domestiziert, dass ich außer den vagen Flirts mit Marlies keinem weiblichen Wesen den Hof mache. Ich bin ungeübt und linkisch und habe die größte Angst, Susanne könnte mich endgültig zurückweisen, wenn ich zu forsch vorgehe. Ich weiß, dass ich mich bei ihr wohlfühlen würde, dass ihre Gegenwart meinem trüben Dasein Glanz verleihen könnte. Auch wenn es nur winzige Zuwendungen in homöopathischer Verdünnung wären, so hätten sie doch die größte Wirkung und könnten mich vielleicht retten.Frust-Coverbild-Ebook+Print (1)

 

Divide et impera?

„Was meinst du, Olivia, wie lange wird der Krieg in Syrien noch dauern?“ „Garfield: du stellst mir doch nur Fragen, weil du darauf brennst, die Antwort selbst zu geben.“ „Schmoll.“ „Na sag‘s doch.“ „Also, wenn du meine Meinung nicht wissen willst …“ „Doch äh. Sag es endlich…“ „Wie du meinst … Also der Krieg dauert so lange, bis der IS in Syrien bekämpft ist und die Parteien sich darauf geeinigt haben, wie sie das Land verteilen.“ „Welche Parteien?“ „Was kriegt Asad unter Putins Schirmherrschaft. Was bekommen die Asad Oppositionellen, die Rebellenmilizen, die gemäßigten, insbesondere die FSA (Freie Syrische Armee) und die kurdischen Rebellen (YPG), die beiden letzteren unter amerikanischer Schirmherrschaft, und was bekommt die Türkei. Ohne deren Bodentruppen wird der Kampf gegen den IS nicht so rasch zum Erfolg führen, die kriegen also auch ein Stück vom Kuchen oder zumindest eine kurdenfreie Pufferzone.“ „Du meinst also, Syrien ist inzwischen ein Kuchen geworden, über dessen Aufteilung man sich im Hintergrund streitet. Und was ist mit dem Iran auf seiten Asads, bekommt der auch was? Und Saudi-Arabien auf der Gegenseite?“ „Also, wir reden hier jetzt nur mal über die territorialen Kräfte, die Kräfte in der näheren Region … Der Kuchen wird also verteilt, bevor man ihn in der Hand hat.“ „Die beste Lösung wäre ein Syrien ohne Asad gewesen, das ohne Teilung langsam den Weg zur Demokratie findet.“ „Tja, den Kerl kriegt man aber nicht so schnell los, wo er noch durch Russland unterstützt wird. Da sagt sich die Gegenseite, bereite dem Konflikt ein Ende durch Teilung. Divide et impera. Jede der regionalen Parteien (Asad, bestimmte Rebellen und Türkei) erhält etwas, dafür herrschen sie später gemeinsam, und nicht etwa einer allein, nach Bekämpfung des gemeinsamen Feinds IS.“ „Und was machst du mit den nicht gemäßigten Rebellen, etwa dem al-Qaida-Ableger der al-Nusra-Front? Die hat im Verlauf des Konflikts ihre Präsenz gewaltig ausgebaut. Oder der Islamischen Front, die von Saudi-Arabien unterstützt wird und ebenso die Demokratie ablehnt?“ „Die müssten wie der IS bekämpft werden.“ „FSA und Islamische Front arbeiten aber zusammen und weniger moderate Teile der FSA arbeiten auch mit der al-Nusra-Front zusammen. Am Ende gibt es gar keinen Kuchen, weil zu viele Köche den Brei verderben … Du siehst mich so seltsam an?“ „Es gibt noch ein weiteres Problem. Wenn welche zu viel vom Kuchen, zu große Stücke wollen, funktioniert das Divide et impera auch nicht …“ Kuchen Garfield

 

Das entfesselte Denken

Die blühendsten, reichsten, kultiviertesten Städte, von denen ein riesiger Evolutionsschub ausging, die eine Schlüsselstellung in der Entwicklung der westlichen Moderne besetzen, haben eins gemeinsam, Kultur und Wissen spielten die erste Rolle, nicht die Religion.

Athen im fünften Jh. v. Chr. zur Zeit des Phidias, der klassischen Tragödien von Aischylos, Sophokles und Euripides, der Sophisten, des Sokrates usw. mit seinen zu gleichberechtigter politischer Mitwirkung gelangten (leider nur männlichen) Vollbürgern, war die „Schule von Hellas“ und wirkte örtlich und zeitlich weit darüber hinaus. Hier wurde der Grundstein des modernen wissenschaftlichen Denkens gelegt.

Das luxuriöse Rom nicht nur zur Zeit der Pax Augusta löste einen Zivilisations- und Technikschub aus.

The place to be um 800 n. Chr. war Bagdad, eine hochmoderne, ungemein reiche Metropole und ein Zentrum der Kultur und Naturwissenschaften, des offenen Austauschs, frenetischer Wissbegier.

Das Kalifat Córdoba (gegründet 711 n. Chr.) erfreute sich bereits der Straßenbeleuchtung zu einer Zeit, als London noch die Bezeichnung eines »schmutzigen, dunklen Lochs« verdiente. Ganz zu schweigen davon, dass über arabische Gelehrte wie Ibn Ruschd (12. Jh. n. Chr.), genannt Averroës, das verlorene antike Wissen von dort wieder nach Europa kam. Ebenso gelangte zu der Zeit die Algebra aus der arabischen Welt der Wissensmetropolen in den Westen, erfunden von dem persischen Mathematikgenie al-Khwarizmi (780–850), der ebenfalls die Algorithmen-Lehre entwickelte, die Verwendung von Dezimalzahlen und die Ziffer Null aus dem indischen in das arabische und damit in die modernen Zahlensysteme einführte.

Der nächste große Schub kam dann vom prachtvollen Florenz der Renaissance. Ein Wissensschub. Nicht nur in Kunst und Architektur. Man war dem griechischen Pantheismus näher als dem Christentum. Die „Religion“ der Genies war der Humanismus.

Averroës (Ausschnitt eines Gemäldes von Andrea Bonaiuto, 14. Jh.) sah in der Logik die einzige Möglichkeit des Menschen, glücklich zu werden. Die Logik (nach Aristoteles) lieferte für ihn die Möglichkeit, aus den Daten der Sinne zur Erkenntnis der Wahrheit zu kommen. Die Logik war für ihn das Gesetz des Denkens und der Wahrheit.
Averroës (Ausschnitt eines Gemäldes von Andrea Bonaiuto, 14. Jh.) sah in der Logik die einzige Möglichkeit des Menschen, glücklich zu werden. Die Logik (nach Aristoteles) lieferte für ihn die Möglichkeit, aus den Daten der Sinne zur Erkenntnis der Wahrheit zu kommen. Die Logik war für ihn das Gesetz des Denkens und der Wahrheit.

Frust, Revolte und Normalität: Roman

Und hier ein Foto der Autorin, meiner Mama, Jahrgang 1922, im Garten ihrer Eltern. Sie war damals Studentin.

Buchbeschreibung

Es ist ein Roman meiner Mama, den sie nicht mehr selbst herausgeben kann. Die Hauptfigur, Wolfgang Fink, ist Lehrer in den sechziger und siebziger Jahren. Das Chaos in den Klassen macht ihm gewaltig zu schaffen. Er leidet langsam aber sicher an einem typischen Burnout. („Woran liegt es, dass ich mir vorkomme wie ein Uhrwerk, das man zerlegt hat und das dennoch funktionieren soll?„) Nur Burnout gab es damals noch gar nicht. Man galt in so einem Fall nicht als krank. Und auch die älteren Kollegen, die noch durch den Zweiten Weltkrieg traumatisiert waren, ließ man mit ihren Traumen alleine. Gleichzeitig entfremdet Fink sich immer mehr von seiner Frau Ute und Ute von ihm. („Ich selbst könnte nur stockend vorbringen, was mich bedrückt, am allerwenigsten wortreich am Bildschirm vor einem Interviewer. Meine Rede wäre mit Angst durchsetzt, zögernd, farb- und glanzlos und unscheinbar. Ich trage keine Plakate vor mir her, meine Befindlichkeit ist nicht werbewirksam, ich kann nicht demonstrieren für mehr Rechte. Ich teile mich ja niemandem mit und äußere mich höchstens über mein Unterbewusstsein in Form von Angstschreien, die meine Frau bereits aus dem gemeinsamen Schlafzimmer vertrieben haben.„)

Der Roman beruht auf den Erlebnissen meiner Mutter. Sie hat vierzig Jahre an Gymnasien unterrichtet. Ihre Hauptfigur Wolfgang Fink spricht aus, was niemand in der Öffentlichkeit gerne sagen möchte, er entblößt ein System ebenso schonungslos wie sich selbst.

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Leseprobe Frust, Revolte und Normalität – Kapitel X Mief und Duft

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Aus dem Roman meiner Mutter:

Kapitel X

Mief und Duft

Der Sprecher redet teilnahmslos wie immer. Flugzeugkatastrophe, Bürgerkrieg im Libanon, Belagerung von Kabul, Konjunkturdaten, der Empfang beim Bundespräsidenten, Sektgläser werden gereicht, Lichtreflexe von den Kronleuchtern auf Krawatten und Seidenkostümen, alles recht feierlich, oft zu gestelzt, zu wohlanständig, zu honorabel. Der Nachrichtensprecher ändert den Ton nicht, wie auch der Inhalt seiner Botschaft sein mag, ob Krieg, ob Hungersnot, ob festlicher Anlass.

Ändere ich ebenso wenig meinen Ton im Unterricht, wecke ich ebenso wenig Aufmerksamkeit wie der Nachrichtensprecher? Auch ich trete ähnlich auf wie er, im unauffälligen Anzug, nicht salopp, nicht modisch, sozusagen für das Auge des Normalverbrauchers. Ich vermeide es, mit meinem Äußeren Aufsehen zu erregen. Ganz anders meine jüngeren Kollegen, die in Turnschuhen und Jeans mit offenem Hemd zum Unterricht antreten. Die Schüler kommen als Skinheads, als Punks, als Freaks und Rocker. Ich aber stehe außerhalb der Bannmeile betonter Schludrigkeit und des saloppen Umgangstons. Ich lege keinen Wert auf ein spezielles, für das Unterrichtsgeschehen passendes Äußeres, unterliege keinem Kleiderzwang, setze mich aber auch nicht einfach über gewisse Stilfragen hinweg. Trotzdem werden Eltern beim Direktor vorstellig, wenn die Schüler glauben, Anstößiges bei mir entdeckt zu haben, das die allgemeinen Moralvorstellungen zu verletzen scheint. Der Direktor nimmt widerwillig Verbindung mit mir auf und bittet mich inständig, in Zukunft ein weniger aufdringliches Rasierwasser zu benützen. Manche Schüler fühlten sich dadurch an einen dem Lehrer nicht zustehenden Luxus erinnert, was ihre empfindliche Nase störe und nicht in unsere mittelständisch geprägte Schule passe. Auch halte man meine Seidenkrawatten für eine Preisklasse zu teuer, da sie aus Häusern wie Armani oder Balmain stammen. Schüler hätten heutzutage doch ein Auge dafür. „Soll ich lieber in ausgefransten Jeans, in schmuddeligen Jacketts und mit fettigen Strähnenhaaren kommen?“, frage ich beleidigt und empört über derartige kleinbürgerliche Vorwürfe. „Schludrigkeit hat etwas mit Puritanismus zu tun. Aha, dass ich das jetzt erst begreife!“ Der Direktor verzieht nur ein wenig die Mundwinkel. „Sie wissen schon, was ich sagen will. Grundsätzlich mache ich den Kollegen keine Vorschriften, wie sie sich kleiden sollen. Nur sollte es keinen Ärger mit den Eltern geben.“ Ich bin erstaunt, dass ich als modisch, als den kapitalistischen Luxusgütern zugetan gelte. Eigentlich schmeichelt mir das.

Ein anderer Lehrer hat am Montag noch schwer zu tragen an der Demo, die so halb ins Wasser gefallen ist. Er kam am Sonntagabend völlig durchnässt nach Hause und hat sich gerade noch mit Mühe und Not auf den Unterricht vorbereitet. Soviel Ungemütlichkeit wie bei dieser Demo mit Gewitter und Hagelsturm, dazu noch Polizeigerangel hat er bisher kaum erlebt. Dahin war alle Heide- und Waldromantik. Sie mussten überstürzt die Zelte und die Laubhütten abbauen. Da konnte er sich beim besten Willen nicht mehr seinem Aussehen widmen. Zerknittert und alt sitzt er am Montagmorgen vor seinem Glas schwarzen Tee, den er gegen die aufkommende Erkältung schluckt. Diejenigen, die Grillpartys in Nachbars Garten mit viel Bierkonsum hinter sich haben, sehen nicht viel besser aus. Sie wirken verkatert und unausgeschlafen. Die Skinheads in den Klassen sind wohl auch mit ihren Motorrädern ins Grüne gefahren, aber es hat sie nicht sehr mitgenommen. Man begnügt sich da meistens mit Cola oder Limo. Den Lehrern dagegen sieht man es sofort an, wenn sie mal sonntags über die Stränge schlagen. Bei ihnen rächt es sich, wenn sie am Montagmorgen nicht in Form sind. Die Schüler sind da ohne Nachsicht. Sollen die doch ihren Ehefrust vom Sonntag, ihre Unausgeschlafenheit von der Demo her irgendwo anders abreagieren.

Diese Lehrer sollten sich besser nur aufs Faktische konzentrieren, als immer ihren persönlichen und politischen Quatsch bei ihnen, den Schülern, abzulagern. Was ging sie Wackersdorf an, was San Salvador und was Südafrika? Allmählich wächst da eine andere Generation heran, eine unpolitische, eine rein sachliche, die allmählich die Nase hochzieht, wenn so ein Lehrer barfuß in Kneipsandalen daherschlappt, sich mit der Hand durchs struppige Haar fährt und ein schmuddeliges Jackett trägt. Mein Auftritt, den ich mit möglichst unbeteiligter Stimme probe, geht daneben. Ich befinde mich in einem Schlafsaal. Die Mädchen tun so, als blickten sie an mir vorbei, während ihnen in Wirklichkeit nichts an mir entgeht. Sie haben vielleicht Anstoß genommen an meinen Krawatten. Ich verfalle in meinen gewöhnlichen Unterrichtston, der mir mehr behagt als die politischen Glaubensbekenntnisse der Kollegen, die meinen, sie müssten mit ihren Demonstrationen und Sitzstreiks sonntags die Welt verbessern. Vielleicht wollen sie mit solchen Ersatzbefriedigungen ihr Selbstbewusstsein wieder gewinnen, das ihnen die Schüler genommen haben. Die Schüler aber nehmen nur ihre Katerstimmung wahr. Die Politisierung der Schule ist vorbei. Solche politisch angehauchten Lehrer geraten immer mehr ins Abseits.

Zuweilen träume ich während des Unterrichts, schweife mitten im Satz ab und suche die negative Schulatmosphäre zu verdrängen. Aber es will mir nicht gelingen. Nur während einer Klassenarbeit, wenn alle Schüler über ihre Hefte gebeugt emsig schreiben, tritt Stille ein.

„Was führte Ihrer Meinung nach zum Untergang der Hanse?“, lautet die Frage. Sie runzelt die Stirn, legt ihr hübsches rundes Kinn in ihre kleine Kinderhand, rätselt herum, errät es fast und dann doch nicht. Sicher hat sie die ganze vorherige Nacht überlegt, im Bett lesend, immer wieder das Lehrbuch zur Hand nehmend. Sie konnte nicht den ganzen Sonntag über brüten, nachdem alle in der Familie mit dem Backen von Weihnachtsplätzchen beschäftigt waren, Teig kneteten, Eischnee schlugen, die Bleche beschmierten. Da konnte sie nicht verbissen auf ihrem Zimmer in das Buch starren und sich fragen, was dieses blühende Gemeinwesen, die Hanse, zusammenbrechen ließ auf den eisigen Wegen nach Nowgorod. Sie stellte sich die Schlitten vor, die übers knirschende Eis fuhren, das Glockengebimmel, die heulenden Wölfe, die ihnen folgten, während sie durch die nördliche Landschaft rasten. Dann roch sie den immer intensiveren Duft des Gebäcks, klappte das Buch zu.

