Manchmal ist es interessant zu schildern, was einen zum Schreiben eines Romans bewegt hat.
Von 2014 bis 2022 habe ich mich um meine pflegebedürftige Mama gekümmert. Warum tust du so etwas, fragten so einige FreundInnen? Einfach, weil ich sie liebe, gab ich zur Antwort. Ein Heim kam da nicht in Frage. Zwei Jahre vor ihrem Tod zog ich ganz zu ihr, wieder zurück in mein Elternhaus nach Ludwigsburg.
Ich hasste Ludwigsburg und besonders unsere Gegend, sobald ich kein Kind mehr war. Ich fand sie trüb und spießig. Noch mehr hasste ich sie, nachdem ich in meinen Zwanzigern und Dreißigern zehn Jahre in Florenz verbracht hatte. Doch dann kehrte ich zurück, was ich im Leben lange für undenkbar gehalten hatte, schwebten doch dieses Ludwigsburg und die Elbinger Straße in meinem Gehirn als Albtraum herum, in den ich nie mehr zurückversetzt werden wollte.
Da ich mich intensiver um meine Mama sorgte, wenn ich räumlich von ihr hunderte Kilometer getrennt wohnte, und Sorgen einen sehr schmerzhaft plagen können, blieb mir gar nichts anderes übrig, als im fortgeschrittenen Stadium ihrer Hilflosigkeit wieder zu ihr zu ziehen. Sie bei mir zu haben, im selben Haus, war ungemein beruhigend. Auch wenn sie in den letzten Jahren nichts mehr sprach, genoss ich doch immer wieder, neben ihr zu sitzen, genoss ich, dass sie noch da war. Schreiben konnte ich überall, meine Lebenspartner lebten schon lange nicht mehr und Kinder, wenn ich sie denn gehabt hätte, wären vermutlich selbständig. Von daher stand dem Umzug nach Ludwigsburg nichts entgegen. Die Umgebung, nach wie vor öde in meinen Augen, verwandelte ich für mich, indem ich die vielen leerstehenden Häuser und Wohnungen mit Geschichten möblierte. Ich schrieb einen Roman über die Elbinger Straße, die angrenzenden Straßen, über das gesamte Viertel. Im Roman treten sowohl die dort Lebenden als auch die Toten auf, die ehemals dort lebten. (Fiktive und reale Charaktere sind gemischt, wobei ich den realen zumeist nur einen Anklang an den Namen entliehen, ihnen im Übrigen fast alles angedichtet habe.)
Das Viertel hat sich bereits während des Schreibens für mich zu meinem Vorteil verändert. Inzwischen gehe ich an den Häusern mit guten Gefühlen vorbei, weil dort meine Figuren wohnen, sympathische und weniger sympathische…, etwa die tote Frau Meilner, früh Witwe, die weder zu ihrem Mann, noch zu ihrem Sohn je eine Beziehung hatte. Ihre ebenso verstorbene Nachbarin Fräulein Kanter, alte Jungfer, schwärmerische Sekretärin des Rektors einer Grundschule. Die verschiedenen Schwestern Henne, die mit ihrer Mutter ein Handarbeitsgeschäft führten und zu Lebzeiten stramme Nazis waren. Der noch lebende Dr. Krepp, wissensdurstiger Chemielehrer, das griechische Rentnerpaar Mitsozakis, das nun das Henne-Haus bewohnt, die junge syrische Familie Kahlifa, die in Fräulein Kanters Wohnung eingemietet ist und so einige mehr.
Als Frau Löffler sich nach einem Fahrradunfall auf den Heimweg macht, hat sich ihr Wohnviertel tiefgreifend verändert. Überall trifft sie auf längst verstorbene Nachbarn. Bald stellt sie fest: Sie selbst ist eine der Toten.
Das Dasein nach dem Tod ist behaglich. Die meisten bewohnen ihre alten Häuser und führen ihre gewohnten Routinen fort. Doch alles verändert sich, als Herr Tober ins Viertel zieht und die Toten dazu anstachelt, die Lebenden aus dem Viertel zu vertreiben, um ihre Häuser wieder ganz für sich zu beanspruchen.
Es ist jetzt im Viertel, zumindest auf einer Metaebene, etwas los, sogar viel los. Es ist richtig aufregend geworden. Ich habe mir das Viertel wieder angeeignet, zu meinem Viertel gemacht. Und es war leichter, die nervenaufreibenden Jahre an einem Ort zu verbringen, den man nicht am liebsten verleugnet, sondern erneut als Zuhause annimmt.
