Zahlen, um nichts zu verdienen

Meine Nachbarin spricht mich im Treppenhaus an, als ich gerade aus meiner Wohnung raus will.  Sie klingt fröhlich. „Olivia, wusstest du, dass du zur Klasse der zukünftigen Berufstätigen gehörst?“ Was meint sie bloss, denke ich. Neulich sagte sie doch noch, ich sei nie berufstätig gewesen. Zu schreiben sei kein Beruf. „Du verdienst nicht nur nichts, du musst für deine Tätigkeit sogar bezahlen!“, platzt sie heraus. „Facebook-Werbung, ich hab’s gesehen. Will gar nicht wissen, wie hoch deine Druckkosten sind und … Huch!“ Garfield schlüpft durch den Spalt in der Tür und streift an ihren Waden vorbei. „Die Frau hat recht. Es wird in Zukunft immer weniger Arbeit für immer mehr Leute geben. Insbesondere die Jungen bleiben global auf der Strecke. Da kann’s schon sein, dass man zahlen muss, um überhaupt arbeiten zu dürfen.“ Meine Nachbarin starrt auf Garfield. Sie ist ziemlich bleich geworden, steht da wie gelähmt. „Ich frag mich nur, wo das Geld herkommen soll? Wer verdient noch was? Produkte werden nicht nur zunehmend auf Kredit mit Nullzinsen verkauft, Produkte müssen bald schon verschenkt werden, um Abnehmer zu finden. Und wenn ich schon keinen Kühlschrank mehr kaufen kann, wie soll ich da eine Arbeit kaufen können …“ „Aaaaaah. Hilfe!“, schreit meine Nachbarin. „Tun Sie das Vieh weg!“ Sie hat anscheinend noch nie einen sprechenden Kater erlebt. Ich verkrümle mich mit Garfield sofort wieder in meine Wohnung. Mir ist gar nicht gut. Auch ich verschenke schon meine Bücher, um Abnehmer zu finden. Seiner Zeit voraus zu sein, ist nicht gut, gar nicht mehr gut heutzutage.

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