Ich bereue es, die Arbeit ausnahmsweise montags schreiben zu lassen. Die Schüler haben am Sonntag zu viele Ablenkungen. Ich sehe, wie Isabel mit dem Stoff ringt. Die Seiten liegen weiß und leer vor ihr, sie kann die Sonntagsträume nicht loswerden, die sie vielleicht von den nördlichen Gestaden in südlichere führten, wo sie im lauen Sommerwind den flatternden Rock zusammenhielt und den breitkrempigen Hut fest an ihren Leib presste, damit ihn der Wind nicht wegwehte, während sie ins Wasser watete und die Fischerboote im Abendlicht verschwammen. Jemand kam auf sie zu, der zunächst wie ein Punkt aussah und immer größer wurde. Eine kräftige Männerhand legte sich auf ihre Schultern, zärtliche Worte wurden ihr ins Ohr geflüstert, sie saugte sie gierig in sich auf. Aber da ist es fast schon zu spät. Die Feder vollführt einige Pirouetten in ihrer kleinen Mädchenhand, der Zeiger auf der hübschen Armbanduhr rückt unweigerlich dem Ende der Stunde zu. Ich muss ihr die Bogen gewaltsam entreißen. Ihr Kopf glüht. Sie wird kaum mehr als eine „Fünf“ produziert haben. Unsere Blicke begegneten sich für ein paar Sekunden in einer geheimen Komplizenschaft, mein objektiver Lehrerblick und ihr frischer, flehender Jungmädchenblick. Natürlich wird sie wie schon oft darauf spekulieren, dass ich die Notenskala so einrichte, dass sie gerade noch eine „Vier“ bekommt. Sie ist die einzige in der Klasse, derentwegen ich eine solche Manipulation vornehmen würde. Ich bevorzuge sie nicht, oft tue ich sogar so, als ob ich sie gar nicht bemerke. Alles geht in höchster Diskretion vor sich. Wir wissen, dass wir unser gemeinsames kleines Montagserlebnis hatten.

Es macht mich glücklich, dass ich Schülerinnen habe wie Isabel, die mir zugetan sind. Sie hören mir zu und akzeptieren mich, wie ich bin. Ich weiß, dass ich vom Durchschnitt der Schüler aktive Mitarbeit gar nicht verlangen kann, dass ich froh sein muss, wenn ich als Lehrperson geduldet werde und man mir ein wenig Einfluss zubilligt. Im Fall Isabels bin ich Herr über die Notengebung, ich kann mir einen gewissen Spielraum willkürlicher Entscheidungsgewalt reservieren, an dem niemand Kritik übt. Zwar handelt es sich um eine minimale Gewalt, die ich nur in dem einen oder anderen Fall anwende, nämlich dann, wenn etwa wie bei einem hübschen Mädchen wie Isabel meine Sympathie im Spiel ist. Dann hängt meine Entscheidung von meinem Wohlwollen ab, und das rein sachliche Schüler-Lehrer-Verhältnis weicht einem Funken menschlichen Gefühls.

Im Allgemeinen weiß ich es schon zu schätzen, wenn meine Stimme nicht überbeansprucht wird, ich einen moderaten Unterrichtston beibehalten kann und ich bis zur letzten Reihe durchdringe, ohne zu brüllen. Normalerweise ist der Stimmaufwand für einen Lehrer in mittleren Klassen enorm. Er muss die Geräuschkulisse, die dreißig, vierzig Schüler permanent erzeugen, durchbrechen können. Oft gelingt ihm das überhaupt nicht, weil er eine zu schwache Stimme hat und er sich durch seinen Unterricht kein Gehör verschaffen kann. Es bedarf einer großen Meisterschaft, allein dieses stimmliche Problem zu bewältigen und sowohl das orkanartige Gebrüll zu vermeiden wie auch den absichtlich zum Flüstern herabgeschraubten Ton. Beide Methoden verfangen nicht und untergraben nur noch mehr die Autorität. Sie geben den Lehrer der Lächerlichkeit preis. Es bleibt nichts anderes übrig, als im wahrsten Sinne des Wortes den richtigen Ton zu treffen. Manchen Lehrern gelingt dies ein Leben lang nicht. Sie müssen vom ersten Tag ihres Unterrichts an mit dieser ständigen Geräuschkulisse leben. Kein Wunder, dass sie langsam taub und zittrig werden. Die Geräuschkulisse setzt sich aus Privatgesprächen, aus Kichern, aus witzigen Bemerkungen und geflüsterten Wörtern zusammen. Sie ist unentwirrbar und unberechenbar. Man weiß nicht, warum sie plötzlich aufhört. Manchmal ist ein Zwischenruf zu vernehmen, dem alle zuhören. Manchmal lachen alle gleichzeitig, und man weiß nicht, warum. Man ist ausgeliefert, man kommt nicht dagegen an. Mit der Geräuschkulisse schützen sich die Schüler vor einem durch den Lehrer bestimmten Unterricht. Er kann wohl die erste Stimme singen, die anderen aber singen die Schüler, und zwar so, wie sie es für richtig halten. Wenn ich mir selbst zuhöre, bemerke ich das falsche Pathos und die Zerstreutheit, mit denen ich einen Text vorlese. Ich bin nicht bei der Sache. Ich staune, wie ich trotzdem die Klasse im Zaum halte, wie es mir während des Lesens noch gelingt, die Aufmerksamkeit der Schüler zu wecken. Sogar Fragen kann ich ihnen entlocken, sie für manche Textstellen interessieren, ein lebhafter Dialog zwischen mir und einigen Schülern ergibt sich, die anderen sind solange wenigstens still, mimen Anteilnahme.

Bei Redefächern wie Deutsch, Geschichte, Politik kommt es immer auf die Art der Darstellung an. Der Gegenstand soll ansprechend verpackt sein, reizvoll aussehen. Dann beißen einige Schüler an. In den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern braucht man sich lange nicht solche Mühe zu geben. Da zählen nackte Fakten und Daten, und es bedarf keiner besonderen Rednergabe oder Ausdrucksfähigkeit. Die mit Winkel und Lineal bewaffneten Kollegen in den weißen Kitteln haben es leichter als wir in den Gesinnungs- oder Diskussionsfächern. Sie brauchen nicht Rede und Antwort zu stehen, es genügt, das richtige Ergebnis zu erarbeiten. Bei uns aber gibt es kein richtiges Ergebnis, sondern nur gute und schlechte Ausdrucksweisen, guten und schlechten Stil. Aber es ist sehr schwer nachzuweisen, woran es liegt, dass der eine Schüler die Sprache beherrscht, ein anderer aber nicht. Nichts ist in meinen Fächern schwarz auf weiß nachzuweisen, nichts gibt es, das nicht anzuzweifeln oder in Frage zu stellen wäre.

Ich muss mich um Anreize bemühen, die einen an sich trockenen und in einer altertümlichen Sprache abgefassten Inhalt aus den letzten Jahrhunderten so erscheinen lassen, als handle es sich um eine Comicserie oder einen Krimi. Das Hilfsmittel eines modernen Aufputzes wie auf der Bühne steht mir nicht zur Verfügung. Ich muss zur größten Langweile der Schüler den klassischen Stoff so darbieten, wie er ist. So geht es mit allem Klassischen. Ihm wird nur noch pro forma ein Ehrenplatz in den Lehrplänen eingeräumt. Man will ja die klassisch humanistische Bildung nicht ganz über Bord werfen.

In einem Fach wie Geschichte weiß ich, dass mir nichts anderes übrig bleibt, als den Inhalt zu verfälschen. Ich kann es mir nicht leisten, wie ein Professor nur Faktisches vor einem geduldigen Publikum auszubreiten. Ich bin kein Dozent, eher ein Entertainer, der sein Publikum in Spannung versetzen muss. Ich bin dem Dauerverschleiß der Auftritte vor einem Publikum ausgeliefert, das ständig drauf und dran ist, mich auszupfeifen. Meine Anstrengung besteht darin, es bei der Stange zu halten, seine Aufmerksamkeit wenigstens für kurze Zeit zu erwecken. Allzu viel darf ich nicht verlangen. Was für ein Glück, wenn ich allein spreche, wenn auch noch der Letzte zuhört und ich die Blicke der Schüler sammle wie in einer Linse. Nach einer Viertelstunde ebbt diese Aufmerksamkeit schließlich ab, die allgemeine Erschlaffung überträgt sich auf mich, ich erlahme, meine Rede wird flacher, ich verliere den Faden, sehe die einzelnen Gesichter nicht mehr, das von Isabella verschwimmt mir vor den Augen, alles zerfließt zu einem Brei. Ich schweife ab, wende mein Augenmerk Nebensächlichem zu, jedes unwichtige Detail fällt mir auf, die Zigarettenkippe, die vor Michaels Füßen liegt, die kauende Bewegung eines Mundes, der den Kaugummirest freigibt. Ich bemerke die zu einer kleinen Kugel geknetete Masse, die zwischen Daumen und Zeigefinger zerrieben und dann unbemerkt auf den Linoleumboden fallen gelassen wird, wo ihn eine Schuhsohle breitwalzen würde. Nichts geht verloren in dieser Welt, kein Kaugummirest, keine Bananenschale, kein Apfelrest.

Ernüchterung tritt ein. Nun sind es nur noch Hände, nur noch Gesichter, nur noch Schuhe, in denen Füße stecken. Die Hände legen sich auf die Mappen oder auf die Aktenkoffer, schieben die Papiere in die Fächer, ordnen die Kopien, die ich ausgeteilt habe. Einer schlägt den Taschenkalender auf und sucht das Datum für die nächste Klausur.

Isabel beobachtet Kurt dabei, wie er den Aufschrieb von der Stunde beendigt. Sie missbilligt ihn, weil er so rasch und ohne Aufheben mit allem fertig ist, regt sich auf, weil diese Jungen meinen Unterricht unter „unwichtig“ einstufen. Sie ist eine fleißige und aufmerksame Schülerin, lässt sich durch nichts ablenken und hält alles fest, was ich jetzt halb bewusst, halb unbewusst noch von mir gebe. In ihrem Heft hat dies alles System, geht ein roter Faden durch alles, was sich mir jetzt in meiner Zerstreutheit rein zufällig anbietet. Sie lässt mich die gelangweilten Blicke der anderen ertragen, nimmt keine Rücksicht, wenn sie den Unwillen der anderen durch ihre eifrige Mitarbeit erregt. Nur dank Isabels Aufmunterung ertrage ich die Mehrheit derer, die zwar keine nach außen sichtbare, innerlich aber umso festere Blockade meines Unterrichts praktizieren. Wahrscheinlich würde ich den vielen erliegen, ihrem lähmenden Einfluss und ihrer bleiernen Uninteressiertheit, wenn mich nicht immer wieder so ein Zugpferd wie Isabel hochrisse, denn auf die Dauer kann ich nicht immer allein die Lokomotive meines Unterrichts sein. Die Schüler hängen wie schwere Erdklumpen an meinen Füßen, ich komme nicht von der Stelle, wenn sie das Unterrichstempo bestimmen. Ich ließe mich niederziehen von der mangelnden Begeisterung und könnte diesen Schlepperdienst nicht mehr leisten, kämen mir nicht Isabel und einige andere wenige zu Hilfe. Manchmal meine ich sogar, von dem einen oder anderen verstanden zu werden. Es gibt einige, die wissen, wie schwierig meine Rolle ist, wissen, dass ich nicht unfehlbar bin und fortwährend daran gehindert werde, meine Rolle ordentlich über die Bühne zu bringen. Sie haben sogar Mitleid mit mir, dürfen dies aber nicht vor den anderen zeigen. Die würden sie sonst ausstoßen aus ihrer Phalanx gegen mich. Ich soll ruhig weiter versuchen, mit Worten, mit Gesten, ihnen Inhalte nahezubringen, auf denen sich Moos abgesetzt hat und die ihnen total egal sind. In ihren Köpfen spielen sich Bundesligaspiele, Tennisweltmeisterschaften oder Videoclips ab.

Nirgends ist die Neugierde sonderlich groß. „Fausts Ende zweiter Teil“ reißt auch meine Anhänger nicht aus den Sitzen hoch, und der Besuch im Marbacher Schillermuseum ist auch für sie eher ein Pflichtgang. Die Hinterlassenschaft dieser schwäbischen Genies, eingesperrt und sorgfältig aufbewahrt in den Glasvitrinen, ist ihnen fremd. Überall, wo es nach Vergangenheit riecht, wo vergilbte Manuskriptseiten, verschnörkelte Handschriften zu sehen sind und der Staub der Tradition zu Ehrfurcht Anlass geben soll, schalten meine Schüler ab. Alle bleiben sie stumm vor unserer geistigen Überlieferung. Selbst der Besuch einer Peymanninszenierung von „Don Carlos“ regt sie weniger an als ein Fußballspiel. Sie sehen die Schule als Durchgangsstation. Auf der Universität erst wird man das Hauptsächliche lernen. Dort erst wird wirkliches Interesse verlangt werden. Bis dahin kann man seine Kräfte aufsparen. Das Schulwissen fällt durch ein Sieb der Vergessenheit, es ist nutzlos geworden.

Ich habe mich entschlossen zu dieser Rolle, also bleibt mir nichts anderes übrig, als meinen Anzug glatt zu streichen, den Mund aufzumachen, zu versuchen, das Publikum durch immer neue Einfälle aus seiner Lethargie zu reißen. Doch ich fühle, dass ich kaum bis zum Schluss durchhalte, weil die Anspannung zu groß ist. Innerlich zittere ich vor einem völligen Versagen noch vor Schluss der Stunde.

Oberflächlich gesehen war alles in Ordnung. Man sah mir nichts an. Meine Gesichtsmuskeln waren etwas verzerrt, meine Handbewegungen verkrampft. Unmotiviert habe ich die Ellbogen immer wieder aufgestemmt, habe den Schülern in der ersten Reihe irre Blicke zugeworfen oder das Gähnen aus soundsovielen Mündern direkt vor mir mit dem Zucken der Mundwinkel ertragen, das geradezu aussah, als setzte ich zu einem Weinkrampf an. Das orkanartige Schnäuzen in der hinteren Reihe, der starre Blickkontakt mit immer demselben Schüler haben mich schliesslich aus der Fassung gebracht. Ich wusste es hinterher, als ich mich, völlig ermattet auf den Stuhl im Lehrerzimmer sinken ließ. Ich wollte mal zur Abwechslung eine richtige Vorstellung geben, alles aus mir herauspumpen, was wirklich in mir war, zeigen, dass ich auch Glanzstunden halten konnte. Und das war das Ergebnis: dieses Häuflein Elend, das ich war mit dem durchgeschwitzten Hemd.

Anderen Lehrern muss es ähnlich ergehen. Warum sonst hatte die Junglehrerin Keil dauernd zernagte Lippen und angekaute Fingernägel? Warum nähme nicht sonst der Kollege Herrmann mit jenem traurigen Hundeblick jeden Tag die Zettel und Bücher aus seinem Fach? Warum sonst klappt ein Kollege ständig seine Bücher auf und zu und wirbelt zum Ärger seiner Nachbarn Staub auf? Nicht anders wie eine Hausfrau, die Sofakissen ausklopft! Warum muss er sich einer derartigen Zwangshandlung unterziehen und die anderen Kollegen belästigen, die seinen Bücherstaub wie selbstverständlich einatmen müssen? Solche Handlungen, unbewusst begangen, gleichen jenem fiktiven Läusesuchen ehemaliger Kriegsgefangener in russischen Lagern, die sich auch heute noch durch ihre schütteren Haare fahren und Läuse knipsen, die es darin schon lange nicht mehr gibt. Oder warum kaut mein Nachbar im Lehrerzimmer seine Brotstullen so gewissenhaft und knabbert daran herum wie ein Eichhörnchen? Doch sicher nicht, weil er Appetit hat, sondern nur weil er durch das Kauen sein Unterrichtstrauma kompensieren muss.