Meine Mama verstarb am 30. April. 2022. Auf ihrem Grabstein steht OMNIA VINCIT AMOR.

Input
Das Jenseits, das im Roman in seiner skurrilen Beschaffenheit im Zentrum steht, ist nicht frei erfunden. Eingeflossen sind paranormale Studien. Während ich mich fünf Jahre lang in solche Studien für mein Sachbuch „Das Gedächtnis von Gegenständen“ vertiefte, las ich nebenbei eine Menge über alle möglichen Modelle eines Jenseits. Das Gedächtnis von Gegenständen habe ich, Quantenphysikern folgend, auf Subquantenebene verortet und im Zuge dessen mich auch mit Parallelwelten beschäftigt. In der Physik sind solche möglich, sie gehen zum Beispiel durch unsere Welt hindurch, sind am selben Platz, ohne dass wir etwas von ihnen spüren. In einer solchen, physikalisch möglichen Parallelwelt, leben im Roman die Toten. Eingeflossen ist aber nicht nur Wissenschaftliches. Alle möglichen Fernsehsendungen und -dokumentationen über paranormale Ereignisse und Erlebnisse haben mir Anregungen und Stoff für „Die Toten von nebenan“ gegeben.
Leseprobe als PDF
Schnipsel
Die ledig gebliebenen Schwestern Henne, die mit ihrer Mutter ein Reihenhaus bewohnt und ein Handarbeitsgeschäft betrieben hatten, litten genauso stark wie Herr Sauer unter den Lebenden. In ihrem Haus hatten sich nach ihrem Tod Griechen breitgemacht, wie sie es ausdrückten. Ein griechisches Rentnerehepaar, ehemals Gastarbeiter, war nach dem Tod der Henne-Schwestern in das Henne-Haus eingezogen. Die Griechen stellten alles dar, was die Hennes verachteten. Sie waren Ausländer und in ihren Augen dick, dumm, faul und auch noch ziemlich dunkelhäutig.
Die Hennes waren im Dritten Reich stramme BdM-Mädchen gewesen und die Mutter Henne hatte zu den glühenden Verehrerinnen Hitlers gehört. Die Schwestern hatten in ihren jüngeren Jahren jeden Tag Sport getrieben, sich dem Turnen und Schwimmen gewidmet, strikt Naturkost gegessen, ihre Tage mit eiserner Disziplin eingeteilt, sie waren um Punkt sechs aufgestanden und abends um Punkt zehn im Bett gewesen – und in den Ferien heimlich an einen FKK-Strand gegangen.
Die Sauers hatten sich zu Lebzeiten über die Hennes lustig gemacht. Die Mutter hatten sie als Despotin bezeichnet. Die jüngere Schwester hatte ihrer Ansicht nach Stroh im Kopf, die ältere war kaum klüger; daran hatte sich für die Sauers nach dem Tod nichts geändert. Was ihnen im Jenseits Rätsel aufgab, war die Mutter Henne. Sie wohnte nicht mehr mit ihren Töchtern zusammen. Und diese hatten noch kein Wort darüber verlauten lassen, warum das so war. Möglich, dass sie es selbst nicht wussten. Es gab noch etwas, das sich nach dem Tod geändert hatte. Zu Lebzeiten hätten Sauers und Hennes nie ein gemeinsames Projekt erwogen. Jetzt waren sie durch Herrn Tober und das gemeinsame Ziel, die Lebenden aus dem Viertel zu vertreiben, verbunden.
Da die Hennes auch nach ihrem Tod immer noch auf Männersuche waren, hatten sie die Einladung von Herrn Tober gierig angenommen, zumal Herr Tober groß, muskulös und blond war und die Hennes im Befehlston ansprach. Das imponierte beiden. „Ach, Herr Tober, Sie sind so gebieterisch“, begeisterte sich die eine. „Herr Tober, befehlen Sie, wir folgen Ihnen“, versprach die andere. Wie konnten sie auch nicht Herrn Tobers Anweisungen Folge leisten, wo er doch genau aussprach, was ihnen am Herzen lag. Das Viertel musste von den zugezogenen Fremdlingen gesäubert werden, sie waren minderwertig und drohten, die Volksdeutschen zu verdrängen, egal, ob diese nun lebten oder tot waren.