Immer wenn der katholische Religionslehrer im Lehrerzimmer auftaucht, kommt er mir mit seiner breiten Glatze, die von einem rotblonden zottigen Haarkranz umgeben ist wie von einem Heiligenschein, vor, als haben ihn die Klassen davongejagt. Er wirkt, als sei er auf der Flucht, als sei einer hinter ihm her, so gehetzt ist er, so atemlos, so verwirrt. Bei seinem Anblick bekomme ich ein komisches Gefühl in der Magengegend, ich strebe der Toilette zu, vermeide jeden Blick in den Spiegel über dem Waschbecken und übergebe mich in die weiße Schüssel der Toilette.

Ich komme ins Lehrerzimmer zurück, etwas schwankend, etwas grün im Gesicht, bleich. Niemand bemerkt es. Wäre ich in der Toilette tot umgefallen, hätte mich keiner vermisst.

Der Zufall hat es gewollt, dass erst gegen Mittag, als ich bereits eine ganze Weile zusammengekauert in der verschlossenen Toilette liege, einer aufmerksam wird. Der Hausmeister wird geholt. Er schließt mit einem Nachschlüssel die Toilette auf. Die meisten Kollegen sind schon nach Hause gegangen, die meisten Schüler auch. Es ist gespenstisch leer in der Schule, als man den Wagen vom Roten Kreuz vorfahren hört. Dem Direktor ist es ganz recht. So wird kein großes Aufsehen erregt. Ich werde auf eine Trage gelegt, ein zusammengekrümmtes Stück Mensch, das man an einem unwürdigen Ort aufgefunden hat.

Man benachrichtigt Ute und die Kinder. Sie sitzen bereits am Mittagstisch und wundern sich, wo ich so lange bleibe. Ute springt auf, als es läutet. Seit Neuestem bekommt sie immer diese Röte im Gesicht, die vom Hals aufsteigt. Es ist aber nur der Postbote, der einen eingeschriebenen Brief bringt. Enttäuscht und aufgeregt setzt sie sich an den Tisch zurück. Dann, als das Telefon geht, weiß sie, dass ihre böse Ahnung sie nicht getrogen hat. Sie eilt auf die Intensivstation des Krankenhauses, wohin man mich, den klinisch Toten, gebracht hat, und wartet allein auf dem Gang. Die Ärzte und Schwestern huschen vorbei und wollen nichts von ihr wissen. Für sie schweben jeden Tag Patienten zwischen Leben und Tod, es ist nichts Außergewöhnliches. Ute wartet auf eine Nachricht von mir. Sie kann sich vorstellen, wie ich daliege, durch Schläuche an alle möglichen Apparaturen angeschlossen und wahrscheinlich nicht mehr zu retten. Immer hat sie etwas Derartiges erwartet, immer wusste sie, dass sie eines Tages schrecklich allein sein würde.

Nicht einmal heute will Peter auf den Basketball-Nachmittag verzichten, nicht einmal heute hat Verena Zeit, um ihre Mutter hierher zu begleiten. Sie ist ganz allein hier. Bis sie einen Arzt auf sich zukommen sieht, scheinen Stunden vergangen zu sein. Sie weiß, die Trennungslinie zwischen diesem und jenem Leben ist schmal. Nun erfährt sie, dass man drei Stunden, ja so lange, um das Leben ihres Mannes gerungen hat. Der Arzt hat weder traurige noch frohe Augen, er scheint überhaupt keine Augen zu haben, blicklos zu sein, vielleicht ein Astronaut in seinem weißen Anzug, der auf das irdische Geschehen wie auf das eines fernen Sternes sieht, der so und so oft die gleiche Mitteilung den Angehörigen, die in den Gängen warten, macht, routinemäßig. Einen Rest von Weiblichkeit hat sie sich noch bewahrt, eine kleine Eitelkeit, mit der sie jetzt umgehen muss wie mit einem kostbaren Pfund, das ihr von dem strapaziösen Leben mit mir noch geblieben ist. Mit einem gewissen koketten Lächeln versucht sie nun den jungen Arzt dafür zu gewinnen, ihr, da er doch ein Mann ist, ein wenig in dieser schrecklichen Minute beizustehen, nicht als Arzt, sondern als Mann. Sie weiß, dass dies jetzt für sie etwas ganz Wichtiges ist, aus einem anderen Mann einen kleinen Funken zu schlagen mit diesem kleinen weiblichen Rest, der ihr mit mir zusammen gar nicht mehr aufgefallen ist. Wann haben wir das letzte Mal miteinander geschlafen? Wann haben wir noch miteinander geflirtet? Sie hat doch in letzter Zeit das alles abgelehnt. Es war für sie nurmehr ein seltsames Gestrampel, das man da im Bett miteinander betreibt. Ihr früher so apartes sexuelles Gebaren hat sie längst ad acta gelegt. Sie mochte sich keine Mühe mehr mit mir geben. Nicht einmal Sexpartner waren wir mehr gewesen. Unseren Kindern haben wir dieses Feld überlassen. Wir waren nur noch tatenlose Voyeure.

Da drinnen liegt ein Körper, aus dem kein Funke Lust mehr zu schlagen ist. Zu spät, alles zu spät! Man hat es versäumt, das schöne Leben, und sie kann es nicht mehr nachholen. Sie ist eine Verlassene, eine um ihr Leben Geprellte, eine Getäuschte und Betrogene, und ein wilder Hunger wird in sie einziehen, der Hunger nach dem Leben, nach dem Mann.

Schlagartig merkt sie, dass sie ihn liebt, dass sie nur ihn begehrt, nur seinen Körper, von dem sie sich mit dem Vorschlag der zwei Schlafzimmer so mutwillig getrennt hat, als nehme sie damit die ewige Trennung, die durch den Tod, vorweg. „Sollen wir Ihnen noch die Sachen Ihres Mannes mitgeben?“, fragt eine Schwester, die jetzt plötzlich vor ihr steht. Noch immer sitzt sie auf der Bank im Gang. Sie weiß nicht, wie sie da weg, wie sie nach Hause gekommen ist und ins Wohnzimmer. Sie sitzt da und starrt auf die Silbertannen in Nachbars Garten, auf die schweren Zweige, die fast zum Fenster hereinwachsen und die man schon längst hätte schneiden sollen. Ein düsteres Totenhaus ist es geworden, in dem man nicht mehr wohnen möchte. Warum hat sie das früher nicht gemerkt? Warum ist sie nicht schon lange ausgezogen, sondern spürt jetzt erst, wie unerträglich alles ist, auch diese Verschönerung, mit der sie ihr Heim immer von neuem attraktiv machen wollte. Sie sieht, dass alle diese äußeren Veränderungen sinnlos waren, dass alles von Anfang an schlecht war und es daher nur logisch sein konnte, dass ich mit dieser Übelkeit, mit diesem Ekel und Überdruss in einer Toilette enden musste.

Auch sie würde sich jetzt am liebsten übergeben. Auch sie hasst jetzt die kleinen Schritte und dieses elende tägliche Sichbemühen um Haltung, um die Meisterung des Alltags, dieses fade und leere Getue vor den Nachbarn. Nichts hat man wirklich gern gemacht, immer war es wie ein Gang mit Krücken, immer war es, als sei man krank, als unterdrücke man nur das Keuchen, das in einem war.

Sie lässt sich alle Einzelheiten schildern, sie will es genau wissen. Der Direktor, der ihr die Peinlichkeit ersparen will, stockt, als er ihr den Bericht über mein Verschwinden gibt. Ute sieht darüber hinweg, wie sie über alles hinwegsieht, seitdem sie weiß, dass niemand die wahre Natur ihres Schmerzes erraten wird. Sie nimmt sogar Rücksicht auf den Direktor, der ihr einen Trauerbesuch abstattet. Sie sieht in ihm einen zartfühlenden Menschen, nicht den kühlen gleichgültigen Vorgesetzten, über den ich mich immer bei ihr beklagt hatte.

Seit ich tot bin, kann Ute sich ein eigenes Urteil bilden. Sie sieht die Welt nicht mehr durch meine Brille. Sie hält es für eine normale Reaktion, dass der Direktor bei seinem Kondolenzbesuch nur mit Mühe von dem Ort sprechen kann, an dem ich das Bewusstsein verloren habe. Er verschluckt die Silben, so peinlich ist es ihm, und dankbar nimmt er das Glas Likör an, das sie ihm anbietet. Sie fand sogar jetzt, plötzlich gattenlos geworden, in ihm einen ganz attraktiven Mann, der eine angenehme Stimme hatte und ihr sehr sympathisch war, weil er derselben Berufssparte wie ihr Verstorbener angehörte, aber im Gegensatz zu mir und wohltuend für sie, auf eine unproblematische und selbstverständliche Art. Als er einen dunkelroten Nelkenstrauß behutsam auf die Kommode im Flur legt, ist sie sogar zu Tränen gerührt. Wie verständnisvoll doch alle plötzlich sind und besonders die Männer! Der Trauerbesuch meines Chefs überzeugt sie noch nachträglich davon, dass ich kolossal übertrieben habe, als ich ihr die desolaten Zustände an der Schule schilderte. Seit Langem hatte sie nicht so gut geschlafen wie jetzt, da sie so viel Gutes von den Leuten erfuhr.

Sie beruhigt sich immer mehr. Es ist ihr klar, dass ich ein armer Mensch war. Meine Kollegen, die sie nun nach der Beerdigung regelmäßig besuchen, wachsen ihr ans Herz. Das sind alles liebe und gute Menschen, nicht diese Unmenschen, die ich geschildert habe. Sie überzeugt sich, dass ich mich immer zu Unrecht beklagt habe. Diese Leute, die sie nun kennenlernt, sind nicht dieselben, die ich beschrieben habe. Ich behauptete immer, die Lehrer verkörperten denselben unerfreulichen Menschentyp, den die Atmosphäre an der Schule so geprägt habe. Endlich kommt sie von diesem negativen Menschenbild los, und so bringt ihr mein Tod in vielfacher Weise eine Befreiung. Die Selbständigkeit, die sie nach ihrer Verlobung mit mir aufgegeben hat, kommt zurück. Sie ist noch nicht zu alt, um alles nachholen zu können, was sie mit mir versäumt hat. Alles hat sie meinetwegen liegen und stehen lassen, damals, nachdem wir uns in einem Schwimmbad zum ersten Mal gesehen haben, ich, viel zu dürr, zu knochig, um sofort ihren Gefallen an mir zu wecken, sie selbst in allem ein vollkommenes Mädchen, groß, schlank, blond, selbstsicher, zielbewusst.

Die Hochzeit war zugleich die Beerdigung ihrer geheimen Wünsche. Als sie darüber nachdenkt, versinkt sie in tiefem Selbstmitleid. Die Zeit mit mir muss ihr wie ein dunkler Durchgang erscheinen, an dessen Ende sie nun endlich angelangt ist. Zum Glück hat sie mit Hilfe harter Erziehungsarbeit an sich selbst ihr ursprünglich heiteres Wesen gerettet. Aber es war nicht genussvoll gewesen, so sagt sie sich jetzt, da lag zuviel Verzicht drinnen. Und vielleicht hatte sie mir nicht einmal zu dem verholfen, was sie beabsichtigt hatte mit ihren Gesundheitsrezepten und ihren Fitnesskuren, zu einer gewissen Befriedigung. Ute legt ihr Gesicht in beide Hände und beugt sich unter der Last so vieler Versäumnisse.

Sie macht sich nicht, wie Witwen es sonst tun, Vorwürfe wegen versäumter Liebesbeweise. Daran hat sie es weiß Gott nicht mangeln lassen. Nein, sie macht sich keine Vorwürfe, sie klagt auch nicht. Ihre Trauer ist nicht die übliche. Sie wütet nicht gegen mich, gegen ihren ehemaligen Gatten, weil ich sie mit meinen ewigen Klagen und meinem Unglücklichsein um die besten Jahre gebracht habe. Nein, sie tut das einzig Richtige, etwas, was ihr allein ihr Instinkt sagt, der bei Ute immer in Ordnung war, nämlich vergessen. Sie vergisst mich und alles, was mit mir zusammenhängt, streicht es aus dem Gedächtnis, und zwar sofort, verbannt mich und meine Hinterlassenschaft leichten Herzens aus der Erinnerung. Sie will nichts mehr mit mir zu tun haben und ganz so tun, als hätte es mich niemals gegeben, jedenfalls nicht in ihrem Leben. Sie ist noch nicht zu alt. Sie sieht immer noch gut aus. Sie kann sogar noch eine neue Berufslaufbahn beginnen, die ihren Lebenszuschnitt und den ihrer Kinder gewaltig verbessern hilft. Dieser Optimismus ist ein Saatkorn, das aufgehen wird inmitten der dunklen Erde ihrer Witwenzeit. Es wird eine herrliche Pflanze daraus erwachsen, die nicht aus meinem Grabhügel sprießt. Ihr sind durch meinen Tod plötzlich Flügel entstanden. Vorbei ist es mit der Immobilität, mit der Stagnation der Gefühle. Sie lebt, sie lebt zum ersten Mal, sie ist zum Leben erwacht. Ich sehe es genau vor mir, dieses optimistische Witwengesicht Utes, aus dem die Falten verschwinden.

 

 

Das kleinere Übel

„Garfield, wie kommt es, dass du nicht mehr über Erdogan schimpfst? Hast du auf einmal deine Meinung geändert?“ „Quatsch, Erdogan ist bei mir unten durch. Wir haben jetzt zwar eine Diktatur in der Türkei, aber was ist die Alternative? Wird er gestürzt, vielleicht ein Bürgerkrieg? Das wäre noch schlimmer. Dann kommen dort noch extremere Kräfte zum Zug. Womöglich wie im Irak, Syrien und Libyen. Für Europa ist er noch ein verlässlicher Partner. Er erfüllt seinen Teil aus dem Flüchtlingsabkommen.“ „Weil es opportun ist, sollen wir also mit Diktatoren schmusen?!“ „Tja, es gibt zwei Elemente, um den islamistischen Terror in Griff zu kriegen. Du brauchst stabile Staaten im Mittleren und Nahen Osten, stabile Demokratien wären natürlich schöner, und du brauchst eine klare Ausgrenzung der Terroristen aus der übrigen muslimischen Bevölkerung, am besten durch diese Bevölkerung selbst. Papst Franziskus hat das Attentat von Rouen genau ins richtige Licht gerückt; er sprach nicht von einem Krieg der Religionen: „Es ist ein Krieg um Interessen, ein Krieg um Geld, ein Krieg um Ressourcen der Natur.“ karatekater--1150384483278-

Frust

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Der Umschlag ist fertig!

 

Aus Rose’s Roman:

„Ich selbst könnte nur stockend vorbringen, was mich bedrückt, am allerwenigsten wortreich am Bildschirm vor einem Interviewer. Meine Rede wäre mit Angst durchsetzt, zögernd, farb- und glanzlos und unscheinbar. Ich trage keine Plakate vor mir her, meine Befindlichkeit ist nicht werbewirksam, ich kann nicht demonstrieren für mehr Rechte. Ich teile mich ja niemandem mit und äußere mich höchstens über mein Unterbewusstsein in Form von Angstschreien, die meine Frau bereits aus dem gemeinsamen Schlafzimmer vertrieben haben.“

 

Rose’s Welt in der Schublade

In den Schubladen meiner Mutter befinden sich eine Menge unveröffentlichter Manuskripte. Sie kann sie nicht mehr herausgeben. Daher versuche ich, es zu tun. Ich fange an mit dem Schulroman „Frust und Revolte“ (Untertitel: Die Leiden des Lehrers Wolfgang Fink).

Eine kleine Textpassage:

„Mein Herz schlägt fast hörbar, es fühlt sich eingeengt zwischen den Rippen, auf denen nur noch wenig Fleisch sitzt. Ich bin abgemagert seit den vielen Prüfungen, den Zeugniskonventen. Trotz der dauernden Bewegung, in der ich mich befinde, bin ich nicht weitergekommen. Trotz der vielen Übungen und den vielen Neuanfängen komme ich immer wieder zur selben Stelle zurück. Es ist doch, als ob meine Persönlichkeit immer mehr zerfiele, als ob es mich gar nicht mehr gäbe, mich, Wolfgang Fink, und ich nur noch das ausführende Organ einer Behörde, eines Systems sei, das mir seine Anweisungen auf anonymem Weg zukommen lässt.“Skelett vor Schultafel

 

 

 

Der Postkartenmaler und die Busfahrer

Busfahrer1„Was haben Erdoğan, Maduro und Hitler gemein?“ Ich verschlucke mich am Mogenkaffee und kann nicht gleich antworten. Garfield spricht weiter: „Erdoğan hat 1981 einen Abschluss in Wirtschafts- und Verwaltungswissenschaften an der Marmara-Universität gemacht. Die gab’s zu der Zeit aber noch gar nicht. Die wurde unter dem Namen erst ein Jahr später gegründet. Der Dekan und der Rektor, die das Diplom unterschrieben haben, waren erst ab 1982 im Amt. Und auf der Internetseite der Nahverkehrsgesellschaft der Stadt Istanbul liest du, dass Erdoğan bis 1981 bei der Nahverkehrsgesellschaft vollzeitbeschäftigt war.“ „Ich hab’s. Genau wie Maduro! Maduro war auch Busfahrer …“ „Nahe dran, Olivia. Maduro hat nach seinem Schulabschluss nicht studiert, sondern begann bei den U-Bahnen der Metro Caracas zu arbeiten.“ „Also quasi zwei Busführer … Äh, aber Hitler hat doch nicht im öffentlichen Verkehr gearbeitet …“ „Darum geht’s auch nicht. Mann, Olivia!“ „Was haben die drei also dann gemein?“ „Alle drei haben gemein, dass sie für den Regierungsjob total lausig qualifiziert waren. Der Führer war noch lausiger qualifiziert. 1907 bewarb Hitler sich erfolglos an der Wiener Kunstakademie. Ab 1910 hat er Geld mit dem Nachmalen von Wiener Postkarten verdient.“ „Willst du vielleicht am Ende sagen: Diktatoren werden typischerweise solche, die für Staatsämter alles andere als die geeignete Ausbildung bzw. den geeigneten Werdegang haben?“ „Bingo. Nur: nicht jeder Postkartenmaler wird Diktator. Es fehlt noch was.“ „So? Was denn?“ „Ein übersteigertes Selbstbewusstsein. Das gibt’s übrigens häufig bei Minderwertigkeitskomplexen.“ „Ah!“ „Du traust dir alles zu, kommst mit Chuzpe in ein hohes Staatsamt, bist aber miserabel ausgebildet, völlig ungeeignet, und stehst bald vor einem Berg von Problemen, die du, da du nicht durchblickst und dennoch handelst, auch selbst verursachst. Und was tust du dann?“ „Ja, was?“ „Du greifst zu dem Mittel der Lösung von Problemen, das dir am einfachsten erscheint. Zu Gewalt.“ Bus3

 

Regrexit

„Kannst du dir Europa ohne England vorstellen, Olivia? Europa spricht englisch, das ist unsere gemeinsame Sprache! …“ „Schon zu spät.“ „Quatsch, das Referendum ist unverbindlich, das Parlament muss noch zustimmen.“ „Ob die die guts haben, in der EU zu bleiben?“ „Cameron hat schlimmen Mist gebaut. Ganz Europa aufs Spiel zu setzen aus Machterhaltungsgründen. Es wäre am einfachsten, das Parlament lehnt das Referendum ab.“ „Schwierig, die Bevölkerungsmehrheit zu ignorieren. Wenn nur Cameron das Problem wäre.“ „Die EU-Politik muss sich grundlegend ändern, Schluss mit dem Sparwahn. Vernünftige Regelung der Zuwanderung. Unterschiedliche Regeln für unterschiedliche Länder. Kein Land alleine, egal wie stark es ist, bestimmt wo’s langgeht.“ „Ha, wenn alles so einfach wäre.“ „Am schwierigsten wäre es, den Austritt des UK zu bewältigen. 1985 gab es einen Präzedenzfall. Grönland, ein Teil Dänemarks, trat aus der Europäischen Gemeinschaft aus. Das hat sich über mindestens 10 Jahre hingezogen, und in dem Fall ging es nur um ein paar Fischereifragen. Der Austritt des UK dauert dann etwa 120 Jahre. Die Beamten der EU wären schlicht überfordert.“

 

Hit and go anders

Selten bin ich auf Festen. Gestern Abend wurde ich auf eine Party mitgenommen. Mein Begleiter stellte mich als „Autorin“ vor. Um mich herum entspann sich munteres Geschwätz. Es ging darum, dass es immer schwieriger wurde, Profite an der Börse einzustreichen. Hit-and-go: verkaufe, steck den Gewinn ein und hau ab, klappte nicht mehr so recht in einem immer unberechenbareren Markt. „Wie klappt’s denn bei nem Autor so mit dem Hit-and-go? Wie sieht’s mit deinen Profiten aus?“ fragte mich auf einmal einer. Ich biss die Zähne zusammen und beschloss fest, jetzt nur ja nicht zu stottern: „Hit-and-go sieht bei mir, ärhm, etwas anders aus. Ich schreibe ein neues Buch und falle auf die Nase (hit the ground). Dann steh ich wieder auf und mach mich ans nächste Buch (go).“ „A-Aha?“Fallen und wieder aufstehen

 

Mini-Leseprobe 4 aus Luna Park 2, Jahrmarkt der Gier

 

Kapitel 14

Als Zaza, Lorenzo und der König um die Ecke in die Halle bogen, begegneten sie Camel und mir. Wir kamen aus einem anderen Gang, und Zaza und Lorenzo fiel gleich auf, dass wir irgendwie verstört aussahen. In Gegenwart des Königs konnten wir ihnen aber nicht erzählen, was wir erlebt hatten.

Im Salon saß Brauni einsam vor den Sandwiches, in der rechten Hand ein Glas mit einer rosa blubbernden Flüssigkeit, und rülpste. Er sah auch nicht gerade glücklich aus.

Der König führte uns wieder ins Konferenzzimmer, und wir mussten uns eine geschlagene Stunde lang einen Film ansehen, in dem es um die blühende Geschäftslandschaft in „Luna Park Nord“ ging. Um die Steigerung von Gewinn durch Kosteneinsparungen. Um die Flexibilisierung des Arbeitsmarkts, bei der man Leute beliebig entlassen und zu niedrigeren Tarifen wieder einstellen konnte. Um die vorbildliche Politik der Zentralbank, die schon Wirkungen erzielte, wenn sie nur eine Maßnahme ankündigte, sodass sie die Maßnahme gar nicht mehr durchführen musste. Worum ging es eigentlich bei dem Ganzen, überlegte ich? Um mehr Wohlstand für alle, sollte man meinen. Das war aber nur das scheinbare Ziel. Im Süden ging es nur noch um Schuldenabbau und im Norden in erster Linie um Wohlstand für ein paar grenzüberschreitend handelnde Geschäfte, die dem Süden alles Mögliche verkauften, von Achterbahn-Ersatzteilen bis zu Billigessen für die Süd-Restaurants.

Am meisten litt Brauni. Er musste todmüde sein, nach all den verzehrten Sandwiches und dem getrunkenen Alkohol.

Endlich wurden wir entlassen. Der König begleitete uns in den Schlosshof.

Der Himmel draußen war rabenschwarz.

Geldcomic2

 

Niedriglöhne

Garfield Zeitung lesendGarfield sieht nichtmal hinter der Zeitung hervor, als ich mich an den Kaffeetisch setze. „Europa wird immer ärmer,“ grummelt er. „Der Binnenkonsum ist in den letzten 20 Jahren zusammengebrochen.“ „Was meinst du damit?“ „Im Zuge der Globalisierung sind die Löhne und Gehälter und die Renten und Pensionen gedrückt worden. Sogar die Bundesrepublik ist ein Niedriglohnland geworden. Und jetzt können wir unsre eigenen Produkte nicht mehr kaufen.“ „Du meinst wohl, da die EZB nicht mehr viel wirksamen Handlungsspielraum hat, es sei denn, gewisse gesetzliche Rahmenbedingungen, wie etwa der Maastrichtvertrag, werden verändert, soll die Politik Geld mit dem Helikopter abwerfen?“ „Schnurr. Löhne, Gehälter, Renten …, alles muss rauf.“ „Und wie willst du dann noch in einer globalen Wirtschaft konkurrenzfähig sein?“ „Du machst es mit Steuersenkungen. Nimm die Schweiz, die ist konkurrenzfähig, und im Land selbst sind die Löhne obszön hoch, bei akzeptablen Steuern. Die Kerle sind reich geblieben in einer ringsum verarmenden Welt. Es kann klappen.“ „Hm, Garfield. Und was wären dann akzeptable Steuern für dich persönlich?“ „25 % vom Einkommen würde ich akzeptabel finden und auch zahlen. Da liegt die Schmerzgrenze. Und ab da beginnt für mich die Steuerflucht.“ „Zum Glück musst du als Kater keine Steuern zahlen.“ „Aber du müsstest für mich Steuern zahlen.“ „Wi-wieso? Du bist mir doch nur zugelaufen. Ich wollte dich gar nicht! Ich bin damit, meiner Meinung nach, gar kein Katzenbesitzer  …“ …

Zahlen, um nichts zu verdienen

Meine Nachbarin spricht mich im Treppenhaus an, als ich gerade aus meiner Wohnung raus will.  Sie klingt fröhlich. „Olivia, wusstest du, dass du zur Klasse der zukünftigen Berufstätigen gehörst?“ Was meint sie bloss, denke ich. Neulich sagte sie doch noch, ich sei nie berufstätig gewesen. Zu schreiben sei kein Beruf. „Du verdienst nicht nur nichts, du musst für deine Tätigkeit sogar bezahlen!“, platzt sie heraus. „Facebook-Werbung, ich hab’s gesehen. Will gar nicht wissen, wie hoch deine Druckkosten sind und … Huch!“ Garfield schlüpft durch den Spalt in der Tür und streift an ihren Waden vorbei. „Die Frau hat recht. Es wird in Zukunft immer weniger Arbeit für immer mehr Leute geben. Insbesondere die Jungen bleiben global auf der Strecke. Da kann’s schon sein, dass man zahlen muss, um überhaupt arbeiten zu dürfen.“ Meine Nachbarin starrt auf Garfield. Sie ist ziemlich bleich geworden, steht da wie gelähmt. „Ich frag mich nur, wo das Geld herkommen soll? Wer verdient noch was? Produkte werden nicht nur zunehmend auf Kredit mit Nullzinsen verkauft, Produkte müssen bald schon verschenkt werden, um Abnehmer zu finden. Und wenn ich schon keinen Kühlschrank mehr kaufen kann, wie soll ich da eine Arbeit kaufen können …“ „Aaaaaah. Hilfe!“, schreit meine Nachbarin. „Tun Sie das Vieh weg!“ Sie hat anscheinend noch nie einen sprechenden Kater erlebt. Ich verkrümle mich mit Garfield sofort wieder in meine Wohnung. Mir ist gar nicht gut. Auch ich verschenke schon meine Bücher, um Abnehmer zu finden. Seiner Zeit voraus zu sein, ist nicht gut, gar nicht mehr gut heutzutage.

Verdünnte Atmosphäre

„An was denkst du, Olivia?“ fragt mich Garfield beim Frühstück. „Dass sich die Atmosphäre immer mehr verdünnt.“ „Was meinst du mit Atmosphäre? Die Luft um uns herum?“ „Also gestern Abend sah ich im Fernsehen den Film „Die Katze“ mit Simone Signoret und Jean Gabin. Und der Film hatte unglaubliche Atmosphäre. Er hat mich berührt. Nicht nur das Schauspiel, die transportierten Gefühle; das Gesamte, die Stimmung, die der Film ausstrahlt … Du reist im Geist anderswohin.“ „Hm“, brummt Garfield nachdenklich. „Ich hab „Die Katze“ auch schon gesehen. Alles alte Filme, die so ne Wirkung haben. Die letzten der Art stammen vielleicht aus den achtziger Jahren. Ich glaub, ich weiß, was du meinst. Es ist so was wie Farbe. Die alten Filme hatten mehr Farbe, die neuen sind eher schwarz-weiß. Schwer zu fassen, was Atmosphäre ist. Wie entsteht überhaupt Atmosphäre?“ „Meine Vermutung ist, Atmosphäre entsteht dadurch, dass alles, was geschieht, einschließlich unserer Gedanken und Gefühle, um uns herum in einem Feld gespeichert wird, und von uns dann wieder mehr oder weniger deutlich wahrgenommen werden kann. Wenn du alles nur noch flüchtig machst, schnell, schnell, in Fließband-Manier, wie die heutigen Filme, wenn Handlungen und Ereignisse zu schnell und wahllos aufeinander folgen, dann sind die Produkte auch flüchtig, wenig ausgeprägt. Atmosphäre entsteht so kaum mehr, verdichtet sich nicht.“ Garfield kratzt sich mit der Pfote ein Ohr. „Können wir das auch weniger metaphysisch sehen?“ „Das Feld ist ein Feld der Physik, Garfield. Hier geht’s nicht um Metaphysik.“ „Okay, okay. Ich meinte nur, bleiben wir mal an unserer alltäglichen Oberfläche. Könnte es dann nicht auch mit der Globalisierung zu tun haben? „Die Katze“ hat ne ausgesprochen französische Stimmung. In Paris sieht’s aber bald aus wie in Shanghai. Die Franzosen sind bald nicht mehr französisch. Wir sind bald alle gleich.“ „Das würde erklären, dass wir überall bald dieselbe Atmosphäre haben, auch nicht grade tröstlich …“Die Katze mit Jean Gabin

 

 

Leseprobe „Luna Park 2“. Der Anfang.

„Luna Park 2“

„Jahrmarkt der Gier“

 

 

Was bisher geschah

Meine Geschichte, „Luna Park, Jahrmarkt des Grauens“, ist veröffentlicht worden. Tausende haben sie gelesen. Und viele konnten sie kaum glauben. Als Autor musste ich meinen Lesern eine Menge Fragen beantworten. Ich, Dugo, der kleine schüchterne Rothaarige. Etwa, wie meine Freunde und ich in einer Nebenwelt landen konnten, im „Luna Park“, diesem unheimlichen, gigantischen Vergnügungspark. Oder wer der König des „Luna Parks“ eigentlich war, der dort Tausende Mädchen und Jungs gefangen hielt.

Im Luna Park gab es ganze Häuser aus Schokolade, Achterbahnen im Dauerbetrieb, Wolkenkratzer aus Champagner, gigantische Kinos, Diskos und Videospielhallen, und, und, und. Keine Pflichten, keine Lasten, nirgendwo Erwachsene! Und alles war gratis. Man konnte schlemmen und sich vergnügen, soviel man wollte. Der Park versprach unendlichen Spaß.

Der Wahnsinn war nun: Wer nicht rund um die Uhr lachte, wurde vom König des „Luna Parks“ verhaftet. Und der König verwandelte die verhafteten Jungs und Mädchen in Comicfiguren. Die Comicfiguren landeten auf den Bildern seiner Gemäldesammlung und mussten dort ein trauriges Dasein in einer flachen Welt fristen. War man einmal in so einem Bild gefangen, konnte man sich nicht mehr bewegen. Man konnte aber noch denken und hören und sehen, was um einen vor sich ging. Es war schlichtweg grausam.

Ich habe mich über die vielen Fragen meiner Leser riesig gefreut. Ich konnte aber lange nicht alle Fragen beantworten. Und auch meine Freunde Zaza, Brauni und Camel, die mit mir im „Luna Park“ waren und mir beim Beantworten halfen, konnten es nicht. Für uns selbst war der „Luna Park“ ein riesiges Rätsel geblieben. Wie wir überhaupt in den „Luna Park“ geraten konnten, was dort vor sich ging, und was der König des „Luna Parks“ eigentlich bezweckte, wer er eigentlich war, blieb für uns ein Geheimnis.

Der „Luna Park“ war eine Art Hölle, aber wieder auch nicht. Uns ist dort letztlich nichts passiert. Es gab dort nicht einmal den Tod. Man blieb ewig jung. Aber es gab auch kein richtiges Leben. Wer will schon hundert Jahre Achterbahn fahren? Oder als Comicfigur in einem Bild ewig vier Wände anglotzen?

Allerdings haben wir im Park wiederum gelernt, dass wir uns und den anderen dort gestrandeten Jungs und Mädchen helfen mussten, um wieder nach Hause zu gelangen, in unsere normale Welt.

Das heißt, der Park war schrecklich und grausam, wir lernten dort aber, zusammenzuhalten, füreinander einzustehen.

Nebenwelten, Parallelwelten, kennt man aus der Physik. Wie ausgerechnet wir aber in eine hineingeraten konnten, da habe ich keine Ahnung. Haben wir irgendwo eine Raum-/Zeitbrücke benutzt, ohne es zu bemerken? Wer kann das schon wissen?

Da jedenfalls so viele von euch meine Geschichte verfolgt haben, und inzwischen meinen Freunden und mir noch viel mehr Ungeheuerliches passiert ist, Dinge die ihr im Traum nicht mal für möglich halten würdet, muss ich euch unbedingt die Fortsetzung berichten. Zaza, Brauni und Camel haben ihren Teil zur Geschichte beigetragen. Jeder hat mir haarklein seine Erlebnisse erzählt, und ich habe dann alles für euch zusammengeschrieben.

*

Letztes Jahr hatten unsere Eltern, wie ihr euch erinnert, uns wie Pakete in ein Feriencamp verschickt. Statt in diesem Camp, waren wir allerdings im Luna Park gelandet.

Als wir dann wieder aufgetaucht waren, waren unsere Eltern natürlich überglücklich gewesen. Sie hatten schon gedacht, wir seien entführt worden.

Dieses Glück hatte wochenlang angehalten. Doch dann war wieder alles zum Alten zurückgekehrt.

Meine Eltern, die reichen Zementfabrikanten und Workaholics, hatten mich wieder auf der Seite liegen lassen, als wäre ich gar nicht vorhanden.

Auch Zaza hatte bei ihren Eltern bald wieder keine Rolle mehr gespielt; die sind jetzt noch rund um die Uhr mit ihrer erfolglosen Arbeitssuche beschäftigt und ihren vielen Gelegenheitsjobs.

Nach der Sache mit dem Feriencamp war Camels alleinerziehende Mutter bald noch kontrollfreudiger geworden. Camel musste jede Minute seines Tags rechtfertigen, durfte keine Sekunde zu spät nach Hause komme. Er verlor seine Ruhe, seine Fähigkeit, einfach rigoros abzuschalten. Und in der Schule wurde er noch schlechter.

Am Schlimmsten hatte es Brauni erwischt. Nachdem sein Vater ihn ein paar Wochen lang fast liebevoll gehätschelt hatte, war er bald wieder heillos mit ihm überfordert. Brauni trug erneut schmuddelige Over-Size-Kleidung, wusch seine dichten braunen Haare nicht mehr, sodass sie fettig glänzten, und seine Fingernägel starrten erneut vor Schmutz. Er erpresste wieder Geld von seinen Klassenkameraden und verprügelte solche, die nicht zahlen wollten. Sein Vater hatte sich schließlich ans Jugendamt gewandt, und Brauni landete „vorübergehend“ in einer Pflegefamilie, bei einem Lehrerehepaar mit zwei Söhnen und einer Tochter.

Da Brauni ziemlich stämmig ist und auch gewaltbereit, wagten die Pflegeeltern keine größeren Übergriffe. Sie wagten nicht einmal, etwas gegen seine Verwahrlosung zu unternehmen. Brauni zog regelmäßig seine schmuddelige Kleidung aus der Waschmaschine, bevor sie dort jemand waschen konnte. Sie wiesen ihn nicht zurecht, kritisierten ihn nicht, sie machten es hinterhältiger. Beim gemeinsamen Abendessen redeten sie ausschließlich über sich selbst, über ihre Familie, mit ihren Kindern, Brauni wurde gar nicht beteiligt. Braunis Familie interessierte nicht. Es interessierte nicht, wer er war, was er dachte, was er am Tag gemacht hatte. Nichts an ihm interessierte hier jemanden.

Brauni war es eigentlich egal, die Leute interessierten ihn auch nicht, waren ihm völlig wurscht. Er wollte von ihnen auch gar nichts gefragt werden, möglichst nichts mit ihnen reden, von ihnen einfach in Ruhe gelassen werden. Ab und zu durchflog sein Gehirn dann aber doch der Gedanke, dass sie ihm damit klarmachen wollten, dass er Dreck für sie war.

Es gab dann noch andere Episoden, nach demselben Muster gestrickt. Eines Nachmittags wurde irgendetwas gefeiert, und alle bekamen Geschenke, außer Brauni. Erst ärgerte er sich, dann wurde es ihm auf einmal peinlich. Er lief rot an und zog sich in sein Zimmer zurück. Dort grübelte er dann doch länger unzufrieden nach, und das Wort „Demütigung“ fiel ihm ein. Demütigend für ihn war auch, wie sie reagierten, als er unglaublicherweise in einer Physikklausur ein „Gut“ nach Hause gebracht hatte. Die Tochter der Pflegeeltern war in derselben Klasse wie er und hatte dieselbe Physikarbeit geschrieben. Sie war mit einem „Befriedigend“ nach Hause gekommen. Der Vater lobte die Tochter überschwänglich, und zu Braunis Arbeit sagte er gar nichts. Am Abend dieses Tags unterhielten sich die Pflegeeltern nach dem Essen noch beim Aufräumen in der Küche. Gerade als Brauni an der Küchentür vorbeikam, um nach oben in sein Zimmer zu gehen, meinte er zu hören, wie die Frau zu ihrem Gatten sagte: „Ein blindes Huhn findet auch mal ein Korn.“ Das konnte nur auf seine Physikarbeit gemünzt sein.

Sie demütigten ihn, und ja, es kam ihm jetzt, sie verachteten ihn auch, hielten ihn für einen Nichtsnutz. Im Grunde erduldeten sie ihn, weil sie dafür bezahlt wurden.

Glücklicherweise hatte Brauni ein dickes Fell. Bald entschied er sich dazu, die Pflegefamilie einfach als Hotel anzusehen. Er lebte eben vorübergehend im Hotel, bis sein Vater ihn wieder zurückholte. Und schon ging ihm durch den Kopf, dass er den Leuten vielleicht ein paar Unannehmlichkeiten bereiten könnte, zum Beispiel die Badewanne überlaufen lassen, das Haus überschwemmen, so käme er vielleicht schneller wieder nach Hause. Aber vielleicht auch nicht. Vielleicht landete er dann sogar in einem Heim für Schwererziehbare. Also lieber im Hotelmodus bleiben.

Fortan beschloss er, die Pflegefamilie einfach ebenso zu ignorieren, wie sie ihn ignorierten. Die einzigen Worte, die er noch mit ihnen wechselte, waren „Guten Morgen“, wenn er sich an den Frühstückstisch setzte, und „Guten Abend“, wenn er aus der Schule nach Hause kam. Und er achtete darauf, dabei ein besonders blasiertes Gesicht zu machen.

 

Wie unser Abenteuer begann oder der Berliner Rummel

So war es uns also zu Hause ergangen. Nicht allzu erfreulich. Erfreulich war dagegen, dass wir dicke Freunde blieben seit unserem ersten gemeinsamen Abenteuer im „Luna Park“. Den Erwachsenen hatten wir nicht glaubhaft machen können, dass wir im „Luna Park“ gewesen waren, und so blieb der „Luna Park“ unser großes Geheimnis, das uns eng zusammenschweißte.

Der „Luna Park“ war unheimlich gewesen, furchteinflößend, und ebenso der König.

Irgendwann hatten wir sogar entdeckt, dass er gar kein menschliches Wesen war: Er hatte seinen Kopf abschrauben können! Was Zaza nicht daran gehindert hatte, ihn trotzdem noch verführerisch zu finden …

Und weil uns dieses unheimliche Gefühl, dieses Angstgefühl ziemlich lange nachhing, besuchten wir auch so schnell keinen Rummelplatz mehr.

Bis Brauni in der größten Frustration über seine Pflegefamilie eines Tags von sich gab: „Da war es ja noch besser im „Luna Park“.“ Und halb scherzhaft vorschlug: „Wir könnten eigentlich mal wieder auf nen Rummel, sozusagen aus alter Erinnerung.“

Camel, Zaza und ich waren zunächst nicht gerade begeistert, ließen uns dann aber doch überreden, auf das deutsch-französische Volksfest – „Volksfest“, was für ein blödes Wort – in Berlin Mitte am Kutschi zu gehen, um uns dort wenigstens die größte Achterbahn Europas und den Schwerelosigkeitssimulator anzusehen.

*

Am nächsten Tag trafen wir uns nachmittags bei Brauni. Sein Pflegevater öffnete die Haustür. Wir sagten knapp: „Wir sind mit Brauni verabredet“, und sahen den Mann möglichst blasiert an. Ich stellte mir dabei vor, er sei ein Hausdiener, und Brauni sei der Hausbesitzer. Brauni kam stürmisch die Treppen herunter, übersprang die letzten drei Stufen in einem Satz und setzte krachend unten auf, sodass der Hausdiener erschrocken herumwirbelte. Mit einem schroffen „Bis dann!“ schob sich Brauni an ihm vorbei.

Wir drehten uns auf dem Absatz um und verabschiedeten uns nicht. Die Tür fiel hinter uns etwas zu laut ins Schloss. Zugeknallt hatte der Hausdiener sie aber nicht.

Zum Rummelplatz war es von Braunis neuem „Zuhause“ eine Viertelstunde mit der S-Bahn, und seltsamerweise hatte uns so etwas wie freudige Nervosität gepackt. Wir fragten uns, würde es uns gruseln, wenn wir den Rummelplatz betraten? Wäre es ein Grusel, der eher aufregend wäre? Prickelnd? Wir waren neugierig, und hatten alle ein bisschen Angst, weshalb wir auf dem Weg dorthin besonders viele Witze machten.

*

Da lag nun die Hauptstraße des Rummels direkt vor uns. Von der gigantischen Achterbahn am anderen Ende tönten Geschrei und Gekreische herüber. Brauni, Camel und ich wollten jetzt nur noch eins: mit diesem Monstrum fahren. Zaza weniger, sie sah eher besorgt aus und kündigte schon an, dass sie unten auf uns warten würde.

Je näher wir kamen, desto mächtiger thronte die Bahn über allem anderen. Nur einmal hielt Zaza uns auf. Sie zeigte auf ein Spiegelkabinett. Dort wollte sie anschließend mit uns rein. Wir versprachen ihr, dass wir nach unserer Höllenfahrt dorthin zurückkehren würden.

Als wir unter der Bahn am Tickethäuschen standen, wurde mir fast schwindelig beim nach oben Sehen, so hoch und steil ging es hinauf. Die Wagen fuhren sadistisch langsam, mit einem ekelhaft kreischenden Geräusch nach oben, um dann quasi im freien Fall in die Tiefe zu stürzen, sich brutal in eine Kurve zu legen und mehrere Loopings in Hochgeschwindigkeit zu durchrasen. Ab und zu fuhr man auf dem Kopf. In den Kurven wurde man kräftig durchgeschüttelt. Unten kam man jeweils ziemlich unsanft auf. Man konnte in dem Ding wirklich den Verstand verlieren.

Zaza beobachtete, wie die Sicherheitsbügel von oben auf uns herabsanken und von einem Angestellten nochmals überprüft wurden. Sie fühlte sich ganz klar unbehaglich.

Obwohl wir eben noch gewitzelt hatten, wie lächerlich das Gekreische der anderen war, fingen auch wir an wie verrückt zu schreien, als wir in die erste Tiefe stürzten. Ich übertraf sogar noch Camel, der immer ängstlicher war als alle anderen, da ich den Eindruck hatte, mein Sicherheitsbügel halte mich nicht genügend nah am Sitz. Ich hob immer wieder Zentimeter von der Sitzfläche ab. Erst in der Kurve unten saß ich wieder fest im Sitz.

Auf dem letzten Streckenabschnitt machte ich die Augen zu. Ich hielt es einfach nicht mehr aus. Meine Güte, war ich erleichtert, als die Wagen ganz langsam die ebene Strecke zum Ausstieg entlangfuhren! Geradezu heuchlerisch langsam.

Ich stieg mit Schwabbelknien aus. Und selbst Brauni und Camel schwankten, als sie auf Zaza zugingen. Camel stolperte sogar eine Stufe hinab, fiel aber zum Glück nicht. Brauni fasste sich ans Kreuz. Seiner Ansicht nach waren die Wagen nicht genügend gefedert. Er hatte beim ersten Sturz in die Tiefe so etwas wie einen harten Schlag auf die Wirbelsäule gespürt.

Nach diesem Extremtrip wollten wir zuerst mal an einer Bude eine Cola trinken, um uns zu beruhigen, und waren dann ganz froh, Zazas Vorschlag mit dem Spiegelkabinett aufnehmen zu können. Das war eine ruhige Sache und würde auch nicht allzu verwirrend, solange wir dort drinnen zusammenblieben.

Das Päuschen hatte gut getan. Wir betraten das Spiegelkabinett locker und entspannt. Zaza ging vor uns her. Sie sollte schließlich die Freude haben, den richtigen Weg zu finden. Eine Weile lang bewegten wir uns im Kreis und kamen einfach nicht weiter. Dann musste Brauni irgendwo abgebogen sein und war von uns plötzlich durch Glaswände getrennt. Als er versuchte, wieder zu uns zu stoßen, lief er mit dem Kopf gegen eine Glaswand. Die Glaswände waren so makellos geputzt und reflektierten so wenig, dass man sie kaum sah. Brauni fluchte laut und fasste sich an die Nase. Fortan tastete er mit Händen um sich. Wir kamen nicht mehr zusammen. Brauni geriet immer mehr nach links, in Richtung Ausgang, und wir kamen aus der rechten Ecke nicht heraus.

Irgendwann führte uns ein Weg rechts außen ins Zentrum des Kabinetts. Dort war ein großer Raum mit roten Samtsofas und Spiegeln, in denen man sich verzerrt sehen konnte. Und zu unserer Freude war auch Brauni bereits dort angekommen und starrte in einen Spiegel, der ihn um Meter in die Länge zog.

Wir hatten ziemlich viel Zeit gebraucht, bis wir hier gelandet waren, und mir ging das Herumgeirre langsam auf die Nerven. Wie lange würde es noch dauern, bis wir hier wieder rauskämen, fragte ich mich. Und wenn wir den Weg nicht fänden, würden sie draußen darauf aufmerksam und kämen herein, um uns rauszuführen?

Brauni unterbrach meine Gedanken, indem er plötzlich schrie: „Habt ihr den Typen dort gesehen?“

Wir folgten Braunis Blick, sahen aber niemanden.

„Da ging ein Mann mit Frack und Zylinder vorbei, der sah aus wie der König des „Luna Parks“!“

„Du spinnst“, warf Camel ein.

„Du willst uns bloß Angst machen“, rief ich.

Dass Brauni nicht gelogen hatte, wurde wenig später klar. Zazas Gesicht lief rot an. Brauni, Camel und ich gafften mit offenen Mündern. Es blieb uns nicht mal Zeit, unserem Schrecken mit Worten Ausdruck zu geben. Der Mann in Zylinder und Frack betrat schon den Spiegelsalon. Wir starrten ihm wie gelähmt entgegen.

Von Zaza hörte man zuerst einen Laut: ein leises „Ha!“

Der Mann war geschminkt wie ein Clown, viel kleiner als der König des „Luna Parks“, und fragte uns höflich, ob er uns heraushelfen solle, oder ob wir lieber selber den Weg zum Ausgang finden wollten.

Wir waren doch alle stark erschrocken, auch wenn die Situation jetzt etwas Lächerliches hatte. Und so wollten wir uns nun gerne den Weg nach draußen zeigen lassen. Keiner von uns hatte Lust, noch länger hier drinnen herumzuirren.

Draußen setzten wir uns erstmal auf eine Bank.

„Wer hat Angst gehabt?“, fragte ich.

„Alle haben Angst gehabt, sogar ich“, gab Brauni offen zu.

„Ich war zumindest riesig überrascht“, bemerkte Camel.

„Und dann der Clown …“ Zaza klang quasi enttäuscht.

Wir blieben noch eine Weile sitzen – eine milde Julisonne schien auf uns herab – und entspannten uns. Brauni besorgte Popcorn und noch mehr Cola – mit dem erpressten Geld seiner Mitschüler.

„Alles in Ordnung?“, fragte schließlich Zaza.

Es war wieder alles in Ordnung. Wir fühlten uns seltsam gut. Es war anscheinend kein zu großer Schock gewesen. Deshalb beschlossen wir, uns noch weitere Attraktionen anzusehen.

Wir schlenderten durch die Straßen, blieben vor Riesenschiffschaukeln und Berg- und Talbahnen stehen. Schauten uns den Schwerelosigkeitssimulator an. Fuhren schließlich alle vier mit einem altmodischen Round-up, weil der Schwerelosigkeitssimulator zu teuer war.

Zaza wurde vom Round-up schwindelig. Sie wollte als Nächstes etwas Langsameres ausprobieren.

„Da kommt höchstens die Geisterbahn dort drüben infrage“, schlug Brauni vor.

 

Die Geisterbahn

„Welche Geisterbahn? Ich seh keine.“ Mein Blick folgte Braunis Zeigefinger.

„Ach die“, sagte Camel, reckte den Hals und kniff die Augen zusammen. „Ganz dort hinten. Langsam denk ich, ich brauch ne Brille.“

Zaza bemerkte: „Seltsam, um die Geisterbahn wabert eine Art Nebel.“

„Rauch von den Grillbuden“, erklärte Brauni ungerührt.

Ich sah die Bahn immer noch nicht und wollte den andern schon vorwerfen, dass sie mich veräppelten. Dann tauchte sie hinter einer Rauchschwade auf. Die Grillbuden waren wirklich ekelhafte Luftverschmutzer.

Wir schlenderten hinüber und besahen uns die Geisterbahn aus der Nähe. Hexen, Kobolde, Zwerge, Kröten, Feuer speiende Drachen waren über die Front gemalt. In so poppigen Farben, dass sie eher lustig als gruselig wirkten.

„Ich glaub, das ist ne Geisterbahn für Babys“, murrte Camel. „Dafür geb ich mein Geld nicht aus. Ich hab sowieso nur noch ein paar Euro.“

„Camel hat recht, Kleinkinderkram“, bestätigte Brauni. „Womöglich passen wir nicht mal in die Wagen.“

Bei Braunis Körperumfang konnte das hinkommen, musste ich denken.

„Hier ist auch nichts los, hier fährt gar keiner. Es lohnt sich ganz klar nicht“, stellte Camel fest.

„Zaza, wenn du unbedingt fahren willst, begleite ich dich“, bot ich sofort an. „Akzeptiert! Für mich tut’s ein harmloser Grusel.“

Zaza und ich, wir stiegen also ein, nachdem wir unsere Tickets gelöst hatten. Wir waren die Einzigen. Niemand wollte Geisterbahn fahren. Wir hatten die ganze Bahn für uns. Ich blickte vom Wagen nochmals auf die Straße. Die Leute gingen an der Geisterbahn vorbei, sahen nicht mal hin.

Unser Wagen setzte sich ganz langsam in Bewegung, blieb stehen, machte einen Ruck, blieb stehen, machte wieder einen Ruck, und glitt dann plötzlich überschnell durch eine Klapptür, ein Froschmaul, in völlige Finsternis.

Zaza klammerte sich spontan an mir fest. Was mich sehr freute.

„Du, hier ist die Beleuchtung ausgefallen.“

„Merkwürdig“, gab ich nur zurück und fürchtete mich auch ein bisschen.

Der Wagen glitt auf Schienen dahin. Man hatte kein Gefühl dafür, ob er langsam oder schnell fuhr. Etwas Weiches, wahrscheinlich von der Decke hängende Stofffransen, wischte über unsere Gesichter. Wir schrien unisono. Das war keine harmlose Babybahn, das war Folter. Man war in vollkommener Dunkelheit und wartete nur darauf, was als Nächstes unvorhergesehen passieren würde. Und wir konnten uns nicht mehr gegen den Gedanken wehren, dass es auch etwas Schlimmes sein konnte.

*

Camel und Brauni standen sich derweil draußen die Beine in den Bauch. Die Fahrt dauerte schon zehn Minuten, viel zu lange für den lächerlichen Betrag von zwei Euro pro Person.

Brauni fragte den Mann am Ticketschalter: „Sie, äh, unsere Freunde sind schon seit zehn Minuten da drin. Wann kommen die denn raus? Ist das normal?“

Der Ticketverkäufer blickte Brauni und Camel erstaunt an. „Das kann nicht sein.“ In seiner Kabine war ein Schaltpult, das er jetzt kontrollierte.

Brauni stellte sich auf Zehenspitzen, beugte sich vor, um ins Häuschen zu sehen, und sah ein Lämpchen rot blinken.

„Hmmm. Da stimmt was nicht“, gab der Ticketverkäufer schließlich zu. „Der Alarm leuchtet. Der Strom drinnen ist ausgefallen.“

„Dann stecken Zaza und Dugo fest?“ Brauni war etwas fassungslos.

„Womöglich im Dunkeln.“ Camel versuchte seiner Stimme einen tiefen, unheimlichen Ton zu verleihen.

„Moment!“ Der Ticketverkäufer verließ sein Häuschen, stieg auf die Schienen vor den ersten Wagen und versuchte das Froschmaul zu öffnen. Er drückte sich mit seinem ganzen Gewicht dagegen. Die Klapptür ging aber nicht auf. Er fluchte, kam zurück und holte aus dem Häuschen eine Art Brechstange. Dann hebelte er an der Tür herum. Mit aller Kraft. Sie öffnete sich nicht. Er stieg wieder von der Bahn herunter und rief: „Ich muss den Pannendienst anrufen.“ Er tippte auf seinem Handy herum.

Brauni und Camel stiegen nun auch zum Froschmaul hinauf und rüttelten an ihm. Es war nichts zu machen.

„Ich dachte, die Klapptüren wären aus Pappe oder höchstens aus Sperrholz. Das Ding hier wirkt aber wie ne Safetür. Wie aus Eisen.“ Brauni war fix und fertig.

„Krass! Lass uns die andre Tür probieren, aus der sie wieder rauskommen müssen“, schlug Camel vor.

Die Tür mit dem Drachenmaul war ebenso solide verschlossen.

Brauni trat wütend gegen die Wand neben dem Drachenmaul und schrie gleich laut auf: „Hart wie Stein!“

„Versteh ich nicht“, erwiderte Camel. „Das Zeug ist doch meist aus Leichtbauteilen zusammengesetzt, damit man es schnell auf- und wieder abbauen kann?“

Brauni zog seinen Schuh aus und rieb sich mit schmerzverzerrtem Gesicht lange die Zehen. Schließlich schlug er vor: „Lass uns mal um das Ding rumgehen.“

*

Drinnen herrschte nach wie vor pure Finsternis. Zaza und ich hatten das Gefühl, der Wagen bewege sich auf den Schienen immer weiter fort.

„Wie lange soll das so weitergehen?“, fragte Zaza bang.

Ich hatte selbst gehörig Angst, durfte mir aber nichts anmerken lassen, musste Zaza beruhigen: „Es muss so sein: Die Bahn hat eine Panne. Die Beleuchtung ist ausgefallen, und die Wagen bewegen sich immerfort im Kreis.“

„Es fühlt sich aber nicht an wie ne Kreisfahrt. Ich hab den Eindruck, wir fahren immer weiter geradeaus.“ Zaza hatte nur noch ein Stimmchen.

„Das kann doch gar nicht sein, die Geisterbahn ist höchstens zwanzig Meter lang und zehn breit“, versuchte ich ihr unaufgeregt klarzumachen. Meine Stimme zitterte aber verdächtig. Auch ich hatte das Gefühl, wir führen geradeaus und hätten schon eine ziemliche Strecke zurückgelegt. „Es ist alles wegen der Dunkelheit. Die Dunkelheit verwirrt uns, sie täuscht uns vor, wir bewegten uns auf einer geraden Linie.“

„Kann sein“, piepste Zaza wenig überzeugt und klammerte sich noch fester an meinen Arm.

„Zeit, dass wir um Hilfe rufen, Zaza. Mit der Bahn stimmt definitiv was nicht“, schlug ich endlich vor.

Es war wenig sinnvoll, die Situation noch länger schönzureden. Aus Leibeskräften riefen wir nun um Hilfe.

*

Brauni und Camel bogen draußen um die Ecke der Geisterbahn, um sich die Hinterseite anzusehen.

„Vielleicht kommen wir dort irgendwo rein.“ Brauni pochte mit der Faust gegen die Hinterwand. „Nicht zu fassen, wie aus Stein!“

Camel spitzte die Ohren. „Horch mal … schscht!“

Beide horchten mit angehaltenem Atem.

„Ja, ich hör’s auch. Hilferufe. Ganz leise.“

„Klingt wie von ungeheuer weit weg.“

„Es sind Zaza und Dugo!“

„Verdammt, was ist dort drinnen los?“

*

Ich wünschte, ich hätte eine der Pillen gehabt, die meine Eltern sich immer unter die Zunge legen, wenn sie nervös sind. Sie lösen sich in Nullkommanichts im Mund auf, und man wird rasch gleichgültig.

Auf unsere wiederholten Schreie erfolgte keine Reaktion. Wir schrien wirklich aus voller Kehle, und Zaza kreischte noch dazu in einem so hohen, durchdringenden Ton, dass uns eigentlich jeder hören musste. Draußen waren doch noch der Ticketverkäufer, Brauni und Camel und zahlreiche Rummelbesucher. Vielleicht hatten sich Brauni und Camel bei dem langen Warten gelangweilt und waren woanders hingegangen. Und der Ticketverkäufer schlief, weil keine Kundschaft da war. Und die anderen Rummelbesucher waren zu weit weg, um uns zu hören.

Zaza weinte ganz leise an meiner Schulter. „Ich möchte hier raus.“

Ich fühlte mich hilflos, ohnmächtig. Wie konnte ich Zaza trösten? Ich war selbst mit den Nerven fertig.

Da nahm ich vor uns, ziemlich weit weg, einen winzigen Lichtschimmer wahr. Ich wies Zaza sofort darauf hin.

„Was ist das? Geht’s dort raus?“, fragte sie mich, als ob ich alles wissen müsste.

Es machte den Eindruck, als ob wir auf den hellen Schimmer zufuhren.

„Was ich nicht verstehe: Das Licht scheint so verdammt weit weg. Das kann doch gar nicht sein. Hier gibt’s doch nicht solche Strecken.“

„Vielleicht ne optische Täuschung. Vielleicht nur ein winziges Loch in ner Außenwand“, bemerkte Zaza kleinlaut.

Auf einmal beschleunigte der Wagen spürbar. Wir glitten geräuschvoll über die Schienen. Fahrtwind blies uns ins Gesicht, und Zaza und ich hielten uns eng umklammert. Wer wen zuerst umarmt hatte, wusste ich später nicht mehr. Ich presste aus Angst die Augen zu, öffnete sie dann aber wieder. Es sah so aus, als glitten wir durch einen dunklen Tunnel, an dessen Ende ein Ausgang ins Licht führte.

*

Während Brauni noch die Hinterseite der Bahn untersuchte und immer wieder laut nach Zaza und mir rief, sah sich Camel das hintere Umfeld der Bahn an.

„Keine Möglichkeit, hier irgendwo reinzukommen“, murrte Brauni unzufrieden und erschrak, als Camel ihn plötzlich hart an der Schulter packte. Brauni wirbelte herum. „Spinnst du? Was ist los?“

Camel brachte kein Wort heraus und wies nur mit ausgestrecktem Arm auf die riesigen Wiesen hinter der Geisterbahn.

„Verdammt!“ Brauni riss die Augen auf. „Da stimmt was überhaupt nicht. Wir sind doch mitten in der Stadt. So riesige Wiesen kann’s hier gar nicht geben. Und auch die Berge dort hinten stimmen nicht.“

Brauni bekam schwache Knie und setzte sich auf den Boden. Camel saß bereits, mit dem Rücken an die Geisterbahn gelehnt. Beide starrten in die weite Landschaft, auf Wiesen, Berge, einen See, und atmeten erst mal tief ein und aus, um sich zu beruhigen.

Dann sprang Brauni unvermittelt auf. „Los, um die Geisterbahn rum, wieder nach vorn! Dort ist vielleicht noch alles normal, dort sind wir sicher noch auf dem Rummel am Kutschi, in unserem Berlin.“

*

Das Licht am Ende des Tunnels blendete so stark, dass ich meine Augen wieder schloss. Zaza hatte ihr Gesicht an meiner Schulter geborgen, sah nichts und wollte gar nichts sehen. Durch meine geschlossenen Augenlider nahm ich die Helligkeit rötlich wahr, und auf meiner Haut spürte ich so etwas wie Sonnenwärme. Es fühlte sich an, als glitten wir immer noch weiter auf Schienen. Ich war verwirrt, wusste nicht, was ich von all dem halten sollte, öffnete schließlich meine Augen ganz zögerlich, voller Angst, hatte bereits den Verdacht, dass wir nicht ankommen würden, wo wir eingestiegen waren. Tatsächlich, jetzt sah ich etwas vor mir, das nichts mit der Umgebung der Geisterbahn auf dem Rummelplatz zu tun hatte, aber auch gar nichts.

*

Brauni lief im Eilschritt um die Bahn herum. Camel sprang hastig hinterher. Vorne angekommen, war alles – alle Buden, alle Karussells, jegliche Rummelattraktion – verschwunden. Und es waren auch keine Leute mehr da. Die Geisterbahn stand ganz alleine mitten auf einer Wiese. Brauni lief aus Verzweiflung zum Tickethäuschen, in der Hoffnung, wenigstens der Ticketverkäufer wäre noch da. Das Häuschen war leer. Auf dem Schaltbrett blinkte weiterhin die Alarmlampe rot. Es war gespenstisch.

*

Wir waren endlich aus der Geisterbahn herausgefahren. Vor mir befanden sich die anderen Wagen und der Eingang mit dem Froschmaul. Von der Bahn grinsten die Zwerge, Hexen, Kobolde, Kröten und Feuer speienden Drachen auf mich herab. Aber sonst sah alles völlig anders aus. Da war nicht mehr die Straße mit den Buden, Zelten, Berg- und Talbahnen und Spielhöllen. Ich starrte auf eine Wiese! Auf die Wiese schien eine senkrecht am Zenit stehende Mittagssonne, und in der Ferne verschwammen Berge im blauen Dunst. Der Rummel war einfach weg. Und die Zeit musste zurückgesprungen sein. Zaza presste ihr Gesicht immer noch an meine Brust. „Ist es schlimm?“, fragte sie weinerlich.

„Wir sind auf einer Wiese“, antwortete ich schwach. „Du kannst die Augen aufmachen.“ Ich versuchte, so harmlos wie möglich zu klingen.

Zaza sah sich jetzt ebenfalls um, mit weit aufgesperrten Augen. „Das kann nicht sein!“ Sie musste geweint haben, ihr Lidschatten war verlaufen, und die ganze Schminke war jetzt auf meinem T-Shirt.

Ich versuchte, aus dem Wagen zu steigen, was mir schwerfiel mit meinen Gummiknien. Zaza konnte ebenfalls kaum aufstehen. Ich bot ihr meine Hand an und half ihr. Zaza ließ meine Hand nicht mehr los, und so kletterten wir Hand in Hand von der Bahn runter.

„Gehen wir um die Bahn rum, vielleicht ist auf der andern Seite alles wie gehabt“, schlug Zaza vor. Sie klang nicht sehr überzeugt.

Unter normalen Umständen hätte ich mich riesig gefreut, dass sie meine Hand fest in ihrer Hand hielt. Hier war aber alles so unheimlich, dass Freude gar nicht aufkommen konnte. Ich war komplett verstört.

Auf einmal nahm ihre Stimme einen freudigen Ton an. „Sieh mal, dort drüben!“

In etwa hundert Metern Entfernung erblickte ich Brauni und Camel durch die Wiese schlendern. Wir riefen sofort aus vollem Hals: „Brauniiii, Caamel!“

Sie wirbelten herum und kamen mit einem lauten „Hallooo!“ auf uns zugerannt. Wir umarmten uns stürmisch, Zaza und Camel einander sogar unter Tränen.

Zaza wimmerte schließlich: „Wenn wir uns gefunden haben, dann kann es nicht so schlimm sein.“

Ich war da skeptischer. „Hat jemand ne Ahnung, was das hier alles soll?“ Ich konnte das Zittern in meiner Stimme kaum verbergen.

Brauni sah alle bedeutungsvoll an, als wüsste er etwas. „Erinnert ihr euch, ich hatte doch vorgeschlagen, auf den Rummel zu gehen, weil ich mich fast ein bisschen in den „Luna Park“ zurücksehnte.“

„Genau“, bemerkte Camel eifrig. „Du hast wortwörtlich gesagt: Da war’s ja noch besser im „Luna Park“, als du an deine eklige Pflegefamilie gedacht hast.“

Ich runzelte die Stirn. „Du meinst, weil Brauni in einer Laune in den „Luna Park“ zurückwollte, sind wir jetzt alle wieder dort?“

Camel starrte Löcher in den Boden, wirkte, als denke er besonders angestrengt nach. „Sind wir nicht alle mit unserer Situation zu Hause unzufrieden gewesen, und haben wir nicht alle insgeheim gedacht, dass es da selbst im „Luna Park“ noch besser war?“

„Du meinst, trotz der gruseligen Dinge, die sich dort abgespielt haben?“, gab ich zu bedenken.

Camel holte tief Luft. „Die haben wir vielleicht für Momente ausgeblendet. Im „Luna Park“ war was los. Wir waren dort die Hauptpersonen. Auf uns kam es an. Unser Handeln war gefragt. Zu Hause und in der Schule haben sie uns gezeigt, dass wir Nichtse sind, Luft, nur lästig.“

Alle wurden ganz still. Wir setzten uns ins Gras, und jeder versank in Gedanken.

Camel hatte recht, überlegte ich zögerlich. Irgendwie hatte jeder von uns sich wenigstens für einen Moment gewünscht, wieder im „Luna Park“ zu sein. Und wenn es nur aus Protest gegen unsere Eltern und die Schule gewesen war. „Aber hier sieht es nicht aus wie im „Luna Park““, platzte ich in die Stille hinein.

Alle schauten sich noch einmal um, schauten auf die verlassene Geisterbahn und in die leeren Weiten der Landschaft. Ja, die Landschaft war leer, nur Wiesen, Berge, ein See, keine Menschen, keine Tiere, keine Häuser. Kein Vergnügungspark wie der „Luna Park“. Es hatte etwas Beklemmendes.

„Was machen wir jetzt?“ Zaza hatte nur noch ein Stimmchen.

Brauni schien zuversichtlicher: „Wir wollten grade über die Wiesen zum See. Irgendwo wird schon jemand sein, der uns weiterhelfen kann.“

Ich schüttelte den Kopf. „Guck doch hin! Ringsherum alles leer; keine Menschen, keine Autos, keine Häuser. Bis zu den Bergen dort hinten sind es mindestens fünfzig Kilometer. Es macht keinen Sinn, einfach irgendwohin zu latschen.“

Brauni blickte verwirrt in die Ferne.

Zaza wirkte auf einmal eine Spur optimistischer. „Wir sollten noch mal in die Geisterbahn. Über die Geisterbahn sind wir hierhergeraten. Vielleicht kommen wir über die Geisterbahn auch wieder hier raus?“

„Hm“, brummte Camel. „Brauni und ich sind nicht mit der Bahn gefahren, und wir sind genauso an dem öden Ort hier gelandet.“

„Auch wieder wahr“, pflichtete ich bei. „Trotzdem ist es vielleicht nicht die schlechteste Idee, noch mal dort reinzugehen. Die Geisterbahn ist vielleicht so was wie ne Raum-/Zeitmaschine, die uns an alle möglichen Orte bringen kann.“

„Am liebsten wär mir ein Ort, an dem es was zu essen gibt. Ich krieg langsam nen Riesenhunger“, maulte Brauni.

*

„Nehmen wir nen Wagen?“

„Die fahren nicht mehr.“

„Im Tickethäuschen ist doch ein Schaltbrett. Da kann man vielleicht die Bahn wieder in Betrieb setzen“, schlug Brauni vor.

Neben der Alarmleuchte, die immer noch rot blinkte, gab es mindestens zwanzig Knöpfe. Nirgendwo war eine Beschriftung.

„Wir können einen nach dem andern ausprobieren und sehen, was passiert“, schlug Zaza vor.

„Und wenn was Schlimmes passiert?“, gab Camel zu bedenken.

„Schlimmer kann es nicht werden“, maulte Brauni. „In einer riesigen Einöde zu sein, und nirgends was zu essen. Wenn wir noch länger hierbleiben, verhungern wir … oder müssen Gras fressen.“

Da war was dran. Also betrat ich das Tickethäuschen und drückte ängstlich auf den ersten Knopf links oben auf dem Schaltbrett. Wir warteten gespannt, sahen uns vorsichtig um. Nichts geschah. Ich drückte den zweiten. Nichts rührte sich. Ich drückte jetzt immer mutiger einen nach dem andern, war schon nicht mehr vorsichtig.

Beim letzten Knopf, den ich drückte, ertönte ein lautes, quietschendes Geräusch. Wir fuhren alle zusammen. Das Froschmaul war aufgesprungen. Camel, der zwischen zwei Wagen auf der Bahn stand, konnte gerade noch von den Schienen springen. Die Wagen setzten sich langsam ruckend in Bewegung. Einer nach dem andern verschwand durch das Froschmaul.

Endlich schrie Brauni: „Los, es reicht noch auf den Letzten!“ Und Sekunden später saßen wir zu viert, dicht gedrängt, im letzten Wagen und fuhren durch das Froschmaul ins Innere.

Es war schwer zu sagen, wer von uns am meisten Angst hatte. Ich war zwischen Brauni und Zaza eingeklemmt; Brauni fühlte sich schweißnass an, und Zazas Zittern übertrug sich von ihrem Arm auf meinen Körper. Camel klapperte rechts außen so laut mit den Zähnen, dass es nicht zu überhören war.

In der Bahn war es nicht mehr ganz dunkel wie bei unserer ersten Fahrt. Rechts und links gingen Spotlights an und aus und beleuchteten in Giftgrün von der Decke baumelnde Skelette. Wir schrien wie verrückt. Mit einem Rucken blieb unser Wagen plötzlich stehen. Vor uns hebelte sich ein blauer Elefant aus dem Boden und trompetete uns laut an. Er sah wie eine Walt-Disney-Figur aus. Dann wischten uns wieder lange Fransen übers Gesicht. Zwerge, Kobolde, Echsen, Kröten, Schlangen tauchten in giftrotem Flashlight links und rechts neben uns auf. Sie waren lange genug beleuchtet, sodass man sehen konnte, sie waren aus Plastik. Der Wagen wurde langsamer, und ein Krokodil lief in einem moosgrünen Licht gemächlich über die Schienen, drehte seinen Kopf zu uns hin und zeigte sein Plastikgebiss. Es dauerte eine Weile, bis wir verstanden, dass hier drinnen alles harmlos war, aus Plastik und Pappe, dass sich eigentlich nichts von einer normalen Rummelgeisterbahn unterschied. Es ging noch um ein paar Kurven und Ecken. Blitzlichter schienen uns grell ins Gesicht, das Gebrüll eines Löwen kam von links aus dem Dunkeln, von oben fiel ein zähnebleckender Stoffaffe in unseren Wagen und wurde gleich wieder an einer Schnur hochgezogen. Dann lag vor uns schon die Ausgangsklapptür. Der helle Spalt in der Mitte weitete sich. Es wurde hell. Wir waren draußen!

Ich blinzelte benommen ins Tageslicht. Zuerst sah ich die Kinder, die am Tickethäuschen anstanden. Dann die Buden und Zelte und Fahrgeschäfte gegenüber und das dichte Menschengewimmel auf der Straße.

Zaza, Camel und Brauni starrten mit offenen Mündern.

Ein stämmiger Junge, der den Mädchen und Jungs weiter vorn in die Wagen half, rief uns forsch zu: „Aussteigen, hier wird nicht noch mal gefahren, ohne zu bezahlen!“

Der Junge fasste uns grob an den Armen und zog uns aus dem Wagen. Sofort sprangen drei Kinder in unseren Wagen und verschwanden gleich durch das Froschmaul.

Wir kletterten von der Bahn herunter auf die Straße und sahen uns baff nach allen Richtungen um. Camel weinte schon vor Erleichterung: „Wir sind wieder zurück in der Zivilisation!“

Brauni rief mit schweißglänzendem Gesicht: „Ich kauf mir gleich ne Bratwurst und ein halbes Hähnchen in der Fressbude dort drüben. Ich hab einen Riesenstresshunger!“

„Wir müssen uns zuerst mal beruhigen“, sagte ich.

Camel atmete so unregelmäßig, als sei er eine lange Strecke gerannt: „Vielleicht zuerst was trinken“, keuchte er.

Wir folgten Brauni zu der Wurst- und Hähnchenbude und kauften uns dort ein paar Dosen Bier und Essbares. Obwohl zumindest Zaza und ich nicht aussahen, als seien wir schon sechzehn, gaben sie uns das Bier anstandslos.

*

Es dunkelte bereits. Die Luft war mild. Wir setzten uns im Gewühl der Menge auf eine Bank und schlürften das Bier, während Brauni so gierig in goldbraun gebackene Hühnerschenkel biss, dass ihm das Fett zu den Mundwinkeln herausspritzte. Wir aßen und tranken und versuchten, uns zu entspannen, ohne zu quatschen.

Brauni war völlig ins Essen vertieft. Camel guckte mit glasigen Blicken in die Menge und hatte ein seliges Lächeln auf dem Gesicht. Zaza trank mit geschlossenen Augen und seufzte leise. Ich saß ganz nahe neben Zaza und musterte den zarten Haarflaum auf ihrem Gesicht, während sie die Augen geschlossen hielt.

„Wie spät ist es eigentlich?“, fragte Brauni plötzlich mit vollem Mund.

Zaza riss die Augen auf.

Ich wandte mich etwas verlegen von Zaza ab und wollte auf meine Uhr sehen. „Es wird langsam dunkel.“ Meine Uhr war weg. Meine teure Taucheruhr. Meine Eltern, hatte ich den Verdacht, kauften mir solche Luxusgeschenke, weil sie dann das Gefühl hatten, sie seien dafür entschuldigt, dass sie sich so wenig mit mir beschäftigten. „Ich muss meine Uhr verloren haben“, sagte ich ohne große Sorge. Der Verlust war mir jetzt egal.

„Verdammt, meine Uhr ist auch weg!“, fluchte Camel.

„Ich hab auch keine Uhr mehr“, stellte Zaza verwundert fest.

Brauni schluckte den letzten Bissen und lachte laut auf. „Die haben sie euch sicher in der Geisterbahn geklaut. Die war ein wahrer Zauberladen. Gut, dass ich keine Uhr hab.“

„Es ist bestimmt bald acht. Wir müssen schleunigst nach Hause! Lasst uns jemanden nach der Zeit fragen“, schlug Camel vor. „Wenn es später als neun wird, dreht meine Mutter durch und macht ne Riesenszene. Sie kommt dann vom Hundertsten zum Tausendsten, wie viel sie für mich getan hat, wie sehr sie darunter leiden musste, mich allein aufzuziehen, wie schlimm es ist, allein alle Verantwortung tragen zu müssen, was für ein verantwortungsloser Nichtsnutz mein Vater ist, einen Sohn in die Welt zu setzen und sich dann davonzumachen und, und, und. Ich wär besser gar nicht auf die Welt gekommen.“

Zaza drückte Camel zärtlich die Hand: „Beruhig dich. Es ist nicht deine Schuld, dass sie alleine ist. Du hast damit nichts zu tun. Ich frag jetzt schnell jemanden nach der Zeit.“ Zaza sprang auf und verschwand in der Menge.

Erst eine ganze Weile später kam sie wieder zu unserer Bank zurück. Ich hatte schon Angst, es sei etwas passiert.

„Warum hast du solange gebraucht?“, fragte ich vorwurfsvoll.

„Alle, die ich gefragt habe, hatten keine Uhr dabei. Dann fiel mir auf, dass überall nur Jungs und Mädchen sind und kein einziger Erwachsener. Ein Junge wollte mir weismachen, dass hier Uhren unnütz sind, weil die Zeit Kapriolen schlägt. Er hat behauptet, die Zeit kann hier beliebig gedehnt oder verkürzt werden.“

„Nur Jungs und Mädchen … Die Zeit läuft hier anders …“ Ich merkte nicht einmal, dass ich laut vor mich hinsprach, während ich dachte, dass mir das verflucht bekannt vorkam. „So war es doch auch im „Luna Park“!“, rief ich laut aus.

Wir sahen alle augenblicklich in die Menge. Tatsächlich, die Straße wimmelte von Mädchen und Jungs. Und nirgendwo war ein Erwachsener. Nur beim Rummelpersonal, also bei den Leuten, die die Rummelattraktionen bedienten, gab es ganz vereinzelt Erwachsene.

„Dann sind wir ga-gar nicht auf dem Rummel in B-Berlin, meint ihr?“, stotterte Camel.

„Unsinn“, prustete Brauni und verschluckte sich am Bier. „Dass hier nur Jungs und Mädchen sind, heißt noch gar nichts. Eltern gehen heutzutage nicht mehr auf Rummelplätze mit. Das ist denen zu viel Aufwand. Die sind doch alle nur noch überlastet. Kommt, wir gehn nach Hause!“ Brauni stand auf, und wir folgten ihm einfach.

*

Über uns leuchteten die ersten Sterne am dunkelblauen Himmel, und eine bleiche, scharf geschnittene Mondsichel. Wir gingen und gingen. Der Weg kam mir ungeheuer lang vor. Ich konnte mich nicht daran erinnern, dass es auf dem Berliner Rummelplatz so große Entfernungen gegeben hatte.

Auch Camel wurde zunehmend misstrauisch. „Wir müssten schon längst draußen sein.“

Zaza zog mich am Arm: „Wartet!“

Wir hielten in der Menge der Kinder und Jugendlichen an.

„Wie lange wollen wir noch weitergehen? Wir sind nicht mehr in Berlin!“

„Nur noch die hundert Meter bis dort vorn, dort ist der Ausgang, Richtung Einkaufszentrum „Der Clou“.“ Brauni blieb stur.

Wir waren alle erschöpft, zu müde, uns weiter Gedanken zu machen. Und vielleicht setzten wir nur deshalb unseren Weg fort. Erst als der Ausgang ganz eindeutig immer weiter in die Ferne rückte, je mehr wir auf ihn zugingen, musste auch Brauni langsam zugeben, dass hier etwas nicht stimmte, dass hier gar nichts mehr stimmte.

„Schaut mal nach dort drüben!“, forderte Zaza uns auf einmal laut auf.

Wir blickten alle in die Straße, die nach links abzweigte.

„Schaut auf das Schild!“, forderte Zaza uns nochmals auf.

An der Straßenecke stand ein Wegweiser. In Leuchtrosa stand darauf: „Luna Park Süd“.

 

Zurück im Luna Park

Wir sahen einander vielsagend an und dann betreten die Straße entlang. Jetzt war es endgültig klar. Wir waren nicht mehr in Berlin.

Die Straße war viele Kilometer lang. Sie lief leicht abwärts. Anfangs säumten sie noch Buden und Karussells. Dann schloss sich ein weitläufiges Häuserviertel an, das mich an eine brasilianische Favela erinnerte – solch eine Favela hatte ich auf einer der teuren Fernreisen gesehen, auf die mich meine Eltern mitgenommen hatten, wahrscheinlich um ihr Gewissen zu beruhigen.

Brauni überblickte die Ebene, die sich vor uns auftat. „Was sind denn das für Slums?“ Brauni kannte Slums sicher aus dem Fernsehen.

Zaza seufzte nur erschöpft. Ich legte ihr meinen Arm um die Schultern, ohne dass sie protestierte.

Es waren eher Hütten als Häuser, teils mit Wellblech bedeckt, dicht an dicht gebaut. Sie waren eingebettet in ein Labyrinth sich eng windender Gassen. Die Hütten sahen aus wie zufällig zusammengewürfelt. Und weiter hinten ragte ein Hochhaus auf, das düster aussah, sogar baufällig. Soweit das Auge reichte, diese ärmlichen Hütten, und dann endete die Sicht an einem hohen Zaun, einem immens hohen, undurchsichtigen Zaun aus einem Material wie Eisengeflecht.

Wir standen da und starrten, konnten uns auf das, was wir sahen, keinen Reim machen.

„Wenn das der „Luna Park“ sein soll“, überlegte Zaza laut, „dann hat er sich aber ganz schön verändert.“

„Allerdings“, pflichtete ich hilflos bei.

„Die Slums da unten, das ist „Luna Park Süd“. Was ist dann „Luna Park Nord“?“, fragte Brauni. „Süd und Nord gab es früher nicht im „Luna Park“. Es gab dort auch keine Wohnhäuser. Nur den Rummelplatz mit seinen Anlagen und das Schloss des Königs des „Luna Parks“.“

Bei den Worten „König des Luna Parks“ zuckte Zaza zusammen und lief rot an. Das ärgerte mich. Man musste ihn nur nennen, und schon ging es wieder los … Ich trat ein paar Schritte von Zaza weg und war bitter enttäuscht. „Was sollen wir jetzt tun?“, fragte ich, nur um etwas zu sagen.

Brauni keuchte: „Ich bin fix und fertig, ich muss erst mal was essen.“

Wir waren ziemlich weit gelaufen und waren mittlerweile alle hungrig. Wir mussten uns auch stärken, um überhaupt einen klaren Gedanken fassen zu können.

„In welche Richtung sollen wir?“ Ich war so müde, dass ich alles den andern überließ.

Brauni zog Luft durch die Nase ein und behauptete, ein Duft nach asiatischem Essen läge Richtung „Luna Park Süd“ in der Luft. Wir folgten wieder Brauni, und nach ungefähr fünfzig Metern bogen wir in eine enge Gasse ein, in der es nur so von asiatischen Garküchen wimmelte. Es roch nach heißem Fett. Zwischen den Kochstellen standen Bänke und Tische aus rohem Holz. Alles hier war schmuddelig.

Wir nahmen Platz und ließen uns von einem Chinesen mit einer fettigen Schürze bedienen. Es gab nur ein Gericht. Als er es nach fünf Minuten brachte, war es gebratener Reis mit etwas Ei, Erbsen und einem winzigen Stückchen Huhn. Er stellte einen Wasserkrug so hart auf den Tisch, dass es spritzte, und ein paar Plastikbecher. Andere Getränke gab es hier nicht. Wir waren im Moment nicht sehr wählerisch und aßen den trockenen Reis. Es schmeckte fad, aber füllte wenigstens den Magen.

„Früher hat man im „Luna Park“ besser gegessen“, bemerkte Camel leise.

Kaum hatten wir fertig gegessen, kam der Chinese mit einem schmierigen Zettel an unseren Tisch, der Rechnung. „Macht 33 Euro.“ Während er am Tisch auf das Geld wartete, wischte er seine Hände an der fettglänzenden Schürze ab.

Wir sahen uns an. Im „Luna Park“ war alles umsonst gewesen. Man hatte umsonst leckere Dinge essen, umsonst mit sämtlichen Bahnen und Karussells fahren können. Nichts hatte etwas gekostet. Das Prinzip des „Luna Parks“ war schlemmen und sich amüsieren gewesen, ohne je zu bezahlen, bis in alle Ewigkeit. Auf den ersten Blick ein Paradies …

Brauni zog unwillig einen verknitterten Fünfeuroschein aus seiner Hosentasche. Zaza und Camel legten zehn Euro zusammen. Ich zahlte den Rest. Ich hatte danach noch zwanzig Euro übrig. Zaza, Brauni und Camel hatten bereits alles ausgegeben. Der Chinese scharrte das Geld auf dem Tisch zusammen, steckte es in seine Schürzentasche und wollte sich schon wieder zu seinem Herd umdrehen, als Brauni laut fragte: „Im „Luna Park“ ist doch alles umsonst, warum haben Sie Geld von uns verlangt?“

Der Chinese zog die Brauen hoch. „Hier ist nichts umsonst. Wie kommst du auf die Idee? Alles hat hier seinen Preis. Vielleicht zahlen wir noch bald fürs Atmen.“

„Das sind schlechte Nachrichten“, analysierte Brauni und wischte sich mit einer zerknitterten Papierserviette über den Mund. „Wir sind im „Luna Park“. Der ist aber ganz anders. Es ist anzunehmen, dass wir auch aus diesem „Luna Park“ nicht einfach wieder rausspazieren können in unsere Welt. Und wir sind gleich zu Anfang in einer misslichen Lage. Wie sollen wir hier überleben mit Dugos lumpigen 20 Euro?“

Zaza war schon den Tränen nahe. Ich spürte es. Ich musste sie unbedingt beruhigen. „Jetzt haben wir erst mal gegessen und fühlen uns besser. Wenn es uns letztes Mal gelang, aus dem Park wieder ungeschoren rauszukommen, dann finden wir auch diesmal einen Ausweg …“

Brauni unterbrach mich: „Nicht so schnell. Überlegt mal alle ganz scharf. Warum sind wir wieder hier? Irgendwie wollten wir alle nochmals in den „Luna Park“ … Es kann also nicht darum gehen, hier gleich wieder rauszukommen. Wir sind jetzt hier und müssen erst mal sehen, was uns diesmal hier erwartet.“

Camel nahm Braunis Gedanken gleich auf: „Brauni hat recht. Auf uns warten hier irgendwelche Aufgaben, irgendein Test. Erst wenn wir den Test bestanden haben, kommen wir wahrscheinlich mehr oder weniger automatisch wieder in unsere Welt zurück.“

„Wie letztes Mal“, ergänzte Zaza, deren Miene sich bereits wieder beträchtlich aufgehellt hatte. „Und was machen wir jetzt?“

Alle schwiegen. Bis Brauni die Initiative ergriff und aufstand: „Wir sehen uns zunächst mal den Park näher an.“

*

Wir folgten Brauni nach draußen auf die Straße, die nach „Luna Park Süd“ führte. Es war inzwischen dunkel geworden, aber zum Glück nicht kühl. Rostige Laternen auf alten Holzmasten beleuchteten die Straße einige Hundert Meter, dann wurde es immer düsterer. Die Slums bildeten eine schwarze Masse. In diese finstere Gegend wollten wir nicht gehen. Noch bevor wir uns umwandten, um in die entgegengesetzte Richtung zu gehen, hörten wir, wie hinter uns jemand laut fluchte.

Wir drehten uns erschrocken und sahen, wie der Chinese, der uns bedient hatte, einer völlig zerlumpten Gestalt einen Fußtritt gab! Die Gestalt stolperte auf die Straße und landete auf den Knien im Straßenstaub. Mühsam richtete sie sich wieder auf und hinkte auf uns zu. Es war ein höchstens vierzehnjähriger Junge. Wir konnten kaum sein Gesicht erkennen unter dem schwarzen Schmutz. Der Schmutz überzog es wie eine Maske. Die Haare waren staubgrau verfilzt. Alles an dem Jungen starrte vor Dreck. Seine ausgefransten Jeans und sein T-Shirt hatten riesige Löcher. „Gebt ihr mir nen Fünfer?“, bettelte er uns an. Er war auch ausgesprochen mager, und seine Augen glänzten fiebrig. „Ich hab seit zwei Tagen nichts gegessen.“

„Dugo, du hast doch noch Geld“, platzte Zaza heraus.

Ich ärgerte mich, dass sie mich auffordern musste. Ich hätte doch von mir aus etwas gegeben. Mit saurem Aufstoßen fingerte ich in meiner Hosentasche herum, fischte schließlich ein Eurostück heraus und gab es dem Jungen in seine schmutzige Hand. Er lächelte mich an und bedankte sich immer wieder. Es war mir irgendwie sehr peinlich. Warum eigentlich? Ich blickte ihm betreten nach, wie er nach „Luna Park Süd“ wankte und weiter unten wieder zwei Jungs ansprach, die, wie wir, „normal“ gekleidet waren.

„Hoffentlich kriegt er noch mehr Geld zusammen.“ Zaza sah mich vorwurfsvoll an. „Sonst verhungert er noch.“

Ich fühlte es, ich wurde dunkelrot, und wusste nicht, ob vor Ärger, oder weil ich mich schämte, so knauserig gewesen zu sein.

Ganz unerwartet kam mir Brauni zur Hilfe. „Wir haben jetzt zu viert noch 19 Euro, Zaza. Wir sind bald auch nicht besser dran.“

Zaza machte nur: „Hm“, und blickte zu Boden.

„Wir können uns jetzt nicht länger mit Kinkerlitzchen aufhalten. Wir müssen den Park auskundschaften, rausfinden, was wir hier sollen, sonst ergeht’s uns noch so wie dieser armen bettelnden Sau!“ Camel ging energisch in die Richtung, aus der wir gekommen waren, und wir folgten.

*

 

Mini Leseprobe 3 aus „Luna Park 2, Jahrmarkt der Gier“

Kapitel 29

Fressen, schlafen, raufen oder das Schicksal der Gierigen

Die Löwen setzten sich nah ans Käfiggitter. „Wir heißen Max und Melvin. Der König hat uns in Raubtiere verwandelt.“

Brauni hörte mit großen Augen zu und Schwabbelknien.

„Wir haben versucht, mit dem Verkauf von Versicherungen die Million zu verdienen. Dabei mussten wir Leute versichern, die gar keine Versicherungen brauchten, Leute, die kaum je die Versicherungsleistung in Anspruch nehmen würden. Und wir mussten Leute versichern, die sich gar keine Versicherung leisten konnten. Die größte Klientel waren die Armen aus „Luna Park Süd“. Ihnen mussten wir Rentenversicherungen aufschwatzen, die sie gar nicht bezahlen konnten. Sie bekamen sie dann auf Kredit. Und als sie die Kreditraten nicht mehr zahlen konnten, haben wir ihren Lohn auf Jahre hinaus gepfändet. Als das nicht genügend Geld brachte, sind wir ins Drogengeschäft eingestiegen. Wir verkauften Kokain an unsere reichen Freunde in „Luna Park Nord“. Die verschuldeten sich bei uns dann immer mehr und mussten uns schließlich ihre Geschäfte überlassen. Und so kamen wir beide ziemlich schnell zu der Million.“

„Ja, dann hattet ihr gewonnen … oder doch nicht?“, platzte Brauni heraus. Er wusste nicht mehr, was hier drinnen lief. Er war völlig konfus.

„Wir dachten, wir hätten gewonnen. Wir wollten mit aller Macht die Million verdienen und dann so schnell wie möglich wieder nach Hause. Wir hatten genug vom Geldverdienen. Das war ja ein alltäglicher Kampf, bei dem du ständig jemanden hereinlegen musstest. Der Norden war zwar reich, aber wenn du auch an Arme deine Produkte verkaufen musst, dann geht das nur, wenn du ihnen das Geld dafür leihst. Lange kann das natürlich nicht gut gehen. Das war uns aber egal. Wir wollten bloß gewinnen.“

„Und wieso seid ihr jetzt Löwen im Käfig?“, fragte Brauni verdattert.

„Der König hat uns angelogen. Du hast überhaupt nicht gewonnen, wenn du die Million verdient hast. Du bist in ein Raubtier verwandelt worden.“

Brauni stutzte.

„Der König hat uns erklärt, wenn wir uns schon im Geschäftsleben wie Raubtiere verhalten hätten, dann könnten wir auch mal die Erfahrung machen, echte Raubtiere zu sein. Und weißt du, wie das ist?“

„N-nein.“ Brauni war fix und fertig.

„Fressen, schlafen, raufen. Es wiederholt sich jeden Tag. Wenn wir gewusst hätten, was uns erwartet, hätten wir den Armen die Versicherungen geschenkt.“

„Oder gar nicht erst angeboten“, knurrte der andere Löwe.

„Sind die andern Raubtiere auch Menschen?“, fragte Brauni mit schwacher Stimme.

„Eine ganze Menge, ja.“

Brauni kratzte sich die Stirn. Er fühlte sich elend.

„Du hast die Käfigschlüssel. Du könntest uns rauslassen“, schlug der eine Löwe vor.

„Nein, tu es nicht. Wir würden dich zerfleischen. Wir haben den Instinkt von Löwen. Wir handeln blind. Wir haben nicht die Freiheit, eine Beute zu verschonen“, warnte der andere.

Dann war klar, dass er sie nicht rauslassen würde, dachte Brauni. Er war unendlich erleichtert, als endlich der Diener des Königs kam und ihn nach oben in seine Kammer führte, wo er zuerst ein Abendessen bekam und danach frische Kleidung für den nächsten Tag.

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Das Maß für Demokratie

Garfield prustet mir beim Frühstück Krümel und Kaffeetröpfchen ins Gesicht, so aufgeregt ist er. „Wusstest du, dass 40 % der Deutschen arm sind?“ „Was meinst du mit „arm“?“, frage ich Garfield und mache ein blödes Gesicht. „40 % der Deutschen haben null Erspartes und gucken im Alter in die Röhre.“ „Woher hast du das?“ „Ha, aus ner tollen Quelle. Das sagt Marcel  Fratzscher. Der Mann ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und Professor für Makroökonomie und Finanzen, hat übrigens wie du in Florenz studiert und auch in Oxford und Harvard.“ „Hm.“ „Ich hatte schon lange den Verdacht, die Deutschen sind arm. Die deutsche Politik hat nicht nur Europa kaputt gespart, sondern auch das eigene Land. Und die Armen werden einfach unter den Teppich gekehrt.“ Ich schlucke. „Sowas sollte man nicht mehr Demokratie nennen.“ „Dann definierst du Demokratie wohl neu?“, nuschle ich, mein Croissant kauend. „Überhaupt nicht. Das Wort Demokratie kommt aus dem Griechischen und bedeutet, so blöd das klingen mag, „Volksherrschaft“. Ein demokratischer Staat darf also nicht die legitimen Interessen großer Gruppen von Bürgern einfach ignorieren. Bei 40 % Armen, und hier werden Interessen eklatant ignoriert, handelt ein Staat nicht mehr im breiten Bürgerinteresse. Für mich ist das keine Demokratie mehr.“ Mir bleibt der Bissen im Hals stecken. Kater dünn

 

 

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